Falko Schmieder: ÜBER DEN ABFALL DES MENSCHEN

Wenn der kanadische Publizist Giles Slade seine Studie Made to Break mit der Gegenüberstellung von ägyptischen Herrscherpyramiden und Computerschrottbergen eröffnet,[1] wird damit ein Phänomen zu neuer Kenntlichkeit entstellt, das Leuten, zu deren Sprachschatz der ›Weltraumschrott‹ gehört, schon allzu vertraut geworden ist: der Müll. Im Licht der Pyramiden wird der Müllberg als Grabhügel erkennbar. Die historisch gewachsene Relevanz des Abfallproblems kulminiert in jüngsten theoretischen Versuchen, die Kultur als Ganzes vom Müll her in den Blick zu nehmen. Damit wird ausbuchstabiert, worauf Begriffe wie ›Wegwerfgesellschaft‹ hindeuten: dass Müll nicht nur als Anderes oder Rest der Produktion zu denken ist, sondern in einem viel grundlegenderen Zusammenhang mit dieser steht.

Eine bis heute relevante Pionierarbeit zum Müll ist Michael Thompsons Rubbish Theory.[2] Am Beispiel von Seidenbildern aus dem 19. Jahrhundert zeigt er, wie einstmals Wertloses zur Antiquität wurde und welche sozialen Distinktionen mit der Deklaration einer Sache als Abfall verbunden sind. In seiner Spur lesen neuere soziologische Studien am Müllaufkommen den sozialen Status der ›Entsorger‹ ab: Zeige ihnen deinen Müll, und sie sagen dir, wer du bist. Reich sein heißt auch, etwas wegzuwerfen haben, und was den einen Müll, ist andern Lebensmittel. Nach Thompson ist klar geworden, dass etwas zu Müll nicht allein aufgrund seiner intrinsischen Eigenschaften wird. Eine spezielle Aufgabe der Kulturwissenschaften liegt daher in der Untersuchung der kulturellen und sozialen Codierung von Müll und des historischen Wandels objektbezogener Wertzuschreibungen.[3] Zu Letzterem gehört auch die Kritik von Rückprojektionen des Müllproblems sowie moderner Abfallkategorien in die Geschichte.

Moderner Abfall

›Müll‹ taucht in einschlägigen Lexika erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständiges Stichwort auf.[4] Der heute oft synonym gebrauchte Begriff Abfall begegnete im 18. Jahrhundert vorwiegend in den religiösen und politischen Bedeutungen der Abtrennung oder Abkehr von Gott oder Staat; im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde diese religiöse Dimension zunehmend durch eine politische überlagert und sukzessive verdrängt. Zugleich werden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Stichwort Abfall vermehrt gewerbliche und industrielle Restbestände thematisiert, die die Lemmata seit den 1870er Jahren zu dominieren beginnen. Heute könnte Schillers Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande eine Müllstudie erwarten lassen. Die sprachhistorischen Befunde legen jedenfalls die Annahme nahe, dass es Abfall als allgemeines gesellschaftliches Phänomen und Problem erst seit der Moderne gibt.

Der Übergang zur Konsumgesellschaft bedeutete eine anthropologische Revolution und einen kulturgeschichtlichen Wendepunkt in der Beziehung des modernen Menschen zu den Alltagsdingen. Zugleich erscheint er als ein markanter Moment der Beschleunigung der Abfallgeschichte. Standen frühere Zeiten im Zeichen von Knappheit und Mangel, so wurde unter den fordistischen Bedingungen industrieller Massenproduktion der Absatz von Waren zu einem grundlegenden Problem. Komplementär zum Anwachsen der Warenberge verschwanden mit den Speichern, Kellern, Ställen, Schuppen und Speisekammern Orte dauernder Aufbewahrung und daran geknüpfte Alltagskulturen und Formen des Zeitbewusstseins. Älteren Dingbeziehungen und Werthaltungen wie dem Sparen, Pflegen, Reparieren und Schonen haftete bald das Odium des Rückständigen und Antiquierten oder das Stigma der Armut an. Es entstand der neue Sozialcharakter des Verbrauchers, dem das Wegwerfen von Dingen, die noch funktionsfähig sind, unter den Bedingungen permanenter Innovation und Vermodung zur Selbstverständlichkeit wurde.[5] Der US-amerikanische Publizist Vance Packard lieferte Analysen der Verschleißproduktion (planned obsolescence) und eine Kritik an der zeitgenössischen, auf Kurzlebigkeit abgestellten Kultur, die er das Throwaway Age nannte.[6] Seit den 1970er Jahren rückte dann die sich herausbildende Ökologiebewegung die Kosten des neuen Produktionsregimes in den Blick: drohende Ressourcenknappheit, Umweltschäden und wachsende Entsorgungsprobleme, die sich im Symbol des Müllbergs verdichteten. In ihrem Klassiker Die Grenzen des Wachstums (1972) stellten Dennis Meadows et al. einen grundlegenden Widerspruch zwischen kapitalistischer Wachstumsökonomie und Ökologie fest. Seit der Jahrtausendwende werden unter dem neuen Epochenbegriff des Anthropozäns die sich katastrophisch zuspitzenden Folgen dieses Widerspruchs reflektiert. Die Persistenz des Grundkonflikts zeigt sich am Verhältnis zweier Leitsymbole: dem ins Unendliche weisenden Wachstumspfeil und dem Recycling-Symbol, in dem die kosmologische Idee der ewigen Wiederkehr und das Modell einer natürlichen Kreislaufökonomie fusionieren, die die bürgerliche Gesellschaft faktisch aber hinter sich gelassen hat.

›Überflüssige‹ Menschen

Hinter dem allgemeinen Gegensatz von Pfeillinie und Kreislauf stehen verschiedene soziale Gefällelagen. Giles Slade betrachtet es als ein Erbe des Kolonialismus, dass die rohstoffexportierenden Länder zugleich diejenigen sind, in die die reichen Länder ihren Müll entsorgen. In vielen Ländern fallen Müllkategorien und soziale Klassierungen zusammen. Beispielhaft hierfür stehen die zum Alltagsbild von Buenos Aires gehörenden Cartoneros oder die brasilianischen Catadores. Diese Menschen leben vom Verkauf wiederverwertbarer Reststoffe, die sie auf Müllkippen oder in den Straßen der Großstadt aufgesammelt haben, eine – häufig gesundheitsschädliche – Form der Sicherung der eigenen Existenzgrundlage. Die europäischen Vorfahren der Cartoneros und Catadores waren die Lumpensammler, die Chiffoniers.

Ein neues Phänomen in der jüngeren deutschen Alltagsgeschichte bildet die Erscheinung vornehmlich älterer Menschen, die – ausgerüstet mit Taschenlampen, Greifern und Rollwägelchen – einen Teil ihres Tages damit zubringen, Pfandflaschen zu sammeln oder in Müllbehältern nach Verwertbarem zu suchen. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat diese »Ausgegrenzten der Moderne« als »verworfenes Leben« bezeichnet und im Rahmen einer Kritik der »Flüchtigen Moderne« eine verallgemeinerte Abfalltheorie konzipiert, die die Produktion ›nutzloser‹, ›überflüssiger‹ Menschen einbezieht.[7] In seiner Interpretation von Becketts Endspiel hat Adorno einer solchen Theorie vorgearbeitet:

»Die Alten sind nach dem Maß der gesellschaftlich nützlichen Arbeit, die sie nicht mehr leisten, überflüssig und wären wegzuwerfen. […] Das Endspiel schult für einen Zustand, wo alle Beteiligten, wenn sie von der nächsten der großen Mülltonnen den Deckel abheben, erwarten, die eigenen Eltern darin zu finden. Der natürliche Zusammenhang des Lebendigen ist zum organischen Abfall geworden.«[8]

Ähnliche Überlegungen finden sich zur selben Zeit bei Hannah Arendt. Die entfesselte Dynamik der Technik provoziert ihr zufolge das Schreckbild der Rückverwandlung des Menschen »in eine Art Schaltier«. Für sie hat die moderne Arbeit »gewissermaßen ein unnatürliches Wachstum des Natürlichen selbst entfesselt« – mit der paradoxen Konsequenz, dass des Menschen »wuchernde Fruchtbarkeit schließlich die Welt selbst und die produktiven Vermögen, denen sie ihre Entstehung verdankt, in ihrer Eigenständigkeit bedroht«.[9] Ihre Beobachtung allerdings, dass die Dinge nicht mehr die Menschen überdauern, wird durch neue Arten von Abfall relativiert. Allen voran durch eine, die sich »weder sinnlich wahrnehmen, noch stofflich tilgen, noch zeitlich überleben, sondern nur auf Jahrzehntausende einsperren und bewachen lässt: der Atommüll«.[10] Auf eine andere Art Abfall, die sich als side effect des Fortschritts der Technik ergibt, verweist ex negativo das unscheinbare Label biodegradable. Am Ende könnten es solche quasi unvergänglichen Arten des Abfalls sein, die die dauerhafteste Hinterlassenschaft der Menschheit bilden werden. Bei Günter Grass ist es die – kulturgeschichtlich mit Unrat und Abfall assoziierte – Ratte, die den Nachruf auf den Menschen hält:

»Wo der Mensch war, an jedem Ort, den er verließ, blieb Müll. Selbst auf der Suche nach letzter Wahrheit und seinem Gott auf den Fersen, machte er Müll. An seinem Müll, der Schicht auf Schicht lagert, war er, sobald man ihm nachgrub, jederzeit zu erkennen; denn langlebiger als der Mensch ist sein Abfall. Einzig Müll hat ihn überdauert.«[11]

Die Müllberge wären demnach die modernen Pyramiden, die nur noch Ratten an den Menschen erinnern.

 

[1] Giles Slade: Made to Break. Technology and Obsolescence in America, Harvard 2006.

[2] Vgl. Michael Thompson: Rubbish Theory. The creation and destruction of value, Oxford 1979, dt. Die Theorie des Abfalls, Stuttgart 1981.

[3] Vgl. Sonja Windmüller: Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem, Münster 2004, S. 21–37.

[4] Vgl. Ludolf Kuchenbuch: »Abfall. Eine Stichwortgeschichte«, in: Hans Georg Soeffner (Hg.): Kultur und Alltag, Göttingen 1988, S. 155–170.

[5] Vgl. Rainer Keller: Müll – Die gesellschaftliche Konstruktion des Wertvollen. Die öffentliche Diskussion über Abfall in Deutschland und Frankreich, Wiesbaden 2009, S. 24 f.

[6] Vgl. Vance Packard: The Hidden Persuaders, London/New York/Toronto 1957; ders.: The Waste Makers, New York 1961, S. 7.

[7] Vgl. Zygmunt Bauman: Flüchtige Moderne, Frankfurt a. M. 2003, sowie ders.: Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne, Bonn 2005.

[8] Theodor W. Adorno: »Versuch, das Endspiel zu verstehen«, in: ders.: Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 1986, Bd. 11, S. 281–332, hier S. 311.

[9] Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2002, S. 181, S. 407.

[10] Kuchenbuch: »Abfall« (Anm. 4), S. 170.

[11] Günter Grass: Die Rättin, zit. nach Kuchenbuch (Anm. 4), S. 155.

 

Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder arbeitet im ZfL-Forschungsprojekt »Theorie und Konzept einer interdisziplinären Begriffsgeschichte«. Am 15./16. November 2019 findet die von ihm mitveranstaltete Tagung »Verwalten – verwerten – vernichten. Kulturpoetische Formationen des Abfalls seit 1930« statt.