Stefan Willer: Zum »Europäischen Jahr des Kulturerbes« (I): KULTUR ALS ERBE

2018 ist das »Europäische Jahr des Kulturerbes«. Mit dem Begriff ›Kulturerbe‹ bezeichnet die Europäische Kommission »kulturelle und kreative Ressourcen materieller oder immaterieller Art, deren Wert für die Gesellschaft öffentlich anerkannt wurde, damit sie für künftige Generationen bewahrt werden.« Damit wird einmal mehr ein Verständnis von kulturellem Erbe bekräftigt, das mit der am 16. November 1972 verabschiedeten World-Heritage-Konvention der Unesco international verbindlich wurde. Darin verpflichtet sich jeder Unterzeichnerstaat zu »Erfassung, Schutz und Erhaltung in Bestand und Wertigkeit des in seinem Hoheitsgebiet befindlichen […] Kultur- und Naturerbes« sowie zu dessen »Weitergabe an künftige Generationen« (Artikel 4). „Stefan Willer: Zum »Europäischen Jahr des Kulturerbes« (I): KULTUR ALS ERBE“ weiterlesen

Eva Geulen/Ernst Müller: REDEN ZUR VERLEIHUNG DES CARLO-BARCK-PREISES AN KEVIN LIGGIERI

Am 31. Januar fand am ZfL die Verleihung des Carlo-Barck-Preises an Kevin Liggieri statt. Liggieri erhielt den Preis für seine Dissertation Zur Kultur- und Begriffsgeschichte der ›Anthropotechnik‹. Eine Untersuchung programmatischer Diskurse zwischen ›Menschenzucht‹ und ›Menschenbehandlung‹.

Wir dokumentieren hier die beiden Reden von Eva Geulen und Ernst Müller anlässlich der Preisverleihung.

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Alexander Friedrich: UNTERM RETTUNGSSCHIRM

Dass Rettungsschirme Vorrichtungen sind, mit denen Großschuldner vorm Bankrott bewahrt werden, ist uns spätestens seit der jüngsten Finanzkrise bekannt. Zwar war die Redeweise durchaus länger schon gebräuchlich: So zitiert bereits der Spiegel 1988 den französischen Industrieminister, dass der kriselnde Staatskonzern Renault »sich nicht länger mehr auf den Rettungsschirm des Staates verlassen«[1] könne. Unschwer lässt sich hier die Metapher eines Fallschirms erkennen, der den Absturz verhindern soll, trägt doch der entsprechende Beitrag den Titel »In den Abgrund«. In der Finanzkrise, dreißig Jahre später, erlangt der »Rettungsschirm« allerdings eine eigentümlich schillernde Mehrdeutigkeit. Von welcher Art Schirm war da die Rede, der zunächst »aufgespannt«  und kurz darauf »erweitert« werden sollte (oder auch nicht) und alsbald zu etwas wurde, worunter man »schlüpft« oder »flüchtet«, sich »quetscht«,  bisweilen sogar »gedrängt« wird, obwohl nicht mehr viele »darunter passen«? „Alexander Friedrich: UNTERM RETTUNGSSCHIRM“ weiterlesen

Judith Elisabeth Weiss: FORMWANDERUNGEN. Bemerkungen zur Ausstellung »Form Follows Flower. Moritz Meurer, Karl Blossfeldt und Co.«

Form Follows Flower bildet den Auftakt einer Reihe von Ausstellungen, mit denen das Kunstgewerbemuseum in Berlin aktuell sein 150-jähriges Jubiläum feiert und auf seine Anfänge zurückblickt. Im Zentrum der Schau steht das Reich der Flora, deren Formenvielfalt das erschöpfte Kunstgewerbe um 1900 zum Blühen bringen sollte. Der Ausstellungstitel als Paraphrase des wegweisenden Gestaltungsleitsatzes »form follows function« verweist auf die Pflanzenform im Dienste der Kunstform. Die Aufrufung der Blume in diesem Zusammenhang mutet allerdings ein wenig windschief an, denn mit deren kultur- und geistesgeschichtlichen Implikationen – wie wir sie etwa aus der Frühen Neuzeit mit der ikonografisch gepflegten Rose, Lilie oder Nelke, der Romantik mit ihrer symbolischen Überhöhung der blauen Blume oder der heutigen Gartenkultur mit ihren gezüchteten Zierpflanzen kennen – hat die Ausstellung wenig zu tun. Die Exponate verdeutlichen vielmehr, wie das Register der Pflanze zum Zweck der Kunsterneuerung gezogen wurde. Gewächse, die sich hierzu eigneten waren Mutterkraut und Silberdistel, Stinkende Nieswurz und Feuersalbei, Frauenflachs und Glockenblume, glattrandige und gezackte Blätter, Hagebutten und Akanthus und viele mehr: eine Feier der einfachen Form.

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Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT – Berlins Fernsehturm

Am 3. Oktober begeht der 1969 eingeweihte Berliner Fernsehturm seinen Jahrestag [Abb. 1: Berliner Fernsehturm, im Vordergrund das Deutsche Historische Museum]. Seit einigen Jahren wird hier in dem auf 207 m Höhe gelegenen Drehrestaurant Sphere, ehemals Tele-Café, das »Einheits-Menü« aus kulinarischen Ost- und West-Spezialitäten serviert. Dass das einstige Wahrzeichen der DDR nach dem Mauerfall rasch zum Symbol des wiedervereinten Deutschlands avancierte, verdankt es nicht allein seinem heutigen Betreiber, der Deutschen Telekom, die mit eindrucksvollen Außenverkleidungen der Turmkugel zu besonderen Anlässen auch für Deutschland wirbt. Es ist die in der Tradition von Kugelbauten stehende sphärische Konstruktion selbst, die eine architektonische Vision gesellschaftlicher Einheit verkörpert. „Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT – Berlins Fernsehturm“ weiterlesen

Philip van der Eijk / Uta Kornmeier: ÜBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN

Unsere wichtigsten Informationsquellen zur antiken Medizin sind Texte und Artefakte, archäologische und anthropologische Überreste (wie etwa Skelette, mumifiziertes menschliches Gewebe, Nahrungsreste oder Spuren von Lebensgewohnheiten). Im Laufe der Zeit sind jedoch viele dieser Belege durch Feuereinwirkung oder Verfall aufgrund ungünstiger Umweltbedingungen, oder auch, weil die Zeugnisse verlegt wurden und nicht mehr auffindbar waren, verloren gegangen oder stark beschädigt worden. Um herauszufinden, wie Menschen in der antiken Welt über die Seele und den Körper dachten und wie sie es mit Gesundheit und Krankheit hielten, müssen Medizin- und Philosophiehistoriker deshalb Detektivarbeit leisten: Auf der Basis fragmentarischen Materials gilt es, relevante Hinweise aufzuspüren und die Vergangenheit zu rekonstruieren. Vergegenwärtigt man sich dabei, dass einige Quellen mehr als 2.000 Jahre alt sind, ist es erstaunlich, wie genau die vorfindbaren Informationen sein können und wie nahe wir damit an die Vorstellungen antiker Menschen herankommen können. „Philip van der Eijk / Uta Kornmeier: ÜBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN“ weiterlesen

Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK

Vor kurzem noch hatte an dieser Stelle der Ratschlag gestanden, wir Geisteswissenschaftler sollten uns, anstatt uns gegenüber dem Vorwurf, wir seien streitmüde geworden, in Harnisch zu werfen, lieber »weniger um uns selbst und mehr um Gegenstände kümmern.« Während im Doktorandenzimmer des ZfL noch darüber gegrübelt wurde, ob man sich besser mehr oder besser weniger streiten solle, worüber man streiten müsse oder nicht dürfe, warum man das Streiten verlernt oder nie erlernt habe, wie man sich in den Streit einbringen oder sich aus ihm heraushalten könne und weshalb es für unsere Generation (die der gegenwärtig Studierenden) schwieriger oder auch einfacher sei mit dem Streiten als für die vorangegangenen – während dieser Überlegungen also wurde der gute Ratschlag von ganz anderer Seite vom Tisch der Germanistik gefegt. Jetzt wird gestritten, und es wird sich dabei wenig um die Gegenstände des Fachs, dafür umso mehr um das Fach selbst gekümmert. Erisapfel ist die »Relevanz«. „Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK“ weiterlesen

Hanna Hamel: ENTUNTERWERFUNG. Zum Verhältnis von Literatur und Kritik in Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« anlässlich einer »Krise der Germanistik«

Die kürzlich entflammte Diskussion über eine »Krise der Germanistik« hat einen ihrer Funken aus Michel Houellebecqs jüngstem Roman Unterwerfung (Soumission, 2015) geschlagen.[1] Roman und Autor sind als Auslöser kontroverser und polemischer Diskussionen bekannt, wenn auch bislang nicht unbedingt über gesellschaftliche Funktion und Strahlkraft der Deutschen Philologie. Aber tatsächlich geht es schon auf Seite 13 der deutschen Übersetzung um die Literaturwissenschaft:

»Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier mit einem sehr ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalten; die über 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf.«[2]

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Insa Braun: DIE UNFÜGSAMKEIT, ICH ZU SAGEN

Nachdem Martin Doerry im Spiegel die Krise der Germanistik wiederbelebt hat,[1] bleibt unklar, ob es diese jemals gegeben hat, immer schon gab oder ob wir es hier mit einem Zombie des Feuilletons zu tun haben. Der Artikel zeugt zunächst einmal von einer enttäuschten Erwartung an die Germanistik, die dem Fach eine merkwürdige Potenz zuschreibt. Nur gut, dass die Historiker dieser Erwartung nachkommen, denn bei ihnen werden noch »die großen Fragen der Zeit diskutiert«.[2] Doerry hat sich offensichtlich mehr von den Literaturwissenschaftlern erwartet.
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