Jana Lubasch, Halina Hackert, Ruth Hübner: »Umwuchtungen«. DIE WECHSELVOLLE GESCHICHTE DER ZfL-BIBLIOTHEK

Für Jorge Luis Borges ist die Bibliothek Ort unermesslichen Wissens und Metapher für die Unendlichkeit.[1] Umberto Eco beschreibt sie in Der Name der Rose als einen Raum voller Kräfte, als Schatzhaus voller Geheimnisse. Mögen sich die Bibliotheken über die Jahrhunderte auch einen Teil dieses Zaubers bewahrt haben, sind sie heute mehr denn je moderne Informationseinrichtungen in einer digitalen Gesellschaft. Vor allem in großen wissenschaftlichen Bibliotheken ist dieser Wandel spürbar; als Dienstleistungsunternehmen ist ihre Atmosphäre von Betriebsamkeit und Anonymität geprägt. Kleinere Institutsbibliotheken hingegen haben sich stärker einen Teil des Magischen bewahren können. In gewisser Weise verfügen sie über eine besondere Atmosphäre, einen »spirit«, geformt von dem Ort selbst und den dort anwesenden Menschen.[2]

Auch in der Bibliothek des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) liegt ein ganz besonderer Bücherduft in der Luft, in dem die Zeit konserviert scheint. Die Geschichte dieser Bibliothek ist geprägt von etlichen Brüchen und Umbrüchen und spiegelt damit, gleichsam als Gedächtnis ihrer wechselnden Trägereinrichtungen, nicht zuletzt auch deutsch-deutsche Geschichte wider.

Gründung

Abb. 1

Es lässt sich keine genaue Geburtsstunde der Bibliothek ausmachen. Vielmehr hat sie – wie das im Zuge der Reform der Akademie der Wissenschaften der DDR aus dem Institut für deutsche Sprache und Literatur hervorgegangene Zentralinstitut für Literaturgeschichte, aus dem sich seinerseits das ZfL entwickelt hat – eine längere Vorgeschichte. Dabei war die Geschichte der Bibliothek bis zum Ende der DDR eng an die Akademie gebunden. Den Grundstock ihres Bestandes bildete die Sammlung des Instituts für deutsche Sprache und Literatur (IDSL), das 1952 an der Akademie gegründet wurde und vor allem in den ersten Jahren als wichtiger Ort der gesamtdeutschen Germanistik galt (Abb. 1). Neben der zentralen Institutsbibliothek, die ihren Sitz in der Otto-Nuschke-Straße 22/23 (heute Jägerstraße) hatte, existierten verstreute Buchbestände, die unmittelbar zu den verschiedenen Forschungsvorhaben gehörten. Wer heute in der ZfL-Bibliothek stöbert, stößt deshalb in den Büchern auch auf Stempel ehemaliger Vorhaben wie Goethe-Ausgabe, DAW / Arbeitsstelle Literaturtheorie oder Goedekes Grundriß. Die gesamten Bestände des IDSL von etwa 50.000 Bänden wurden Ende der 1960er Jahre unter der Leitung von Dietlinde Wolf in die Bibliothek des neugegründeten Zentralinstituts für Literaturgeschichte (ZIL) integriert und mussten dafür nicht einmal die Räume wechseln.

Abb. 2

Gleichwohl markierte die Gründung des ZIL am 15. August 1969 einen Neubeginn auch für die Bibliothek, da nach einer Übergangsphase die inhaltliche Ausrichtung nun vor allem in Hinblick auf übergreifende literaturgeschichtliche Forschungen erfolgte. So wurden auch aus anderen Einrichtungen der Akademie wie dem Institut für Slavistik und dem Institut für romanische Sprachen und Kultur weitere Bestände übernommen – auch diese sind in Form von Buchstempeln noch immer präsent (Abb. 2). Fortan arbeiteten neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Germanistik, Slawistik, Polonistik, Romanistik, Hispanistik, Anglistik und Amerikanistik auch solche aus der Philosophie, Ästhetik, Geschichte, Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte. Bis heute ist der Bestand deshalb interdisziplinär und komparatistisch angelegt.

Schon damals gehörte zu den Aufgaben der Bibliothek die Auswahl, Beschaffung, Katalogisierung und Systematisierung von Literatur entsprechend dem Forschungsprofil. Es ist allerdings fraglich, wie gut die etwa 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts bereits zu Beginn mit ihrem wichtigsten Arbeitsmittel versorgt werden konnten, da sie sich zunehmend neuen Forschungsfeldern zuwandten und von den unvollendeten Vorhaben des IDSL allem Anschein nach nur die Georg-Forster-Ausgabe im ZIL weitergeführt wurde. Ein Bibliotheksbenutzer der ersten Stunde erinnert sich, dass er häufig in die Staatsbibliothek und die Bibliothek der Humboldt-Universität ausgewichen ist, um an die benötigte Forschungsliteratur zu kommen. Auch beschrieb er die Bibliothek als räumlich beengt und nicht sehr nutzerfreundlich, da es keinen Lesesaal gab.

Der Aufbau der Bibliothek entsprach der Struktur des ZIL, das in fünf Forschungsbereiche aufgeteilt war. Die Kataloge der einzeln aufgestellten Bereiche wurden relativ uneinheitlich nach den Preußischen Instruktionen geführt. An den Bestandszahlen der Anfangsjahre lässt sich erkennen, dass erhebliche Büchermengen beispielsweise in Form von Nachlässen in die Bibliothek gelangten und eingearbeitet werden mussten. Es bedarf nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie aufwändig diese Arbeiten waren, denn tatsächlich mussten dabei auch stets große Mengen aussortiert werden. So dauerte die vollständige Erschließung der vielen Teilbestände bis weit in die 1980er Jahre hinein.

Umzüge

Abb. 3

Unter den Büchern, die die ZIL-Bibliothek vom Institut für deutsche Sprache und Literatur übernommen hat, befand sich auch die wegweisende germanistische Dissertation Bauformen des Erzählens von Eberhard Lämmert (Abb. 3). Das bereits 1955 publizierte Buch wurde 1966 über die Universitätsbuchhandlung für 24,50 (Ost-)Mark bezogen, erhielt eine Zugangsnummer und wurde mit einem gelben Lenkerband-Signaturschild versehen. 30 Jahre später wurde Eberhard Lämmert Gründungsdirektor des Zentrums für Literaturforschung. Verfolgt man den Weg seines Buches von der Otto-Nuschke-Straße über die Jägerstraße bis zur Schützenstraße im heutigen Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, lässt sich daran auch die Entwicklung der Bibliothek nachzeichnen, die damals nur eingeschränkt für ein Fachpublikum zugänglich war. Ende der 1970er Jahre zog das Lämmert-Buch zusammen mit rund 67.600 anderen in die Otto-Nuschke-Straße 10/11. Aber nur ein kleiner Teil der Bücher konnte dort in einem Lesesaalbereich aufgestellt werden, der Großteil befand sich in einem geschlossenen Magazin, zu dem nur das Bibliothekspersonal Zugang hatte. Für jeden Buchwunsch musste man einen Leihschein ausfüllen.

Mit dem Ortswechsel ging eine Zentralisierung des Bestandes und damit eine aktivere Nutzung einher, was die jährliche Ausleihzahl von rund 2.800 Medien belegt. Wenige Jahre später mussten die Beschäftigten dann wieder Kisten packen: Nicht ganz freiwillig zogen im Jahr 1983 das ZIL sowie das Zentralinstitut für Sprachwissenschaft und das Zentralinstitut für Philosophie an den nördlichen Stadtrand von Berlin. Der schmucklose Plattenbau in der Prenzlauer Promenade war von diplomatischen Vertretungen abgelehnt und deshalb der Akademie zur Verfügung gestellt worden. Fernab von der City und den zentralen Berliner Bibliotheken wuchs die Bedeutung der Institutsbibliothek, die sich zunehmend zu einer funktionstüchtigen Fachbibliothek entwickelte.

Ein Vorteil des neuen Standortes war, dass der größte Teil des Bestandes nun in einem offenen Freihandmagazin mit Lesesaal aufgestellt werden konnte. Auch ermöglichte die andauernde umfassende Vereinheitlichung und Revision der Kataloge einen besseren Zugang zum ständig wachsenden Buch- und Zeitschriftenbestand. Aufgrund eines gesicherten Bibliotheksetats konnten die für die Forschungsarbeit benötigten Bücher und Zeitschriften weitgehend angeschafft werden, dazu gehörte – wie das Buch von Eberhard Lämmert – eingeschränkt auch die sogenannte NSW-Literatur, also Literatur aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet. Zudem wertete eine freundliche Büchergabe der französischen Botschaft den Romanistikbestand der Bibliothek auf. Trotz alledem blieb der Zugang zu westlicher Literatur aufgrund von Devisenkontingenten und Zensurbestimmungen begrenzt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden dennoch Mittel und Wege, die begehrten Bücher in die Hand zu bekommen, indem sie beispielsweise für den am ZIL herausgegebenen Referatedienst zur Literaturwissenschaft schrieben und darüber Rezensionsexemplare ergatterten oder private Kontakte zur Literaturbeschaffung nutzten. Sie hatten als Angehörige der Akademie außerdem die Möglichkeit, sich Westbücher‹ an die ZIL-Adresse schicken zu lassen, auch wenn diese oft verspätet eintrafen und zum Teil der Bibliothek übereignet werden mussten. Und natürlich gab es den berüchtigten Giftschrank im Keller des Hauses, in dem aber nur eine relativ geringe Anzahl von Büchern lagerte, die von der allgemeinen Benutzung ausgeschlossen war. Dazu gehörten Werke von Ernst Jünger, Leo Trotzki, Wolf Biermann und Alexander Solschenizyn. Diese Titel waren nur mit einer Sondergenehmigung in den Räumen der Bibliothek nutzbar. Alles in allem war die ZIL-Bibliothek für DDR-Verhältnisse aber recht gut mit Literatur aus der BRD und dem westlichen Ausland ausgestattet.

Neuanfang

Abb. 4

Der größte Einschnitt erfolgte durch das Ende der DDR und die nachfolgende Abwicklung des Zentralinstituts für Literaturgeschichte im Jahr 1991. Doch bedeutete dies erstaunlicher- und glücklicherweise nicht die Auflösung der Bibliothek. Sie blieb zunächst für eine Übergangszeit von vier Jahren erhalten: als Arbeitsinstrument des Forschungsschwerpunkts Literaturforschung, der 1992 auf Empfehlung des Wissenschaftsrats von der Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben mbH unter Betreuung der Max-Planck-Gesellschaft gegründet wurde (Abb. 4). Anfänglich arbeiteten 25 positiv evaluierte ehemalige ZIL-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in neu zusammengesetzten Projekten weiter in den Räumen der Prenzlauer Promenade. Vordringliche Aufgabe der Bibliothek blieb die Unterstützung der Projektarbeit, doch um der neuen Forschungslage gerecht zu werden, mussten zunächst Bestandslücken geschlossen werden. Dies gelang aufgrund der Flexibilität als Spezialbibliothek mittlerer Größe und des zunehmenden Einsatzes der EDV immer besser. Nach und nach verstummte das Klappern der Schreibmaschinen, und auch wenn diese Umstellung für die eine oder andere Bibliotheksmitarbeiterin schmerzhaft war, war sie doch unvermeidlich.

Das große Engagement Eberhard Lämmerts für die Gründung des Zentrums für Literaturforschung schloss in der schwierigen Phase der Neuorientierung und bei der Suche nach einer geeigneten zentralen Unterkunft ausdrücklich auch immer das Fortbestehen der Bibliothek mit ein. Nach seinem beherzten Einsatz für den neuen Standort des Instituts inklusive Bibliothek in der Jägerstraße 10/11 war eine wahre Herkulesaufgabe zu bewältigen. Die Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben hatte zur Bedingung gemacht, dass der Bibliotheksbestand von etwa 105.000 Bänden auf 30.000 reduziert werden müsse. Diese Entscheidung hat nicht nur die Herzen der damaligen Bibliothekarinnen bluten lassen. Eberhard Lämmert hat die Verkleinerung der Bibliothek als eine krasse Zumutung beschrieben, die eine fast völlige Zerlegung der Bestände und eine Neufassung aller Namen-, Standort- und Sachkataloge zur Folge hatte.[3] Auch personell gab es große Einschnitte, da die bisherigen acht zur Verfügung stehenden Bibliothekarstellen auf nunmehr drei (heute nur noch zwei) gekürzt wurden.

Ende 1995 bezog das Zentrum für Literaturforschung schließlich die neuen Räume  – mit der Bibliothek im Erdgeschoss. Nach dem Umzug wurde die Chance genutzt, die Bibliothek grundlegend neu zu organisieren. Mit Hilfe der damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Justus Fetscher (heute Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Mannheim) und Eckart Goebel (heute Professor für Deutsche Philologie und Komparatistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen) wurde verstärkt an einer systematischen Aufstellung gearbeitet, Bücher mühevoll umsigniert und gleichzeitig die Titel in den Computer übertragen.[4] Justus Fetscher erinnert sich an den Prozess des Aussortierens:

»Die sachliche Wucht der Arbeit, die ich zu tun hatte, war die einer Umwuchtung. Es galt, die Bestände der Instituts-Bibliothek so klein zu machen, dass sie in das neue Domizil des Forschungsschwerpunkts in der Jägerstraße passten. Noch kam es, 1995/96, niemandem in den Sinn, sie seien, als materielle Altlasten, virtuell entbehrlich, sofern und sobald man auf sie im Netz zugreifen könnte. Es half also kein technokratisches Denken noch irgendein Euphemismus, obgleich sich die markante Analogiebildung zum Minuswachstum: ›Plusschrumpf‹ dafür angeboten hätte. Immerhin fanden sich hier und da einfache Teillösungen. Massige Regalmeter von Periodica des Börsenvereins waren entbehrlich, und die wenigen Bücher und Zeitschriften, die sich auf rumänische und bulgarische Kultur, Geschichte und Literatur bezogen, übernahm dankbar ein Leipziger Institut. Mehr Skrupel hatte ich, als ich summarisch flächendeckend angelegte Anthologien des Verlags Volk und Welt beiseitelegte. Und bis heute bedaure ich den Ausschluss eines bebilderten Taschenbuchs zum Leben der Schauspielerin Romy Schneider. Fragwürdige Zensur! Heute wäre es prima Material für einen Power-Point-Vortrag, der unter der Flagge der Performativitätstheorie segelte.«

Und Eckart Goebel beschreibt die bibliothekarische Neuordnung:

»Die ausgezeichnete Bibliothek der Jägerstraße war […] nach dem ›numerus currens‹ geordnet und sollte, nunmehr öffentlich zugänglich, neu nach einer Systematik aufgestellt werden. Diese Systematik war ursprünglich die des anderen von Eberhard Lämmert in Berlin gegründeten Instituts, also des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin: ›ursprünglich‹, weil sich schnell herausstellte, dass die Systematik der AVL nicht glatt auf die Jägerstraße übertragbar war, trotz des großen, aktuellen Bestands an ›West-Büchern‹ im ZfL. Die Neuordnung wurde daher ein kleines Lehrstück der Wiedervereinigung.
Die AVL hatte z. B. kaum russische Bücher in der Originalsprache, weil die berühmte ›Slawistik-Professur‹ nie besetzt worden war. Das ZfL hatte natürlich eine ganze Menge. Auch entsinne ich mich zahlreicher Romane des sozialistischen Realismus mit einprägsamer Umschlagbebilderung, die jetzt kostbare Rara sind. Überraschend war für mich, wie reich der Bestand an französischer und spanischer Literatur war, was natürlich daran lag, dass mit Carlo Barck und Wolfgang Klein die großen Romanisten der DDR am ZfL waren.«

Die Bibliothek des ZfL war danach eine der ersten Bibliotheken Berlins, die ihren Bestand mittels des Datenbanksystems Allegro-C vollständig online präsentieren konnte. Mit seiner frisch vergebenen Signatur EP 0 Lae/Bau wurde das Lämmert-Buch Bauformen des Erzählens nun in neuer Nachbarschaft in der Systematikgruppe Epik aufgestellt.

2006, nur zehn Jahre später, musste das ZfL samt seiner Bibliothek erneut umziehen. Der neue, noch immer aktuelle Standort in der Schützenstraße 18 – im ehemaligen Mossehaus, dem heutigen Mossezentrum – liegt zwar nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt, doch für die Bibliothek war der logistische und personelle Aufwand immens.

Austausch und Inspiration

Trotz anfänglicher Skepsis erwies sich das neue Domizil in jeglicher Hinsicht als ein Glücksfall. Während sich einst in die dunklen und kühlen Bibliotheksräume, von manchem Leser auch Katakomben genannt, gelegentlich sogar die eine oder andere Maus verirrte, sind die aktuellen Räume lichtdurchflutet. Auch der Kontakt zu den Leserinnen und Lesern wurde direkter, da die sogenannte Theke der Bibliothek, die sich früher in einem separaten Glaskasten‹ befand, nunmehr in der Mitte der Bibliothek aufgestellt werden konnte.

Abb. 5

Heute managt die Bibliothek die komplette Literaturversorgung des Zentrums, das seit 2019 als Leibniz-Institut für Literatur- und Kulturforschung zur Leibniz-Gemeinschaft gehört (Abb. 5). Die Erwerbung richtet sich auch weiterhin nach den laufenden Forschungsprojekten. Dadurch verfügt die Bibliothek über einen einzigartigen Bestand, der die wissenschaftliche Entwicklung des ZfL abbildet. Nicht nur sind einige Fachbereiche, wie Religion oder Kulturwissenschaften, in den letzten Jahren enorm angewachsen, es mussten auch Signaturengruppen durch neue Projekte beispielsweise auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften erst geschaffen werden.

Die forschungsunterstützende Aufgabe der Bibliothek hat sich im digitalen Zeitalter gewandelt; zur raschen Bereitstellung aller benötigten Forschungsmaterialien gehört heute der Zugang zu elektronischen Ressourcen. Die Bibliothek ist hier eine wichtige Schnittstelle, wenn es um den systematischen Nachweis digitaler Quellen und um die Verwaltung von Lizenzen geht. Ein besonderes Anliegen der Bibliothek ist die weitere Etablierung von Open Access. Sie arbeitet deshalb aktiv an der 2015 begonnenen freien Veröffentlichung der ZfL-Forschungsergebnisse in digitaler Form auf dem Publikationsserver der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M. Die Kooperation mit der UB Frankfurt wurde im Rahmen des bewilligten DFG-Antrages auf Förderung des Fachinformationsdienstes Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft mit dem Aufbau eines neuen zentralen Webportals avldigital.de und eines fachspezifischen Repositoriums fortgeführt.

Die Geschichte eines halben Jahrhunderts führte die Bibliothek des ZfL in und durch verschiedene Räume und bewegte Zeiten. In ihrem Kern blieb sie stabil und richtete sich doch auch immer wieder neu aus. Nach eigenem Bekunden sehen die Gäste und Beschäftigten des ZfL in ihr nicht nur einen technischen Wissensspeicher, sondern mehr denn je einen Ort des Austauschs und der Inspiration. Eckart Goebel schreibt rückblickend:

»Ich habe in der Bibliothek des ZfL sehr viel über Bücher gelernt, zeitweise allerdings auch einen Horror vor Bibliotheksnutzung entwickelt, der nie ganz gewichen ist (ein Problem in meinem Beruf!). Die habitualisierte Scheu gilt aber nur der ›idée fixe‹ bedrohlich großer Büchermengen ohne Signatur, nicht aber Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Auch nach dem Abschluss der Neuaufstellung blieb mir die Bibliothek […] der liebste Zufluchtsort im ZfL, mit dem ich – neben der gemeinsamen Arbeit mit Herrn Lämmert – meine schönsten Erinnerungen verbinde.«

 

Jana Lubasch, Halina Hackert und Ruth Hübner arbeiten als Bibliothekarinnen am ZfL. Eine frühere Fassung ihres Texts erschien in: Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin (Hg.): Bericht über das Forschungsjahr 2015, Berlin 2016, S. 107–117.

 

[1] Jorge Louis Borges: Borges und Ich, Frankfurt a. M. 1993, S. II: »Die Geräusche der Plaza bleiben zurück, und ich betrete die Bibliothek. Fast körperlich empfinde ich die Schwerkraft der Bücher, den stillen Bereich einer Ordnung, die magisch präparierte und konservierte Zeit.«

[2] Jonas Fansa: Bibliotheksflirt. Bibliothek als öffentlicher Raum, Bad Honnef 2008, S. 25.

[3] Eberhard Lämmert: »Eine Hausbesetzung‹ in der Jägerstraße 10/11«, in: Wolfgang Kreher/Ulrike Vedder (Hg.): Von der Jägerstraße zum Gendarmenmarkt. Eine Kulturgeschichte aus der Berliner Friedrichstadt, Berlin 2007, S. 219–225, hier S. 223.

[4] Justus Fetscher und Eckart Goebel haben ihre Erinnerungen an die ZfL-Bibliothek eigens für diesen Beitrag aufgeschrieben. Sie sind nachzulesen im Wiki der Bibliothek.