Eva Geulen: FÜR DIE EINZELSPRACHLICHKEIT DER LITERATUR. Nebenbemerkung zum jüngsten Streit um die Germanistik

Daß gepfleget werde / Der feste Buchstab, und Bestehendes gut / Gedeutet. Das ist aus der letzten Strophe von Hölderlins »Patmos« (Nah ist / und schwer zu fassen … etc.). Die Hymne schließt mit: Dem folgt deutscher Gesang. Was daraus zu Zeiten gemacht wurde und wie schlecht es gedeutet wurde, ist bekannt. Es gibt also gute Gründe zu fragen: Hat das irgendetwas mit uns heute, unseren politischen und medialen Umwelten und Umbrüchen zu tun? Darf man so anfangen, oder auch: so weitermachen? Haben wir Germanisten, vor allem die der vorangegangenen Generation, nicht hart an der Befreiung unseres Faches aus den Verstrickungen der Nationalphilologie einschließlich aller Idealismen, Romantizismen, Nationalismen gearbeitet? Und ist Hölderlin nicht auch irgendso’n Toter und so überforscht wie die Nordsee überfischt? „Eva Geulen: FÜR DIE EINZELSPRACHLICHKEIT DER LITERATUR. Nebenbemerkung zum jüngsten Streit um die Germanistik“ weiterlesen

Matthias Schwartz: ZUKUNFTSUTOPIEN UND WELTRAUMTRÄUME. Sozialistische Science-Fiction-Filme aus dem Osten Europas

Wenn die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin dieses Jahr ihre Retrospektive unter dem Titel »Future Imperfect« dem Science-Fiction-Film widmen, dann lässt sich dies auch als ein Beitrag zum anstehenden 100. Jahrestag der Oktoberrevolution sehen. Denn schaut man sich die auf der Berlinale präsentierten Filme aus dem sozialistischen Osten Europas heute an, dann ist das auch – wie Boris Groys in Hinsicht auf unsere »postkommunistische Situation« schreibt – ein Blick zurück aus einer neoliberalen Welt der »offenen, heterogenen und pluralistischen Märkte« auf das Projekt einer »universalistischen, aber geschlossenen Gemeinschaft«, die noch lange an der Möglichkeit einer »perfekten Zukunft« festhielt.
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Claude Haas: VERSTÖRUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jauß

Hauptsturmführer und Ordensträger

Zu leugnen gibt es schon seit über zwanzig Jahren nichts mehr. Hans Robert Jauß, der vielleicht bedeutendste, ganz sicher aber der wirkmächtigste deutsche Romanist nach 1945 war ein hoch dekoriertes Mitglied der Waffen-SS. Im Auftrag der Universität Konstanz, zu deren Gründungsprofessoren Jauß 1966 gehörte, hat der Potsdamer Militärhistoriker Jens Westemeier vor einigen Monaten eine umfassend dokumentierte Studie über seine Nazikarriere, seine Gefangenschaft und seinen späteren Umgang mit der eigenen Vergangenheit nach 1945 vorgelegt (Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung, Konstanz University Press, 2016). Jauß’ SS-Biographie ist nun also geradezu amtlich. „Claude Haas: VERSTÖRUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jauß“ weiterlesen

Wolfgang Schivelbusch: DER WICHTIGSTE SATZ, DER MIR JE GESTRICHEN WURDE

Auf der Titelseite der Ausgabe vom 17. April 2003 illustrierte die New York Times den amerikanischen Blitzsieg im Irak mit diesem Bild amerikanischer Generäle an Saddam Husseins Prunktisch (Foto: David K. Dismukes). Da damals gerade die amerikanische Ausgabe meines Buches über die Kultur der Niederlage erschienen war, kam vom Redakteur der Op-Ed-Seite der Times die Einladung, einen Beitrag zum Thema des Sieges im Irak zu schreiben. Mir schien das Bild der zur Gruppenaufnahme an Saddam Husseins Prunktisch versammelten Generäle kommentierenswert; und zwar als Teil der ikonographischen Tradition der Unterzeichnung von Kapitulations- und Friedensverträgen in den letzten zwei Jahrhunderten. Zu dieser Tradition gehörten der Wiener Kongress, die Unterzeichnung der Kapitulation der amerikanischen Südstaaten, der Versailler Vertrag, und zuletzt die deutsche und die japanische Kapitulation 1945.

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Eva Geulen: STREIT UND SPIEL

Von den vielen Vorwürfen an die Adresse der Geisteswissenschaften trifft derjenige ins Herz unserer Fächer, der behauptet, dass wir das Streiten verlernt haben und diskussionsmüde den Konsens suchen. Wenn die Diagnose wirklich zutreffen sollte, dass wir uns nicht mehr streiten können oder wollen, dann wäre das in der Tat ein Armutszeugnis. Denn wir sind es doch, die sich Kritik und Dissens auf die Fahnen geschrieben haben. Deshalb und weil es in unseren Kontexten zwar gute und weniger gute Argumente gibt, aber keinen letzten Beweis, ist der Streit so etwas wie unser Lebenselixier. „Eva Geulen: STREIT UND SPIEL“ weiterlesen