Franziska Thun-Hohenstein: LEIDTRAGENDE KÖRPER

Warlam Schalamow (1907–1982) ist der einzige Schriftsteller in der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts, der dem Körpergedächtnis für sein eigenes Schreiben wie für das menschliche Gedächtnis an sich besonderen Stellenwert beimaß. Nahezu all seine überlieferten Prosatexte und Gedichte sind nach den vierzehn Jahren Gefangenschaft in den Lagern der Kolyma-Region, am Kältepol der Erde, verfasst worden. Alles, was er dort, am »Pol der Grausamkeit« des GULag durchleben musste, hat sich unauslöschlich in sein Gedächtnis wie in seinen Körper eingebrannt. Die Goldgrube der Kolyma, in der die Häftlinge bei Temperaturen bis zu minus 55 Grad arbeiten mussten, ließ den Überlebenden zeitlebens nicht los. Seinen eigenen Erfahrungen entnahm Schalamow ein neues, erschreckendes Wissen über die Verfasstheit des Menschen, über »das Gesetz des Verfalls« ebenso wie über »das Gesetz des Widerstands gegen den Verfall«. Dieses Wissen mit literarischen Mitteln gegen das Vergessen wachzuhalten, hieß vor allem eines: »Wichtig ist das Wiedererwecken des Gefühls.« Eben dieses Heraufholen des damaligen Gefühls ist für ihn die Garantie von Wahrhaftigkeit.

Schalamows bezeugendes Schreiben, seine von ihm selbst so bezeichnete »neue Prosa«, steht – nach Auschwitz, Kolyma und Hiroshima – im Zeichen von Gedächtnis und Erinnerung. In Prosatexten wie in Gedichten vermag das Gedächtnis Unterschiedliches – es bewahrt, quält, schmerzt, schreit, aber es verblasst auch, stirbt ab, verbirgt, ist unzuverlässig oder lügt. Dabei unterscheidet Schalamow zwischen einem mentalen Gedächtnis und dem Gedächtnis des Körpers. Immer wieder aufs Neue lotet er die Relation zwischen beiden aus. Zusammenfassend formuliert er in einem Brief:

Alles wird an der Seele überprüft, an ihren Wunden, alles wird am eigenen Körper überprüft, an seinem Gedächtnis, das in den Muskeln, in den Armen sitzt und manche Episoden wieder auferweckt. Ein Leben, an das man sich mit dem ganzen Körper erinnert, nicht nur mit dem Gehirn. Diese Erfahrung ans Licht zu bringen, wo das Gehirn dem Körper zur unmittelbaren realen Rettung dient und der Körper wiederum dem Gehirn, in dessen Windungen er Sujets aufbewahrt, die man besser vergessen sollte.

Die negativen Erfahrungen und Empfindungen – die Kälte, die Schläge, die harte physische Arbeit – haben den Körper des Lagerhäftlings deformiert, traumatisiert, sie sind in ihm eingekapselt. Der geschundene Körper des Überlebenden trägt das Leid für immer in sich, wird zum Erinnerungszeichen an das Böse. Für Schalamow sind die eigenen Gefühle die Basis der angestrebten Authentizität seiner Prosa: »Das Gefühl muss zurückkommen und die Kontrolle durch die Zeit, den Wandel der Wertungen besiegen.« Um das Gefühl im poetischen Wort »wiedererwecken« und das Trauma gleichsam von innen aufsprengen zu können, denkt er vom Körpergedächtnis her. Geradezu programmatisch bekräftigt er im Gedicht »Das Gedächtnis« (1957), das Hirn könne und wolle nicht bewahren, was die Muskeln, die Haut, das Gedächtnis der Finger, das Gedächtnis der Schultern wüssten. Aus dieser Überzeugung speist sich nicht nur die mit vielen physiologischen Metaphern und Bildern angereicherte Sprache der Erzählungen aus Kolyma, sondern auch ihr starkes gestisches Moment.

Oftmals berichtet ein Erzähler über Veränderungen, die der Mensch unter den inhumanen Bedingungen des Lagers an sich selbst registriert; Veränderungen, denen er sich entgegenzustemmen sucht, obgleich seine schwindenden Kräfte ihn diesen Kampf vielfach verlieren lassen. Unaufhaltsam erscheinen auch die Deformation des Gehirns, der Verlust des Gedächtnisses und der Sprache. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Deformation des Körpers bzw. von Körperteilen, insbesondere der Hände, die durch Kälte, Hunger und Schwerstarbeit ihre natürliche, menschliche Gestalt verloren und sich gleichsam in ein bloßes Anhängsel jenes Arbeitsgeräts verwandelten, das den Menschen zu einem Arbeitssklaven degradierte. Beide Hände, stellt die Hauptfigur in »Typhusquarantäne« (1959) nüchtern fest, hatten sich »auf die Dicke des Schaufel- oder Hackengriffs gekrümmt und waren, so schien es Andrejew, für immer erstarrt«. Die Quarantänestation – wie auch die Krankenstation – bedeutet für den Häftling eine Ruhepause, die Möglichkeit, eine zumindest partiell einsetzende ›Wiederbelebung‹ seines Körpers zu beobachten, so dass in ihm die Hoffnung auf den Erhalt seines Körpers keimt und er sich um diesen zu sorgen beginnt. Mehr noch, einzig dem Körper wird die Fähigkeit zugeschrieben, Andrejew am Leben zu erhalten:

[D]er Körper wird ihn nicht betrügen. […] Alle Rechtfertigungen, die das Hirn sucht, sind verkehrt, sind falsch, und Andrejew wußte das. Nur der von der Grube geweckte animalische Instinkt kann ihm einen Ausweg zeigen und zeigt ihn schon.

Allein der im buchstäblichen Sinne leidtragende Körper ist Träger einer Erfahrung, die das Überleben – und damit auch das Bewahren des neuen Wissens über die Abgründe des Menschen – zwar nicht sichert, aber doch befördern kann. Im Gegensatz dazu gibt es, wie etwa im Gedicht »Wunsch«, auch eine andere, rigorose Geste: den Wunsch, es einem »Selbstverstümmler« gleich zu tun und sich von den abgefrorenen Gliedmaßen zu befreien. In solchen Szenen will es scheinen, als könne der Häftling seine Unerschrockenheit – im Leben wie im anklagenden Sprechen – erst entwickeln, wenn sein Körper nichts mehr zu verlieren und der Phantomschmerz die Übermacht gewonnen hat.

Folgt man Schalamows Selbstaussagen, so erprobte er die performative Macht des »wiederbelebten« Wortes gleichsam an sich selbst. Beim Schreiben spreche er immer mit sich selbst, »schreie, drohe, weine«. Seine Erzählungen gehorchten, notierte er, jeweils einem ganz bestimmten Rhythmus, ja Muskelgesetzen. Schalamow hegte keine Zweifel daran, dass er in den Erzählungen aus Kolyma eine neue Poetik gefunden habe, mit deren Hilfe er die Erinnerungen und Gefühle des Überlebenden aus den Tiefen seiner Seele und seines Körpers hochzuholen und ihnen neuen Raum zu geben vermochte.

 

Die Slawistin Franziska Thun-Hohenstein leitet am ZfL das von der DFG geförderte Projekt Das Leben schreiben. Warlam Schalamow: Biographie und Poetik. Sie ist Herausgeberin der deutschen Werkausgabe Schalamows bei Matthes & Seitz Berlin, der auch sämtliche Zitate entnommen sind. Ihr Beitrag wurde ursprünglich für das Programmheft von Timofej Kuljabins Inszenierung »Am Kältepol. Erzählungen aus dem Gulag vom Warlam Schalamow« am Münchner Cuvilliéstheater (Nr. 12, 2017/18) geschrieben.