Hanna Hamel: NACHBARSCHAFTEN. Nachlese zu den ZfL-Literaturtagen

Nachbarschaft ist ein ambivalentes Verhältnis. In kaum einer anderen Beziehung liegen Distanz und Nähe, Freundschaft und Feindschaft, Öffentlichkeit und Intimität so nah beieinander. Die räumliche Nähe verlangt eine eigene Form des Abstandhaltens, damit Nachbarn einander über längere Zeit und auf engem Raum ertragen können. Nachbarn sind aneinander gebunden, auch wenn sich ihre Lebensvollzüge bis auf den geteilten Ort in keiner Weise gleichen. Gerade der Wunsch nach Distanz und klaren Grenzen scheint deshalb oftmals der einzige Berührungspunkt ihrer Interessen zu sein. Der Lyriker Robert Frost hat dieses Verhältnis in seinem Gedicht Mending Wall lakonisch auf den Punkt gebracht: »Good fences make good neighbours.«

Nachbarschaft bedeutet aber auch die exemplarische Beziehung zum Nächsten und steht daher in einer Tradition mit der Nächstenliebe.[1] Der Nachbar oder die Nachbarin tritt nie allein, sondern immer in einem gemeinschaftlichen Gefüge auf. Erst das Geflecht von Beziehungen, und seien sie noch so lose, stiftet Nachbarschaft. Nachbarschaft kann man deshalb auch als Inbegriff zwischenmenschlicher Beziehungen verstehen, als eine Form der Offenheit für den Anderen. Der Philosoph Søren Kierkegaard spricht der Nächstenliebe sogar grundlegendere Bedeutung zu als der Liebe zu ausgewählten Personen, mit denen man freiwillig eine intime Beziehung eingeht:

»[G]ibt es nur zwei Menschen, so ist der andere Mensch der Nächste; gibt es Millionen, so ist jeder von diesen der Nächste, der einem wiederum näher ist als ›der Freund‹ und ›die Geliebte‹, insofern diese beiden, da sie ja Gegenstand einer Vorliebe sind, so ungefähr gemeinsame Sache machen mit der Selbstliebe, die in dem einen ist.«[2]

Nachbarschaftsbeziehungen, die man sich nur bedingt aussuchen kann, stehen in dieser Hinsicht immer auch unter dem Druck eines ethischen Anspruchs.

Nachbarschaften können sich also in einem breiten Spektrum zwischen Abgrenzung, Indifferenz und starken gemeinschaftlichen Gefühlen und Interessen entfalten. Die ZfL-Literaturtage, die am 22. und 23. November 2019 im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße stattfanden, haben deshalb den Versuch unternommen, unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema zu beleuchten. Dazu waren acht Autor*innen und eine Soziologin eingeladen, aus ihren Texten zu lesen bzw. ihre Forschungsfragen zu präsentieren und im Anschluss über Nachbarschaften zu sprechen. Denn zur Nachbarschaft gehört auch ganz wesentlich der Austausch – im konkreten Fall zwischen den Autor*innen, den wissenschaftlichen Gesprächspartner*innen, dem interessierten Publikum und natürlich zwischen dem ZfL und der langjährigen »Nachbar«-Institution, dem Literaturhaus Berlin.[3]     

Ulrike Vedder (li.), Anke Stelling (re.)
Ulrike Vedder (li.), Anke Stelling (re.)

In den Lesungen wurde rasch die hohe Aktualität des Themas deutlich. Anke Stelling las aus ihrem Roman Schäfchen im Trockenen (2018), der in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Vermittelt über die Geschichte der Erzählerin, deren Untermietvertrag sich mit der lange Zeit bestehenden Freundschaftsbeziehung zu den Vermietern aufzulösen droht, thematisiert der Roman die aktuelle Wohnungsknappheit und die Konkurrenz um Wohnraum in Berlin. Mit dem drohenden Verlust der gewohnten vier Wände stellt sich auch die Frage nach der eigenen Lebensform: Der Erzählerin, die als Schriftstellerin mit den Anforderungen ihres Familienlebens kämpft, werden die sozialen Unterschiede zu ihren Freunden – und Vermietern – in eben jenem Moment besonders bewusst, als diese sich zu einer Baugenossenschaft zusammenschließen. Der Blick auf das soziale Umfeld als (potentielle) Nachbarschaft hat auch in Jan Brandts Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt (2019) ernüchternden Charakter. Einmal aus Ostfriesland in die Stadt geflohen, entwickelt der Erzähler in Berlin gegenüber den Gangsta-Rapper-Nachbarn selbst Sanktionsmechanismen, denen er mit dem Ortswechsel vom Land eigentlich entkommen wollte. Umgekehrt erweist sich auch das Haus des Urgroßvaters, das im ostfriesischen Ihrhove steht, nicht als geeigneter Zufluchtsort vor dem sozialen und finanziellen Druck, der das Wohnen und Leben in der Stadt prägt. Reizvoll wirkt häufig das, was man aus dem Fenster und in der Ferne zu sehen glaubt: Helene Hegemanns junge Protagonistin in Bungalow (2018) beobachtet aus der Mietskaserne die attraktiven neuen Nachbarn, ein Schauspielerpaar aus dem Bungalow von gegenüber. Der soziale Neid erscheint in diesem Szenario baulich förmlich in Stein gemeißelt: Angelegt an die reale Architektur des Berliner Hansaviertels befindet sich der Wohnraum einiger weniger Privilegierter inmitten von großen und hohen Mietshäusern.

Aber nicht nur der Blick auf das unerreichbare Andere, auch die plötzliche Nähe des Fremden oder das Hereinbrechen von Gewalt in den geschützten, vertrauten Raum kann die Wahrnehmung der eigenen Nachbarschaft transformieren. Der Erzähler aus Der traurige Gast (2019) von Matthias Nawrat flaniert und sitzt einigermaßen versonnen in Berlin. Als er vom Anschlag auf dem Breitscheidplatz erfährt, transformiert das Ereignis vorübergehend seine Wahrnehmung der Nachbarn und ihrer Sprachen; Gewohnheit oder auch Ignoranz weichen einer überaufmerksamen Angst. 

Pola Groß (li.), Norbert Scheuer (re.)

Nachbarschaft besteht aber nicht nur zwischen Räumen und Häusern. Im Deutschen bezeichnet der Begriff doppeldeutig auch die Menschen, die zu einem recht losen und potentiell offenen sozialen Gefüge zählen. Das kann eine Zufallsgemeinschaft von Zimmernachbarn im Internat sein, wie in Maruan Paschens Roman Kai (2014), oder eine Gruppe von Ganoven in der Wiener Unterwelt der Nachkriegszeit, die David Schalko in Form der »Erdberger Spedition« in seinem Roman Schwere Knochen (2018) porträtiert. Heute entkoppeln die sozialen Medien die Nachbarschaft außerdem zusehends von der persönlichen Begegnung im geteilten Raum. Soziale Gruppen, die sich Tag für Tag im Supermarktcafé treffen, wie es die kleinstädtische Gemeinschaft von Alten in Norbert Scheuers Roman Am Grund des Universums (2017) tut, wirken unter ihren Zeitgenossen rasch anachronistisch und vom Wandel ihrer Umwelt bedroht.

Hannes Bajohr (li.), Rasha Abbas (re.)
Hannes Bajohr (li.), Rasha Abbas (re.)

Schließlich gibt es Nachbarschaftsbeziehungen auch zwischen Ländern und Sprachen, zwischen denen sich Sprecher*innen und Übersetzer*innen hin- und herbewegen und vermitteln, indem sie neu hervorbringen, was bereits an einem anderen Ort auf andere Weise gesagt wurde. In Rasha Abbas’ Lesung aus Die Erfindung der deutschen Grammatik (2016) wurden die absurden Herausforderungen des Ankommens im scheinbar so weltoffenen Berlin deutlich. Im Humor findet sich aber möglicherweise ein Ausweg, wenn sich die Perspektiven von Außen und Innen verkehren oder verschwimmen können; so etwa, wenn die Protagonistin zum Jobcenter in den Osten der Stadt fährt und in der U-Bahn eine geradezu exotische Begegnung mit »den Deutschen« macht, von denen sie in Neukölln immer nur gehört, die sie aber nie zu Gesicht bekommen hat.

***

Nachbarschaften – so zeigt der erste Eindruck der ZfL-Literaturtage – erschöpfen sich nicht in einem kartographierbaren, räumlichen Areal und sie sind keinesfalls nur positiv konnotiert. Vielmehr gehören zu ihnen auch die Ambivalenzen, die Übergriffe und die uneindeutigen Grenzen. Nachbarschaften können gefährlich sein und nicht zuletzt kompromittieren. Insofern ist es vielleicht bezeichnend, dass ausgerechnet bei Martin Heidegger, der mit seinem Werk selbst in einer höchst problematischen intellektuellen Nachbarschaft steht, eine der treffendsten Bemerkungen zum Thema zu finden ist. In seinem 1957 gehaltenen Vortrag »Zum Wesen der Sprache« lässt sich lesen:

»Man lebt in ihr und käme in Verlegenheit, sollte man sagen, worin die Nachbarschaft bestehe.«[4]

In unserem Forschungsprojekt zu »Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur« wird es deshalb nicht so sehr darum gehen, zu definieren, was Nachbarschaft denn nun sei, sondern vielmehr darum, Nachbarschaftsbeziehungen an unterschiedlichsten Orten in ihren verschiedenen Formen ausfindig zu machen und ihre Eigenheiten zu ergründen. Der Gestaltungswille der Literatur zeugt von dem Wunsch, Beziehungen und Nachbarschaften auch dort darzustellen, wo sie bislang nicht oder nur andeutungsweise sichtbar waren. Literatur nimmt sich außerdem derjenigen Nachbarschaften an, die zu fragil oder beweglich sind, um sie in Initiativen und Institutionen zu fassen. Gegenwartsliteratur, die entweder inhaltlich oder über ihren Produktionsort einen Bezug zu Berlin oder dem Berliner Umland hat, bildet deshalb den Ausgangspunkt der Untersuchungen. Die Literatur stellt, wie es auch die Stadtsoziologin Anna Steigemann in ihrem Vortrag bei den ZfL-Literaturtagen getan hat, nicht nur die Frage, was Nachbarschaft ist, sondern auch, »wie sie geht«. Dieser Frage an der Schnittstelle von hochaktuellen sozialen Debatten und Perspektiven der Literatur nachzugehen, wird in den kommenden drei Jahren Aufgabe des Projekts sein. Dazu wollen wir eine Reihe von Veranstaltungen mit Kooperationspartnern an verschiedenen Orten in Berlin durchführen, bei denen Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen und Autor*innen eingeladen sind, sich auszutauschen. Daraus soll schließlich eine öffentlich zugängliche digitale Anthologie hervorgehen, die die verschiedenen Facetten der Nachbarschaft sammelt, abbildet, miteinander verknüpft und dazu einlädt, sich selbst in den Berliner (Literatur-)Nachbarschaften zu bewegen.

 

Die Literaturwissenschaftlerin Hanna Hamel leitet das ZfL-Forschungsprojekt »Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur«.

 

[1] Vgl. dazu Kenneth Reinhard: »Neighbour«, in: Barbara Cassin (Hg.): Dictionary of Untranslatables. A Philosophical Lexicon, übers. v. Steven Rendall u.a., Princeton u. Oxford 2014, S. 706-712.

[2] Sören Kierkegaard: Der Liebe Tun, Bd. 1, Gütersloh 21989, S. 26.

[3] Die Veranstaltung war zugleich Auftakt des Forschungsprojekts »Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur«, an dem seit dem Sommer 2019 am ZfL gearbeitet wird.

[4] Martin Heidegger: »Das Wesen der Sprache«, in: ders.: Unterwegs zur Sprache, Pfullingen 31965, S. 159–216, hier S. 188.