Georg Toepfer: VERZAUBERUNG DER WELT DURCH NACHDICHTUNG DER NATURWISSENSCHAFT? Zu Raoul Schrotts »Erste Erde. Epos«

»There is grandeur in this view of life«, so beginnt der letzte Satz von Charles Darwins On the Origin of Species. In der ersten Auflage verzichtete Darwin noch auf einen Bezug zu Gott. Ab der zweiten Auflage von 1860 fügte er ihn dann allerdings doch ein (»several powers, having been originally breathed by the Creator into a few forms or into one«).[1] Großartig und erhaben ist die Ansicht aber doch vielleicht gerade ohne Gott. Darauf jedenfalls scheint Raoul Schrotts Erste Erde Epos hinauszulaufen. Es ist eine von den Naturwissenschaften beeindruckte Erzählung, die diese nicht als nüchtern und seelenlos inszeniert, sondern die Bedeutsamkeit naturwissenschaftlichen Wissens für uns feiert, indem sie neue Formen und sprachliche Bilder für dieses Wissens sucht. Das Ergebnis ist eine eigene dichterische Verzauberung der Welt durch naturwissenschaftliches Wissen und zugleich eine Verzauberung der Naturwissenschaften. Reenchanting Science, Wiederverzauberung der Naturwissenschaft – auf diese Formel ließe sich das Programm Schrotts bringen.

Diese Verzauberung vollzieht Schrott ausdrücklich ohne Bezug auf Gott, dieser wird sogar in Anlehnung an Thomas Nagels »Angst vor der Religion« deutlich abgelehnt. Bekenntnishaft heißt es an einer Stelle:

»ich glaube nicht nur nicht an gott – ich hoffe dass es keinen gibt / ich will nicht dass es gott gibt: ich mag nicht dass das universum / ihn erlaubt ⸳ die natur ist mir genug«.[2]

Trotz dieser Gottesscheu weist das Werk eine Nähe zu religiösen Texten auf, formal sichtbar bereits an der Gliederung in sieben Bücher in Anlehnung an die sieben Tage der biblischen Schöpfung. Es war sogar Schrotts erklärtes Ziel, »eine neue Genesis zu schreiben« und zu untersuchen, »was in einer modernen Genesis alles drinstehen müsste und was man verstehen müsste, um es begreifen, fassen, denken, sich vorstellen zu können«.[3] Die entscheidende Rolle zum Ausdruck religiöser Gefühle kommt in dieser modernen Genesis, in der die »Behelfskonstruktionen des Göttlichen überwunden« sind (21), der Dichtung zu. Sie ermögliche es, Religion und Wissenschaft miteinander zu vermitteln, sie »ineinander übergehen« zu lassen (20). Der Wissenschaft entspreche die Dichtung dabei in ihrer Suche nach Genauigkeit und Kohärenz, religiös sei sie insofern, als sie alles auf den Menschen zurückführe, uns damit an die Welt binde, nach der Bedeutung des Wissens frage und für dieses Wissen anschauliche Bilder suche.

Schrotts Absicht, das Sinn- und Anschauungsdefizit der Wissenschaften mittels Dichtung wettzumachen, geht von einer sechzig Jahre alten Aufforderung des Physikers Richard Feynman aus, die Schrott dem Anhang seines Buches als Motto voranstellt: Dichter sollten schreiben über die »besondere Art von religiöser Erfahrung, die Wissenschaftler machen«, um »deren staunenerregende Erkenntnisse anschaulich werden zu lassen« (685). Die eigentliche »wissenschaftliche Zeit« beginne erst, wenn der »Wert der Wissenschaft« nicht »unbesungen« bleibe. Schrotts Verzauberungsprogramm antwortet darauf mit einer Suche nach »Sprachformeln, um all die Formen des neuen Wissens auszudrücken«, und Bildern, »um die Erkenntnisse figurativ zu gestalten« (23). Die Leistung der Literatur solle, wie Schrott in einem Interview erläuterte, darin bestehen,

»dass sie aus der grossartigen Gleichgültigkeit des Universums etwas menschlich Gültiges macht. Indem sie dabei nach existenzieller Bedeutung fragt – und somit Grundlagen liefert für Ethik und Sinn.«[4]

Es gehe ihm um »Rückübersetzung in die menschliche Lebenswelt«, »menschliche Relevanz«, »Moral« und den »Sinn des Lebens« sowie darüber hinaus darum, selbst Erkenntnisse hervorzubringen, »die metaphysischen Dimensionen wissenschaftlicher Erkenntnisse auszuloten« (ebd.), »Wissen mit menschlicher Relevanz zu versehen« und zu fragen, wie naturwissenschaftliches Wissen für uns »denkbar« und »für unsere Verortung in der Welt«[5] bedeutsam wird.

Diese Suche nach Anschauung und Bedeutung vollzieht sich in einem Erzählstrom ohne Punkt und Komma. Auf der Makroebene ist sie gegliedert in sieben Bücher gebundener Sprache und ein achtes Buch in Prosa. Die Erzählung ist größtenteils linear aufgebaut und folgt dem aktuellen Wissen von Kosmogonie und Biogenese: eine Geschichte der Entstehung von Universum, Erde, Leben und Mensch. Die Geschichte endet, wo die eigentliche Geschichte beginnt, mit der Entstehung der Schrift. Es ist also die Erzählung der Vorgeschichte im umfassenden Sinne, dem eigentlichen Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften, die Schrott präsentiert. Konzentriert ist sie, wie die biblische Genesis, auf Fragen des Ursprungs und der Entstehung: Es geht um erstes Licht, erste Elemente, erste Sonnen, erste Materie, erste Planeten usw. Hervorgehoben wird mit diesen Ursprungssuchen ein bestimmter Aspekt des naturwissenschaftlichen Wissens, von dem allerdings fraglich ist, ob er derjenige mit der größten Relevanz für uns ist. Schrotts Interesse ist nicht auf die Frage gerichtet, wie das Bestehende sich erhält und von uns zu erhalten ist, also nicht auf Ökologie, sondern auf Genealogie. Nur am Rande widmet sich Schrott der theoretischen Gestalt der Naturwissenschaften in Form ihrer großen erklärenden Modelle, etwa Newtons Gravitationstheorie, Darwins Evolutionstheorie oder Einsteins Relativitätstheorie. Der 160-seitige Prosa-Anhang ist formal deutlich von den voranstehenden Büchern der Genesis unterschieden: zweispaltig, in konventioneller Großschreibung und Interpunktion. Es ist ein sachlicher Bericht ohne Wertung und Kommentar. Formuliert in einer den Naturwissenschaften nahestehenden distanzierten Sprache, erweist er auch dieser Ausdrucksform Anerkennung und Respekt (und macht deutlich, dass die vermeintlich nüchterne Sprache der Naturwissenschaften selbst reich an Bildern ist). Schrott hat sein ganzes genealogisches Wissen, das sich auf dem neuesten Stand der Forschung bewegt, in einem bewundernswerten Rechercheaufwand zusammengetragen. Dokumentiert ist seinErkenntnisgewinn in 17 langen Gesprächen mit Wissenschaftlern (nur Männern) im »Erste Erde Forum«, das in den Jahren vor Erscheinen des Buches ausgestrahlt wurde und Schrott nach eigenem Bekunden auch dazu diente, sein Verständnis zu überprüfen.[6]

Als ›Epos‹ kann Schrotts Werk trotz der selbstgewählten Gattungsbezeichnung nur bedingt gelten. Sein Verfahren erzeugt weniger eine überschaubare Kohärenz und »geschlossene Lebenstotalität«, die Georg Lukács für das klassische Epos konstatierte[7], als ein punktuelles Eintauchen in Wissen von Entstehungsprozessen. Es ist also keine Synthese, die er leistet, sondern eine Übersetzung partikularen wissenschaftlichen Wissens in einzelne poetische Bilder. Aus diesem Partikularismus kann kein übergreifender Sinn entstehen, sondern nur Bedeutung für einen je einzelnen Kontext. Schrott stellt dies sehr deutlich selbst heraus, indem er als sein Ziel angibt, in Bildern, Metaphern und Vergleichen Themen zu »pointieren«;[8] er will »Dinge in stringenten Formulierungen auf den Punkt bringen«.[9] Darin liegt Schrotts »Poesie«, die er im Gegensatz zum Erzählen in Prosa nicht als Geflecht versteht, das sich flächig über Wissensbestände ausbreitet, sondern als Kunst der punktuellen Zuspitzung. Nicht selten entlehnt Schrott dabei allerdings die prägnantesten Bilder der Sprache der Naturwissenschaften selbst, etwa dann, wenn er die Entstehung der Sonne als Zusammenballung im Staubnebel beschreibt (124), den Ursprung des Lebens als Autopoiese illustriert (205) oder das Charakteristikum unserer Art als Superorganismus bestimmt (616).

Zur Schwäche des erzählerischen Großrahmens von Schrotts sogenanntem Epos gehört es, dass dieses seinem Gegenstand nicht recht vertraut: Immer wieder werden einzelne menschliche Schicksale herangezogen, um die Großartigkeit der Naturerkenntnis zu bezeugen. Für sich allein spricht die Natur auch bei Schrott nicht. Seine Erzählung von der Entstehung der Welt und der Dinge in ihr ist die Summe vieler kleiner Erzählungen von Menschen, die sie entdeckten; es geht um deren persönliche Erwartungen und Sehnsüchte, Frustrationen, Umwege und Erfolge. Auch wenn der Mensch als Erkenntnisgegenstand erst spät im Text erscheint, bezeichnet Schrott sein Buch daher zu Recht als »anthropozentrisch« (26). Die Anthropozentrik ist unausweichlich, weil die Veranschaulichung und Bedeutung der Erkenntnisse von der Natur für den Menschen das Ziel der Darstellung ist. Am Ende ist der Mensch aber nicht nur Adressat der poetischen Bilder, sondern wird selbst erst im Durchgang durch die Naturerkenntnis zu dem, was er ist:

»das humane mir gerettet das haben einsichten ins wesen der natur« (500).

Offen bleibt dabei allerdings, welches Humane hier gemeint ist und worin es besteht. In dem Kontext, in dem das Zitat steht, wäre es ein Humanes, das wir mit den frühesten, Hunderte von Jahrmillionen alten Säugetieren teilen: Wesen mit einem harten Gaumen und Nasengang, der ein Atmen beim Saugen ermöglicht, und einem verbesserten Geruchs- und Hörsinn für ein nachtaktives Leben.

Schrotts erzählerisches Langgedicht vom Wissen der Naturwissenschaften führt direkt von den Berichten der Wissenschaftler zur Poesie. Funktion der Dichtung ist dabei die Feier des Gegenstandes: Poetry is praise, Dichtung ist Rühmen – diesem Diktum Shelleys und Rilkes folgt Schrott in seiner Darstellung der Naturwissenschaften und ihrer Inhalte. Er leistet auf diese Weise zweifellos in manchen Fällen einen Beitrag zur »Akkulturation der Naturwissenschaften«,[10] d.h. zur Übersetzung des abstrakten naturwissenschaftlichen Wissens in lebensweltlich verstehbare und bedeutungsvolle Bilder. Diese Übersetzungsleistung scheint wichtig und notwendig, besonders in der gegenwärtigen Situation, in der die Natur- und Lebenswissenschaften in dem Maße an Einfluss auf die Lebenswelt gewinnen, in dem sie sich in ihren Modellen und Praktiken von dieser Lebenswelt entfernen. Um »das humane zu retten«, reicht es nur sicher nicht aus, »einsichten ins wesen der natur« durch Dichtung anschaulich werden zu lassen. Um naturwissenschaftliches Wissen zu verstehen und einordnen zu können, es in seinen Voraussetzungen und seiner Reichweite zu beurteilen, bedarf es anderer Wissenschaften, die in Schrotts Langgedicht keine Erwähnung finden.

In einem Gespräch schildert Schrott seine »Überraschung« darüber, dass auch die naturwissenschaftlichen Daten noch nicht die ganze Geschichte liefern, sondern sie sich »immer konfiguriert in kulturellen Konstrukten« finden, etwa der Idee des Urknalls, die schon bei Augustinus zu finden sei. Es gebe »keine Möglichkeit Strukturen zu denken, die nicht bereits in unserem kulturellen Repertoire vorhanden sind. Erstellt werden diese jedoch von der Kunst, der Dichtung, der Philosophie oder der Religion«.[11] Die Experten für diese Fragen finden sich nicht in den Naturwissenschaften, sondern es sind Historikerinnen und Literaturwissenschaftler, Wissenschaftsgeschichtler und Philosophinnen – nicht die Gesprächspartner, die Schrott sich suchte. Er zieht es vor, von Naturwissenschaftlern zu lernen und sich von ihnen die Geschichte so erzählen zu lassen, als ob es ein »kulturelles Repertoire« nicht gäbe und alle Erzählungen direkt aus den empirischen Daten strömten. Seine Dichtung zehrt von der Selbstdarstellung und vom kulturellen Kapital der Naturwissenschaften, ist diesen damit aber auch in ihrer Geschichtsvergessenheit und intentio recta ausgeliefert. Religiös aufgeladen ist der Text daher auch insofern, als die Dichtung als Offenbarung erscheint und sich damit vom Geist des Gegenstandes entfernt, den sie feiert: den Naturwissenschaften, deren Kern nicht Ursprungssuche ist, sondern Kritik und Revision.

Am Ende sei aber auch zugegeben, dass es ein schwieriges und geradezu paradoxes Unterfangen war, dem sich Schrott verschrieben hat. Denn die Radikalität und Überzeugungskraft der Naturwissenschaften erwächst ja gerade daraus, nicht im Hinblick auf Anschaulichkeit und Bedeutung ›für uns‹ konzipiert zu sein, sondern ganz im Gegenteil noch das für uns Liebste und Teuerste – Liebe, Moral und Kunst – zu entkulturalisieren und als evolutionär stabile Verhaltensstrategien zu deuten. Diesem methodischen Reduktionismus begegnet Schrott nicht mit der Suche nach Bildern, sondern mit einem Bekenntnis zu Glaube und Hoffnung:

»ich glaube nicht nur nicht an das einzelne – ich hoffe das gegenteil besteht: das solidarische in dem ein ich gänzlich aufgeht ⸳  das ist die antwort auf den tod: von sich abzusehen ⸳  allem ringsum eine beachtung zu schenken sich in unpersönliches einzudenken und den blick auszudehnen das ich auszublenden   sich an die natur und menschen zu binden an das worum wir uns sorgen: nur so leben wir in anderem weiter in einem kollektiv an dem wir sosehr anteil nehmen wie teilhaben« (94).

[1] Charles Darwin: On the Origin of Species, 2. Aufl. London 1860, S. 490.

[2] Raoul Schrott: Erste Erde. Epos, München 2016, S. 94. Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Werk. Vgl. auch Thomas Nagel: Das letzte Wort, Stuttgart 1999, S. 191.

[3] Raoul Schrott im Gespräch mit Annegret Arnold, ausgestrahlt am 14.6.2013 im Bayrischen Rundfunk.

[4] Raoul Schrott im Gespräch mit Gerd Folkers und Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 22.10.2016.

[5] Im Gespräch mit Annegret Arnold (s. Anm. 3).

[6] Die Erstausstrahlung erfolgte von September 2011 bis Juni 2016.

[7] Georg Lukács: Die Theorie des Romans (1920), Darmstadt 1971, S. 51.

[8] Raoul Schrott: Sokratische Dialoge [Gespräch mit Klaus Mecke und Aura Heydenreich am 14. Mai 2012], in: Physik und Poetik. Produktionsästhetik und Werkgenese. Autorinnen und Autoren im Dialog, hg. v. Aura Heydenreich und Klaus Mecke, Berlin 2015, S. 228–261, hier S. 261.

[9] Im Gespräch mit Gerd Folkers und Roman Bucheli.

[10] Michael Hagner und Hans-Jörg Rheinberger: Die Zukunft der Geisteswissenschaft und die Wissenschaftsgeschichte, in: Wissenschaftsgeschichte und Geschichtswissenschaft. Aspekte einer problematischen Beziehung. Wolfgang Küttler zum 65. Geburtstag, hg. v. Stefan Jordan und Peter Th. Walther, Waltrop 2002, S. 17–23, hier S. 21.

[11] Im Gespräch mit Gerd Folkers und Roman Bucheli.

Der Philosoph und Biologe Georg Toepfer leitet am ZfL gemeinsam mit Stefan Willer den Forschungsschwerpunkt »Lebenswissen«.

Sein Beitrag ist der zweite Teil einer Reihe von Einlassungen zu Raoul Schrotts Erste Erde. Epos aus den jeweiligen Perspektiven der drei Forschungsschwerpunkte am ZfL, »Weltliteratur«, »Lebenswissen« und »Theoriegeschichte«. Für die »Weltliteratur« hat sich bereits Mona Körte geäußert, für die »Theoriegeschichte« folgt demnächst Eva Geulen.