Christina Ernst: DAS LEBEN SCHREIBEN. Annie Ernaux’ Tagebücher

Seit Mitte März werden online vermehrt sogenannte »Corona-Tagebücher« veröffentlicht, in denen Schriftsteller*innen ihre persönlichen Eindrücke der COVID-19-Krise festhalten.[1] Als von vornherein für die Öffentlichkeit konzipierte Textsorte arbeiten sie mit dem Format des »Tagebuchs« in Form von chronologisch sortierten und datierten Einträgen, die sukzessive publiziert werden. Mit diesen Corona-Tagebüchern, die das unmittelbare Zeitgeschehen kommentieren, soll eine Art Archiv der Gegenwart entstehen, das tendenziell auf Unabgeschlossenheit hin angelegt ist. Stilistisch zwischen ironisch-distanzierter Selbstreflexion und politischem Twitterkommentar gehalten, erscheinen sie als neueste Spielart jener Tendenzen zum Autobiographischen in der Gegenwartsliteratur, die seit einiger Zeit unter dem Label der Autofiktion bekannt sind. In diesem Zusammenhang wird häufig der Name der französischen Autorin Annie Ernaux genannt.[2] Allerdings hat der Tagebucheintrag in ihrem Werk eine besondere Funktion, dient er doch der nachzeitigen Stabilisierung ihrer anderen Texte. Sie selbst bezeichnet ihre Texte, die autobiographische Erlebnisse im Kontext der sie bestimmenden sozialen Strukturen erzählen, auch nicht als Autofiktionen, sondern als »Autosoziobiographien«, die sich – anders als die Corona-Tagebücher – ihrem Gegenstand nur im Rückblick annähern können.

Während Ernaux in Frankreich spätestens seit ihrer Auszeichnung mit dem renommierten Prix Renaudot im Jahr 1984 als etablierte Schriftstellerin gilt, wurde sie einem breiteren deutschsprachigen Lesepublikum erst über Didier Eribons Ernaux-Lektüren in Rückkehr nach Reims (2016, frz. 2009) bekannt. Nach dessen Erfolg brachte der Suhrkamp-Verlag in kurzer Folge Annie Ernaux’ Werke Die Jahre (2017, frz. 2008), Erinnerungen eines Mädchens (2018, frz. 2016), Der Platz (2019, frz. 1983) und Eine Frau (2019, frz. 1988), in der (Neu-)Übersetzung von Sonja Finck heraus, die vor allem in Anschluss an Eribons Klassenanalysen rezipiert wurden.

In Frankreich erschienen Ernaux’ gesammelte Schriften bereits 2011 unter dem Titel Écrire la vie (»Das Leben schreiben«) bei Gallimard. Neben zwölf zuvor schon publizierten Werken und einigen Aufsätzen enthält der Band ein erstmals veröffentlichtes Photojournal. Auf knapp 100 Seiten werden private Fotografien, die chronologisch durch das Leben der Autorin führen, mit ausgewählten Tagebuchauszügen kombiniert, die so als Kommentare zu den Bildern dienen. Sie »eröffnen einen anderen autobiographischen Raum«, so Ernaux,

»indem die materielle, unwiderlegbare Realität der Fotos, deren Abfolge ›Geschichte schreibt‹ und einen sozialen Werdegang nachzeichnet, verbunden wird mit der subjektiven Realität des Tagebuchs und den Träumen, Obsessionen, dem rohen Ausdruck von Affekten, der ständigen Neubewertung des Erlebten«.[3]

Diese Zeilen lassen sich als programmatische Beschreibung der autosoziobiographischen Schreibweise lesen. Sie verweisen auf Ernaux’ Verfahren der Rückbindung ihrer Erinnerungen an historische Dokumente, durch die das Schreiben die eigene Vergangenheit wiederaneignen will, und zwar nicht als subjektiv gedeutete, sondern als soziale.

Form und Motiv des Tagebuchs ziehen sich durch Ernaux’ Werk. In Les années zitiert sie an mehreren Stellen aus alten Tagebucheinträgen, die den von Fotobetrachtungen ausgelösten Assoziationsketten und Erinnerungen der Erzählerinnenstimme etwas von der Subjektivität des vergangenen Ichs hinzufügen. »Ich beschäftige mich gedanklich mit der Geschichte einer Frau, einer Art Panorama. Vielleicht in diese Richtung gehen«:[4] Selbstreflexionen wie diese konstruieren als Textstrategie eine Kontinuität, die das Buch zum Lebensprojekt stilisiert. Die Tagebucheinträge fungieren aber auch als Quellenmaterial, das die Suche nach der vergangenen Wirklichkeit stützt:

»Beim Schreiben stellt sich immer die Frage nach dem Beweis: abgesehen von meinem Tagebuch und meinem Kalender aus dieser Zeit scheint es mir über keine Gewissheit in Bezug auf die Gefühle und Gedanken zu verfügen, wegen der Immaterialität und der Vergänglichkeit dessen, was durch das Bewusstsein zieht«.[5]

Ecrire la vie versammelt neben chronologischen Aufzeichnungen alltäglicher Eindrücke des öffentlichen Lebens, dem Journal du dehors, auch zwei Texte, die mit einem der autosoziobiographischen Erzähltexte Ernaux’ in einen Dialog treten. So erzählen Se perdre und »Je ne suis pas sortie de ma nuit« aus der stärker subjektiven Perspektive des unmittelbaren Tagebucheintrags erneut die Ereignisse nach, die bereits zehn Jahre zuvor in Passion simple respektive Une femme als narrativer Text veröffentlicht worden waren. Sie sind als eine Art Beiwerk zu den autosoziobiographischen Erzählungen zu lesen (und nicht als Einzelwerke), die, so die Autorin, als zweite Version der Geschehnisse diese in einem anderen Licht erscheinen lassen und die Einheit und Kohärenz des ursprünglichen Werks unterlaufen.[6] Eher als eine Umdeutung ermöglichen die Tagebuchaufzeichnungen jedoch eine Stabilisierung des Erzählten, indem sie dieses variieren und ergänzen.

Noch deutlicher wird das, wenn man das Photojournal mit Les années zusammenliest, die am Anfang bzw. am Ende des Sammelbands stehen und die übrigen Texte rahmen. Als eine Art kommentiertes Fotoalbum führt das Photojournal durch die Lebensgeschichte der Autorin. Es steht auch inhaltlich in einem Verhältnis zu Les années, dessen Erzählinhalt es nochmal in einer Fototagebuch-Version wiedergibt und variiert. Das hier erstmals veröffentlichte Textmaterial stammt aus alten Tagebüchern. Der Bezug ist aber noch enger, weil Les années der Struktur nach selbst eine Art Fotojournal ist (wenn auch ohne Bilder). Der Text ist durch Fotobeschreibungen strukturiert, die jeweils neue Zeitabschnitte einläuten und denen Bild für Bild Erinnerungen zugeordnet werden.

Die Tagebuchauszüge in Les années entsprechen aber, wie auch die beschriebenen Fotografien, nicht exakt jenen den Fotojournals. Vielmehr versucht Ernaux, sich dem Erzählgegenstand – der sozialen und subjektiven Wirklichkeit der Vergangenheit – im Zusammenspiel von Wiederholung, Varianz und Ergänzung anzunähern. Écrire la vie setzt dieses Vorhaben konzeptuell um, indem es die gesammelten Werke der Autorin nicht nach Erscheinungsdatum, sondern in der Chronologie der erzählten Erlebnisse ordnet. Das Photojournal und Les années rahmen so als Auftakt und Schlusstext des Bandes die anderen Texte editorisch, fassen diese aber auch inhaltlich zusammen. Sie repräsentieren die beiden Pole des autosoziobiographischen Schreibens: die subjektiven Eindrücke von autobiographischen Erlebnissen, die der Tagebucheintrag festhält, und deren Verortung im sozialen und historischen Umfeld, das sie determiniert.

Ernaux nähert sich in ihrer Recherche dem Tagebuch wie anderen historischen Dokumenten (Fotos, Zeitungsartikeln, Büchern, Liedtexten, Objekten) auch: Sie werden zusammengetragen und ausgewertet, um eine »objektive und nachvollziehbare« Beschreibung der sozialen Wirklichkeit zu ermöglichen. Den eigenen Erinnerungen kommt dabei kein privilegierter Wissensstatus zu, sie müssen erst überprüft und kontextualisiert werden, damit sie Lebenswirklichkeit darstellen können. Das nachträgliche Schreiben wird so zu einer Praktik des Sichtbarmachens. Das autosoziobiographische Schreiben sei, so schreibt sie:

»Selbstverständlich keine Erzählung, die eine Wirklichkeit erschaffen würde, statt sie zu suchen. Mich auch nicht damit zu begnügen, die Bilder meiner Erinnerungen ins Bewusstsein zu rufen und aufzuschreiben, sondern diese wie Dokumente zu behandeln, die verständlich werden, indem sie unterschiedlichen Herangehensweisen unterzogen werden. Kurz, Ethnologin meiner selbst sein«.[7]

Als »Ethnologin« oder Historikerin ihrer selbst nimmt Ernaux eine distanzierte Haltung ein, die es ihr erlaubt, das vergangene Ich als ein anderes zu betrachten. In Les années und Mémoire de fille macht sie das durch die Wahl der Personalpronomen sie, wir oder man (elle, nous, on) anstelle von ich (je) deutlich. Durch die literarische Form wird ihre Arbeit zu der einer Biographin, die denn auch weiß, dass ihrem Quellenmaterial (hier: den Tagebucheinträgen) nicht zu trauen ist: dass Erzählen immer auch Erfinden ist, und zwar nicht erst in der Konstruktion eines Lebenszusammenhangs im literarischen Text, sondern auch im scheinbar authentischen Notieren unmittelbarer Eindrücke im Tagebuch. Sie müssen daher mit anderen historischen Materialien abgeglichen und in einer möglichst umfassenden und objektiven Darstellung der sozialen Realität situiert werden. Als Schreibweise »zwischen Literatur, Soziologie und Geschichtsschreibung«[8] will die Autosoziobiographie nicht kohärent und sinnstiftend eine individuelle Lebensgeschichte nacherzählen, sondern die Lebensbedingungen einer sozialen Klasse:

»[E]s geht weniger darum, ›ich‹ zu sagen oder das Ich ›wiederzufinden‹, als es in einer weiteren Wirklichkeit zu verlieren, in einer Kultur, einer sozialen Lage, einem Schmerz, etc.«[9]

In diesem Sinn begreift Ernaux die Autosoziobiographie als politische Textsorte, die sich ihrem Gegenstand aber nur im Rückblick, d.h. in der zeitlichen Distanz zur vergangenen Subjektivität annähern kann. Darin liegt ein entscheidender Unterschied zu den Corona-Tagebüchern. Ernaux hat sich zwar auch zur COVID-19-Krise geäußert, allerdings nicht in Form einer autobiographisch motivierten Gegenwartsdiagnose, sondern mit einem Pamphlet gegen die martialische Rhetorik und den Sozialabbau der Regierung Macron.[10] Die Schreibweisen der Corona-Tagebücher zeigen dennoch ein Naheverhältnis zum Autosoziobiographischen auf, denn sie fragen sowohl nach den subjektiven als auch nach den gesellschaftlichen Implikationen der Pandemie. Das Kollektive, das bei Ernaux Ergebnis einer minutiösen Selbstanalyse der sozialen Vergangenheit ist, ziehen sie aus der Verbindung einer Vielzahl von Autor*innenstimmen, die in den Online-Tagebüchern miteinander verwoben werden. Damit werden sie möglicherweise zum Material für künftige Autosoziobiographien.

 

Die Romanistin Christina Ernst ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur«.

 

[1] Zum Beispiel auf den Websites vom Literaturhaus Graz  oder 54books.

[2] Etwa im Editorial über Autofiktion der »Literatur«-Ausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst, vgl. Isabelle Graw/Brigitte Weingart: »Entre Nous. Ein Briefwechsel über Autofiktion in der Gegenwartsliteratur zwischen Isabelle Graw und Brigitte Weingart« in: Texte zur Kunst 115, 2019.

[3] »Une façon d’ouvrir un espace autobiographique différent, en associant ainsi la réalité matérielle, irréfutable des photos, dont la succession ›fait histoire‹, dessine une trajectoire sociale, et la réalité subjective du journal avec les rêves, les obsessions, l’expression brute des affects, la réevaluation constante du vécu.«; Annie Ernaux: Écrire la vie, Paris 2011, S. 8, eigene Übersetzung.

[4] Annie Ernaux: Die Jahre, übers. von Sonja Finck, Berlin 2017, S. 103

[5] »Se pose toujours, en écrivant, la question de la preuve: en dehors de mon journal et de mon agenda de cette période, il me semble disposer d’aucune certitude concernant les sentiments et les pensées, à cause de l’immatérialité et de l’évanescence de ce qui traverse l’esprit.«; Ernaux: Écrire la vie, S. 297, eigene Übersetzung.

[6] Vgl. Annie Ernaux: Lécriture comme un couteau. Entretien avec Frédéric-Yves Jeannet, Paris 2003, S. 38; dies.: Écrire la vie, S. 608.

[7] »Naturellement pas de récit, qui produirait une réalité au lieu de la chercher. Ne pas me contenter non plus de lever et transcrire les images du souvenir mais traiter celles-ci comme des documents qui s’éclairont en les soumettant à des approches différentes. Être en somme ethnologue de moi-même«; Ernaux: Écrire la vie, S. 224, eigene Übersetzung.

[8] »entre la littérature, la sociologie et l’Histoire«; Ernaux: Lécriture comme un couteau, S. 74, eigene Übersetzung.

[9] »il s’agit moins de dire le ›moi‹ ou de le ›retrouver‹ que de le perdre dans une réalité plus vaste, une culture, une condition, une douleur, etc. «; Ernaux: Lécriture comme un couteau, S. 23, eigene Übersetzung.

[10] »Sachez, Monsieur le Président, que nous ne laisserons plus nous voler notre vie…«: Annie Ernaux, 30. März 2020.