Zaal Andronikashvili: PHILOSOPHIE ALS SCHÖPFERISCHER AKT. Zum 30. Todestag Merab Mamardaschwilis

Merab Mamardaschwili (1930–1990) ist ein, wenn nicht der bedeutendste Philosoph aus der Sowjetunion. Der »georgische Sokrates« (Jean-Pierre Vernant) genießt in seiner georgischen Heimat und in Russland, wo er mehrere Generationen von Philosoph*innen beeinflusst hat, beinahe kultische Verehrung. Mamardaschwilis Philosophie aber wurde von seinem Kultstatus geradezu erdrückt: Er ist als philosophische Pop-Ikone in Georgien und Russland allgegenwärtig, er wird bewundert, passend oder unpassend zitiert, aber wenig gelesen. Außerhalb der ehemaligen Sowjetunion ist er weitgehend unbekannt geblieben, in deutscher Übersetzung liegen nur einzelne Vorträge und Aufsätze vor. 30 Jahre nach seinem Tod am 25. November 1990 wäre es die beste Würdigung, ihn von seinem Denkmalstatus zu befreien und als einen Philosophen wiederzuentdecken, mit dem die Fragen an die Gegenwart anders zu stellen und möglicherweise auch zu beantworten sind.[1]

Mamardaschwili wurde in der georgischen Stadt Gori geboren, einer Stadt, die, wie häufig (über‑)betont wird, auch die Geburtsstadt Stalins ist. Die Schule besuchte er in Tbilissi, bevor er nach Moskau ging, um an der Lomonossow-Universität Philosophie zu studieren. Die akademische Philosophie gehörte zu den am stärksten ideologisch vereinnahmten Disziplinen in der Sowjetunion. Stalins Lehre vom dialektischen und historischen Materialismus galt lange Zeit als einzig zulässige Grundlage der sowjetischen Philosophie. Die Gewaltherrschaft des sowjetischen Unrechtsstaates unter Stalin hatte jegliches freie philosophische Denken in der Sowjetunion ausgelöscht.

Mamardaschwili gehörte zur Generation von Ewald Iljenkow, Alexander Sinowjew, Alexander Pjatigorskij, Georgi Schtschedrowitskij, die die Philosophie in der Sowjetunion nach den Stalinschen ›Säuberungen‹ und der Reduktion auf den doktrinären Marxismus-Leninismus neu begründeten. Während der Tauwetterzeit machte Mamardaschwili eine schnelle Karriere in der ›offiziellen‹ Philosophie: Nach dem Studium arbeitete er in der Redaktion der führenden sowjetischen Philosophiezeitschrift Voprosy filosofii (Fragen der Philosophie). Nach seiner Promotion 1961 mit einer Dissertation zu Hegels Lehre über die Erkenntnisformen wurde er nach Prag entsandt, um bei der neu gegründeten Zeitschrift Problemy mira i socializma (Probleme des Friedens und des Sozialismus) mitzuwirken. Von 1968 bis 1974 arbeitete er wieder als stellvertretender Chefredakteur von Voprosy filosofii in Moskau, in Tbilissi erfolgte 1970 die Habilitation zu »Formen und Inhalt des Denkens«. Doch mit dem gesellschaftlichen Stillstand unter Breschnew war eine akademische Karriere für Mamardaschwili nicht mehr möglich. Viele seiner Kolleg*innen fanden nichtideologisierte »ökologische Nischen« (Mamardaschwili), wo sie frei von politischem Druck arbeiten konnten. Er aber wählte einen anderen Weg, weil die Nischenarbeit nicht dem entsprach, was er im Nachhinein als »philosophisches Temperament« bezeichnete und was seine Philosophie und seine Biographie untrennbar miteinander verband: Philosophie war für ihn keine Wissenschaft, sondern eine »vita activa«.[2]

Nach seiner Entlassung 1974 unterrichtete Mamardaschwili als Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen. Anders als die meisten seiner Kolleg*innen zog er die mündliche der schriftlichen Form vor. In der ganzen Sowjetunion hielt er Vorlesungen und Vorträge für ein nicht philosophisch geschultes Publikum. Besonders fühlte Mamardaschwili sich Descartes und Kant verbunden, aber auch Proust, Rilke und Musil waren für ihn ständige Bezugspunkte. Den Großteil seines Œuvres machen die Aufzeichnungen zu seinen zahlreichen Vorlesungen aus, die er zumeist auf Russisch hielt und die thematisch von der antiken bis zur Gegenwartsphilosophie und von der Sozialphilosophie bis zur Bewusstseinsontologie reichten. Um für seine Zuhörer*innen verständlich zu bleiben, verzichtete er so weit wie möglich auf philosophische Begrifflichkeit und einen schwer zugänglichen Fachjargon. Stattdessen wollte er den Kern der persönlichen Erfahrung des Denkens und Verstehens freilegen, den er für das Wichtigste in der Philosophie hielt. Mamardaschwilis Aufzeichnungen sind aufgrund ihres alltagssprachlichen Charakters scheinbar leicht verständlich, bedürfen jedoch anstrengender Denkarbeit und müssen für Leser*innen, die aus der westlichen philosophischen Tradition kommen, in die Fachsprache zurückübersetzt werden. Dass es Mamardaschwili gelang, nicht in den engen Grenzen seiner Disziplin stecken zu bleiben (die in der Sowjetunion noch enger waren als anderswo), sondern die Tradition des freien Denkens – im Sinne einer persönlichen Anstrengung, einer persönlichen philosophischen Handlung – neu zu begründen, bestätigen seine Schüler*innen. So spricht der russische Philosoph Michail Ryklin von Mamardaschwilis »seltene[r] Gabe, zum Denken anzustiften, indem er am eigenen Beispiel vorführte, wie der Vorgang des Denkens funktioniert«.[3]

1980 kehrte Mamardaschwili nach Tbilissi zurück, um am Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften Georgiens und der Staatlichen Universität Tbilissi zu arbeiten. Ende der 1980er Jahre begann er sich politisch zu engagieren: Für seine öffentliche Äußerung, die Wahrheit stehe höher als die Heimat, wurde er von georgischen Nationalist*innen zum Verräter erklärt und einer Hetzkampagne ausgesetzt. 1990 verstarb er auf dem Moskauer Flughafen, als er sich auf dem Weg nach Tbilissi befand. Spätestens seit man ihm 2001 in der georgischen Hauptstadt ein Denkmal gesetzt hat, gehört er zum ›Nationalpantheon des Landes‹, auch wenn das wenig zur Verbreitung seines Werks in den letzten Jahrzehnten beigetragen hat. Dieses wird, zersplittert in einzelne Aphorismen, von unterschiedlichsten Parteien vereinnahmt und zur eigenen Legitimation benutzt.

Philosophie ist kein Beruf und keine Disziplin, sondern ein schöpferischer Akt – so in etwa lässt sich Mamardaschwilis Philosophie auf den Punkt bringen. Indem der Mensch diesen Akt vollzieht, wird er von einem biologischen zu einem kulturellen Menschen. Dieser Prozess der Menschwerdung ist jedoch nicht einmalig, sondern muss ständig wiederholt werden. Entsprechend gibt es weder fertiges Wissen noch feststehendes Verstehen. Stattdessen muss man immer wieder aufs Neue durch persönliche Anstrengung in den Zustand des Denkens und Wissens ›hineinfallen‹. Das impliziert ein spezifisches Zeit- und Geschichtsverständnis. Historisches Sein ist immer nur im Jetzt möglich, doch dieses ist stets von Chaos umgeben. Daher ermöglicht allein die permanente Anstrengung das Verweilen im Sein (prebyt’). Bleibt diese Anstrengung aus, gleitet sowohl der Mensch als auch die Gesellschaft in Formlosigkeit ab, die für Mamardaschwili mit Chaos und folglich mit dem Ahistorischen identisch ist. Um aber im Sein zu verweilen, muss der Mensch sich artikulieren, d.h. kulturelle Formen bilden. Daher setzt die Philosophie notwendigerweise Öffentlichkeit voraus, denn sie muss zum Ausdruck gebracht und kommuniziert werden.

Mamardaschwili war der einzige Philosoph aus der Sowjetunion, der die Erfahrung des sowjetischen Totalitarismus philosophisch zu denken und zu artikulieren verstand. Das macht ihn bis heute bedeutend und anschlussfähig. Im Zentrum seiner Philosophie stand eine Philosophie des Bewusstseins, die mit anderen Themen verbunden war, die für das Politische bei ihm relevant waren: »Das Wesen des Bewusstseinsphänomens« ist »die Freiheit«.[4] Die französische Slawistin Annie Epelboin bezeichnet ihn als einen »Philosophen des Bewusstseins, der das totalitäre Phänomen von innen überwunden und in die existenzielle Reflexion umgesetzt hat«.[5] In dem Bestreben, das Leben unter totalitären Bedingungen philosophisch zu reflektieren, ist Mamardaschwilis Werk mit Theodor W. Adornos großem Exil-Buch Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951) vergleichbar. Doch finden sich seine Reflexionen über das beschädigte Leben in der Sowjetunion nur zerstreut in den Vorlesungen und Vorträgen aus der 1980er Jahren wieder. Sie bilden gleichwohl eine Konstante, wenn nicht die geheime Triebfeder seines Denkens.

Die sowjetische Gewaltherrschaft – insbesondere unter Stalin – galt Mamardaschwili als ein Zivilisationsbruch, als eine »anthropologische Katastrophe«, die er als Verletzung der Gesetze des menschlichen Bewusstseins und »des damit verbundenen ›Anbaus‹, welcher Zivilisation genannt wird«, verstand.[6] Der Zivilisationsbruch, der sich in Nazideutschland und in der Sowjetunion ereignete, machte die beiden Gewaltherrschaften vergleichbar:

»Die übereinstimmende Erfahrung war die Erfahrung der Zerbrechlichkeit der menschlichen Zivilisation.«[7]

Mit dieser These einer Vergleichbarkeit beider Totalitarismen rückt Mamardaschwili in die Nähe von Hannah Arendt. Beiden ist auch gemein, dass sie in den Totalitarismen die völlige Erosion des öffentlichen Raumes diagnostizieren und über eine postkatastrophische Neubegründung des freien politischen Raumes nachdenken.

Der Weg, den Mamardaschwili dabei einschlug, unterscheidet ihn allerdings von den Philosoph*innen jenseits des Eisernen Vorhangs. In Westeuropa wird der Zivilisationsbruch als eine unüberbrückbare Zäsur angesehen. Die Unmöglichkeit der Rückkehr zum Status quo ante wird in Adornos berühmtem Diktum über die Unmöglichkeit von Lyrik nach Auschwitz zum Ausdruck gebracht. Demgegenüber bleibt die klassische Moderne für Mamardaschwili anschlussfähig. Ausgehend von einer Korrespondenz der Erfahrungen knüpft er an Autoren wie Marcel Proust, Antonin Artaud, Sigmund Freud oder Robert Musil an, um den beschädigten Denkraum nach dem Zivilisationsbruch in der UdSSR (und in Osteuropa) wiederherzustellen:

»In Wirklichkeit stimmen die historische und die chronologische Zeit nicht überein und das, was sich in der chronologischen Zeit über mehrere Jahrzehnte erstreckt und uns heute längst vergangen scheint, passiert in Wirklichkeit jetzt, in gewissem Sinn befinden wir uns am selben historischen Punkt, am selben Punkt der historischen Zeit, an dem sich die Wiener Künstler, Denker, Publizisten und Musiker befanden.«[8]

Die Ungleichzeitigkeit zwischen historischer und chronologischer Zeit in West- und Osteuropa ist ein Grund für die ausstehende Rezeption Mamardaschwilis. Die ideologisch weniger aufgeladenen literatur- und kulturtheoretischen Arbeiten von Wladimir Propp, Wiktor Schklowski, Michail Bachtin oder Juri Lotman konnten in Westeuropa leichter rezipiert werden, da sie als Vorläufer des Strukturalismus bzw. parallel dazu verstanden und durch Emigrant*innen aus Osteuropa wie Roman Jakobson oder Julia Kristeva eingeführt wurden. Doch trotz jahrelanger Freundschaft zwischen Mamardaschwili und Althusser ist es nicht zu einer Rezeption in Frankreich gekommen. Annie Epelboin sieht in dieser Freundschaft ein gegenseitiges Nichtverständnis, die Unfähigkeit zweier einander zugeneigter Menschen, zu einem tiefen Gedankenaustausch zu kommen – eine Situation, die sie für paradigmatisch für das gesamte 20. Jahrhundert hält. 

In der politischen Theorie des ›Westens‹ verstand sich kritisches Denken als Kapitalismuskritik. Von Arendt bis Balibar galt es, die Fragen der sozialen Gleichberechtigung und der politischen Freiheit aufeinander zu beziehen. Für viele linke Intellektuelle blieb die Sowjetunion deshalb eine Alternative zum Kapitalismus; sie waren nicht in der Lage, in ihr eine mit dem Nationalsozialismus zwar nicht identische, so doch vergleichbare »Hölle« zu sehen.[9] Im ›Osten‹ ging es primär um Fragen der politischen Freiheit. Osteuropäische Intellektuelle mussten die Erfahrung machen, dass selbst ein Mehr an sozialer Gleichberechtigung weder zur Abschaffung der (nun informellen) Wohlstandsverteilung führte noch politische Freiheit gewährleisten konnte. Diese grundlegend unterschiedlichen Erfahrungen führten zu enttäuschten Erwartungen. Während einer Begegnung mit Fredric Jameson im Rahmen des Postmodernismus-Seminars in Dubrovnik (1990) redeten die beiden Philosophen aneinander vorbei.

Heute haben sich die chronologische und die historische Zeit in beiden Teilen Europas einander angenähert. Sein Leben lang beschäftigte sich Mamardaschwili damit, die illusionserzeugenden Strukturen des Bewusstseins (die bei Marx sinnlich-übersinnliche Dinge heißen) aufzudecken. Wie sein Freund Althusser arbeitete er an Marx Ideologie- bzw. Bewusstseinsbegriff weiter. Die Konvergenzen zwischen ihnen sind nicht nur im Frühwerk Mamardaschwilis, wo er sich mit Marx explizit auseinandersetzte, sondern auch in seinem Spätwerk, z.B. in den Vorlesungen über Proust, kaum zu übersehen. Dieser Teil seiner Arbeit ist auch heute wichtig, da die Fragen des (falschen) politischen und sozialen Bewusstseins wieder aktuell geworden sind. Seine Philosophie hilft nicht nur die immer noch bestehenden Differenzen zwischen ›Ost‹ und ›West‹ abzubauen, sondern auch einen Bogen von der Erfahrung der Totalitarismen hin zur Erfahrung der Rückkehr des Rechtspopulismus zu spannen.

Der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL mit dem Projekt »Literatur in Georgien. Zwischen kleiner Literatur und Weltliteratur«. Auf dem ZfL BLOG erschien zuletzt von ihm Die Ausnahme vom Ausnahmezustand: die Corona-Krise in Georgien.

[1] Zusammen mit dem Berliner Matthes & Seitz Verlag versuchen wir, Mamardaschwilis Philosophie auf Deutsch zugänglich zu machen: Merab Mamardašvili: Die Metaphysik Antonin Artauds, übers. von Maria Rajer, Roman Widder, hg. von Zaal Andronikashvili, Berlin 2018. Weitere Bände sind in Planung.

[2] Es ist nicht klar, ob Mamardaschwili Hannah Arendt gelesen hat, doch sind ihre philosophischen Positionen verwandt.

[3] Michail Ryklin: »Bessere Menschen«, in: Die Zeit, 28.08.2008, Nr. 36.

[4] Merab Mamardašvili: Kak ja ponimaju filosofiju (Philosophie nach meinem Verständnis), hg. von Juri Senokosov, Moskau 1990, S. 37.

[5] Ebd., S. 70.

[6] Ebd., S. 107.

[7] Merab Mamardašvili: »Wien der Jahrhundertwende«, in: ders.: Die Metaphysik Antonin Artauds, übers. von Maria Rajer u. Roman Widder, hg. von Zaal Andronikashvili, Berlin 2018, S.43-99, hier S. 44.

[8] Ebd., S. 46.

[9] Ebd.