Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT – Berlins Fernsehturm

Am 3. Oktober begeht der 1969 eingeweihte Berliner Fernsehturm seinen Jahrestag [Abb. 1: Berliner Fernsehturm, im Vordergrund das Deutsche Historische Museum]. Seit einigen Jahren wird hier in dem auf 207 m Höhe gelegenen Drehrestaurant Sphere, ehemals Tele-Café, das »Einheits-Menü« aus kulinarischen Ost- und West-Spezialitäten serviert. Dass das einstige Wahrzeichen der DDR nach dem Mauerfall rasch zum Symbol des wiedervereinten Deutschlands avancierte, verdankt es nicht allein seinem heutigen Betreiber, der Deutschen Telekom, die mit eindrucksvollen Außenverkleidungen der Turmkugel zu besonderen Anlässen auch für Deutschland wirbt. Es ist die in der Tradition von Kugelbauten stehende sphärische Konstruktion selbst, die eine architektonische Vision gesellschaftlicher Einheit verkörpert. „Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT – Berlins Fernsehturm“ weiterlesen

Philip van der Eijk / Uta Kornmeier: ÜBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN

Unsere wichtigsten Informationsquellen zur antiken Medizin sind Texte und Artefakte, archäologische und anthropologische Überreste (wie etwa Skelette, mumifiziertes menschliches Gewebe, Nahrungsreste oder Spuren von Lebensgewohnheiten). Im Laufe der Zeit sind jedoch viele dieser Belege durch Feuereinwirkung oder Verfall aufgrund ungünstiger Umweltbedingungen, oder auch, weil die Zeugnisse verlegt wurden und nicht mehr auffindbar waren, verloren gegangen oder stark beschädigt worden. Um herauszufinden, wie Menschen in der antiken Welt über die Seele und den Körper dachten und wie sie es mit Gesundheit und Krankheit hielten, müssen Medizin- und Philosophiehistoriker deshalb Detektivarbeit leisten: Auf der Basis fragmentarischen Materials gilt es, relevante Hinweise aufzuspüren und die Vergangenheit zu rekonstruieren. Vergegenwärtigt man sich dabei, dass einige Quellen mehr als 2.000 Jahre alt sind, ist es erstaunlich, wie genau die vorfindbaren Informationen sein können und wie nahe wir damit an die Vorstellungen antiker Menschen herankommen können. „Philip van der Eijk / Uta Kornmeier: ÜBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN“ weiterlesen

Germanistik in der Kontroverse

Drei Promovendinnen des ZfL beziehen Stellung:

Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK

Hanna Hamel: ENTUNTERWERFUNG. Zum Verhältnis von Literatur und Kritik in Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« anlässlich einer »Krise der Germanistik«

Insa Braun: DIE UNFÜGSAMKEIT, ICH ZU SAGEN

Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK

Vor kurzem noch hatte an dieser Stelle der Ratschlag gestanden, wir Geisteswissenschaftler sollten uns, anstatt uns gegenüber dem Vorwurf, wir seien streitmüde geworden, in Harnisch zu werfen, lieber »weniger um uns selbst und mehr um Gegenstände kümmern.« Während im Doktorandenzimmer des ZfL noch darüber gegrübelt wurde, ob man sich besser mehr oder besser weniger streiten solle, worüber man streiten müsse oder nicht dürfe, warum man das Streiten verlernt oder nie erlernt habe, wie man sich in den Streit einbringen oder sich aus ihm heraushalten könne und weshalb es für unsere Generation (die der gegenwärtig Studierenden) schwieriger oder auch einfacher sei mit dem Streiten als für die vorangegangenen – während dieser Überlegungen also wurde der gute Ratschlag von ganz anderer Seite vom Tisch der Germanistik gefegt. Jetzt wird gestritten, und es wird sich dabei wenig um die Gegenstände des Fachs, dafür umso mehr um das Fach selbst gekümmert. Erisapfel ist die »Relevanz«. „Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK“ weiterlesen

Hanna Hamel: ENTUNTERWERFUNG. Zum Verhältnis von Literatur und Kritik in Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« anlässlich einer »Krise der Germanistik«

Die kürzlich entflammte Diskussion über eine »Krise der Germanistik« hat einen ihrer Funken aus Michel Houellebecqs jüngstem Roman Unterwerfung (Soumission, 2015) geschlagen.[1] Roman und Autor sind als Auslöser kontroverser und polemischer Diskussionen bekannt, wenn auch bislang nicht unbedingt über gesellschaftliche Funktion und Strahlkraft der Deutschen Philologie. Aber tatsächlich geht es schon auf Seite 13 der deutschen Übersetzung um die Literaturwissenschaft:

»Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier mit einem sehr ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalten; die über 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf.«[2]

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Insa Braun: DIE UNFÜGSAMKEIT, ICH ZU SAGEN

Nachdem Martin Doerry im Spiegel die Krise der Germanistik wiederbelebt hat,[1] bleibt unklar, ob es diese jemals gegeben hat, immer schon gab oder ob wir es hier mit einem Zombie des Feuilletons zu tun haben. Der Artikel zeugt zunächst einmal von einer enttäuschten Erwartung an die Germanistik, die dem Fach eine merkwürdige Potenz zuschreibt. Nur gut, dass die Historiker dieser Erwartung nachkommen, denn bei ihnen werden noch »die großen Fragen der Zeit diskutiert«.[2] Doerry hat sich offensichtlich mehr von den Literaturwissenschaftlern erwartet.
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Eva Geulen: FÜR DIE EINZELSPRACHLICHKEIT DER LITERATUR. Nebenbemerkung zum jüngsten Streit um die Germanistik

Daß gepfleget werde / Der feste Buchstab, und Bestehendes gut / Gedeutet. Das ist aus der letzten Strophe von Hölderlins »Patmos« (Nah ist / und schwer zu fassen … etc.). Die Hymne schließt mit: Dem folgt deutscher Gesang. Was daraus zu Zeiten gemacht wurde und wie schlecht es gedeutet wurde, ist bekannt. Es gibt also gute Gründe zu fragen: Hat das irgendetwas mit uns heute, unseren politischen und medialen Umwelten und Umbrüchen zu tun? Darf man so anfangen, oder auch: so weitermachen? Haben wir Germanisten, vor allem die der vorangegangenen Generation, nicht hart an der Befreiung unseres Faches aus den Verstrickungen der Nationalphilologie einschließlich aller Idealismen, Romantizismen, Nationalismen gearbeitet? Und ist Hölderlin nicht auch irgendso’n Toter und so überforscht wie die Nordsee überfischt? „Eva Geulen: FÜR DIE EINZELSPRACHLICHKEIT DER LITERATUR. Nebenbemerkung zum jüngsten Streit um die Germanistik“ weiterlesen

Matthias Schwartz: ZUKUNFTSUTOPIEN UND WELTRAUMTRÄUME. Sozialistische Science-Fiction-Filme aus dem Osten Europas

Wenn die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin dieses Jahr ihre Retrospektive unter dem Titel »Future Imperfect« dem Science-Fiction-Film widmen, dann lässt sich dies auch als ein Beitrag zum anstehenden 100. Jahrestag der Oktoberrevolution sehen. Denn schaut man sich die auf der Berlinale präsentierten Filme aus dem sozialistischen Osten Europas heute an, dann ist das auch – wie Boris Groys in Hinsicht auf unsere »postkommunistische Situation« schreibt – ein Blick zurück aus einer neoliberalen Welt der »offenen, heterogenen und pluralistischen Märkte« auf das Projekt einer »universalistischen, aber geschlossenen Gemeinschaft«, die noch lange an der Möglichkeit einer »perfekten Zukunft« festhielt.
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Claude Haas: VERSTÖRUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jauß

Hauptsturmführer und Ordensträger

Zu leugnen gibt es schon seit über zwanzig Jahren nichts mehr. Hans Robert Jauß, der vielleicht bedeutendste, ganz sicher aber der wirkmächtigste deutsche Romanist nach 1945 war ein hoch dekoriertes Mitglied der Waffen-SS. Im Auftrag der Universität Konstanz, zu deren Gründungsprofessoren Jauß 1966 gehörte, hat der Potsdamer Militärhistoriker Jens Westemeier vor einigen Monaten eine umfassend dokumentierte Studie über seine Nazikarriere, seine Gefangenschaft und seinen späteren Umgang mit der eigenen Vergangenheit nach 1945 vorgelegt (Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung, Konstanz University Press, 2016). Jauß’ SS-Biographie ist nun also geradezu amtlich. „Claude Haas: VERSTÖRUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jauß“ weiterlesen

Wolfgang Schivelbusch: DER WICHTIGSTE SATZ, DER MIR JE GESTRICHEN WURDE

Auf der Titelseite der Ausgabe vom 17. April 2003 illustrierte die New York Times den amerikanischen Blitzsieg im Irak mit diesem Bild amerikanischer Generäle an Saddam Husseins Prunktisch (Foto: David K. Dismukes). Da damals gerade die amerikanische Ausgabe meines Buches über die Kultur der Niederlage erschienen war, kam vom Redakteur der Op-Ed-Seite der Times die Einladung, einen Beitrag zum Thema des Sieges im Irak zu schreiben. Mir schien das Bild der zur Gruppenaufnahme an Saddam Husseins Prunktisch versammelten Generäle kommentierenswert; und zwar als Teil der ikonographischen Tradition der Unterzeichnung von Kapitulations- und Friedensverträgen in den letzten zwei Jahrhunderten. Zu dieser Tradition gehörten der Wiener Kongress, die Unterzeichnung der Kapitulation der amerikanischen Südstaaten, der Versailler Vertrag, und zuletzt die deutsche und die japanische Kapitulation 1945.

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