Daniel Weidner: »DIE UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN« – Geschichte einer Abwehr?

Liest man heute, fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, Alexander und Margarete Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern, so kann man überrascht werden. Das Buch ist ein Klassiker und sein Titel zum Schlagwort geworden: für die Verzögerung der Vergangenheitsbewältigung, für die Verspätung, mit der sich die Deutschen mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, für den Unwillen, deren Opfer anzuerkennen. Im Buch liest sich das allerdings etwas anders, denn dass die Deutschen nicht getrauert hätten, bezieht sich nicht primär – wie wir wohl erwarten würden – auf die Opfer:

»Die Unfähigkeit zur Trauer um den erlittenen Verlust des Führers ist das Ergebnis einer intensiven Abwehr von Schuld, Scham und Angst; sie gelingt durch den Rückzug bisher starker libidinöser Besetzungen. Die Nazivergangenheit wird derealisiert, entwirklicht. Als Anlaß zur Trauer wirkt übrigens nicht nur der Tod Adolf Hitlers als realer Person, sondern vor allem das Erlöschen seiner Repräsentanz als kollektives Ich-Ideal. […] Als solches repräsentierte und belebte er aufs neue die Allmachtsvorstellungen, die wir aus der frühen Kindheit über uns hegen; sein Tod und seine Entwertung durch Sieger bedeutete auch den Verlust eines narzißtischen Objekts und damit eine Ich- oder Selbstverarmung und ‑entwertung. Die Vermeidung dieser Traumen muß als unmittelbarster Anlaß der Derealisation gesehen werden. Erst in zweiter Linie folgte die Abwehr der Trauer um die zahllosen Opfer der Hitlerschen Aggression – einer Aggression, die wir so willig, so widerstandsschwach in der Tradition mit ihm teilten.«

Die Deutschen seien unfähig zu trauern – aber dabei geht es nur »in zweiter Linie« um die Opfer ihrer Verbrechen, in erster Linie interessiert hier die ausgebliebene Trauer um die eigenen Verluste. Die Abwehr dieser Trauer, so die zentrale These des Textes, habe die nationalsozialistische Vergangenheit bereits unmittelbar nach dem Krieg eigenartig »irreal« erscheinen lassen und die »Gefühlsstarre«, den »psychosozialen Immobilismus« hervorgerufen, welche die Nachkriegsgesellschaft charakterisieren sollen. Mitscherlichs fordern, überspitzt gesagt, gar nicht in erster Linie eine Trauer um die Opfer, sondern um die vergangene deutsche Größe, weil ohne eine Auseinandersetzung mit den eigenen Verlusten die »moralische Pflicht, Opfer unserer ideologischen Zielsetzung mit zu betrauern«, nur ein »oberflächliches seelisches Geschehen« bleiben könne.

Dass es dem Buch eben nicht um diese »moralische Pflicht«, sondern um die Psychodynamik der Trauer ging, ist in der Rezeption vergessen worden – ironischerweise vor allem von denen, welche die Mitscherlichs am heftigsten kritisierten und für die das Buch (der Titel!) geradezu zum Feindbild des »Trauerzwangs« und des »moralischen Diktats« der Erinnerungskultur wurde. Dabei richtete sich die Abwehr gegen das Buch nicht nur gegen ein bestimmtes Erinnern, sondern auch gegen die Psychoanalyse und eine bestimmte Art von Intellektuellen.

Was war Erinnerungskultur?

Liest man das Buch heute, mit historischem Abstand, so fragt sich weniger, ob seine Diagnose noch aktuell ist, als vielmehr wie die Geschichte der Vergangenheitsbewältigung sich von ihm aus darstellt. Denn das verbreitete Missverständnis des Titels legt die Vermutung nahe, dass nicht nur das Buch, sondern auch das in ihm verhandelte Problem möglicherweise ebenfalls eher missverstanden oder vergessen worden ist, als dass es wirklich eine Lösung gefunden hat.

Die Deutschen seien, so konstatierten die Mitscherlichs, emotional so blockiert, dass sie sich nicht für die Opfer interessieren konnten. Heute, fünfzig Jahre später, scheinen die Opfer im Zentrum der Erinnerung an den Nationalsozialismus zu stehen: Handelt es sich dabei um einen Akt der Gerechtigkeit – oder um eine psychische Übersprungshandlung, die von einer Verbindung zur Tätergemeinschaft nichts mehr wissen will? Ist damit die »Derealisierung« der Vergangenheit aufgehoben und Empathie wieder möglich, oder bleibt auch diese Erinnerung nur »oberflächlich«, weil ihr die Auseinandersetzung mit eigenen Verlusten fehlt? Oder ist das »opferidentifizierte Erinnern« gar ein Akt »generationeller Selbstermächtigung« (Christan Schneider), durch den die Kinder und Enkel der Täter sich an die Stelle der Opfer phantasieren? Ist im Gegenzug das jüngere Interesse für die deutschen Opfer – für Luftkrieg und Vertreibung – als Opferkonkurrenz zu beschreiben oder als eine Art nachgeholter Trauer?

Mit den Mitscherlichs gelesen, könnte die gängige Selbsterzählung der deutschen Vergangenheitsbewältigung komplizierter erscheinen: Diese wäre nicht ein lange verzögertes, endlich – nicht zuletzt: durch die Mitscherlichs! – initiiertes und andauernd erfolgreiches, wenngleich niemals abzuschließendes Unternehmen, eine Art unendliche Aufgabe mit dem Glanz ethischer Forderungen. Sondern ein komplexer Prozess der Ablösung und Ausverhandlung, der Trennung und Trauer, in dem – das kann man eben aus der Psychoanalyse lernen – Aggression und Projektion, Neid und Angst eine zentrale Rolle spielten und noch spielen.

Psychoanalyse, kollektiv

Ihr Buch analysiere, so die Mitscherlichs, die »kollektive Abwehr kollektiv erzeugter Schuld«. Nicht wenige Leser wiesen dabei nicht nur – erneut: missverstehend – die »Kollektivschuld« von sich, sondern auch das ganze Theorieprogramm, wo mal von Trauer, mal von Melancholie die Rede sei und überhaupt viel zu viel psychologisiert werde. Nicht nur der Moralismus, auch die Psychoanalyse behagte vielen Lesern nicht. Unberechtigt ist das nicht, ist doch der Schritt vom einzelnen klinischen Befund zum Kollektiv methodisch kaum ausgewiesen und das Verständnis von Trauer alles andere als klar. So bleibt etwa undeutlich, ob die Rede von Trauer hier normative Züge trägt oder ob umgekehrt die konstatierte »Unfähigkeit« gar zur Entschuldung beiträgt: Mehrfach argumentieren die Mitscherlichs, die Gefühlsstarre sei Resultat eines »gleichsam reflektorisch ausgelösten Selbstschutzmechanismus« gegen die totale psychische Entwertung gewesen, eine Regression, die einen »submoralischen Notstand« ausgelöst habe – die Deutschen hätten also gar nicht anders gekonnt, als nicht zu trauern.

Gerade diese Zweideutigkeiten sind aber auch wertvoll. Denn der heutige Diskurs über die Erinnerungskultur ist geprägt durch so abstrakte wie kategorische Forderungen, ›niemals zu vergessen‹ und einen weitgehend entpolitisierten und neutralisierten Begriff von ›kulturellem Gedächtnis‹. Er könnte von einem Konzept von Erinnerung profitieren, dass sich der Ambivalenz und Doppelbödigkeit von Erinnerungen bewusst ist, das Individuum und Gemeinschaft aufeinander bezieht und auch die Dimension von Affekt und Abwehr – gerade diese! – denken kann. Die Psychoanalyse stellt hier ein Potential dar, das noch keineswegs ausgeschöpft ist.

Und das gilt nicht nur für die Erinnerung. Die Unfähigkeit zu trauern, im Untertitel Grundlagen kollektiven Verhaltens, enthält neben dem berühmten ersten Kapitel auch Aufsätze zum moralischen Relativismus in modernen Gesellschaften, zum Wandel der Pubertät, zur Krise der Autorität etc.; diese verweisen wiederum auf andere Arbeiten der Autoren, etwa auf Alexander Mitscherlichs fünf Jahre zuvor erschienenes Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Es ist das Gebiet der Massenpsychologie, die lange Zeit einen dubiosen Ruf hatte: methodisch unhaltbar, naiv reduktionistisch, elitistisch-antimodern und nur noch von historischem Interesse. Heute aber, angesichts der diversen Populismen, könnte sie wieder durchaus aktuell erscheinen, und so kann man sich beim Wiederlesen der Unfähigkeit fragen, ob und was man diesen Denkfiguren abgewinnen kann. Oder auch genereller, ob und wenn ja welchen Ort die Psychoanalyse in der Analyse moderner Gesellschaften haben kann.

Der Intellektuelle und ›seine‹ Geschichte

Die »Unfähigkeit zu trauern«, die »vaterlose Gesellschaft«, die »Unwirtlichkeit der Städte« – Alexander Mitscherlich hatte wie wenige ein Talent, seine Thesen in markante Schlagworte zu fassen, was ihn dann auch zu einem gern gesehenen Gast in Radio und Fernsehen machte. Er war einer der wichtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik der sechziger Jahre, und die »Unfähigkeit« ist auch ein höchst kritisches Psychogramm der Bundesrepublik. Allerdings unterscheidet sich sowohl Mitscherlichs Geschichte wie auch seine Diagnose nicht unwesentlich von denen anderer ›Linker‹ wie Adorno, Marcuse oder Horkheimer: Mitscherlich, der in seiner Jugend der ›konservativen Revolution‹ nahestand und im Nationalsozialismus als Dissident am Rande der Gesellschaft gelebt hatte, blieb stets skeptisch gegenüber Projekten der Emanzipation und hat – auch als Freudianer – einen durchaus positiven Begriff von Autorität. Nicht zuletzt interessiert er sich auch für das spezifisch ›Deutsche‹ dieser Geschichte.

Das erste, bekannte Kapitel der Unfähigkeit zu trauern trägt den etwas ungelenken Untertitel »womit zusammenhängt: eine deutsche Art zu lieben«. Der Nationalsozialismus war, so heißt es, das »Ausagieren« eines für die deutsche Kultur charakteristischen »ungewöhnlich ambivalenten Verhältnisses zur Vater-Autorität«, er »reaktivierte das deutsche Sendungsbewusstsein, das in unserer Nationalgeschichte so tiefe Wurzeln hatte« und setzte »eine lange Geschichte des Unglücks« fort, eine Geschichte des prekären, ja fatalen Verhältnisses, das die Deutschen zu Ihren Idealen gehabt hätten. Die Unfähigkeit ist damit auch ein Buch über Deutschland, vergleichbar etwa Helmuth Plessners Die verspätete Nation und Norbert Elias’ Studien über die Deutschen. Ob es sich dabei um eine weitere Variation der deutschen Sonderwegsthese handelt oder sich von dieser durch die deutliche Reserve gegenüber der ›westlichen‹ politischen Ordnung, gegenüber Demokratie und Parlamentarismus unterscheidet, kann nur eine genauere Wiederlektüre zeigen. Aber schon auf den ersten Blick ist auffällig, dass die Mitscherlichs zwar oft mit analytischer Distanz über die Deutschen reden – Mangel an Empathie und arrogante Kälte warf Tilman Moser ihnen vor –, noch öfter aber von »unserer« Geschichte sprechen. Die Theorie, die hier entworfen wird, ist eminent geschichtlich, und sie bezieht sich nicht nur auf den ›Zivilisationsbruch‹ des Nationalsozialismus, sondern gleichzeitig auch auf die Kontinuität der deutschen Geschichte.

Daniel Weidner ist stellvertretender Direktor des ZfL und Professor am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Gemeinsam mit Stephan Braese (RWTH Aachen) veranstaltet er vom 30.11. – 1.12.2017 am ZfL die Konferenz »DIE UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN – Ambivalenz und Aktualität. 50 Jahre danach«.