Eva Axer: WAS HEISST EINHEIT IN DER MANNIGFALTIGKEIT? Johann Gottfried Herders Kulturtheorie

»Erstaunen muß man über die Vielheit der Abänderungen, die auf unsrer Erde wirklich sind, noch mehr erstaunen aber über die Einheit, der diese unbegreifliche Mannigfaltigkeit dienet. […] Ich wünschte, mein Buch erreichte nur einige Striche zur Darstellung dieser großen Aussicht«.[1]

Dies schreibt Johann Gottfried Herder im ersten Band seiner Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit von 1784. Seine Vorstellung von Vielfalt lebt von der Idee eines sich entfaltenden Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Die Darstellung darf daher die vielen Formen nicht bloß inventarisieren, sondern hat zu zeigen, wie Fülle und Mannigfaltigkeit einer höheren Einheit ›dienen‹.

Herders Ideen sind ein monumental angelegter Versuch. Er will die »ganze Erde« mit all ihren verschiedenen Kulturen erfassen. Dabei soll die Mannigfaltigkeit der Kulturen auch als Teil der Geschichte der Natur erklärt werden. Herders Postulat einer Einheit in der Mannigfaltigkeit basiert auf der Überzeugung, dass »durch die ganze belebte Schöpfung unsrer Erde das Analogon Einer Organisation herrsche«.[2] Diese Überzeugung findet einen wichtigen argumentativen Rahmen in seiner Klimatheorie, die es erlaubt, die mannigfaltigen Formen der Natur zur Vielfalt der Kulturen in Beziehung zu setzen. Analog zu den Gebilden der Natur entwickele sich auch die Mannigfaltigkeit der Kulturen entsprechend den jeweiligen Umständen. Die Söhne des Urvaters Adam gaben »dem Klima gemäß Blätter und Früchte«.[3]

Diese Analogie beruht auf der Vorstellung eines Typus, der sich gemäß spezifischen Umständen modifiziert. So lässt sich die Vielfalt der Phänomene als Variation einer Form erklären. Obgleich diese Idee des Typus ihren Ursprung in naturkundlichen Zusammenhängen hat (etwa beim Comte de Buffon und bei Jean-Baptiste Robinet), hat Herder sie auch auf die Poesie angewandt. Die Gattung der Ode begriff er zeitweise im Sinne eines Typus als proteische Urform der Literatur. Die Probleme des Ordnens und seiner Logik betreffen somit Naturdinge ebenso wie die Dichtung.[4] Herders Ordnungsversuche in der literarischen Gattungstheorie richten sich daher nicht nur gegen zeitgenössische regelpoetische Ansätze, sondern auch gegen Linnés systema naturae.[5] Anstatt wie Linné willkürlich einzelne Merkmale zu Gattungskriterien zu erheben, sollen die Prinzipien der Umbildung erkannt werden. Damit stellt sich das Problem der Mannigfaltigkeit als eine Frage des Wandels, d. h. in seiner Zeitlichkeit. Und tatsächlich legt der Typus – gedacht als ›Urform‹ oder ›Urbild‹ – eine historische Betrachtung von Formenvielfalt nahe. Diese Umstellung von räumlichen Ordnungen auf Fragen der zeitlichen Entfaltung seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts ist als Ende der Naturgeschichte und als ›Verzeitlichung der Natur‹ gefasst worden.[6]

Wenn man, wie Herder, Mannigfaltigkeit auf eine zeitliche Achse projiziert, ergibt sich allerdings ein Problem: Wie kann man am Eigenwert partikularer Phänomene festhalten, ohne die Idee einer Einheit aufzugeben, die sich nach entelechischen Prinzipien entwickelt? Herder begegnet dieser Frage, indem er die Mannigfaltigkeit der Kulturen auf eine Fülle des ›Guten‹ zurückführt:

»Ist nicht das Gute auf der Erde ausgestreut? Weil eine Gestalt der Menschheit und ein Erdstrich es nicht fassen konnte, wards verteilt in tausend Gestalten, wandelt – ein ewiger Proteus! – durch alle Weltteile und Jahrhunderte hin«.[7]

Diese räumliche und zeitliche ›Ausstreuung‹ der Gestalten will Herder weder skeptizistisch als planlosen Wandel noch im Sinne der Aufklärung als Fortgang der Geschichte zum Besseren interpretieren. Damit wendet er sich auch gegen die Tendenz, andere Kulturen nach den Maßstäben der eigenen zu beurteilen – woran später Wertepluralismus und Multikulturalismus anknüpften.[8] Die ›Ausstreuung‹ des Guten bedeutet aber auch eine Gefährdung der Einheit. Herder erhofft sich zwar von einer Philosophie der Geschichte, dass sie den göttlichen Plan aufzudecken vermag. Doch die ›Ausstreuung‹ droht zur ›Zerstreuung‹ zu werden.

Die Möglichkeit, Einheit in der Vielfalt nicht nur zu postulieren, sondern selbst herzustellen, bot sich Herder in seiner Volksliedsammlung. Einerseits gelten ihm Volkslieder als »die lebendige Stimme der Völker, ja der Menschheit selbst«[9], sind somit Zeichen einer Einheit der Menschheit, andererseits ist das Volkslied »die Blume der Eigenheit eines Volks«[10] und daher Ausdruck der Mannigfaltigkeit partikularer Kulturen. Um dies abzubilden, konzipierte Herder seine Sammlung dergestalt, dass anthropologische Grundsituationen mit Volksliedern verschiedener Kulturen illustriert werden.[11] So sind die Volkslieder für ihn Instrumente eines Bildungsprogramms, das den ›ganzen Menschen‹ und die ›eine Menschheit‹ zum Ziel hat. Ulrich Gaier hat Herders Unterfangen darum in Beziehung zum späteren (Goethe’­schen) Programm einer ›Weltliteratur‹ gesetzt.

Die Volkslieder entsprachen allerdings nicht dem Geschmack des zeitgenössischen Publikums. Fast entschuldigend reiht Herder daher eine Vielzahl an Motti auf. Sie stellen die Analogie von Natur und Kultur unter anderem anhand zweier Blumenmetaphern heraus. Dabei zeigt sich eine gewisse Ambivalenz. Zwar haben die Volkslieder an der Fülle der Natur teil, sie »[s]ind Blumen, die Natur, die gute Mutter, / auf Hügel, Thal und Ebnen ausgoß«[12] Damit sind sie aber auch so vergänglich wie die Natur, »sind Erstlinge der Natur, früh und nicht daurend, / Süß und bald dahin«.[13] Herders Sammlung ist im Bewusstsein einer vergänglichen Fülle entstanden. Partikulare Phänomene sind vor dem Verschwinden zu retten, insofern sie als Teil eines zeitlich sich entfaltenden Plans angesehen werden. In den Ideen fasst Herder dies ins Bild der »disiecti membra poëtae«[14], der zerstreuten Glieder des Poeten, das er nicht nur auf den menschlichen Körper und den poetischen Text, sondern auf die gesamte Schöpfung bezieht. Sie erscheint als sich ausbildendes, organisiertes Ganzes. Weil sie aber in vielzählige Teile ausgestreut ist, ist die geforderte Einheit nur im Modus der Analogie zu haben: »Wer sie studieren will, muß Eins im Andern studieren«. [15]

[1] Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, in: ders.: Werke, Bd. 6, hg. v. Martin Bollacher, Frankfurt a. M. 1989, S. 28.

[2] Ebd., S. 76.

[3] Ebd, S. 259.

[4] Vgl. dazu Werner Michlers Kapitel zu Herder in: Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext, 1750–1950, S. 187–241.

[5] Vgl. ebd., S. 207.

[6] Vgl. dazu Wolf Lepenies: Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, München 1976.

[7] Johann Gottfried Herder: Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit, in: ders.: Werke, Bd. 4, hg. v. Jürgen Brummack und Martin Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 9–107, hier S. 40.

[8] Vgl. beispielsweise Isaiah Berlin: Der angebliche Relativismus des europäischen Denkens im 18. Jahrhundert, in: ders.: Das krumme Holz der Humanität. Kapitel der Ideengeschichte, Frankfurt a.M. 1992, S. 97–122, oder Vicky A. Spencer: Herder’s Political Thought. A Study of Language, Culture and Community, Toronto/Buffalo/London 2012. Nicht wenige Stimmen haben allerdings auch auf seine abwertenden Äußerungen zu bestimmten Kulturen und auf sein nationales Denken hingewiesen.

[9] Herder: Adrastea [Auswahl], in: ders: Werke, Bd. 10, hg. v. Günter Arnold, Frankfurt a.M. 2000, S. 804.

[10] Herder: Volkslieder 1778/1779, in: ders.: Werke, Bd. 3, hg. v. Ulrich Gaier, Frankfurt a.M. 1990, S. 69–428, hier S. 230.

[11] Vgl. Ulrich Gaier: Volkspoesie, Nationalliteratur, Weltliteratur bei Herder, in: Die europäische République des lettres in der Zeit der Weimarer Klassik, hg. v. Michael Knoche und Lea Ritter-Santini, S. 101–116, hier S. 105.

[12] Herder: Volkslieder 1778/1779, S. 71 (aus Miltons Paradise Lost).

[13] Ebd., S. 69 (aus Shakespeares Hamlet).

[14] Herder: Ideen, S. 73.

[15] Ebd., S. 74.

Die Germanistin Eva Axer  leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt Formen und Funktionen von Weltverhältnissen. Dieser Beitrag wurde ursprünglich für das Faltblatt zum Jahresthema »Diversität« verfasst.

 

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