Stefan Willer: LEBENSHILFE VON DEN LASSIE SINGERS

Gegründet 1988, vier Studioalben zwischen 1991 und 1996, zwei Kompilationen und eine Abschiedstournee 1998: so die Eckdaten der Berliner Band Lassie Singers. Gegründet wurde sie von den Sängerinnen Almut Klotz und Christiane Rösinger, die sich zunächst Almut Schummel und C.C. Hügelsheim nannten. Hügelsheim ist der Name des badischen Geburtsortes von Christiane Rösinger. Auch die vor ein paar Jahren früh verstorbene Almut Klotz war Mitte der Achtzigerjahre aus Baden-Württemberg, aus dem tiefen Schwarzwald, nach Berlin gekommen. Die Lassie Singers sind also ein Beispiel für den schwäbisch-badischen Kulturtransfer ins alte West-Berlin und ins Wende-Berlin um 1990. „Stefan Willer: LEBENSHILFE VON DEN LASSIE SINGERS“ weiterlesen

Clara Fischer: DER KIEZKÖNIG VON BERLIN. Eine Figur zwischen Ostrock und Gangsta-Rap

In den 1970er Jahren erlebten viele DDR-Rockbands eine Blüte, die noch zehn Jahre zuvor undenkbar gewesen war. Hatte die Obrigkeit lange Zeit vergeblich versucht, die im Verborgenen gespielte Rockmusik zu verbieten, so gedachte man sie nun durch Anerkennung zu domestizieren. Die ersten Rockbands wurden in die Rundfunksender gelassen, die ersten Ostrock-LPs gepresst. Diese Zugeständnisse waren natürlich mit Auflagen verbunden. Eine davon: Gesungen werden durfte nur auf Deutsch! So etablierte sich in der DDR die erste deutschsprachige Rockmusik und zudem ein spezifischer ›liedhafter‹ Rock, denn die Musiker verstanden sich keineswegs als Sprachrohre des Regimes, sondern teilten in metaphernreichen, lyrischen Texten ihre Botschaften von Freiheit dem Publikum mit.

„Clara Fischer: DER KIEZKÖNIG VON BERLIN. Eine Figur zwischen Ostrock und Gangsta-Rap“ weiterlesen

Hanna Hamel: HOUELLEBECQS SCIENCE-FICTION. »Unterwerfung« und »Die zweite Invasion der Marsianer« der Strugatzkis

Am 6. Juni 2018 wurde die deutsche Fernsehverfilmung von Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung«[1] in der ARD gesendet. Auf die Erstausstrahlung folgte eine Gesprächsrunde zum Thema »Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?« An der Programmzusammenstellung wird das Missverständnis deutlich, das sich in der öffentlichen Diskussion von »Unterwerfung« etabliert hat. Dieses Missverständnis besteht darin, die »Islamdebatte« als Thema des Romans zu begreifen und deshalb dessen Szenario zum Gegenstand einer politischen Debatte zu machen. Dabei hat sich die Verfilmung zumindest bemüht, die Romanhandlung über Verfremdungseffekte als fiktionale Perspektivierung zu markieren. Der Film rahmt die Erzählung des Romans, indem er den Darsteller Edgar Selge als Hauptfigur einsetzt, der am Deutschen Schauspielhaus den Protagonisten der Romanhandlung spielt. Es handelt sich also um eine gerahmte Verfilmung der Hamburger Romandramatisierung. Damit wird dem Missverständnis aber nur auf doppelte Weise Vorschub geleistet. „Hanna Hamel: HOUELLEBECQS SCIENCE-FICTION. »Unterwerfung« und »Die zweite Invasion der Marsianer« der Strugatzkis“ weiterlesen

Eva Geulen: ÜBER RAOUL SCHROTTS »ERSTE ERDE. EPOS« (zum dritten Mal)

(1) Umgang mit Fülle

Erste Erde hat Vorläufer. Lukrezens vergleichsweise schmales Lehrgedicht De rerum natura nennt Schrott selbst (8).[1] Goethe, der sich für eine Übersetzung des Buches eingesetzt hatte,[2] wollte 1781 einen »Roman über das Weltall« schreiben. Erhalten haben sich aber nur zwei kurze Prosatexte über den Granit, der damals als ältestes Gestein galt. Herder brachte es mit seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–1791) auf stattliche vier Bände und hatte dabei über Erde und Weltall mindestens ebenso viel zu sagen wie über den Menschen. Alexander von Humboldt stellte seinen fünfbändigen Kosmos zwischen 1845 und 1862 fertig. Auch als die kleine Welt des Berliner Wedding in Arno Holz’ wuchernder Gedichtsammlung Phantasus (ab 1898) zum Universum wurde, wuchs eine große Form heran (in der Nachlassausgabe von 1961/62 ca. 1.600 Seiten). Der Wahnsinn dicker Bücher hat eine lange Geschichte und meistens auch Methode. „Eva Geulen: ÜBER RAOUL SCHROTTS »ERSTE ERDE. EPOS« (zum dritten Mal)“ weiterlesen

Hannes Bajohr: Ein Anfang mit der Sprache. HANS BLUMENBERGS ERSTE PHILOSOPHISCHE VERÖFFENTLICHUNG

Wollte man sagen, mit welchem Text Hans Blumenbergs Laufbahn als Philosoph begann, wäre der ›erste‹ unter ihnen nicht leicht zu bestimmen: Ist es Blumenbergs enthusiastische Rezension von Hannah Arendts Sechs Essays von 1948[1] oder doch eher der Aufsatz »Atommoral« von 1946 über die Hiroshima-Bombe?[2] Dieser blieb allerdings, von den Frankfurter Heften abgelehnt, ebenso unveröffentlicht wie der Essay »Über Dostojewskis Novelle Die Sanfte« von 1945, den die Wandlung nicht druckte.[3] Und freilich wäre für den jungen Blumenberg, der hier an die Öffentlichkeit drängt, auch vor 1945 ein Anfang zu vermuten: Wenn man einen kürzlich veröffentlichten Jugendaufsatz hinzunimmt, verschiebt er sich gar ins Jahr 1938, als der achtzehnjährige Oberprimaner einen länglichen Text über Hans Carossa verfasste.[4]

Doch es gibt einen besseren Kandidaten für den Anfang. An ein philosophisches Fachpublikum richtete sich Blumenberg zuerst mit »Die sprachliche Wirklichkeit der Philosophie«, geschrieben 1946 und veröffentlicht im Jahr darauf in der Hamburger Akademischen Rundschau. Die HAR gehörte zu jenen Publikationen der unmittelbaren Nachkriegszeit, die neben der intellektuellen Selbstverständigung auch als Organ demokratischer Reeducation dienen sollten. Gegründet von Karl Ludwig Schneider, Germanist und ehemals Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose, wurden viele ihrer Redakteure – Walter Jens, Ralf Dahrendorf oder Walter Boehlich – später zu bundesrepublikanischen Größen. Die leichte Linksneigung mag, anders als bei ähnlichen Gründungen, statt eines Pathos des Neuanfangs gedämpftere Töne begünstigt haben: Man werde »keine geistige Erneuerung aus dem Boden stampfen«, heißt es im Editorial.[5] „Hannes Bajohr: Ein Anfang mit der Sprache. HANS BLUMENBERGS ERSTE PHILOSOPHISCHE VERÖFFENTLICHUNG“ weiterlesen

Stefan Willer: DIE KUNST DES NACHWORTS. (Ein Nachtrag zu »Schalamow. Lektüren«)

Das kürzlich erschienene Büchlein Schalamow. Lektüren versammelt die Vorträge eines Kolloquiums zum Werk des russischen Schriftstellers Warlam Schalamow (1907–1982), das im Mai 2016 am ZfL stattfand. Unmittelbarer Anlass war damals der 65. Geburtstag von Franziska Thun-Hohenstein. Sie hat selbst zahlreiche Lektüren seiner Texte vorgelegt – nicht zuletzt in Gestalt der Nachworte in den mittlerweile sieben Bänden der Schalamow-Werkausgabe, deren Herausgeberin sie ist. Auch wenn der zweite Band kein Nachwort enthält und das Nachwort zum dritten von Michail Ryklin stammt, sind es doch Thun-Hohensteins Nachworte, die die Werke in Einzelbänden in besonderer Weise prägen. „Stefan Willer: DIE KUNST DES NACHWORTS. (Ein Nachtrag zu »Schalamow. Lektüren«)“ weiterlesen

Georg Toepfer: VERZAUBERUNG DER WELT DURCH NACHDICHTUNG DER NATURWISSENSCHAFT? Zu Raoul Schrotts »Erste Erde. Epos«

»There is grandeur in this view of life«, so beginnt der letzte Satz von Charles Darwins On the Origin of Species. In der ersten Auflage verzichtete Darwin noch auf einen Bezug zu Gott. Ab der zweiten Auflage von 1860 fügte er ihn dann allerdings doch ein (»several powers, having been originally breathed by the Creator into a few forms or into one«).[1] Großartig und erhaben ist die Ansicht aber doch vielleicht gerade ohne Gott. Darauf jedenfalls scheint Raoul Schrotts Erste Erde Epos hinauszulaufen. Es ist eine von den Naturwissenschaften beeindruckte Erzählung, die diese nicht als nüchtern und seelenlos inszeniert, sondern die Bedeutsamkeit naturwissenschaftlichen Wissens für uns feiert, indem sie neue Formen und sprachliche Bilder für dieses Wissens sucht. Das Ergebnis ist eine eigene dichterische Verzauberung der Welt durch naturwissenschaftliches Wissen und zugleich eine Verzauberung der Naturwissenschaften. Reenchanting Science, Wiederverzauberung der Naturwissenschaft – auf diese Formel ließe sich das Programm Schrotts bringen. „Georg Toepfer: VERZAUBERUNG DER WELT DURCH NACHDICHTUNG DER NATURWISSENSCHAFT? Zu Raoul Schrotts »Erste Erde. Epos«“ weiterlesen

Claude Haas: ZUR AKTUALITÄT DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES (II): »Denn es ist alles nicht lang her«? Daniel Kehlmanns Roman »Tyll«

»Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen.« Mit diesem lakonischen Satz eröffnet Daniel Kehlmann seinen Roman »Tyll« (Berlin: Rowohlt 2017, 477 S.). Till Eulenspiegel, den berühmtesten Narren der deutschen Kulturgeschichte, nennt Kehlmann zwar altertümelnd Tyll Ulenspiegel, doch er verleiht ihm zugleich einen fast schon futuristischen Anstrich, wenn er ihn als Hauptfigur seines Buches vom 14. in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts vorverlegt. Mit dem Krieg im ersten Satz ist der Dreißigjährige Krieg gemeint. So stellt Eulenspiegel für Tyll denn auch lediglich eine unter anderen närrischen Vorlagen dar, eine weitere hat man teuflisch rasch in Grimmelshausens Simplicissimus ausgemacht. Denn Kehlmann nutzt dessen Kunstgriff, die Tradition des Schelmenromans anzuzapfen, um die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs in gespielter Naivität und weitgehend ›von unten‹ in den Blick nehmen zu können. „Claude Haas: ZUR AKTUALITÄT DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES (II): »Denn es ist alles nicht lang her«? Daniel Kehlmanns Roman »Tyll«“ weiterlesen

Claude Haas: ZUR AKTUALITÄT DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES (I): Übungsplatz für strategisches Denken – Herfried Münklers Studie »Der Dreißigjährige Krieg«

Die Zucht der Wissenschaft und die Kriegsbeuten der Literatur

Anders als die Wissenschaft darf die Literatur mit historischen Stoffen einen denkbar freien Umgang pflegen. Schließlich steht sie beinahe schon in der Pflicht, diese immer auch zu aktualisieren. Wo etwa der Historiker sich einer (und sei es fantasmatischen) Objektivität verschreibt, er seine Gegenstände um ihrer selbst willen ordnet, verknüpft und sie behutsam auf Möglichkeiten einer kohärenten Entwicklung hin abklopft, darf der Schriftsteller den Laden der Geschichte hemmungslos plündern. Grundsätzlich stellt er die Vergangenheit in den Dienst der Darstellung zeitgenössischer Konstellationen oder Konflikte. Dies gilt in herausragender Art für literarische Anverwandlungen des Dreißigjährigen Kriegs (1618–1648). „Claude Haas: ZUR AKTUALITÄT DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES (I): Übungsplatz für strategisches Denken – Herfried Münklers Studie »Der Dreißigjährige Krieg«“ weiterlesen

Angus Nicholls: WHAT IS ‘PROGRESS’ IN THE HUMANITIES? (As Seen from the Perspective of Literary Studies)

If one thing can be learned from the recent boom in the apparently ‘new’ field of the ‘history of the humanities’, it is that, especially in the humanities, the history of an academic discipline is never mere history, because the research questions that inaugurate a discipline continue to subsist at its foundations. Knowledge in the humanities, it seems, develops differently. In many fields, ‘progress’ is far less linear than in the natural sciences; indeed, research programmes may shuttle back and forth between different epochs, with interpretations of the past continually shedding new light upon the present. „Angus Nicholls: WHAT IS ‘PROGRESS’ IN THE HUMANITIES? (As Seen from the Perspective of Literary Studies)“ weiterlesen