Eva Geulen: ›ARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT‹

Eva Geulens Text dokumentiert ihren Beitrag zu der vom Deutschen Literaturarchiv Marbach am 24. März 2021 virtuell veranstalteten Tagung »#LiteraturarchivDerZukunft«. Er wurde ursprünglich als Replik auf die dort diskutierte These 3 entworfen: »Literaturarchive schaffen den literarischen und intellektuellen Kanon mit: Das Archivieren in die Zukunft setzt die stetige Diskussion der Entwicklungen in Literatur und den öffentlich wirksamen Bereichen von Wissenschaft und ein Diskutieren der Kriterien dessen voraus, was es zu archivieren gilt – und was nicht.«

›Archivieren in die Zukunft‹ – was heißt das? Man kann in die Zukunft investieren, wie man in Aktien oder erneuerbare Energien investiert, in der Hoffnung auf spätere Gewinne der einen oder anderen Art. Aber ist das Archiv, in dem automatisch zu Vergangenheit und Geschichte wird, was da einmal gelandet ist, auch eine Investition in die Zukunft? Mit Aussichten auf Gewinne für spätere Forschung und erneuerbare Literaturen?

Oder ist mit ›Archivieren in die Zukunft‹ gemeint, dass, mit Rudolf Borchardts auch schon paradoxer Formulierung, eben nicht mehr ein »ewiger Vorrat deutscher Poesie« angelegt werden soll,[1] sondern mit Rücksicht auf jene Zukünfte zu sammeln und zu archivieren ist, die sich gegenwärtig abzeichnen, etwa die gerade erst unter ganz neuen Produktions- und Rezeptionsbedingungen entstehende, und häufig auch rasch wieder vergehende, Literatur im Netz?

Diese Nah-Zukünfte müssen wohl gemeint sein. Nachdem ich mich über die damit verbundene ›Herausforderungen‹ – von denen man statt des etwas lähmenden Begriffs der Krise heute lieber spricht, weil die Bewältigung von Herausforderungen ganz unfehlbar in Zukunft geleistet worden sein wird – etwas schlau gemacht hatte, war ich von anstehenden Aufgaben ziemlich eingeschüchtert: Kittlers Linux-Festplatten liegen schon seit 2011 im Marbacher Archiv. So was kann man nicht ausdrucken. Man kann es auch nicht auf Mikrofiche bannen, jene geniale Lösung, die beim letzten Medienwechsel für die Tageszeitungen gefunden wurde. Und das ist ja nur der Anfang von vielen Fragen zur Archivierbarkeit digitaler Artefakte. Richard Brautigan, der eine Library of Unpublished Books angelegt hat, hat einmal gesagt: »All of us have a place in history. Mine is clouds.«[2] Er konnte nicht ahnen, dass die Cloud zu einem Speicher werden würde, der in Konkurrenz zu öffentlich zugänglichen Archiven tritt. Viele private Anbieter stehen bereit, sich um unser aller digitale Nachlässe zu Lebzeiten zu kümmern. Und was gehört eigentlich alles dazu? Müssen Archive nach der »Burnt Banksy«-Aktion in das Geschäft mit Non-Fungible Tokens und Blockchain einsteigen?[3] Wie archiviert man Twitter-Feeds und die dort veröffentlichte Twitteratur? Wem gehört sie, und wer macht das?

Vorlässe gehören ja schon länger zum Archivgeschäft. Aber bei digitalen Artefakten müssen bereits in der sogenannten präkustodialen Phase sehr viele Vorrichtungen und Absprachen getroffen werden. Ungeleitet kommt niemand mehr ins Archiv. Ist das noch Archivieren in die Zukunft? Oder schon Archivieren der Zukunft? Diese Ambition wäre in der Tat fatal und ein Selbstmissverständnis der Aufgaben eines Archivs.

Unter dem Druck nie bloß technischer Probleme sollte das Archiv sich hüten, sich zu sehr mit der Zukunft zu beschäftigen, und stattdessen sein Verständnis der Vergangenheit schärfen, die es laufend mitproduziert. In mehr als einem Sinne gehört das Archiv der Geschichte. Es ist in der vielleicht einmaligen Lage, Geschichte zu machen, ohne über sie zu verfügen.

Nietzsches Typologie von monumentalischer, antiquarischer und kritischer Geschichtsschreibung hat auch die möglichen Kriterien des Archivierens ziemlich erschöpfend versammelt: die monumentalische Geschichtsschreibung setzt darauf, die Großen über die Zeiten hinweg zu versammeln, in der Hoffnung, dass das Kontinuum nicht abreißt; die antiquarische Geschichtsschreibung konserviert das Übersehene und Lokale, in der Hoffnung, diese Bedingungen für die Zukunft zu erhalten; und die kritische Geschichtsschreibung, die die Vergangenheit richtet und zu Zeiten aburteilt, will Platz schaffen für Neues.

Alle drei archivieren in die Zukunft, die sie sich wünschen. Das ist legitim und es sorgt dafür, dass wir nicht nur Archive, sondern auch Archivgeschichten haben, die selbst zur Geschichte gehören. Ein Archiv ist konservativ, weil es konserviert, tradiert, überliefert: monumentalisch, antiquarisch, kritisch ist dabei gar nicht so wichtig. So oder so wird es selektiv sein. Gerade unter den Bedingungen drängender Zukünfte wird der Mut zur Lücke eine Tugend. Auch und gerade die Lücken gehören zur Sammlung.

Das ist aber etwas anderes als die Logik der Antizipation, die nicht dem Ideal des Erhaltens und frommen Wünschen gehorcht, sondern dem Dogma der Planbarkeit von Zukunft. Digitalisierung wirft nicht nur neue Probleme und technische Fragen auf, sondern verlockt auch zu Allmachtsphantasien. Und davor muss ein Archiv sich hüten. Es sollte sich von der Zukunft, die eine offene ist, wie wir soeben wieder lernen, nicht so unter Druck setzen lassen, dass es auf alles vorbereitet und für alles gerüstet sein will. Natürlich sind die Kriterien zu diskutieren und zu reflektieren, auch im Kontakt mit Wissenschaft und Öffentlichkeit. Aber ein Archiv muss den Mut haben zur Lücke und willens sein, sich selbst und andere zu überraschen. Denn wenn einem Archiv die vollkommene Transparenz gelänge, wenn es sich restlos Rechenschaft ablegen könnte über die Kriterien dessen, was es sammelt und nicht sammelt, dann hätte es seine wichtigste historische Aufgabe verfehlt, nämlich in seinen Sammlungen Zeugnis abzulegen von seinen Entscheidungen, seinen Favoriten, seinen Abneigungen und seinen Schwierigkeiten. Etwas pointiert: Wenn es das könnte, dann hätte es vor seiner wichtigsten Aufgabe versagt, nämlich nicht bloß Vergangenes zu archivieren, sondern selbst Geschichte zu werden, zu sein und zu haben.

Archive investieren nicht primär in die Zukunft, sondern in die Zukunft der Vergangenheit. Das ist ihr Dilemma, das ist ihre Chance, und beides zusammen ihr Sinn. Hoffentlich auch in Zukunft.

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL.

[1] Rudolf Borchardt (Hg.): Ewiger Vorrat deutscher Poesie, München 1926.

[2] Richard Brautigan: The Tokyo-Montana Express, New York 1979, S. 150.

[3] Vgl. hierzu einen Artikel im Spiegel: Patrick Beuth u. a.: »Wie Pixelkunst zum Spekulationsobjekt wurde«, in: Spiegel, 19.03.2021.