Claude Haas: VERSTÖRUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jauß

Hauptsturmführer und Ordensträger

Zu leugnen gibt es schon seit über zwanzig Jahren nichts mehr. Hans Robert Jauß, der vielleicht bedeutendste, ganz sicher aber der wirkmächtigste deutsche Romanist nach 1945 war ein hoch dekoriertes Mitglied der Waffen-SS. Im Auftrag der Universität Konstanz, zu deren Gründungsprofessoren Jauß 1966 gehörte, hat der Potsdamer Militärhistoriker Jens Westemeier vor einigen Monaten eine umfassend dokumentierte Studie über seine Nazikarriere, seine Gefangenschaft und seinen späteren Umgang mit der eigenen Vergangenheit nach 1945 vorgelegt (Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung, Konstanz University Press, 2016). Jauß’ SS-Biographie ist nun also geradezu amtlich. „Claude Haas: VERSTÖRUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jauß“ weiterlesen

Falko Schmieder: MEHR DISSONANZ WAGEN!

Eine Rezension zu Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Es kommt selten vor, dass eine soziologische Habilitationsschrift zum Bestseller wird. Hartmut Rosa ist das 2005 mit seinem Buch zur Beschleunigung gelungen. Getragen vom Erfolg hat der Autor nachgelegt. Mit dem schnell zum Label gewordenen Begriff der Beschleunigung im Titel erschienen zwei weitere Bücher, in denen er seine Kritik an der kapitalistischen Steigerungsmoderne vertieft und popularisiert hat. Rosa führt damit die kritische Theorie vom ätherischen Abweg der Verständigungstheorie wieder auf ihr ursprüngliches Kernprojekt der Auseinandersetzung mit den Grundstrukturen und Triebkräften der modernen Gesellschaft zurück. In zeitgemäßen Analysen erneuert er die gern verdrängte Einsicht, dass die entfesselte, einer blinden Wachstumslogik folgende Dynamik alles andere als zukunftsfähig ist.

Nach drei Monographien zu Pathologien des Kapitalismus macht sich Rosa nun in seinem neuen Buch daran, seiner Kritik ein normatives Fundament zu verschaffen. „Falko Schmieder: MEHR DISSONANZ WAGEN!“ weiterlesen

Ulrich Plass: REALISMUS FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT (II): Serielle Gewalt in Roberto Bolaños Roman 2666

„Die Tote erschien auf einer kleinen Brache in der Siedlung Las Flores. Sie trug ein weißes, langärmeliges Hemd und einen gelben, knielangen Rock höherer Konfektionsgröße.“[1]

So beginnt der „Teil von den Verbrechen“ in Roberto Bolaños Roman 2666. Hinter diesen zwei sachlich klingenden Sätzen verbirgt sich eine ambitionierte realistische Poetik. Durch den unbeirrbaren Blick auf eine Serie von horrenden Gewaltverbrechen soll die komplexe Struktur einer transnationalen, spätkapitalistischen Wirklichkeit ans Licht gebracht werden, die sich einer rein gegenständlichen Anschauung entzieht und bestenfalls in Metaphern von Kreisläufen, Transaktionen und Kapitalflüssen (136) vorstellbar ist. Die realistische Leistung des „Teils von den Verbrechen“ besteht nun darin, dass eine Schicht dieser sozio-ökonomischen Wirklichkeit, die in beinahe sofortige Vergessenheit zu fallen droht (688), den Leser_innen immer wieder aufs Neue interessant gemacht wird – und zwar allein durch ihre minimal variierte Wiederholung.
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Natalie Moser: REALISMUS FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT (I): Die Wiederkehr der Dorfgeschichte

Aktualität und Relevanz realistischer Schreibverfahren in der Gegenwartsliteratur anhand einer Dorfgeschichte zu veranschaulichen, klingt erst einmal nicht nach einer guten Idee. Gerade die Dorfgeschichten haben der realistischen Prosa des 19. Jahrhunderts den Ruf eingetragen, altbacken, naiv und kitschig zu sein. Schauplatz der Handlungen ist üblicherweise ein bäuerlich-dörfliches Milieu, das detailreich und mit Rückgriff auf Oppositionspaare wie gut vs. böse beschrieben wird. Als formprägend gelten die heute kaum noch bekannten Schwarzwälder Dorfgeschichten Berthold Auerbachs (1843 ff.). Aber die Literaturwissenschaft hat gerade dieses Thema jüngst neu für sich entdeckt.[1]
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