Moritz Neuffer: »GEGEN DIESES 68«. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik

1967 veröffentlicht die im New Yorker Chelsea Hotel lebende Schriftstellerin Valerie Solanas die ersten Mimeographien ihres Manifests zur Gründung der Society for Cutting Up Men. Darin ruft Solanas dazu auf, »die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten«.[1] Ihre radikale Kritik patriarchaler Verhältnisse verbindet sie mit Ankündigungen von Arbeitssabotage (»SCUM wird die verschiedensten Jobs annehmen und nicht arbeiten«) bis Mord (»SCUM wird alle Männer töten, die nicht Mitglieder der Männerhilfstruppe sind«).[2] Gefragt, wie ernst sie das meine, antwortet Solanas einem Journalisten, sie sei »dead serious«.[3]

Der literaturwissenschaftlichen Diskussion gibt diese Antwort die Erörterung der Gattungsfrage auf: Ist Solanas’ »illicit performance«, die es bis heute schafft, maskulinistische Gemüter zu erregen, satirische Ideologiekritik, Sprachspiel, Programmschrift, Utopie, terroristischer Aufruf – oder alles zugleich?[4] Auf jeden Fall lässt sich das Manifest, wie Morten Paul in einer Auseinandersetzung mit Alexander García Düttmanns »(tod)ernster« Lektüre desselben formuliert, als eine »Arbeit an und mit der Sprache«, als »Politik der Sprache« und »Gegen-Hate-Speech« lesen.[5]

Als Arbeiterin an und mit der Sprache erscheint Valerie Solanas auch in Robert Stockhammers Buch 1967. Pop, Grammatologie und Politik (Paderborn: Fink 2017). Das SCUM Manifesto ist darin eines der charakteristischen Zeugnisse aus dem titelgebenden Jahr, insofern mit ihm die Grenzen der »Sprachsysteme« Kunst und Politik in Frage gestellt werden (S. 52). 1967, so die These des Münchner Literaturwissenschaftlers, ist das Jahr, das einen Möglichkeitsraum öffnet, in dem sich ein »erweiterter Begriff von Politik« konstelliert. Um dies zu zeigen, liest, sieht und hört der Autor weitgehend bekannte zeitgenössische »Artefakte« noch einmal neu: die Flugblätter der Kommune I, die vor Gericht landen, Aktionen der Provos und der Subversiven Aktion, die Bildpolitik Godards, Bob Dylans ›De-Synchronisierungen‹ von Stimme und Text oder die performativen Sprachspiele auf den Transparenten der Demonstrierenden. Sie alle sind Stockhammer zufolge Beispiele für eine »Sondierung der Basisstruktur der Sprache«, womit sowohl deren Untersuchung als auch Neuerfindung gemeint ist.[6] Angesichts von Massenmedien und kulturindustrieller Integration erodieren vorhandene politische Begrifflichkeiten, und die Arbeit an und mit der Sprache ist gewissermaßen die Vorarbeit, die geleistet werden muss, bevor überhaupt erst wieder »etwas Neues« gesagt werden kann (S. 9). Theoretisch flankiert wird die selbstreflexive »prise de parole« durch den Strukturalismus, die Semiologie und die Medientheorie, poetologisch durch Gedichte Peter Handkes oder Hans Magnus Enzensbergers Essays. Allen voran dient Jacques Derridas Grammatologie dem Autor als roter Faden und liefert ihm den Sammelbegriff für die virulente »Reflexion auf Aussagevorrichtungen«, die eine »Entkopplung und Neukopplung von Wörtern und Dingen« zum Signum von 67 macht (S. 40f.).

Die hier zitierten Formeln zur Charakterisierung des Jahres stammen teils aus dem zeitgenössischen Material, teils hat Stockhammer sie selbst entwickelt. Er schreibt die Geschichte des Jahres mit den Theorien und Zeitdiagnosen des Jahres, die ihrerseits zu den »Artefakten« gehören, die das Buch als repräsentative »Wörter und Dinge« versammelt. Präsentiert werden vierundzwanzig Einträge in einer nicht auf Vollständigkeit angelegten enzyklopädischen Form, die eher ein Spiel mit dieser Art der Darstellung ist, eine Collage, die sich aus politisch-sozialen Begriffen (Aktionismus, Mensch, Globalisierung), Bewegungsformen und -praktiken (Love-in, Jugend, Kinderladen/Kommune) und medientechnischen Phänomenen (Farbfernsehen/Fauxtographie, Linien, Pow/Präzisionsschallpegelmesser) zusammensetzt.

Nicht immer ist die Kohärenz der Einträge sofort evident. Verbindende Momente sind die Wahrnehmungsweisen, die sich verändern, die medialen Bedingungen dieser Veränderungen und die Bereitschaft handelnder Subjekte, sich auf Neues, Schwieriges und Experimentelles einzulassen: »Relativ viele Menschen waren in jenem Jahr bereit, Artefakte zu hören, zu sehen oder zu lesen, die angesichts der inzwischen wieder domestizierten Hör-, Seh- und Lesegewohnheiten heute wieder als outriert gelten«, schreibt Stockhammer und meint damit unter anderem »sehr lange Pop-Stücke (die keine Songs mehr sind), ein Kunstwerk, das aus einer einzigen getrampelten Linie besteht, einen Film, der aus einem einzigen Zoom besteht, theoretische Schriften, welche den Tod des Autors im Intertext beschreiben« (S. 8).

Bildet man den Umkehrschluss, mögen darin Kulturpessimismus oder Nostalgie anklingen, doch Stockhammer versteht es, diese für eine geschichtstheoretische Intervention fruchtbar zu machen. Das Buch betreibt seine Archäologie von 67 – als Ereignis und Paradigma – weniger in einem methodischen als vielmehr in einem bildlich-taktilen Sinne; insofern, als 67 und das, was es bezeichnet, von etwas »zugeschüttet« worden sei, das Stockhammer 68 nennt. Formal ist dieses 68 im Unterschied zu 67 erst einmal das nachfolgende, bis in die Gegenwart reichende Paradigma, das die freigesetzte sprachliche Reflexivität und die Bereitschaft, sich auf Schwieriges einzulassen, wieder neutralisiert: Ein vereinfachendes »Weiterwursteln an bloßen Themen aus jener Zeit«, als langes Danach, als eine Ära der Sprachvergessenheit, der hier eine Chiffre gegeben wird. Stockhammers Buch, so klar formuliert es der Autor, ist »gegen dieses 68 geschrieben« (S. 42).

Aber was (oder wer) ist »dieses 68« konkret? Eine von mehreren Antworten darauf findet sich in einem Abschnitt zur Begriffsgeschichte des »blinden Aktionismus«. Erstmals nachweisbar sei die Verbindung der zwei Wörter bei dem Kommunarden Fritz Teufel, der im August 1967 sein Unruhe stiftendes Verhalten so benannte. Nur kurz zuvor hatte Jürgen Habermas mit dem Vorwurf des »Aktionismus« die Provokation als Protestform aufgrund ihres autoteleologischen Moments abgestraft (»Mobilisierung[ ] allein um der Mobilisierung […] willen«) und des politisch-rationalen Feldes verwiesen. Um Grenzziehungen geht es auch im Prozess um die Flugblätter der Kommune I, anlässlich dessen einige namhafte Geisteswissenschaftler (Eberhard Lämmert, Peter Szondi, Jacob Taubes, Peter Wapnewski) Gutachten erstellten, in denen sie die Frage behandeln, ob die Kommune tatsächlich zur Begehung strafbarer Handlungen (»burn, ware-house, burn!«) aufgerufen habe, oder aber ob die Texte nicht mit Recht als Literatur in die Geschichte ästhetischer Avantgarden einzureihen wären. Dass nach den ersten Kaufhausbränden die Fortführung einer solchen Auseinandersetzung über die Gegenüberstellung von Sprache und Welt nicht mehr möglich gewesen sei, ist für Stockhammer Teil der »unseligen vermeintlichen Zwangsläufigkeit« der Geschichte von 68 (S. 95).

Die nach 1967 offenbar schnell wieder zum Erliegen gekommene  »Entkopplung und Neukopplung« von literarischer und politischer Sprache ist das Paradebeispiel für Vereinfachungen, Vernunftregime und Phantasielosigkeiten, mit denen das Paradigma 68 das Paradigma 67 unter sich begräbt, im Falle des »Aktionismus« eben derart, dass es »schon 1967 ein pejoratives Wort für 67 prägte (eben Aktionismus) und damit die Infragestellung bestehender Aussageformationen […] abbrach, um stattdessen bloß wieder vorgeblich verständliche Aussagen innerhalb der bestehenden Formationen einzufordern« (S. 42).

An weiteren Beispielen zeigt sich, dass Stockhammer sich nicht scheut, Disparates aneinanderzureihen, um das Gewicht seiner These zu prüfen. Die Reterritorialisierung der antiautoritären Pädagogik in den Kinderläden, linker Internationalismus, der sich – hier hätte Fritz Teufel wieder eine Rolle spielen können[7] – gegen Israel wendet, oder das Hissen der amerikanischen Nationalflagge auf dem Mond, das den Weltraum als utopischen Projektionsraum beendet: So weit voneinander entfernt liegen die Belege dafür, dass die Möglichkeiten von 67 in 68 veröden. Die Frage, warum eigentlich heute nicht mehr »relativ viele Menschen« bereit sind, Schwieriges zu lesen, zu hören oder zu sehen, und wie kontingent oder aber selber zwangsläufig dieser Regress war, bleibt dabei unbeantwortet. Der historische Ort der Artefakte, die Stockhammer kurzweilig, sorgfältig und kenntnisreich zu beschreiben weiß, ist somit genau – und nur – das, was diese Artefakte in ihrer Summe ausmachen: 67.

Das lässt die Kernaussage, die jene vergangene Zukunft mit ihrer Nachgeschichte kontrastiert, so reizvoll wie unabgesichert wirken. Einerseits nimmt das Buch das annum 1967 als solches zwar ernst, liefert ein wertvolles Quellen- und Literaturverzeichnis und setzt sich auch dezidiert in ein Verhältnis zu anderen Jahres- und Jubiläumshistoriographien.[8] Dabei gibt es starke Momente, wenn etwa (Un-)Gleichzeitigkeiten und Parallelitäten zwischen deutschem 67 und französischem Mai 68 differenziert betrachtet werden. Andererseits aber weist es die Aufgabe von sich, Vor- oder Nachgeschichten dessen zu erzählen, was sich 1967 als Ereignis konstelliert und in Artefakten manifestiert. Das dekonstruktive Moment in Theorie, Politik und Kunst, das hier identifiziert wird, wird so weder in seiner Genese noch in seinem Nachleben historisiert. Gerade weil die Dekonstruktion in Stockhammers Narrativ so eine prominente Rolle spielt, hätte es sich etwa gelohnt, Fragen von De- oder Reakademisierung von Theorie ins Spiel zu bringen. Stellvertretend heißt es am Ende des Eintrags Flugblätter, nachdem der Autor den Moment der Schließung von 67 in Form der Beendigung der Debatte über die Literarizität der Kommune-Schriften geschildert hat, über die weitere Nachgeschichte: »Diese Geschichte interessiert hier aber nicht.« (S. 42)

Das ist zwar verständlich, doch interessieren damit auch solche Artefakte und Diskussionen nicht mehr, die nach 1967 den Geist von 67, den Stockhammer so schätzt, festhalten, aufgreifen oder weiterentwickeln – in Kunst, Theorie und Politik gleichermaßen. Entsprechend bleibt auch offen, wie dieses sprachvergessene, verwaltende, weiterwurstelnde und das Verhältnis von Wörtern und Dingen simplifizierende 68 denn nun – abgesehen von breit gestreuten, eher assoziativ verknüpften Beispielen – auf den Begriff zu bringen wäre. Denn 68 reicht hier in etwa von Habermas bis zur AfD, insofern das Ideal der kommunikativen Vernunft des einen und die unbekümmert vorgetragenen »Anti-68er-Clichés« (S. 39) der anderen als Symptome ein und derselben sprachunsensiblen Ära auftreten.

Vielleicht muss man Stockhammer zugestehen, mit solch harten und ihrerseits vereinfachenden Urteilen seinen eigenen Text mit einer Dosis jener Performativität auszustatten, wie er ihn in Valerie Solanas’ SCUM Manifesto und anderen Texten aus dem Jahr 1967 gefunden hat. Als materialsensible Intervention und Archäologie von komplexen Sprach- und Weltverhältnissen lässt sich Pop, Grammatologie und Politik jedoch auch als geschickter vorweggenommener Einwand zur bald eintreffenden Literatur des nächsten Jubiläumsjahres verstehen. Das Buch stellt den Rückblicken auf das Jahr 1968 – »Mythos, Chiffre und Zäsur« (Kraushaar) – sowie der routinierten Diskussion über seine ›Folgen‹ und deren Zwangsläufigkeit eine Perspektive auf Verschüttetes voran. Diese Verschüttungen werden in Forschung und Debatte im schlechteren Falle fortgeschrieben, im besseren Falle aufgezeigt. Historiographie, darauf weist das Buch hin, kann zwar den Anspruch verfolgen, Bergungsarbeit zu leisten, geht aber das Risiko ein, eigene Verschüttungen, im Sinne der genannten Vereinfachungen, zu produzieren.[9] Unter diesem Blickwinkel lässt sich Stockhammers emphatische Herausforderung von 68 durch 67 auch als Anstiftung zur »Reflexion auf Aussagevorrichtungen« der historischen Geisteswissenschaften selbst verstehen.

 

[1] Valerie Solanas: SCUM. Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer, Frankfurt a.M. 1969, S. 24.

[2] Ebd., S. 68f.

[3] Zitiert in Steven Watson: Factory Made. Warhol and the Sixties, New York 2003, S. 353.

[4] Laura Winkiel spricht von einer »illicit performance, a mockery of the ›serious‹ speech acts of patriarchy« (The Sweet Assassin and the Performative Politics of SCUM Manifesto, in: The Queer Sixties, hg. v. Patricia Juliana Smith, London 1990, S. 62-85, hier S. 69). Die Soziologin Ginette Castro bezeichnete den Text später als Parodie der Freud’schen Psychoanalyse, dessen Absurdität dazu diene, die Absurdität einer Theorie sichtbar zu machen, die dem Patriarchat wissenschaftliche Legitimation verliehen habe (American Feminism. A Contemporary History, New York, London 1990 [frz. Orig. 1984], S. 90).

[5] Morten Paul: Rezension zu Alexander García Düttmann: Gegen die Selbsterhaltung. Ernst und Unernst des Denkens, www.theoriekritik.ch, 8.2.2017. Der Begriff der »Gegen-Hate-Speech« geht zurück auf Avital Ronell: Deviant Payback: The Aims of Valerie Solanas, in: Valerie Solanas: Scum Manifesto. London, New York 2004, S. 11. Darüber hinaus gilt Morten Paul Dank für Anregungen und Kritik zu dieser Rezension.

[6] Der Begriff der »Sondierung der Bassistruktur der Sprache« stammt von Walter Höllerer: Der Autor, die Sprache des Alltags und die Sprache des Kalküls, in: Akzente 14 (1967) 3, S. 211-216, hier S. 213.

[7] Vgl. zur Debatte um den linken Antisemitismus und Teufels mögliche Beteiligung an antijüdischen Anschlägen Wolfgang Kraushaar: »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013. Dazu die Entgegnung von Gerd Koenen: Mutmaßungen über Fritz. Wie antisemitisch war die Linke? Eine Lektüre des neuen Buchs von Wolfgang Kraushaar, in: DIE ZEIT, 28.2.2013.

[8] Stockhammer bezieht sich, abgesehen von einschlägiger 1968-Forschung, z.B. derjenigen Ingrid Gilcher-Holteys oder Wolfgang Kraushaars, auf Monographien und Sammelbände von Florian Illies (zu 1913), Hans-Ulrich Gumbrecht (zu 1926), Antoine Compagnon, Jon Savage und Frank Schäfer (zu 1966).

[9] Mit diesen Intentionen lässt sich das besprochene Buch auch in aktuelle Diskussionen theoriegeschichtlicher Forschung einreihen: So bespricht Patrick Eiden-Offe in seiner jüngst erschienen Studie die Motivlage einer »Rettungshistoriographie« (Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, Berlin 2017, S. 31-33), während Robert Zwarg “eine Historisierung der Kritischen Theorie mit ihren eigenen Mitteln, eingedenk ihrer Intentionen” vorschlägt (Die Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition, Göttingen 2017, S. 39).

Der Historiker Moritz Neuffer ist seit 2017 Stipendiat des Doktorandenprogramms des ZfL mit seinem Dissertationsvorhaben Die journalistische Form der Theorie. Zur intellektuellen Publizistik der 1950er bis 1970er Jahre.