Mona Körte, Georg Toepfer & Stefan Willer: Einleitung zur ZfL-Jahrestagung »Diversität darstellen« (11./12. Januar 2018)

Diversität – und mehr noch das englische diversity – ist ein Zauberwort, das für die verschiedensten Anliegen verwendet werden kann: vom bloßen Lobpreis der Vielfalt über den Appell bis hin zur regulativen Idee globalen politischen Handelns. Der Anthropologe Steven Vertovec sieht in diesem Wort Potential für ein »organizing concept« der Sozial- und Lebenswissenschaften.[1] In der Tat ist Diversität nicht nur ein Bezugspunkt verschiedener Wissenschaften. Auch Körperschaften wie Schule und Universität regeln Chancengleichheit und Zugang im Namen von Diversität, und Unternehmen betreiben ein sogenanntes Diversitätsmanagement, bei dem heterogene Belegschaften zu einer wirtschaftlichen Ressource funktionalisiert werden. Vermutlich ist es gerade der vielfachen Adressierbarkeit geschuldet, dass wir es bei ›Diversität‹ mit einem politisch hochgradig überformten, theoretisch jedoch weithin unterbestimmten Begriff zu tun haben.

Dabei fehlt es nicht an Versuchen, ihn zu konzeptionalisieren, so etwa in der Gleichung »Diversität = Differenz plus Inklusion« oder in der Formel, Diversität sei »Individualität im Plural«. Letztere hat der Soziologe Stefan Hirschauer auf der Sommerakademie des ZfL zu »Genealogien der Diversität« vorgeschlagen. Seine Formel enthält den Vorschlag, Individualität gerade nicht nur als Singuläres (Unveräußerliches/von anderen Unterschiedenes), sondern in der Mehrzahl, als ein Mehr- oder gar Vielfaches zu denken. Damit liegt der Akzent auf Individualisierung als einem Vorgang in actu. Diversität wäre demnach vor allem als Diversifizierung zu verstehen: eine offene, womöglich unendliche Bewegung, die eine Essentialisierung von Individualität gerade zu vermeiden sucht.

In diesem Zusammenhang wäre an philosophische Theorien über die Vervielfältigung von Unterschieden zu denken, auch wenn diese in aktuellen Diversitätsdebatten eher vernachlässigt werden. So plädiert Jean-Luc Nancy in seinem Buch mit dem sprechenden Titel Être singulier pluriel (dt. Singulär plural sein) angesichts einer Welt, die nur noch bloße »Aufzählung« sei, für eine »offene Artikulation«, die sich unmöglich wieder zu einer Identität verschließen lasse, und optiert für ein Gemeinsames und für die Gemeinschaft als ein »Mit-ein-ander-sein«.[2]

Hirschauers Formel von Diversität als »Individualität im Plural« erinnert aber auch an ein anderes Erbe aktueller Debatten: an Beschreibungen soziopolitischer Ungleichheit, an das Vokabular der Antidiskriminierungsbewegungen und an wirkungsmächtige Differenzen wie class, gender und race. Es ist in letzter Zeit bereits kritisch angemerkt worden, dass solche Differenzen im Begriff Diversität neutralisiert werden, dass sie sich geradezu darin auflösen. Vorsichtiger könnte man sagen, dass sich in Diversität als politischem Programm identitätspolitische Forderungen mit jenen der Antidiskriminierungsbewegungen vermengen, ohne dass beide Stränge hinreichend auseinandergehalten würden.

Allerdings wird der fehlende Rückbezug mitunter auch als Vorteil betrachtet, da das Konzept der Diversität gewissermaßen noch »in der Mache« sei.[3] »Individualität im Plural« erinnert immerhin an politisch ähnlich aufgeladene Beschreibungsmodelle von Differenz wie den auf Koexistenz setzenden Multikulturalismus bzw. kulturellen Pluralismus oder an den Begriff der Heterogenität, der anders als das affirmative Konzept der Diversität eher neutral die uneinheitliche Zusammensetzung einer Entität (sei es ein Objekt, ein Gebilde, eine Vorstellung) aus verschiedenen Bestandteilen beschreibt.[4] Der Plural, die Vielzahl, Präfixe wie multi oder hetero fokussieren ein Verhältnis zwischen dem Einen oder Einzelnen und seinem Vielen oder Vielfachen und nähren die Vorstellung von etwas Zähl- oder Messbarem, durch die dieses Vielfache gebändigt und unendliche Differenzierung in anschauliche Ordnung überführt werden kann.

Besonders augenfällig ist dieses Verhältnis im Fall der Biodiversität. Sie ist ein interessanter Fall für Fragen der Darstellung von Diversität, weil sich in ihr Quantitativ-Wissenschaftliches mit Qualitativ-Anschaulichem verbunden hat: Der Begriff bezeichnet sowohl eine biologische Messgröße – ›biologische Diversität‹ bezeichnet die Anzahl und Gleichverteilung von Arten in einem Ökosystem – als auch die ökonomische, ethische und ästhetische Dimension des Mensch-Natur-Verhältnisses. Wie jede Form der Diversität beruht auch Biodiversität auf Operationen der Typisierung und Klassifizierung. Keine Diversität ohne Unterscheidungen und Gruppenbildungen, ohne Behauptung von Differenzen zwischen den Gruppen und Homogenität innerhalb der Gruppen.

In zwei wesentlichen Punkten unterscheidet sich Biodiversität aber von sozialer Diversität: Erstens wird in der Biologie davon ausgegangen, dass Gruppenbildungen naturgegeben sind. Natürliche Mechanismen sorgen demnach dafür, dass die Formenvariation der organischen Natur diskontinuierlich in Ähnlichkeitsgruppen gegliedert ist. Klassifikationen von Menschen sind dagegen sozial konstruiert. Sozialwissenschaftler sprechen folglich vom Prozess des doing differences: Manche Humandifferenzierungen wie die nach Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit, können als Zumutung empfunden werden, weil mit ihr Rollenzuweisungen und Verhaltenserwartungen einhergehen. Oft sind diese Kategorisierungen mit Diskriminierungen verbunden, und für viele gesellschaftliche Prozesse sind sie auch unnötig. Daher ist das doing differences von einem undoing differences begleitet. Für den Diversitätsdiskurs ist allerdings kennzeichnend, dass er an der Aufrechterhaltung von Differenzen hängt – paradoxerweise auch dann, wenn er gegen Diskriminierung gerichtet ist: Um von Rassendiskriminierung zu sprechen, müssen Rasseneinteilungen vorausgesetzt werden. Im schlimmsten Fall perpetuiert und essentialisiert die Rede von Diversität das, was es zu überwinden gilt.

Derartige Paradoxien des doing und undoing von differences finden sich im Biodiversitätsdiskurs nicht. »Abschaffung der Arten« ist kein biologischer Schlachtruf. Biodiversität ist auch nicht – das ist eine zweite Differenz gegenüber der Humandiversität – mit Identitätspolitiken verbunden. Es geht in ihr nicht um binäre Oppositionen des ›Wir‹ versus die ›Anderen‹; überhaupt fehlt der Biodiversität das Andere und Gegenüber. Biodiversität ist maximal inklusiv, allumfassend – der Begriff ist praktisch synonym mit ›Leben‹ in all seiner Vielfalt und Verschiedenheit.

Gemeinsam ist dem Diskurs um Bio- und Humandiversität aber wiederum eine politische Stoßrichtung: die Anerkennung des Anderen in seinem Anderssein. Die Rede von ›sozialer Diversität‹ zielt nicht zuletzt auf den Schutz von Minderheiten. Es geht um das Bewahren der Differenz, nicht um die Integration des Anderen, also um eine Ethik des Respekts, des anerkennenden Nebeneinanders, nicht unbedingt des leidenschaftlichen Miteinanders. Dass auch Biodiversität die Anerkennung und Schutzwürdigkeit von Lebewesen anderer Arten in ihrem Eigenwert bedeuten kann, manifestiert sich besonders in den Formen ihrer Darstellung: Biodiversitätsinstallationen, die man inzwischen in vielen Naturkundemuseen findet, überwinden die Ganzheits- oder Systeminszenierungen, die für klassische Dioramen kennzeichnend sind. Inszeniert wird nicht mehr eine behauptete harmonische Einheit von Pflanzen und Tieren in bestimmten regional typischen, typisierten Landschaftsausschnitten, sondern die offene und egalitäre Nebenordnung von Tieren verschiedener Arten in ihrer nicht selten antagonistischen Individualität.

Es sind solche Formen der Darstellung von Diversität, für die wir uns interessieren. Dabei geht unser Verständnis von Darstellung nicht im empirischen Sondieren, Messen und Quantifizieren von »Einzelheiten« im Verhältnis zu ihrem Vielfachen auf. Vielmehr möchten wir in einem umfassenden Sinne die Erzählbarkeit von Diversität erkunden und dabei verschiedene literarische, künstlerische, mediale und museale Formen und Formate einbeziehen. Insbesondere stellt sich die Frage, wie das jeweilige Diverse als Diverses, also sich der Universalisierung Widersetzendes, in seiner irreduziblen Vielfalt präsent zu halten und zu repräsentieren ist. Denn ›Diversität‹ heißt zunächst einmal Verschiedenheit: Nicht mehr als diese karge Bestimmung zeigt der lexikalische Befund für das 19. Jahrhundert, etwa in den Enzyklopädien von Pierer und Brockhaus. Mit dem Begriff werden also Differenzen anerkannt – und damit gerade nicht integriert.

Die Frage, ob und wenn ja wie diese Nicht-Integration des Diversen dargestellt werden kann, impliziert auch Erkundungen der Perspektive, also des Standpunkts, von dem aus Diversität überhaupt wahrgenommen wird – ob aus dem Inneren der Vielfalt oder möglicherweise von einem externen Standpunkt. In den Beiträgen zum Thema »Diversität darstellen« werden diese Fragen wiederum auf sehr unterschiedliche Weise perspektiviert: aus diversen Fachdisziplinen, mit Blick auf heterogene Gegenstände und mit ganz verschiedenen theoretischen Voreinstellungen. Da wir das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung sind, haben wir uns erlaubt, einen Schwerpunkt auf literatur- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen zu legen – wobei ja schon mit dem »und« zwischen Literatur und Kultur eine gewisse Weitläufigkeit der Zugangsweisen gegeben ist. Daraus ergeben sich die weiterführenden Fragen nach sprachlicher, künstlerischer und auch biologischer Diversität.

Nach all dem fragen wir vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Dringlichkeit des Themas. Gerade weil es bei Diversität um so viel geht, weil damit so viel auf dem Spiel steht, wird das Problem der Darstellung überhaupt erst akut und virulent. Da Darstellungen auf einem Bündel an Vorentscheidungen beruhen, wirft ihre Analyse ein Licht auf politische Voraussetzungen, historische Anleihen und aktuelle Verwendungszusammenhänge von Diversität. Wir versprechen uns also von dem Fokus auf Darstellungsweisen, ein theoretisch vages, politisch jedoch höchst operatives (und mitunter auf ein Lob der Vielfalt verengtes) Konzept auf seine Unbestimmtheitsstellen untersuchen zu können. Auf diesem Weg begegnen wir möglicherweise auch der einen oder anderen Grenzbestimmung dieses entgrenzenden Konzepts, z.B. Versuchen, Diversität einzuhegen und zu bändigen. Dazu gehören auch Bestimmungen dessen, was nicht divers ist oder sein will, und dazu gehört die Auseinandersetzung mit Gegenbegriffen zu Diversität, z.B. mit auf Vereinheitlichung zielenden Konzepten wie ›System‹ oder ›Ganzheit‹. Gerade Darstellungsfragen – und Darstellungsdilemmata – können uns schließlich Hinweise darauf geben, ob Diversität als analytisches Ordnungsinstrument mit vielen Fragezeichen oder doch als Handlungskonzept mit einem Ausrufezeichen zu versehen ist.

[1] Steven Vertovec: Formulating Diversity Studies, in: Routledge International Handbook of Diversity Studies, New York 2015, S. 1–20, hier S. 4.

[2] Jean-Luc Nancy: singulär plural sein, Berlin 2004 (frz. 1996), S. 11–14 und 57 f.

[3] So in Vertovecs Einleitung Formulating Diversity Studies zum Handbuch: „For many of the interviewers one advantage of the concept is, that diversity, at present, comes without luggage“, S. 4.

[4] Vgl. Glossar, in: Diversität. Geschichte und Aktualität eines Konzepts, hrsg. von André Blum, Nina Zschocke, Hans-Jörg Rheinberger, Vincent Barras, Würzburg 2016, S. 409-412, hier S. 410.