Falko Schmieder: REINHART KOSELLECK UND DIE BEGRIFFSGESCHICHTE DES 20. JAHRHUNDERTS. Ein Tagungsbericht

Die Tagung »Reinhart Koselleck und die Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts« am Deutschen Literaturarchiv Marbach (14./15.6.2018) reiht sich ein in eine Kette von Veranstaltungen, die dem Werk Reinhart Kosellecks und den Perspektiven der begriffsgeschichtlichen Forschung speziell im Hinblick auf das 20. Jahrhundert gewidmet sind. Mit ihr feierte die Gesellschaft der American Friends of Marbach ihr zehntes Jubiläum. Wie der Gastgeber Ulrich Raulff (Marbach) bei der Eröffnung betonte, ist das Literaturarchiv Marbach ein besonderer Ort für die Begriffsgeschichte, da es die Nachlässe bedeutender Vertreter oder Stichwortgeber wie Hans Blumenberg, Hans-Georg Gadamer, Hans Robert Jauß, Joachim Ritter oder Dolf Sternberger aufbewahrt. Im Jahre 2008 wurden der schriftliche Nachlass sowie die Bibliothek von Reinhart Koselleck angekauft, kürzlich kam dann auch der Nachlass von Karlheinz Barck, dem Mitherausgeber des Wörterbuchs der Ästhetischen Grundbegriffe (und ehemaligen Kollegen am ZfL) hinzu. Das Literaturarchiv Marbach beherbergt damit eine Fülle von Materialien, die bislang noch kaum erschlossen sind und die für die leitende Fragestellung einer Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Forschungsquelle bilden.

Harry Liebersohn (Urbana-Champaign) und Paul Michael Lützeler (St. Louis) konstatierten in ihren eröffnenden Beiträgen, dass das von Koselleck mitherausgegebene Wörterbuch der Geschichtlichen Grundbegriffe [im Folgenden abgekürzt: GG] das 20. Jahrhundert oft nur in Ausblicken verhandele. Aufgrund der Veränderung der Begriffe, Kontexte und politischen Problemlagen im letzten Jahrhundert stelle sich aber grundsätzlich die Frage, wie eine Begriffsgeschichte heute im Anschluss an Koselleck, aber auch über Koselleck hinaus aussehen könnte. Dafür sei, so Liebersohn, eine Kontextualisierung der Arbeiten Kosellecks unerlässlich. Lützeler wies darauf hin, dass sich das Werk Kosellecks nicht in der Begriffsgeschichte erschöpfe. Er erinnerte an den Ansatz zu einer Theorie historischer Zeiten, den Koselleck kurz vor dem Mauerfall entwickelt habe, sowie an den öffentlichen Intellektuellen Koselleck und dessen Interesse an Fragen der politischen Ikonologie. Passend zu einer Jubiläumsveranstaltung wurde zudem Anekdotisches über Begegnungen mit Koselleck präsentiert, den viele Referenten noch persönlich gekannt haben und von dessen Intellektualität und Streitlust sie fasziniert waren.

Das erste Panel stand im Zeichen der theoretischen und praktischen Reflexion der Begriffsgeschichte. Ernst Müller (ZfL) eröffnete seine Überlegungen zu einer Geschichte von Grundbegriffen des 20. Jahrhunderts mit der Beobachtung, dass Koselleck die Untersuchung der Historizität der methodischen Leitbegriffe der GG abgelehnt habe; das betrifft auch die heuristischen Vorgriffe Demokratisierung, Politisierung, Ideologisierbarkeit und Verzeitlichung. Im ersten Teil seines Vortrages nahm Müller die Ausblicke der GG auf das 20. Jahrhundert in den Blick, die sich zumeist auf den Sprachgebrauch im Nationalsozialismus und/oder die Divergenzen der Begriffsentwicklungen in den beiden deutschen Staaten bezogen. Müller kam zu dem Befund, dass die meisten Artikel die gegen Ende der ›Sattelzeit‹ (um 1850) gebildete Semantik keineswegs bruchlos in die Gegenwart des 20. Jahrhunderts hineinführen, wie Koselleck angenommen hatte. Er wertete dies als Bestätigung der von Christian Geulen 2010 vorgebrachten These eines nochmaligen Strukturwandels der gesellschaftlich-politischen Sprache im 20. Jahrhundert, zu dessen Erforschung neue Leithypothesen und Methodiken entwickelt werden müssten.[1] Im zweiten Teil skizzierte Müller dann einen Ansatz für ein solches Projekt, das derzeit hier am ZfL konzipiert wird. Im Einklang mit Neuzeit- und Zeithistorikern betrachtet er dabei die Verwissenschaftlichung des Politischen bzw. Kulturellen als eine übergreifende Signatur des zu untersuchenden Jahrhunderts. Da die Verwissenschaftlichungsdiskurse begriffsförmig sind, sei die Begriffsgeschichte tatsächlich die Methode der Wahl zur Erforschung der historischen Semantik. Fraglich sei allerdings, ob sie dann noch, wie es bei Koselleck geschieht, zentral auf dem Erfahrungsbegriff fundiert werden sollte. Für die Erschließung des 20. Jahrhunderts schlägt Müller vor, nicht nur von mehreren Umbrüchen der Semantik auszugehen, sondern ihre jeweilige Eigenart durch unterschiedliche Begriffstypen verschiedener historischer Reichweite und Tiefenstaffelung zu erfassen. Das Spektrum reicht hier von klassischen historischen Grundbegriffen mit längerer Vorgeschichte über Begriffe mittlerer Reichweite bis hin zu Kunstwörtern der Wissenschaftssprache, die in kurzer Zeit eine allgemeine gesellschaftspolitische Relevanz erlangt haben (wie etwa ›Code‹).

Carsten Dutt (Notre Dame) strich in seinem Beitrag die große Bedeutung der Pragmatik für Kosellecks begriffsgeschichtlichen Ansatz heraus. Geschichtliche Grundbegriffe sind für Dutt theoriehaltige Elemente umfassenderer Sinnzusammenhänge, die nicht isoliert, sondern in ihren weiteren diskursiven und außerdiskursiven Kontexten zu analysieren sind. Die Begriffsgeschichte führe so zwangsläufig in die Diskursanalyse, und die historische Semantik in die historische Pragmatik. Eine Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts müsse diesen pragmatischen Dimensionen verstärkt Beachtung schenken. Dazu gehören nach Dutt unter anderem die Analyse verschiedener Begriffstypen, Begriffsfunktionen und Begriffsleistungen sowie der Adressierungsformen und Explikationsgrade von Begriffen. Im zweiten Teil widmete sich Dutt dann den von Christian Geulen vorgeschlagenen neuen historischen Leitkategorien (Popularisierung, Verflüssigung, Verräumlichung und Verwissenschaftlichung) und verdeutlichte den pragmatischen Ansatz anhand der Kategorie der Verwissenschaftlichung. Diese sei nicht zu hypostasieren, sondern könne selber noch nach verschiedenen Formen und Funktionen differenziert und historisch ausgelegt werden. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beobachtet Dutt das Entstehen eines Modus der Objektivierung von Begriffen, mit dem die klassischen Prozesse der Verwissenschaftlichung gleichsam reflexiv werden. Eine historische Grenze Kosellecks sieht Dutt in der unzureichenden Beachtung von Begriffsfunktionen, die sich aus Systemen ergeben.

Das zweite Panel war spezieller auf das Werk von Koselleck bezogen. Jeffrey Barash (Paris) verglich verschiedene Modelle temporaler Einheit von Geschichte und Konzeptionen des kollektiven Gedächtnisses miteinander, dessen jüngere Konjunktur er auf historische Diskontinuitätserfahrungen zurückführt. Er betonte in der Auseinandersetzung mit Maurice Halbwachs und Koselleck vor allem die Bedeutung der modernen Massenmedien und formulierte das Desiderat einer angemessenen Symboltheorie. Der Koselleck-Schüler Lucian Hölscher (Bochum) lieferte eine detaillierte Interpretation eines im Januar 1953 verfassten Briefes von Koselleck an Carl Schmitt und führte damit an einem praktischen Beispiel vor, wie die von ihm geforderte Historisierung und Kontextualisierung von Kosellecks Werk aussehen kann. Hölscher sieht in Koselleck einen wichtigen Referenzautor der neueren historischen Zeitforschung, die sich aber in mancher Hinsicht von Koselleck abgesetzt habe, etwa in Bezug auf das Theorem der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Koselleck selber habe zwar eine Theorie historischer Zeiten skizziert, sich aber einer systematischeren Untersuchung entzogen – in privaten Gesprächen zuweilen mit Hinweisen der Art, dass die Auseinandersetzung mit Reiterdenkmälern interessanter sei. In Gegenstellung zu dem verbreiteten Bedürfnis, den Ansatz der GG nun über Koselleck hinaus auch auf das 20. Jahrhundert zu beziehen, plädierte Stefan-Ludwig Hoffmann (Berkeley) für eine Perspektivenumkehr und vertrat die These, dass Kosellecks Begriffsgeschichte eine Reaktion auf die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts war. Zugespitzt könne Kosellecks gesamte Theorieproduktion als eine Form von Zeitgeschichte angesehen werden, was sich auch in den Ausblicken seiner GG-Artikel zeige. Anregend sei Koselleck auch in seinem Bestreben, durch seine begriffsgeschichtlichen Studien eingeschliffene Periodisierungen zu unterlaufen. Das 20. Jahrhundert zum Beispiel sei mit Koselleck weder formal-chronologisch nach Jahrhundertschritten noch auch als Zeitalter der Extreme zu fassen, das den Zeitraum von 1914 bis 1989 umspannt, sondern eher als die Epoche zwischen 1860 und 1970. Die Bedeutung der eigenen Kriegserfahrungen als Epizentrum von Kosellecks Arbeiten werde schließlich auch an dessen Interesse deutlich, im Übergang von der Begriffsgeschichte zur Ikonologie die Grenzen des Sagbaren auszuloten.

Zum Abschluss des ersten Konferenztages hatten die Veranstalter ein besonderes Highlight zu bieten. Die Familie Koselleck hatte nämlich im Haus noch eine alte Zigarrenkiste entdeckt, deren Inhalt von Ulrich Raulff und Jan Eike Dunkhase (Marbach) im Rahmen der am Literaturarchiv gut etablierten Veranstaltungsreihe mit dem Titel »Zeitkapsel« an diesem Abend zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Das Material entstammt den Vorarbeiten zum Dissertationsprojekt Kritik und Krise und umfasst 150 Zettel mit Ausführungen zu 66 Lemmata. Es dokumentiere Kosellecks Schwerpunktverlagerung von Martin Heidegger zu Carl Schmitt; das angewendete Verfahren charakterisierte Raulff als ein geschichtsbegriffliches – im Unterschied zum späteren begriffsgeschichtlichen.

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Der zweite Veranstaltungstag begann mit der Präsentation von drei amerikanischen Dissertationsprojekten. Disha Karnad Jani (Princeton) ging im Paradigma der Globalgeschichte einer intellektuellen Geschichte des Anti-Imperialismus nach; Jonathon Catlin (Princeton) widmete sich unter dem Stichwort ›politics of catastrophe‹ einem Vergleich der Ansätze von Koselleck und Theodor W. Adorno; Zachary Riebeling (Urbana-Champaign) präsentierte Überlegungen zur Nachkriegsgeschichtswissenschaft anhand eines Vergleichs der Arbeiten von Karl Löwith, Reinhart Koselleck und Eric Voegelin. Alle drei Projekte sind Ausdruck der Internationalisierung der Begriffsgeschichte, die längst keine ›German Begriffsgeschichte‹ mehr ist. Dabei wenden sich die amerikanischen Arbeiten Themen zu, die man längst in Deutschland erwartet hätte, die aber erstaunlicherweise hierzulande bislang nicht angegangen worden sind. Die Arbeiten zeigen auch, dass die Verbindung der Begriffsgeschichte mit anderen Ansätzen wie den postcolonial studies oder der global history zugleich Rückwirkungen auf das Methodenverständnis und die Praxis der Begriffsgeschichte hat.

Das letzte Panel zur Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts eröffnete Petra Gehring (Darmstadt) mit einer Methodenkritik, die Kosellecks Ansatz in eine kritische Distanz rücken sollte. Ihren Ausgangspunkt bildete Hans Blumenbergs Rückgriff auf das Motiv der Dunkelkammer zur Veranschaulichung der Genese von Begriffen bzw. der Arbeit des Begriffshistorikers. Gehring betonte die Relevanz dieses Motivs für die Methodologie: Das Modell verweise auf den prozessualen Charakter der Begriffsentstehung und die Verdichtungsleistungen von Begriffen; darüber hinaus konzipiere das Bild die Entwicklung von Begriffen unter Absehung von außertextlichen Realitäten. Gehring nahm das Bild dann auch in den Dienst ihrer Kritik an Kosellecks programmatischer Verklammerung von Begriffs- und Sachgeschichte, die sie nicht nur für praktisch unzulänglich eingelöst, sondern bereits ihrem methodischen Anspruch nach für prinzipiell fragwürdig hält. Foucaults Diskursanalyse scheint ihr alternativ dazu in der Lage zu sein, den Fallstricken des Begriffsrealismus methodisch reflektiert zu entgehen.

Joshua Derman (Hongkong) widmete sich der Entwicklung des Begriffs ›Großraum‹ mit Blick auf die Zeit von 1930 bis 1950. Sein wichtigster Referenzautor ist Ferdinand Fried, der zum Tat-Kreis um Hans Zehrer gehörte und im Nationalsozialismus mit Beiträgen zur Außenhandelspolitik und zum völkischen Antisemitismus hervortrat. Nach dem Krieg wurde er von den Alliierten als Mitläufer eingestuft, so dass er seine Karriere weitgehend bruchlos fortsetzen konnte. Wie Derman ausführte, war der Begriff des Großraums über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg von zentraler Bedeutung für Fried, der ihn in seinen Schriften jeweils mit den veränderten gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen zu vermitteln suchte. Anson Rabinbach (Princeton) knüpfte in seinem Vortrag an seine viel diskutierten Studien zu Begriffen aus dem Kalten Krieg an und konzentrierte sich hierbei vor allem auf das zentrale Problem politischer Theoretiker wie Hannah Arendt oder Juristen wie Raphael Lemkin, eine Sprache für die als präzedenzlos angesehenen Herrschaftsformen und Gewaltpraktiken der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts zu finden. Aufschlussreich ist, dass die einschlägigen Stichworte ›Totalitarismus‹ und ›Genozid‹ in den GG jeweils nur ein einziges Mal auftauchen. Rabinbach thematisierte damit ein Begriffsfeld und eine historische Diskontinuitätserfahrung, die in die Überlegungen zur Spezifik einer Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts einbezogen werden müssen.

In den Diskussionen gehörten dann die zeitliche Eingrenzung des 20. Jahrhunderts und die Frage nach einer ›zweiten Sattelzeit‹ zu den Schwerpunktthemen. Viele Diskutanten sahen die Zeit um 1970 als eine Umbruchzeit an, die sich unter Stichworten wie Neoliberalismus, Ökologie, Poststrukturalismus oder Post-68er konkretisieren ließe. Darüber hinaus wurde diskutiert, ob wir uns heute noch in dieser Zeit oder in einer Ablösungs- und Übergangsphase befinden, deren Eigenart sich aber noch nicht zureichend bestimmen lasse. Weitgehende Einigkeit bestand darin, dass es zu kurz greift, dem Ansatz der GG eine Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts aufzusatteln, da die GG durch die Erfahrungen dieses Jahrhunderts geprägt sind und auf dessen Problemstellungen reagierten. Genauer zu klären bleibt allerdings, in welchen Formen das 20. Jahrhundert bei Koselleck präsent ist, denn oft sind die Bezüge nur im Modus historischer Rückprojektionen (wie im Falle der Dissertationsschrift Kritik und Krise), in eklatanten Einseitigkeiten (wie in Kosellecks Genealogie der Begriffsgeschichte) oder signifikanten Aussparungen (wie etwa in Bezug auf das Werk Adornos) präsent. Weitere Diskussionsthemen waren Fragen nach der Korpusbildung und den Kriterien für die Auswahl von Grundbegriffen des 20. Jahrhunderts. In jedem Fall hat die Tagung sichtbar gemacht, dass sich die Begriffsgeschichte selber in einer Schwellen- und Umbruchzeit befindet. Die Fülle neuer Archivmaterialien und das politisch dringende Bedürfnis nach historischer Durchdringung und Selbstaufklärung der Gegenwart erzeugen eine produktive Unruhe, die das von Ernst Müller angekündigte Lexikon zu Grundbegriffen des 20. Jahrhunderts hoffentlich beflügeln wird.

[1] Vgl. Christian Geulen, Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 7 (2010), H. 1, S. 79-97.

 

Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder arbeitet im ZfL-Forschungsprojekt Theorie und Konzept einer interdisziplinären Begriffsgeschichte.