Insa Braun: WRESTLING UM WAHRHAFTIGKEIT: Clemens Setz und Christian Kracht

Innerhalb nur eines Jahres haben sich zwei Autoren im deutschsprachigen Literaturbetrieb öffentlich zu Wort gemeldet und der Literaturkritik wie der Literaturwissenschaft eine Lehre erteilt: Christian Kracht und Clemens Setz. Die beiden Reden sollten wir uns merken.

Als Literaturwissenschaftlerin wünscht man sich, dass der Gegenstand nicht die Art des wissenschaftlichen Zugriffs diktiert. Schwierig wird es, wenn ein sehr lebendiger und sprachgewandter Autor meint, ein Wörtchen im Umgang mit seinen Texten mitzureden zu haben und sich selbst zum Gegenstand der wissenschaftlichen und feuilletonistischen Debatten macht. Dieses Problem tut sich nach dem postmodernen Tod des Autors vor allem auf, wenn Autor*innen gebeten werden, nicht aus ihrem Werk, sondern über ihr Werk zu lesen. Das geschieht im heutigen Literaturbetrieb recht häufig, denkt man an all die Poetikdozenturen im deutschsprachigen Raum oder Vorträge und Dankesreden im Rahmen von Literaturpreisverleihungen.

Im Sommersemester 2018 folgt dem Ruf auf die Frankfurter Poetikdozentur niemand Geringerer als Christian Kracht. Er, der sich laut Spiegel Online, »nur in seltenen Momenten öffentlich zu persönlichen Äußerungen hinreißen ließ, die aber nie als wahr gelten konnten, kamen sie doch immer noch von Kracht, dessen sture Ironie oftmals besser keinen Glauben zuließ.« Er, »dessen Schüchternheit offensichtlich keine Attitüde ist«, so Christoph Schröder auf ZEIT ONLINE, und der seiner »halbironische[n] Koketterie« etwas folgen ließ, das Schröder »nur mit dem Wort ›bewegend‹ umschreiben« kann. Kevin Kempke und Miriam Zeh »graust« es im Merkur nach dem Frankfurter Auftritt bereits vor »biographistischen Lesarten, die Krachts Texte beflissentlich nach Traumaspuren absuchen«, nur um im gleichen Atemzuge zu betonen, dass er mit seinen Poetikvorlesungen »den langersehnten biographischen Schlüssel zu seinem Werk« präsentiert habe.

Kracht konfrontiert sein Publikum mit dem Bericht über Missbrauchserfahrungen in seiner Kindheit und Jugend. Und das ist so grausam, dass niemand mehr wagt zu behaupten, es handele sich hierbei um Ironie. Ein lang gehegter Wunsch des Feuilletons ist erfüllt: Endlich gibt Kracht Einblicke in das Leben des Mannes hinter dem Autor, der uns mit Romanen wie Faserland, Imperium oder Die Toten beglückt hat. Aber warum sind wir so schnell bereit, uns erklären zu lassen, wie wir zu lesen haben? Kracht selbst spielt in seinen Frankfurter Vorlesungen mit dieser Erwartungshaltung des Publikums. In einer so hochgradig inszenierten Situation wie der Frankfurter Poetikvorlesung müssen wir davon ausgehen, dass die Autor*innen am Rednerpult eine Autorenrolle spielen. Hinweise für diese Deutung liefert Kracht selbst: Er entlässt das Publikum mit dem Hinweis, dass alles, was sich zu ernst nehme, reif für die Parodie sei. Das Feuilleton stöhnt: Hatte man sich gerade noch gefreut, einen Lektüreschlüssel zu Krachts Werk vom Autor selbst erhalten zu haben, wird einem der sichere Boden der Interpretation schon wieder unter den Füßen weggezogen. Doch alles nur Ironie?

Als Clemens Setz die Auftaktrede zu den diesjährigen Literaturtagen in Klagenfurt hält, stellt er den Begriff Kayfabe vor, der uns das, was in Frankfurt passiert ist, ein wenig näher erläutern kann – und nicht nur das. Die Rede hinterlässt die Literaturwissenschaft blass vor Neid angesichts einer ebenso glücklichen wie kreativen Begriffsaneignung:

Im Herzen der Wrestlingwelt wohnt ein Begriff, der uns, dem Literaturvolk, paradoxerweise mehr über das zu erzählen vermag, worum es in den nächsten vier Tagen hier gehen wird, als alle anderen Begriffe, die ich mir denken kann, mehr über das Geschichtenerzählen an sich und dessen Verhältnis zum persönlichen Alltag und zur politischen Realität und sogar mehr über die Rollenbilder, in die wir, vielleicht von übergeordneten Instanzen, schon seit der Geburt gezwungen wurden. Es ist ein Begriff, der, wenn man ihn erst einmal erlernt hat, sofort zu einem unvermeidlichen und essentiellen Werkzeug der Weltwahrnehmung wird: Kayfabe.

Unter Kayfabe, so Setz, verstehe man im Wrestling die »Wahrung der vierten Wand«, eine absolute Illusionswahrung. Kayfabe sorge dafür, dass wir nur die Rolle sehen und nicht den Menschen hinter der Rolle. Aber der Druck der Illusionswahrung führe auch dazu, dass der Wrestler oder die Wrestlerin sich immer mehr mit der Rolle identifiziere. Diese werden im Verlauf ihrer Karriere immer mehr zu der Rolle, die sie ursprünglich aus beruflichen Gründen einmal spielen sollten, und vergessen dabei ihren Taufnamen wie einst Don Quijote, »der ja eigentlich der Señor Alonso Quijano war«. Was aber steht auf dem Spiel, wenn Akteur*innen und Rezipient*innen im Literaturbetrieb, im Wrestling und in der Politik nicht mehr unterscheiden können zwischen Rolle und Realität?

Gefährlich wird es, wenn mit der Vermischung von Fiktion und Realität ein Machtmissbrauch einhergeht. Diesen macht Setz beispielsweise im Falle des Schauspielers Kevin Spacey aus, der auf gegen ihn erhobene Missbrauchsvorwürfe mit einem Video reagierte, in dem er mal als Kevin Spacey und mal in seiner Rolle als Frank Underwood aus House of Cards spricht. Das Video trägt den Titel »Let Me Be Frank«, was auf Deutsch so viel heißt wie »Lassen Sie mich ehrlich sein«, gleichzeitig aber auch genau die von Setz beschriebene Rollenvermischung verdeutlicht: »Lassen Sie mich Frank sein«. Ohne die Missbrauchsvorwürfe konkret anzusprechen, versucht Spacey seine Unschuld darzustellen – in seiner Rolle des skrupellosen Politikers Underwood. So wäscht er sich etwa direkt in der ersten Szene die Hände. Dann appelliert er an die Vernunft und Klugheit des Zuschauers:

I told you my deepest, darkest secrets, I showed you exactly what people are capable of, I shocked you with my honesty, but mostly I challenged you and made you think. And you trusted me, even though you knew you shouldn’t.[1]

Wer immer ehrlich gewesen sei, habe nicht auf einmal Grund zu lügen, suggeriert Spacey und verschmilzt Underwood und Spacey: »It’s never that simple, not in politics and not in life.« Unredlich bleibt es, komplexe Sachverhalte für das eigene Programm zu simplifizieren und instrumentalisieren, vor allem wenn die Sachverhalte einer juridischen Aufarbeitung obliegen und nicht ausschließlich auf Basis von Selbstaussagen beurteilt werden können. Spacey lud das Video auf Youtube nur wenige Tage vor Beginn der ersten Gerichtsanhörungen zu den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen hoch.

Die Plattform Youtube lebt von solcher Selbstinszenierung. Es fallen einem ad hoc weitere Beispiele ein: Viele Youtube-Blogger*innen arbeiten mit genau dieser Rollenvermischung, bewerben Schminke in der Rolle der großen Schwester oder der besten Freundin, richten sich bescheidene WG-Zimmer ein, die in Wirklichkeit nur Studios in einer weitaus größeren Wohnung sind, die sie sich dank guter Klickzahlen leisten können. Stöbert man durch die Kommentarspalten solcher Videos, entdeckt man oft den Satz »Du bist so authentisch« als Qualitätssiegel. Soll heißen: »Du bist wie ich«, egal, ob Du es tatsächlich bist oder nur so tust – ich lasse mich gern täuschen.

Dies ist der springende Punkt: Authentizität. Wer sich authentisch gibt, dem wird geglaubt. Setz versteht eine »solche tragische, roboterhafte Vermischung von Fiktion und Realität« immer schon als Zeichen »für zweierlei Verirrungen: übergroße Macht und Isolation – und, meist damit einhergehend, fehlende Selbstkritik und ein nachlassender, sich selbst allmählich zersetzender Verstand.« Die Isolation, das Kreisen um sich selbst, die Geschlossenheit der Bühne laufen Gefahr, sich »in den beschriebenen strange loops der Kayfabe und der Selbstverwechslung« zu verirren. »Ihr wisst gar nicht mehr, wer euch schreibt«, diktiert Setz auch uns lakonisch.

Christian Kracht spielt mit dieser Authentizitätsgläubigkeit. Wenn er seine erste Vorlesung und den öffentlichen Bericht seines Missbrauchs mit der Aussage einfängt, dass sich alles, was sich zu ernst nehme, der Parodie überliefere, ist davon auszugehen, dass hier ein Spiel mit uns gespielt wird. Zur Debatte stehen nicht die Bewertung, die juridische und emotionale Aufarbeitung eines Missbrauchs. Diskutieren sollten wir allerdings Krachts Spiel mit einer ›absoluten Authentizität‹, die so weit reicht, dass er keine Kameras und Tonaufnahmen in Frankfurt duldet. Eine bessere Werbung als diese Form der (zumindest vorläufigen) Exklusivität gibt es nicht. Diese absolute Authentizität kann aber – wie im Wrestling – letztlich auch nur wieder eine Rolle sein. Nachdem der Literaturkritiker Christoph Schröder schließlich alle Vorlesungen von Kracht gehört hat, rudert er zurück und bekennt:

Die Realitätsebene, in der wir uns befinden, bleibt auch bei Kracht stets uneindeutig. Die erste, natürliche und empathische Reaktion auf die tatsächlich in Inhalt und Form bewegende Offenlegung seiner Missbrauchserfahrung: Hinter diese Erzählung kann Christian Kracht nicht mehr zurück. Sie muss und wird zukünftig sein Werk und seine Rezeption bestimmen, gerade weil er selbst diese Fährte so dezidiert gelegt hat. Aber stimmt das? Kracht beschloss seine Poetikvorlesung mit einer Reihe von Gedichten des 1997 verstorbenen Allen Ginsberg. Seinetwegen, so Kracht, und wegen Maine und Kalifornien, lebe er heute in den USA. Seine Vorlesung trug den Titel Emigration. Es hatte den Anschein, als sei die lange Rezitation am Ende ein Signal dafür gewesen, das Biografische zurück ins Literarische zu führen; in ein Gebiet, in dem die Realitäten verschwimmen und es keine eindeutigen Wahrheiten gibt.

Krachts Hinweis auf das Parodistische all dessen, was sich selbst zu ernst nehme, zeugt von einem ironischen (und damit per se reflektierten) Umgang mit der Literatur und dem sie umgebenden Literaturbetrieb. Er provoziert mit Ernsthaftigkeit und setzt sich selbst der Parodie und damit der Kritik aus. Literatur bietet Möglichkeiten, keine Wahrheiten an.

Was für die Literatur und die Selbstdarstellung im Literaturbetrieb gilt, ist nicht einfach übertragbar. Wer reale Macht- und Missbrauchsstrukturen mit und in einer Rolle zu übergehen versucht, ist weder ironisch noch reflektiert. Clemens Setz’ Verdienst in Klagenfurt liegt darin zu zeigen, wie einfach und wie gefährlich es ist, sich von Kayfabe einlullen zu lassen. Die Reden von Setz und Kracht verhalten sich komplementär: Während Kracht mit einer absoluten Authentizität spielt, legt Setz mit dem Hinweis auf die Gefahr einer absoluten Rolle, der Vermischung von Fiktion und Realität unter dem Siegel der Authentizität nach. Er warnt damit die Autor*innen davor, sich in ihrer eigenen Rolle zu wohl zu fühlen und in ironiefreie Selbstbetrachtung und Ästhetizismus zu verfallen. Und er betont, dass die Rezipient*innen immer die Wahl hätten, das Illusionsangebot anzunehmen oder auszuschlagen.

Der Clou ist so banal wie gewitzt: In einem immer undurchsichtiger werdenden Komplexitätszirkus sehnen wir uns nach Authentizität und Wahrhaftigkeit, nach den alten Erzählmustern von gut und böse, nach einer Welt, in der news noch news und nicht potenziell immer schon fake news sind. Diese Sehnsucht lässt uns Krachts Inszenierung für bare Münze nehmen, lässt uns glauben, nun hätten wir verstanden, wie wir Kracht zu lesen hätten, denn ein geschlossener Illusionsraum oder – um den immer mitschwingenden Brecht’schen Gedanken einmal beim Namen zu nennen – ein geschlossener Bühnenraum, die geschlossene vierte Wand scheint uns eine Sicherheit zu geben, nach der wir uns sehnen. Kayfabe ist ja um so vieles bequemer.

[1] Vgl. die Beiträge im Spiegel und in der Welt.

 

Die Literaturwissenschaftlerin Insa Braun arbeitet am ZfL an einer Dissertation mit dem Titel Reden über Lyrik.