Barbara Picht: VON PREDIGERN UND MINERALWASSERVERKÄUFERN. Zu Valentin Groebners kleiner Begriffsgeschichte von Reinheit

Wer redet von der Reinheit? Eine kleine Begriffsgeschichte, heißt Valentin Groebners neuestes Buch. Knapp 100 Seiten umfasst das 2019 im Passagen Verlag erschienene Bändchen, und es geht dem Luzerner Historiker darin weniger um Geschichte als um unsere Gegenwart. Er attestiert ihr große Faszination für eine Vorstellung, die wir mit religiösem Denken leicht, mit einer ›entzauberten‹ und säkularisierten Welt aber schon schwerer in Verbindung bringen. Und doch, so die spannende Beobachtung Groebners, ist Reinheit auch heute allgegenwärtig, »und zwar als ein erstrebenswertes, wunderbares, schlechthin unwiderstehliches Ideal« (S. 20).

Dass Reinheit eine schmutzige Sache sei, ist für Groebner dabei ausgemacht. Viel Arbeit werde aufgewendet, um den kulturellen Code ›Reinheit‹ wirksam werden zu lassen, und viel Unreines müsse dafür als Gegenbild beschworen werden. Dieser Logik folgten bereits die Reinheitserzählungen der europäischen Bettelorden des 13. und 14. Jahrhunderts. Der unbefleckte Körper des Erlösers wurde in Gestalt der geweihten Hostie allen Teufeln und Dämonen entgegengehalten. Zugleich diente die Transsubstantiationslehre dem Kampf gegen weit irdischere Gegner: Von jüdischen Hostienschändern und Brunnenvergiftern handelten die ›schmutzigen‹ Kontrasterzählungen. Sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Im Namen der Reinheit wurden nicht Wenige zum Tode verurteilt.

Das Schmutzige an den Reinheitserzählungen bleibt der rote Faden in Groebners Buch, in dem es sonst bisweilen etwas sprunghaft zugeht. So werden unter der Überschrift »Reine Ursprünge« sowohl die ›reine Alpenmilch‹ aus der Schokoladenwerbung als auch Wagners Opern-Libretti verhandelt. Im zweiten Kapitel zu »reinen Körpern« stehen Überlegungen zu ›bio‹ und ›halal‹ recht unvermittelt neben den »besonderen Körpern von besonderen Frauen«, und es erschließt sich nicht leicht, warum es dann erst noch einmal um Hostienschändungen geht. Die Passage über die Jungfrau Maria fügt sich dafür umso besser unter diese Überschrift. Der dritte Teil des Buches wendet sich dann der »reinen Anschauung« zu und betrachtet die Haltung der Schweizerinnen und Schweizer zur Migration ebenso wie die Werbestrategien des Mineralwasserverkäufers Evian.

Dieses Verfahren hat durchaus etwas Ansteckendes: Man beginnt selbst zu überlegen, wo uns überall Reinheitserzählungen begegnen, die uns bestenfalls verführen sollen, etwas zu kaufen, mit denen aber auch Fremdenfeindlichkeit gerechtfertigt wird. Die politischen Implikationen des Reinheitsbegriffs sind offensichtlich Groebners stärkste Motivation, unseren Blick für die Strategien der Reinheitsapologeten zu schärfen. Mit der Rede von den reinen Dingen – daran lässt er keinen Zweifel – verfolgten sie stets ihre eigenen, mehr oder minder unlauteren Interessen. Mit Reinheit wird Geld und Politik gemacht.

So ist die Neugierde auf Reinheit schnell geweckt. Doch zugleich entsteht der Eindruck, dass hier erst der Auftakt gemacht wurde für die Erforschung eines Themas, das sich in dem schmalen Bändchen natürlich nicht erschöpft. Von sich selbst sagt Groebner, er finde es als Historiker verlockend, über den andauernden Erfolg des Begriffs im 21. Jahrhundert nachzudenken. Doch vor lauter berechtigtem Zorn über die Motive der Reinheitsverkünder verliert er die Gründe für die Wirksamkeit von Reinheitserzählungen mitunter etwas aus dem Blick. Wir erfahren einiges darüber, wie die Rede von der Reinheit auch im 21. Jahrhundert noch funktioniert. Sie stellt eine Ordnung her, durch die sehr klar wird, was zu bejahen, zu bestätigen, zu erstreben ist. Das wiederum stiftet ein Gemeinschaftsgefühl unter jenen, die sich den ›reinen‹ Dingen verpflichten. Reinheit ist der Kampfbegriff, der gegen alle gerichtet werden kann, die sich solcher Verpflichtung entziehen, sich ihr entgegenstellen oder denen Recht oder Fähigkeit abgesprochen wird, den Reinheitsgläubigen anzugehören. Denn dass Reinheit auch im 21. Jahrhundert noch etwas mit Glaube zu tun hat, ist für Groebner klar. Wer da glaubt, sind allerdings in seinen Augen nicht diejenigen, die uns von Reinheit erzählen. Sondern wir sollen glauben, dass ein Duschgel rein aus grüner Olive besteht, wir uns durch den Genuss eines Mineralwassers aus den französischen Alpen selbst reinigen oder den sozialen Frieden nur wahren können, wenn wir Zuwanderung beschränken. Um uns für solche Tricks die Augen zu öffnen, betont Groebner immer wieder, dass es Reinheit nicht gibt. Sie sei eine fingierte Erzählung, ein Zauberwort, ein Darstellungsschema, eine imaginierte Kategorie, ein Ordnungsbegriff, ein Code:

»Reinheit ist durch ihre Knappheit, ihre fragile Natur und ihr Bedrohtsein definiert. Sie ist imaginär, flüchtig und arbiträr, und genau diese Unbestimmtheit macht sie so universell anwendbar.« (S. 39)

Warum aber zieht uns ein Zauberwort derart in seinen Bann? Weshalb hat dieser Code – immer noch – so große Anziehungskraft? Wie können wir zulassen, dass eine Chimäre unser soziales Normensystem mitbestimmt? Groebner orientiert sich an Mary Douglas’ maßgeblicher Studie Purity and Danger, wenn er Konzepte von Reinheit als Instrumente ansieht, die Wahrnehmungen systematisieren und innerhalb einer Gemeinschaft synchronisieren sollen (S. 22 f.). Dann ist aber andererseits nicht viel damit gewonnen, Reinheit als eine Fiktion zu entlarven. Denn vieles von dem, was »Ordnung schaff[t] in der sozialen Welt« (S. 32), lässt sich empirisch nicht auffinden: das Gute, das Schlechte, die Gerechtigkeit, die Freiheit. Das weiß Valentin Groebner, der zu den Autoren der Zeitschrift für Ideengeschichte gehört, natürlich selbst. Bleibt zu hoffen, dass er der Frage, weshalb Reinheit unverzichtbar zu sein scheint, weiter nachgeht, obwohl sie seiner Meinung nach angesichts all der gelehrten Kritik an ihr eigentlich längst auf die »Mülldeponie gewandert sein müsste, in der andere Großbegriffe aus dem 18. und 19. Jahrhundert schon lange liegen, von ›Rasse‹ bis ›Volksgeist‹« (S. 22). Bedeutet das, dass wir sie ersetzen sollen – und können? Läuft Groebners gelehrte Kritik darauf hinaus, für einen anderen Code zu werben, der in der sozialen Welt des 21. Jahrhunderts der ›Reinheit‹ den Platz streitig machen könnte? Das hieße vermutlich, vom Begriffshistoriker zu viel zu verlangen. Doch es bleibt der Wunsch, den anhaltenden Erfolg von Reinheitsvorstellungen nicht nur vor Augen geführt zu bekommen und ihre Problematik ein weiteres Mal beschrieben zu sehen, sondern mehr darüber zu erfahren, welcherart die Ideale sind, die sich in der Longue durée und über politische und soziale Zeitenwechsel hinweg behaupten können. Und was genau behauptet sich da eigentlich? Hat Reinheit in den Predigten der Dominikaner des 13. Jahrhunderts wirklich dieselbe Bedeutung und Funktion wie auf den Werbeplakaten 800 Jahre später? Und sind grundsätzlich allen Idealvorstellungen, die symbolische Ordnungssysteme stiften, dieselben Vorwürfe zu machen wie der Reinheit? Wie gesagt: das Interesse ist geweckt. Aber der »kleinen Begriffsgeschichte« kann sehr gerne eine ausführlichere folgen.

Die Historikerin Barbara Picht ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Theorie und Konzept einer interdisziplinären Begriffsgeschichte«.