Clara Fischer: HEIMELIGES HELDINNENTUM. Anne Webers »Annette, ein Heldinnenepos«

Das Epos ist ein fruchtbares Klischee: irgendetwas mit Siegfried, Drachen, Odysseus oder Troja. Eine alte Heldengeschichte, die an sich womöglich sogar spannend ist, die man aber nicht gelesen hat und auch nicht lesen möchte. Denn das Epos ist dick und sperrig. Diese Vorannahmen sitzen tief. Mit Leichtigkeit lässt sich ein ganzes Germanistikstudium eposfrei absolvieren und selbst unter den wenigen Gattungsfreundinnen und -freunden beschränkt sich das Interesse meist auf die kanonischen Werke der Antike und des Mittelalters. Man mag die Versepik daher für tot erklären; das Klischee hat aber an Lebendigkeit nicht eingebüßt und ist heute, da Namen und Taten der Besungenen zwar zitiert, sogar verfilmt, aber jenseits der Fachgelehrtenstube nicht mehr gelesen werden, vielleicht munterer denn je. Ein Versepos zu schreiben und zu veröffentlichen scheint allerdings regelrecht töricht.

Wenn man Anne Weber nun Mut bescheinigen möchte dafür, mit Annette, ein Heldinnenepos die Form des Versepos gewählt zu haben, so bedient man sich damit einer weiteren gängigen Floskel, die im Fahrwasser dieser gleichermaßen verehrten wie gefürchteten Gattung schwimmt (Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos, Matthes & Seitz, Berlin 2020). Mut brauchen Versepiker und Versepikerinnen (und besonders ihre Verlage) tatsächlich seit jeher, denn jenseits der Aufmerksamkeit gewählter Kreise ist mit Versepik für gewöhnlich keine breitere Leserschaft zu erreichen. Bereits im frühen 19. Jahrhundert, das dieser Form noch äußerst aufgeschlossen gegenüberstand, ertönte die Warnung:

»Wer sicher vor Gelesenwerden seyn will, schreibe jetzt ein Heldengedicht.«[1]

Der Mut, den Wortschaffende damals aufbringen mussten, war allerdings von besonderer Art, denn Homers Ilias und Odyssee, Dantes Göttliche Komödie oder, als große Entdeckung des späten 18. Jahrhunderts, das Nibelungenlied gehörten zum bildungsbürgerlichen Kanon. Sie wurden an den höheren Schulen gelesen, aus ihnen wurden Definitionskriterien destilliert und neuzeitliche Rhapsoden mussten sich einen direkten Vergleich mit Homer gefallen lassen, an dem sie fast zwangsläufig scheiterten. Den Nimbus höchster Dichtkunst hat das Epos sich zwar bewahrt, wirklich ernst nimmt ihn allerdings niemand mehr. Auch die Jurys von Deutschem Buchpreis und Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, auf deren Shortlists Annette es in diesem Herbst geschafft hat, werden kaum mit überzogenen Erwartungen an das Werk herangetreten sein, denn die Heldenepik, auf die der Titel anspielt, ist eben nur noch als Klischee kanonisch.

Dieses Klischee hat auch seine finsteren Ecken, die sich trefflich ausleuchten lassen. In der Tat erfindet Anne Weber mit ihrem »Heldinnenepos« quasi eine neue Gattung, denn die Heldendichtung rühmt klassischerweise den Mann und nicht das Weib. Doch selbst die Zeit des Mannes scheint abgelaufen zu sein. Der ›echte‹, schwertschwingende Held ist, wie verschiedentlich festgestellt wurde, als Spezies so tot wie die Gattung, die ihn besingt.[2] Der Klischeebruch ist es also, dem Anne Weber sich vom Titel an verschreibt. Entgegen dem Klischee legt sie keinen Wälzer, sondern ein recht schmales Bändchen vor, entgegen dem Klischee bedient sie sich keines komplizierten Metrums wie des Hexameters, sondern schreibt in freien Versen, die sich über weite Strecken wie Prosa lesen. Und entgegen dem Klischee hebt Weber eine Frau in den Stand der Heldin.

»Es gibt also noch wirkliche Heldinnen«, fragt der Buchumschlag, »ganz ohne Anführungszeichen, denen man auf der Straße begegnen, mit denen man reden, die man kennenlernen kann?« Die Heldin, die Anne Weber besingt, ist – auch dies recht ungewöhnlich für ein Epos – die höchst lebendige Anne Beaumanoir, genannt Annette. Erzählt wird von ihrer glücklichen Kindheit als Tochter armer, aber aufrechter Leute, vom Engagement der Siebzehnjährigen in der Résistance und der späteren Ärztin und Mutter dreier Kinder im Algerienkrieg, von ihrer Verurteilung zu Gefängnishaft, der Flucht aus Frankreich und ihrer Trennung von der Familie.

Die erste Heldentat Annettes ist ihre einzige. Im Alleingang entschließt sich die junge Frau, eine versteckte jüdische Familie vor einer bevorstehenden Razzia zu warnen. In einer Dachkammer findet sie fünf Personen vor. Wenn der Vater nach einigem Zweifeln seine beiden Kinder mit Annette, »selbst noch halb Kind«, fortschickt und die drei Halbwüchsigen einen beschwerlichen Weg durch die Nacht antreten, so gelingt Weber damit eine sehr innige und beklemmende Szene, die sich durch ihre Länge und den Verzicht auf jegliche Ironie auszeichnet. Es wird hier mit einem leisen Pathos gesprochen, vielleicht, weil die Widerstandskämpferinnen und -kämpfer der NS-Zeit die letzten Heldenfiguren sind, die die Geschichte zu bieten hat und deren Taten in unserer Kultur ohne Augenzwinkern gerühmt werden dürfen.

In den vorhergehenden und in den folgenden äußerst kurzen Episoden – vornehmlich über Annettes Engagement für die Unabhängigkeit Algeriens – wird dieser für die Heldenepik typische ›hohe Stil‹ allerdings weitgehend gemieden. Weber bedient sich zumeist einer dezidiert unpoetischen, mündlich-saloppen Sprache. Bereits in der Schilderung von Annettes Kindheit erfahren wir beispielsweise, dass sie »Tochter eines Fahrradchampions, / also gut, Champions ist zu viel gesagt, / aber doch eines Sportlers, der bei der / Tour de France teilgenommen hat«, ist. Mit diesem ironischen und bisweilen etwas spöttischen Ton entkommt die Autorin dem legendären epischen Leiergesang. Ihrer Heldin wird er allerdings zum Verhängnis. Denn was man in der Erzählung einer idyllischen Kindheit noch nett finden mag, durchzieht als Grundton das gesamte Epos.

Weber übt sich wiederholt in einer Kontrastierung des Großen mit dem Kleinen, der Weltpolitik mit privaten Ängsten und Nöten. Während der Weltwirtschaftskrise haben die Eltern »ihre eigne Große Depression«, denn Annette leidet unter einer Hirnhautentzündung. Während »die Alliierten in die Normandie einfallen […] / pflückt sie Aprikosen.« Und wenn sie als angeklagte Terroristin in Frankreich den Gerichtssaal betritt, in dem sie wegen Staatsgefährdung zu zehnjähriger Haftstrafe verurteilt werden wird, begrüßt ihr Mitangeklagter sie mit Handkuss. »(Für eine Verfilmung ihres Lebens raten wir sehr / zu dieser Szene.)«

Die beklemmendsten Situationen werden dergestalt, durch latente Ironie und launige Erzählerinnenkommentare, einer unterschwelligen Verniedlichung unterzogen. Niedlich sind häufig auch die Heldinnen, die an Annettes Seite kämpfen, so eine Mitstreiterin in der Résistance, die zwar »nicht besonders helle« ist, aber »wer das Herz / auf dem rechten Fleck, also zum Beispiel nicht in / der Hose hat, dem gerät auch der Kopf, so leer er / sein mag, nicht so schnell aus der rechten Bahn«. Wenn sich eine algerische Widerstandskämpferin wirklich einmal selbst zur Heldin erklärt, honoriert die Erzählung dies mit ein paar spöttischen Kommentaren, um versöhnlich zu schließen, die Hoffärtige sei immerhin »gescheit und eine gute Gefängniskameradin«.

Es wäre diese Verniedlichung ein erträgliches Stilmittel, wenn es etwas sparsamer eingesetzt würde und wenn es nicht so typisch gerade für das weibliche Sprechen wäre. Die Extreme, sei es das der Hinterhältigkeit oder das des Leidens, bleiben in diesem Epos seltsamerweise vornehmlich wieder den Männern vorbehalten. Die Frauen versuchen ihr Bestes und nehmen sich selbst und ihre Taten nicht allzu ernst. Zum Heldinnentum gehört anscheinend die Verschleierung desselbigen.

So ungewöhnlich dieses ironisch-putzige Sprechen für ein Epos zunächst wirken mag – es gibt durchaus eine Tradition, in der sich Weber damit bewegt: die der Biedermeierepik. Diese Spielart, die auf geringen Umfang, freiere Verse, idyllische Szenerien und das Heldentum des Heimeligen setzt, feierte zeitweise große Erfolge. Auch Weber übt sich in einer wiederholten Verkleinerung und Verhäuslichung der Geschehnisse und Empfindungen. Da wird der Inhaftierten von einer muslimischen Gefängnisinsassin das Verspeisen einer Weihnachtsgans verboten, Konsequenz: »Alles schläft, einsam wacht und heult Annette.«

Für die Heldin geht es natürlich nicht so lustig zu wie für die Erzählerin. Von deren Ängsten, Zweifeln und Nöten erfahren wir immer wieder, allerdings in einem reportagehaften Stil, der selbst existentielle Sorgen zum kleinen Intermezzo macht. Obgleich uns versichert wird, das Epos schildere nur eine Auswahl von Annettes spektakulärsten »Weltverbesserungsversuchen«, hätte ein noch größerer Mut zur Lücke vermutlich nicht geschadet, denn im Bestreben, möglichst umfassend von ihren Taten zu erzählen, reiht die Autorin stakkatoartig kurze Szenen aneinander, von denen nur wenige eine Intensität erreichen wie die der Judenrettung. Weber beschränkt sich meist auf ein abstraktes Berichten, das von Respekt und zugleich einer Ironisierung alles Respektheischenden getragen ist. Durch diesen Stil erfahren wir zwar, was Annette erlebt und fühlt. Nachvollziehen, mitempfinden können wir es aber nicht.

Wichtiger als Nachvollziehbarkeit scheint der Erzählerin die Rechtfertigung ihrer Heldin zu sein. Das Engagement Annettes im Algerienkrieg erschöpft sich eben nicht in einer Heldentat, mit der ganz konkret zwei Menschenleben gerettet werden, sondern in der Unterstützung der Widerstandskämpfer als »Kofferträgerin« in Frankreich, später als Mitarbeiterin des algerischen Gesundheitsministeriums. Ihre Aktionen dienen höheren politischen Zielen und entbehren damit einer unmittelbaren Wirksamkeit. Ein solches Handeln als Heldentum zu verkaufen, ist um einiges komplizierter, denn ob und wie Menschen davon zukünftig profitieren und wieviel Schaden Annette, wenn auch unwissentlich, mit ihrem Engagement anrichten mag, bleibt im Moment des Handelns ungewiss und wird im historischen Rückblick hier und da fragwürdig. So ergeht sich das Epos über weite Strecken nicht allein darin, von Annettes Erlebnissen zu berichten, sondern vor allem, sie zu rechtfertigen.

Eine Heldin braucht eine Sache, für die sie streitet. Wofür kämpft die moderne Heldin? Eine Nation ist es natürlich nicht, auch kein König, keine Partei, es sind »Prinzipien« und »Ideale«, von denen im Text schon früh die Rede ist, die aber bis zuletzt merkwürdig hohl und schwammig bleiben: Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung. Von diesen Wörtern, einem Minimalkonsens dessen, was derzeit als heldentatenwürdig gelten könnte, wird der allzu hartnäckige und nicht selten in offensichtliche Naivität abdriftende sozialistische Traum der Heldin beschirmt. Falsch scheinen nicht die Ideale Annettes zu sein, sondern die Realität:

»Annette träumt noch den
Traum eines sozialistischen, gerechten Landes und
ahnt nicht – will vielleicht nicht ahnen,
sondern hoffen –, was diese Männer später mal
draus machen.«

Der Held der Heldenepik bekümmert sich nicht darum, ob eine weltliche Moralinstanz seine Taten gutheißt. Die Figur Annette hingegen leidet unter einem latenten Rechtfertigungsdruck, den die Erzählerin selbst heraufbeschwört. Dass alle Einwände, die man gegen bestimmte politische Aktionen einbringen könnte, artig ausformuliert und unentwegt die Dilemmata der Annette geschildert werden, schadet der Heldin mehr, als es ihr nützt. Es geht viel Raum darauf, uns Annettes guten Willen glaubhaft zu machen, statt die Sinnhaftigkeit ihres Tuns im Handeln selbst zu zeigen. Reflexion folgt auf Reflexion, die Leserin gerät unter den Dauerbeschuss einer expliziten Fragerei danach, was zum Engagement treibt, ob es richtig oder falsch ist, ob man anders handeln könnte. In summa laufen diese Bemühungen auf eine ausgedehnte Apologie hinaus: Diese Heldin soll allen gefallen. Uns wird erzählt von einer Frau, die »alles richtig machen [will]« und »vielleicht nicht jedem, aber vielen ein / Bett anbietet und ein Essen reicht«. Wenn eines ihrer Kinder unter den Umständen leidet, beruhigt uns die Erzählerin: »Schlimmere Vorwürfe als sie, / Annette, sich selber macht, kann keiner leicht erheben.« Und wenn es noch etwas heikler wird, wenn Annette nach der Befreiung Algeriens sich unguten Entwicklungen nicht entgegenstellt, dann

»vielleicht, weil sie es gar nicht merken will, es wär ja
nicht das erste Mal, dass jemand das nicht sieht, was er
nicht sehen will, weil es nicht passt in das Tableau,
das ging doch jedem schon mal so.«

Ja, das ging jeder schon mal so, und deswegen sind Heldinnen so selten.

***

Das Klischee des Heldenepos hat Weber erfolgreich unterlaufen. Allerdings um den Preis, ein anderes Klischee zu bedienen: das der selbst in ihren großen Taten durch ihr schieres Weiblichsein irgendwie putzigen Frau. Durch einen doppelten Klischeebruch – Weber verweiblicht den Helden, um sogleich den Heldengesang zu verabschieden – gerät die Heldin zur Totgeburt. Was bleibt, ist ein Epos über eine Frau, die das Herz am rechten Fleck hat. Die Biedermeierepik hat damit gut anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Niedergang eine würdige Nachfolge gefunden.

Gibt es wirkliche Heldinnen, ganz ohne Anführungszeichen? Nach Lektüre von Annette muss man sagen: Offenbar nicht. Es mag von der Autorin (und vor allem von ihrem Verlag) mutig sein, sich an ein Versepos zu wagen. Der Mut beschränkt sich in diesem Falle allerdings auf ein etwas kokettes Spiel mit einschlägigen Gattungsklischees. Man hätte sich noch mehr Mut gewünscht, nämlich den, uns eine Heldin zu präsentieren, ohne Rücksicht darauf, ob deren Heldentaten allen Moralaposteln gefallen. Ein wenig mehr Mut zum Gestalten – ein Text muss Fragen nicht stellen, um sie aufzuwerfen – und zum Vertrauen in die Leserin, der durch die vorgefertigten Dauerreflexionen wenig Möglichkeiten bleiben, eigene Gedanken aus Annettes Lebensgeschichte zu entspinnen.

Man hätte sich auch Mut gewünscht zu dem, was in Epostheorien ›Anschaulichkeit‹ und ›Pathos‹ heißt. Der Verzicht auf Letzteres gilt in der Gegenwartsliteratur gemeinhin als rühmlich, was auch daran liegen dürfte, dass es sich um eine komplizierte Tonart handelt, in der man intonatorisch schlimm danebenliegen kann. Doch auch die Ironie will wohldosiert sein. Es ist gewiss riskant, in einem hohen Stil zu singen. Aber einen Versuch wäre es wert und einer Heldin würdig.

 

Die Germanistin Clara Fischer war bis 2019 Mitarbeiterin am ZfL. Ihr Dissertationsprojekt »Experimentierfeld Versepos (1918–1933)« wird seit August 2019 vom Cusanuswerk gefördert.

 

[1] Ignaz Jeitteles: »Roman«, in: ders.: Aesthetisches Lexikon. Ein alphabetisches Handbuch zur Theorie der Philosophie des Schönen und der schönen Künste. Nebst Erklärung der Kunstausdrücke aller ästhetischen Zweige, als: Poesie, Poetik, Rhetorik, Musik, Plastik, Graphik, Architektur, Malerei, Theater etc., Bd. 2, Wien 1837, S. 263–269, hier S. 264.

[2] Vgl. dazu auf dem ZfL BLOG Claude Haas: »Heldenpandemie oder Pandemiehelden? Bemerkungen zur neuesten Heroismusforschung«, 14.4.2020.