Eva Geulen: FORMEN DES GANZEN. ZfL-Jahresthema 2018/19

Das neue Jahresthema des ZfL, FORMEN DES GANZEN, knüpft an das vorangegangene Jahresthema der DIVERSITÄT in den Bereichen der Natur, des Sozialen und der Kultur mit einer gewissen Zwangsläufigkeit an. Denn wer sich mit der Vielfalt beschäftigt, kann der Frage nach der Einheit der Vielfalt und damit nach dem Ganzen nicht ausweichen. So ist etwa das Schlagwort von der Biodiversität ein absolut inkludierender Begriff und damit Chiffre eines Ganzen. Allerdings wurden Ganzheitsvorstellungen im 20. Jahrhundert von Regimen in Anspruch genommen, die nicht zufällig ›totalitär‹ heißen. Auch deshalb stehen die heutigen Geisteswissenschaften dem Ganzen kritisch gegenüber. Jener Geist, der sie einmal als Wissenschaften binden und von den Naturwissenschaften unterscheiden sollte, gehört ja selbst zur Sippschaft unifizierender Begriffe, die ein Ganzes meinen oder behaupten.[1]

»Das Ganze ist das Unwahre.«[2] Der an Hegel anschließende und gegen ihn gerichtete Satz aus Adornos Minima Moralia dürfte die bündigste Formulierung des Affekts gegen das Ganze sein. Aber selbst er enträt nicht der Zweideutigkeit: Wer vom Ganzen spricht, hat die Wahrheit (des Konkreten und Besonderen) bereits verraten. Der Satz besagt freilich auch, dass die Unwahrheit selbst das Ganze sei. Adorno hat das andernorts den »universalen Verblendungszusammenhang«[3] genannt und damit ein Ganzes negativ rehabilitiert. Ganz abweisen kann man das Ganze offenbar nicht. Davon ist aber heute nur selten, verschämt oder verzagt die Rede.

Doch ›das Ganze‹ hat sich von selbst zurückgemeldet: im Diskurs der Globalisierung und in globalen Phänomenen wie Klimawandel und Migration, in der Rückkehr der Religionen, des Volkes und der Nation, in Debatten um universelle Werte und Rechte, in der Favorisierung ›ganzheitlicher‹ Ansätze in Medizin und Psychologie. In der Theoriebildung haben verabschiedet geglaubte Großbegriffe wie Kapitalismus, Klasse, aber auch Ontologie Konjunktur, und als Big Data steht das Ganze virtuell und digital zur Verfügung. Es gibt also dringlichen Anlass, dem Ganzen gerade jetzt nachzuforschen.

Das Ganze (vordem auch die Gänze) ist im Deutschen die Substantivierung des Adjektivs ganz, das im Alt- und Mittelhochdeutschen ›heil‹, ›unversehrt‹ und ›vollständig‹ bedeutete. Schon die stark divergierenden Äquivalente im Französischen und Englischen weisen ein Bedeutungsspektrum auf, das von integritas und perfectio bis zur soliditas reicht. Im Französischen ist das Ganze nicht nur le tout, sondern auch l’ensemble, ›die Gesamtheit‹. Das englische entirety würden wir wohl mit Vollständigkeit übersetzen und von einer darüber hinausgehenden Vollkommenheit unterscheiden. Diese kennt man als ein Attribut Gottes, das keine Liste je erschöpfen kann. Mit der neuzeitlichen Philosophie sind andere Begriffe an die Systemstelle Gottes getreten: die Substanz mit ihren Modi (Spinoza), die prästabilierte Harmonie (Leibniz), die Natur oder die Kunst in der idealistischen Philosophie (Fichte, Schelling), das Absolute und die Totalität (Hegel), die Lebenswelt (Husserl), das Sein (Heidegger), negative Dialektik (Adorno), System und Umwelt (Luhmann).

Das ›Ganze‹ hat also viele Namen: Einheit, Totalität, Absolutes, aber auch Leben, Geist, Prozess oder System. Es ist nicht nur in seinen Begriffen, Metaphern und deren Geschichte zu untersuchen, sondern auch hinsichtlich verschiedener Zugangsweisen und Beobachtungsmodi. Dazu gehören die Schau im griechischen Sinne von theoria oder in dem der mittelalterlichen Mystik, das Konzept der methexis, der Teilhabe in ihren vor- und nachplatonischen Formen, verschiedene Deutungen von Integration, die Übersetzung (translatio imperii und translatio studii), szientifischer oder technischer Determinismus, die Hervorbringung des ›ganzen Menschen‹ in modernen Bildungskonzepten, esoterischen Wissenschaften und politischen Bewegungen – hier wiederum oft mit totalitären Tendenzen, die ›den Menschen‹ in einem größeren Ganzen aufgehen lassen möchten.

Nachdem das antike Konzept des Kosmos zerfallen war, vervielfältigten sich die Ganzheitsbegriffe. Damit verlor der neuzeitliche Mensch zwar seinen privilegierten Rang in der Schöpfung, aber gerade die kopernikanische Wende versetzte ihn auch in die Lage, sich noch effektiver als zuvor die Erde und das All untertan zu machen. In dieser Ermächtigung, das Ganze zu unterwerfen, sah Hannah Arendt das Erbe der Neuzeit in der Moderne fortwirken: in einer »nun wirklich ganz und gar ›universal‹ und kosmisch gewordenen Wissenschaft, die die Prozesse des Weltalls in die Natur hineinleitet trotz des offenbaren Risikos, ihren Haushalt und damit das Menschengeschlecht selbst, das in diesen Haushalt gebannt ist, zu vernichten«.[4] Genau das zeigt sich in den totalitären Herrschaftsformen des 20. Jahrhunderts: Mit Totalitarismus hat man es Arendt zufolge immer dann zu tun, wenn politisches Handeln im Namen eines universalen Gesetzes der Natur oder der Geschichte auftritt.[5] Dieser Ideologie sah sie die neue Form des Staatsterrors verschwistert, die den Anspruch erhob, unmittelbar die Vollstreckung des Gesetzes der Natur oder der Geschichte zu sein. Heute scheint sich die technologische Entwicklung eigengesetzlich als digital disruption zu vollziehen.

Arendts Überlegung verdeutlicht, wie wichtig die Frage nach den Formen ist, in denen ein Ganzes sich artikuliert und zur Darstellung kommt. Solche FORMEN DES GANZEN stehen im Mittelpunkt unserer Beschäftigung mit dem Thema: politische, symbolische, epistemische und nicht zuletzt literarische Formen. So ist das antike Versepos von jeher und besonders aus moderner Blickrichtung als Ausdruck einer Ganzheit oder Totalität betrachtet worden, die der Moderne nicht mehr möglich sei.[6] Doch Epen – moderne wie antike – zeichnen sich durch Redundanzen, Digressionen und Sprünge aus, die sowohl Einheit wie Ganzheit vermissen lassen. Umgekehrt versuchen kleinere Formen wie das Beispiel und die Fallgeschichte ihre Partikularität auf die eine oder andere Weise zu überschreiten, und im Besonderen, Einzelnen oder Kleinsten ein Ganzes in den Blick zu rücken. Wie verhält sich das Ganze zu seinen Formen, und was stellen die Formen mit dem Ganzen an? Das wird, die aktuelle Situation fest im Blick, Gegenstand der Jahrestagung des ZfL sein. Mit »Epos und Episode« wird sich die diesjährige Sommerakademie des ZfL beschäftigen. Was die Formung und Formatierung des Ganzen in den Wissenschaften betrifft, so verfahren alte und junge Enzyklopädien zwar selektiv, beanspruchen aber doch Vollständigkeit oder suggerieren sie, etwa durch Lemmatisierung von A bis Z. Auch die zur Zeit in den Geisteswissenschaften omnipräsenten Handbücher versprechen Einsichten in ein Ganzes. Mit diesem und ähnlichen Formaten wird sich im ZfL eine Arbeitsgruppe im Forschungsschwerpunkt IV auseinandersetzen.

Nicht das Ganze des Ganzen[7] ist der Fluchtpunkt unserer historisch breiten und interdisziplinären Arbeit, sondern die Vielfalt seiner Formen. Auf sie bleibt das Ganze auch dort angewiesen, wo es sich, wie heute, als unabweisbar zurückmeldet und aufdrängt.

[1] Vgl. Friedrich A. Kittler: Einleitung, in: ders. (Hg.): Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des Poststrukturalismus, Paderborn u.a. 1980, S. 7–14.

[2] Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (= Gesammelte Schriften, Bd. 4, hg. v. Rolf Tiedemann), Frankfurt a.M. 1980, S. 55.

[3] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 6, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 1973, S. 7–412, hier S. 397.

[4] Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 62007, S. 342.

[5] Vgl. Hannah Arendt: Ideologie und Terror: eine neue Staatsform, in: dies.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, München 112006, S. 944–979.

[6] Vgl. Georg Lukács: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik, Neuwied/Berlin 31965, S. 23.

[7] Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Formel ›das Ganze‹ häufig für praktische Handbücher verwendet, vgl. etwa »Das Ganze der Landwirthschaft« von Ignaz von Halloy, Grätz 1804.

Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL.