Eva Geulen: »JEDER BEKOMMT SEINE KINDHEIT ÜBER DEN KOPF GESTÜLPT …«

Die Redaktion von »leibniz« hat für die Ausgabe ihres Magazins zum Thema »Anfänge« (Heft 3, 2020) dreizehn Menschen aus der Leibniz-Gemeinschaft gebeten, ihre liebsten ersten Sätze kurz zu kommentieren. Eva Geulen, Direktorin des ZfL, hat hierfür einen Satz aus Heimito von Doderers Roman »Ein Mord den jeder begeht« ausgewählt. Wir veröffentlichen auf unserem Blog die Langfassung ihres Textes.

Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.

Heimito von Doderer: Ein Mord den jeder begeht (1938)

Dieser Romananfang klingt erst einmal trostlos: Die eigene Kindheit ist fremdbestimmt, und man wird sie nicht los. Unter dem Eimer steht man wie ein dauerhaft begossener Pudel. Immerhin schafft der Umstand, dass »jeder« so dasteht, eine gewisse Gemeinschaft, denn »an uns« rinnt es herunter. Unwillkürlich fällt einem jener andere berühmte Eingangssatz von Tolstoijs Anna Karenina ein: »Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich«. Nur, dass von Glück und Unglück bei Doderer gar nicht die Rede ist, weil sich erst später zeigt, was eigentlich im Eimer war. Gefallen hat mir immer die Verbuchstäblichung des Unent-rinn-baren im Bild der an uns herabrinnenden Flüssigkeit. Es passt eigentlich nicht zu den alten Vorstellungen vom starren Schicksal und auch nicht zu den jüngeren von determinierenden Faktoren.

Und wie passt es zu dem Titel des Romans, der so beginnt? In dem Mord, den jeder begeht, kann man auch ohne psychoanalytische Kenntnisse die ödipale Revolte erkennen, also den Versuch des Kindes, sich von der Vaterautorität zu befreien. Nach Freud ist der symbolische Vatermord eine wichtige Etappe in der Entwicklung. Er hat sich diese Geschichte freilich nicht ausgedacht, sondern fand sie in dem antiken Drama von Sophokles. König Ödipus macht sich im gleichnamigen Stück nach Hinweisen des Sehers Teiresias auf die Suche nach dem Mörder seines Vaters, um am Ende festzustellen, dass er ihn vor vielen Jahren selbst erschlagen und danach, ohne es zu wissen, seine eigene Mutter geheiratet hat. Das Drama ist vielleicht der älteste Krimi, in dem der Detektiv und Richter sich als Mörder entpuppt.

Diese Struktur hat auch Doderers Roman, dessen Held sich ebenfalls an die Aufklärung eines lange vergangenen Mordfalls macht. Dessen Lösung ist aber gerade nicht die Bestätigung, sondern die Widerlegung des ersten Satzes des Romans. Mehr soll nicht verraten werden, weil es das Lesevergnügen ruinieren würde. Soviel darf man aber hinzufügen: Doderer zwingt seine Leser*innen, selbst detektivisch zu lesen, und das betrifft nicht nur die Frage ›Wer war’s?‹, sondern das dichte Verweisnetz dieses milieugesättigten, detailreichen und oft auch hinreißend komischen Romans. Lose Enden gibt es bei diesem Erzähler, der seine Romane auf riesigen Papierwänden im Detail durchkonstruierte, nicht.

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL.