Claude Haas: FRÖHLICHE WISSENSCHAFT – TRAURIGE THEORIE? Lose Bemerkungen zu einem spannungsreichen Verhältnis

Ohne Theorie? Poetik und Hermeneutik

Im Rückblick auf seine langjährige Teilnahme an den Kolloquien von Poetik und Hermeneutik, der institutionell wie theoretisch in Deutschland sicher erfolgreichsten geisteswissenschaftlichsten Gruppierung nach 1945, kam der bekannte Romanist Karlheinz Stierle jüngst auf die gemeinsamen Wurzeln der ehemaligen Mitglieder zu sprechen. Gegenteiligen Bekundungen zum Trotz dürften solche nicht etwa in einer eigenständigen »Theorie«, sie müssten vielmehr in einem bestimmten Gebrauch des Deutschen als Wissenschaftssprache gesucht werden: „Claude Haas: FRÖHLICHE WISSENSCHAFT – TRAURIGE THEORIE? Lose Bemerkungen zu einem spannungsreichen Verhältnis“ weiterlesen

Eva Axer: #KleineFormen. Ein Sammelband eröffnet neue medien- und wissensgeschichtliche Perspektiven

Als Blogeintrag darf man diesen Text zu den sogenannten kleinen Formen zählen, die Wert auf Kürze und Prägnanz legen. Allerdings beklagte bereits Alfred Polgar, der den Begriff der kleinen Form in den 1920er Jahren prägte, das folgenreiche Missverständnis, dass ein Text, der sich in fünf Minuten lesen lässt, eine geeignete Lektüre sei, wenn man nur fünf Minuten Zeit hat (in der Straßenbahn etwa oder in der Mittagspause). Kleine Formen seien, so Polgar, keineswegs literarische ›Leichtgewichte‹, sondern zeitgemäße Literatur für ein hektisches Zeitalter. Dass literarische Verfahren der Verkürzung gerade auch gegenteilige Effekte für die Rezeption haben können, die dann sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als die bloße Lektüre, war ihm natürlich bewusst. „Eva Axer: #KleineFormen. Ein Sammelband eröffnet neue medien- und wissensgeschichtliche Perspektiven“ weiterlesen

Daniel Weidner: »DIE UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN« – Geschichte einer Abwehr?

Liest man heute, fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, Alexander und Margarete Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern, so kann man überrascht werden. Das Buch ist ein Klassiker und sein Titel zum Schlagwort geworden: für die Verzögerung der Vergangenheitsbewältigung, für die Verspätung, mit der sich die Deutschen mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, für den Unwillen, deren Opfer anzuerkennen. Im Buch liest sich das allerdings etwas anders, denn dass die Deutschen nicht getrauert hätten, bezieht sich nicht primär – wie wir wohl erwarten würden – auf die Opfer: „Daniel Weidner: »DIE UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN« – Geschichte einer Abwehr?“ weiterlesen

Daniel Weidner: DIE WELT IST NICHT GENUG. Ottmar Ette über die »Literaturen der Welt«

›Weltliteratur‹ ist heute in aller Munde. Längst bezeichnet der Ausdruck nicht mehr einfach eine Menge von Texten, sondern steht für einen Diskurs über das Selbstverständnis der Literaturwissenschaft jenseits der Nationalphilologien. Vor allem im angloamerikanischen Raum wird world literature heiß diskutiert, und inzwischen nimmt die Diskussion auch in Deutschland Fahrt auf: Das nächste DFG-Symposium der Literaturwissenschaft, Flaggschiff der Disziplin, wird den Titel »Vergleichende Weltliteraturen« tragen. Verhandelt werden dabei wohl kaum die Literaturen verschiedener Welten – Romane der Marsianer … –, auch wird hoffentlich nicht einfach das Thema über den komparatistischen Leisten gezogen, sondern es werden verschiedene Konzepte und Diskurse der Weltliteratur verglichen werden. Ein solches Konzept entwirft auch Ottmar Ettes jüngster Band WeltFraktale. Wege durch die Literaturen der Welt (Stuttgart: Metzler, 2017). „Daniel Weidner: DIE WELT IST NICHT GENUG. Ottmar Ette über die »Literaturen der Welt«“ weiterlesen

Moritz Neuffer: »GEGEN DIESES 68«. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik

1967 veröffentlicht die im New Yorker Chelsea Hotel lebende Schriftstellerin Valerie Solanas die ersten Mimeographien ihres Manifests zur Gründung der Society for Cutting Up Men. Darin ruft Solanas dazu auf, »die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten«.[1] Ihre radikale Kritik patriarchaler Verhältnisse verbindet sie mit Ankündigungen von Arbeitssabotage (»SCUM wird die verschiedensten Jobs annehmen und nicht arbeiten«) bis Mord (»SCUM wird alle Männer töten, die nicht Mitglieder der Männerhilfstruppe sind«).[2] Gefragt, wie ernst sie das meine, antwortet Solanas einem Journalisten, sie sei »dead serious«.[3]

Der literaturwissenschaftlichen Diskussion gibt diese Antwort die Erörterung der Gattungsfrage auf: „Moritz Neuffer: »GEGEN DIESES 68«. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik“ weiterlesen

Falko Schmieder: VON ENGELN UND TOREN. Zu Gloria Gaynors »I will survive«

Es war nicht das erste Mal, dass der Begriff des Überlebens in die Welt des Entertainments eingeführt wurde, aber Gloria Gaynors Disco-Hit I Will Survive aus dem Jahr 1978 markiert doch eine Zä­sur. Wie Titel, Leitmotiv und Formsprache des Songs verweist auch das Vokabular, in dem sein durchschlagender Erfolg be­schrieben worden ist, auf die Aktualität eines unheimlich ge­wordenen Erbes. Der Beginn der modernen Geschichte, die den Konnex von Fun und Survival stiften hilft, lässt sich datieren auf Darwins Ersetzung der Bezeichnung »natural selection« durch den Ausdruck »survival of the fittest«, der ihm »besser und zuweilen ebenso bequem« wie jener erschien. Dies wird für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein, dass die Verwendung des Ausdrucks »survival« als »bequem« angesehen wurde. Mit seiner Übertragung auf das Feld der Kultur und des Sozialen wurde er zu einem biopolitischen Kampfbegriff, der im Namen der Vollstreckung natürlicher Gesetze Praxen der Ausgrenzung oder Ausrottung von Menschen legitimieren half. „Falko Schmieder: VON ENGELN UND TOREN. Zu Gloria Gaynors »I will survive«“ weiterlesen

Ernst Müller: WIEDERGELESEN: Werner Mittenzweis Brecht-Biographie

Die zweibändige Brecht-Biographie »Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln« des DDR-Germanisten Werner Mittenzwei (1927–2014) gilt bis heute als Standardwerk. Seit ihrem Erscheinen 1986 im Aufbau-Verlag und ein Jahr später im westlichen Suhrkamp Verlag erlebte sie mehrere Auflagen. In der zeitgenössischen bundesrepublikanischen Kritik fand sie ein eher verhaltenes Echo. Das hatte politische und wissenschaftsgeschichtliche Gründe. „Ernst Müller: WIEDERGELESEN: Werner Mittenzweis Brecht-Biographie“ weiterlesen

Mona Körte: RAOUL SCHROTTS »ERSTE ERDE. EPOS«. Die Geburt des Universums in einer untoten Gattung

Wer im 21. Jahrhundert von ›Epos‹ spricht, meint selten die Gattung im Sinne eines ausgreifenden Erzählentwurfs in Versform, als vielmehr das, was von ihr übrigblieb: die ›epische Breite‹. Allerdings ist das einst gattungskonstitutive und heute meist alltagssprachlich gebrauchte Kriterium der epischen Breite längst gegen die erzählende Großform im Einsatz: Allzu ausladend und weitschweifig, stünden Anliegen und Thema – so der Vorwurf – in einem Missverhältnis zu Ausführung und Umfang.
Ein solches Missverhältnis kann für Raoul Schrotts Erste Erde. Epos sicher nicht gelten, erzählt der Autor hier doch auf 846 Seiten und in sieben Büchern plus Anhang von nichts Geringerem als der Genesis des Universums auf der Grundlage moderner Naturerkenntnis, Astrophysik und Kosmologie. „Mona Körte: RAOUL SCHROTTS »ERSTE ERDE. EPOS«. Die Geburt des Universums in einer untoten Gattung“ weiterlesen

Christina Pareigis: DER ABWESENDE GOTT. Abraham Sutzkever/Avrom Brudno: »unter dayne vayse shtern«

Als der jiddische Dichter Abraham Sutzkever 1943 im Ghetto von Wilna sein Gedicht »unter dayne vayse shtern« (»Unter deinen weißen Sternen«) schrieb, hatte er bereits die Ermordung der Hälfte aller jüdischen Einwohner der litauischen Hauptstadt, darunter seine Mutter und sein neugeborenes Kind, erlebt. Er selbst überlebte die Vernichtung zunächst in der durch die Deutschen besetzten Stadt bis dahin auch »Yerushalyim de Lite« genannt , dann im Ghetto und später als Partisan in den Naroczer Wäldern, von wo aus er noch während des Krieges nach Moskau gelangte. Nachdem er bei den Nürnberger Prozessen als Zeuge ausgesagt hatte, emigrierte er schließlich 1947 über Polen und Frankreich nach Erez Israel, wo er bis zu seinem Tod 2010 lebte und schrieb. So wendungsreich sein Lebensweg war, so vielschichtig sind seine lyrischen Texte. Immer neu kreisen sie um das Gedenken an die Ermordeten und versuchen, dem drohenden Abbruch jüdischer Gedächtnisgenealogie zu begegnen. „Christina Pareigis: DER ABWESENDE GOTT. Abraham Sutzkever/Avrom Brudno: »unter dayne vayse shtern«“ weiterlesen

Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK

Vor kurzem noch hatte an dieser Stelle der Ratschlag gestanden, wir Geisteswissenschaftler sollten uns, anstatt uns gegenüber dem Vorwurf, wir seien streitmüde geworden, in Harnisch zu werfen, lieber »weniger um uns selbst und mehr um Gegenstände kümmern.« Während im Doktorandenzimmer des ZfL noch darüber gegrübelt wurde, ob man sich besser mehr oder besser weniger streiten solle, worüber man streiten müsse oder nicht dürfe, warum man das Streiten verlernt oder nie erlernt habe, wie man sich in den Streit einbringen oder sich aus ihm heraushalten könne und weshalb es für unsere Generation (die der gegenwärtig Studierenden) schwieriger oder auch einfacher sei mit dem Streiten als für die vorangegangenen – während dieser Überlegungen also wurde der gute Ratschlag von ganz anderer Seite vom Tisch der Germanistik gefegt. Jetzt wird gestritten, und es wird sich dabei wenig um die Gegenstände des Fachs, dafür umso mehr um das Fach selbst gekümmert. Erisapfel ist die »Relevanz«. „Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK“ weiterlesen