Claude Haas: Omas gegen Rechts. ZUR FINALEN STAFFEL VON »BABYLON BERLIN«

Seit Kurzem ist die fünfte und letzte Staffel von Babylon Berlin in der ARD-Mediathek verfügbar. Babylon Berlin war 2017 als historische Krimiserie gestartet. Als solche lebte sie von der Herstellung eines zeittypischen Ambientes stets fast mehr als von den jeweils aufgebotenen Mordhandlungen. Wie der Titel zu Recht nahelegt, ist die eigentliche Hauptfigur der Serie die Stadt Berlin: das sympathisch verruchte Berlin der 1920er Jahre. In seiner sexuellen Freizügigkeit, zwischenmenschlichen Schnoddrigkeit und technischen Modernität wurde Berlin behutsam romantisiert, aber nicht vollständig verklärt. So spielten soziale Missstände und der aufkeimende Faschismus eine bedeutende Rolle. Die Serie präsentierte das Berlin der Weimarer Republik unterschwellig immer auch als ein Vermächtnis und seinen Untergang 1933 als ein Mahnmal für unsere heutige Zeit. »Arm, aber sexy«, wie das später genannt wurde.

Babylon Berlin überforderte nie seine Zuschauer*innen, sondern bestätigte deren Vorwissen und Überzeugungen mit liebevoll und opulent inszenierten Details. An Kostümen, Maske, Requisiten, Komparsen und nachgebauten Straßenzügen wurde ein Aufwand betrieben, der Babylon Berlin zu der teuersten Filmproduktion machte, die jemals in Deutschland realisiert wurde. Dabei erlaubten sich die Macher manch ansprechende Sottise. So sollen die Schauspieler*innen, wie im neuen Making-of zu erfahren ist, auch dann originalgetreue Unterwäsche getragen haben, wenn sie sich gar nicht ausziehen mussten. Das Feuermal im Gesicht des Großindustriellen Alfred Nyssen (Lars Eidinger) wurde offenbar in den Umrissen der Stadt Berlin aufgetragen und wenn Hermann Göring (Devid Striesow) in der fünften Staffel auf Schloss Liebenberg zu Tisch sitzt, gibt es als Vorspeise Fleischbrühe mit Eierstich in Hakenkreuzform.

Machart und Bildsprache der neuen Folgen entsprechen denen der vorherigen Staffeln. Wieder sind Achim von Borries, Hendrik Handloegten und Tom Tykwer für Drehbuch und Regie verantwortlich, wieder nutzen sie dabei denkbar frei einen historischen Kriminalroman von Volker Kutscher als Vorlage (Märzgefallene von 2014) und wieder sind es Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Richter (Liv Lisa Fries), die ermitteln.

Der Gegenstand der letzten Staffel ist jedoch ungleich monumentaler. Sie spielt weitestgehend im Februar 1933, genauer gesagt: in den Wochen von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar bis zum Reichstagsbrand am 27. Februar. Es ist demnach die ganz große Geschichte, die zur Darstellung gebracht wird. Bildete die Kriminalhandlung in den bisherigen Staffeln eher eine Art Rahmen für die Aufbereitung von Zeitgeschichte, rückt diesmal die Person Adolf Hitlers in ihr Zentrum, auch wenn Hitler selbst (Clemens Schick) nicht zu einer Hauptfigur aufsteigt. Er bleibt bis auf wenige Auftritte die braune Eminenz hinter den Kulissen.

Dafür setzt Babylon Berlin auf eine gar nicht einmal unplausible Fiktion: Anders als in Mein Kampf dargestellt, sei Hitler am Ende des Ersten Weltkriegs nicht infolge eines Senfgasangriffs vorübergehend erblindet, der Serie zufolge lautete die damalige Diagnose auf »hysterische Blindheit«. Dementsprechend versuchen Gestapo und SA jetzt nicht nur, Hitlers Krankenakte zum Verschwinden zu bringen, sondern auch alle Personen zu ermorden, die seinerzeit mit Hitler zusammen im Lazarett Pasewalk waren und seine Hysterie bezeugen könnten; allen voran den behandelnden Psychiater Dr. Edmund Forster (Ulrich Noethen). Charlotte, Gereon und diverse andere Beamte setzen ihrerseits alles daran, den Schergen das Handwerk zu legen, und arbeiten auf eine Publikation der Krankenakte hin, damit die Nazis bei den für den 5. März anberaumten Neuwahlen endlich einen Dämpfer bekommen.

Auf politischer Ebene und mit Blick auch auf die heutige Bedrängnis westlicher Demokratien, auf die die Serie immer wieder dezent anspielt, ist die gesamte Kriminalhandlung von rührender Naivität. Hitler unter Hysterieverdacht zu stellen, hätte es damals wie heute kaum einer Krankenakte über sein Augenleiden bedurft. Und die Wählerstimmen, die eine entsprechende Publikation die Nazis am 5. März gekostet hätte, wären wahrscheinlich leider sehr überschaubar geblieben.

Aufschlussreich ist die fünfte Staffel von Babylon Berlin dort, wo sie der politischen Brisanz von Hitlers Krankengeschichte selbst nicht recht zu trauen scheint. So darf der Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß (Godehard Giese), den Gereon und Dr. Forster in Paris für eine Veröffentlichung der Hysteriediagnose gewinnen wollen, am Ende der vierten Folge selbst Zweifel an deren potenziellem Einfluss auf die anstehenden Wahlen formulieren. Damit wird Weiß von Drehbuch und Regie zum Träger jener Bedenken gemacht, die viele Zuschauer*innen angesichts der Kriminalhandlung zu dem Zeitpunkt längst beschlichen haben dürften. Als Zuschauerfiguration kann er massenwirksame Folgen von Hitlers Hysteriebefund zwar infrage stellen, den gesamten Plot aber natürlich nicht gegen die Wand fahren lassen. Um so weniger, als neben Kutscher auch Weiß’ Roman Ich, der Augenzeuge eine bedeutende Vorlage für die Kriminalhandlung der letzten Staffel abgibt. Es ist eine denkwürdige politische Unentschiedenheit, die die finale Staffel von Babylon Berlin über weite Strecken durchzieht, ohne dass diese indes zu ihrem Kompositionsprinzip erhoben werden würde. Und genau hier liegt der Hase, wie man so sagt, im Pfeffer.

Genau besehen werden die neuen Folgen zwischen zwei gängigen, nichtsdestotrotz aber konträren geschichtlichen Überzeugungen über die Nazis zerrieben: einmal der, dass sie durch einen geschlossenen Verbund aufgeklärter und demokratischer Kräfte 1933 noch gut hätten verhindert werden können, und einmal der, dass sie in ihrer Monstrosität geradezu unvermeidlich waren. Beide Ansichten begegnen im politischen Diskurs bis heute in unterschiedlichen Begründungszusammenhängen. Der deprimierend aktuelle Imperativ »Wehret den Anfängen!« steht der Beschwörung einer tatsächlichen oder vermeintlichen Singularität und Unvergleichbarkeit der Nazi-Verbrechen letztlich unversöhnlich gegenüber; mindestens aber steht er zu ihr in massiver Spannung. Die Unvergleichbarkeitsthese wurde ursprünglich mit Blick auf andere historische Totalitarismen ins Feld geführt, sie schließt Vergleiche aber auch mit heutigen Entwicklungen streng genommen aus. Zudem droht sie, ein aufgeklärtes mit einem dämonischen und deterministischen Geschichtsbild zu überblenden.

Diesem Widerspruch und seiner Symptomatik wusste sich die finale Staffel von Babylon Berlin trotz oder wegen bester politischer Absichten nicht überzeugend zu stellen. Im Gegenteil erscheint die Machtergreifung der Nazis in den letzten Folgen als buchstäblich tragisches Fatum, wie die Verknüpfung von Hitlers Krankenakte mit gleich drei Nebenhandlungen verrät:

Zum einen beschließt Gereons Bruder Anno (Jens Harzer), der 1918 zu Hitlers Lazarettkameraden gehört hatte, ein Attentat auf diesen zu orchestrieren, als sich abzeichnet, dass aus der Krankenakte allein kein politisches Kapital zu schlagen sein wird. Gereon selbst soll die Bombe auf Schloss Liebenberg zünden, wo Hitler und Göring mit sämtlichen Größen der deutschen Industrie zum Abendessen eingeladen sind. Als Hitler zwischenzeitlich kurz totgeglaubt wird, verkündet Anno in einer Radiorede das Ende des »Führerprinzips« – die Anklänge an das missglückte Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 sind nicht zu überhören.

Zum anderen planen die Nazis zwecks einer Aushebelung der Weimarer Verfassung, den Reichstag anzuzünden. Mit der Hilfe eines Doppelagenten führen sie den niederländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe (Tobias Kersloot) hinters Licht, der schließlich erfolgreich Feuer legt und damit unfreiwillig Hitler vor seinem sicheren Tod auf Schloss Liebenberg bewahrt. Gemeinsam mit Göring war dieser zum brennenden Reichstag beordert worden, bevor die an seinem Sitzplatz angebrachte Bombe hochgehen konnte.

Dass der Reichstagsbrand und der Anschlag auf Hitler an ein und demselben Abend stattfinden, liegt zum dritten ursächlich jedoch gar nicht an den Nazis, sondern an einer beinahe schon beglückenden politischen Intrige der Pensionsinhaberin Elisabeth Behnke (einmal mehr fulminant gespielt von Fritzi Haberlandt). Damit KPD und SPD ihre Gräben endlich überwinden und im Vorfeld der anstehenden Wahlen eine gemeinsame Bastion gegen den NS bilden, hatte sich Frau Behnke den führenden Frauen von SPD (der Rosa Helfers von Jenny Schily) und KPD (der Marie-Luise Völcker von Jördis Triebel) gegenüber fälschlicherweise als jüngste Schwester Rosa Luxemburgs ausgegeben. Rosa Luxemburgs geheimer Wille habe immer schon in einer Fusion der beiden linken Lager bestanden und diese sei jetzt dringlicher denn je. Obwohl die Intrige auffliegt, gelingt es den Frauen, ihre männlichen Parteivorsitzenden für ein gemeinsames Treffen im Reichstag am 28. Februar zu gewinnen. Erst als Göring hiervon erfährt, beschließt er, die geplante Brandstiftung zeitlich vorzuverlegen, um das Treffen von SPD und KPD zu vereiteln. Dadurch fällt der Reichstagsbrand zeitlich just auf den Abend des geplanten Attentats auf Hitler.

Auf der Ebene von Chronologie und Handlungskausalität sind es in Babylon Berlin drei Omas gegen Rechts, die unbeabsichtigt das Überleben Adolf Hitlers und damit einhergehend den Untergang der Weimarer Republik bewirken. Die politisch bislang völlig unbedarfte Frau Behnke, Rosa Helfers von der SPD und Marie-Luise Völcker von der KPD bringen jenen Stein ins Rollen, der die Demokratie und ihre eigenen Parteien am Ende zermalmt. Das ist gängiges, nicht zu sagen: vulgäres, tragisches Inventar. Anders als in vielen Theorien der Tragödie und des Tragischen wird dieses in Babylon Berlin zwar nicht geschichtsphilosophisch aufgeladen. Die Serie unterstellt Hitler auch implizit keine höhere oder verdeckte Berechtigung, geschweige denn eine Gleichberechtigung kollidierender tragischer Kräfte im Sinne Hegels. Hitlers Rettung wie sein politischer Erfolg erhalten über den tragischen Kunstgriff jedoch unweigerlich Züge des Schicksalhaften und Unabänderlichen. Verstärkt werden diese dadurch, dass die gesamte letzte Staffel sich den Blick auf durchschnittliche Nazi-Anhänger*innen so gut wie vollständig versagt und der politische Durchbruch des NS folglich weitgehend im Irrationalen verharrt.

Viele Szenen und Details auch der letzten Staffel sind beeindruckend gut gemacht. Vom Hypnosependel Dr. Forsters, nachgebaut im edelsten Art-Déco-Design, bis zum Kölner Karneval, in dem Gereon und Dr. Forster sich verirren und der größtenteils aus originalen kolorierten Filmsequenzen montiert wird. Diese führen nicht allein den Liebreiz des damals noch unzerbombten Kölns vor Augen, sondern kontrastiv auch den unwillkürlich karnevalesken Zug der SA-Märsche, auf den sie unmittelbar folgen.[1] Viele weitere Beispiele ließen sich anfügen. Gleichwohl kann man sich der Erkenntnis kaum verschließen, dass sich die finale Staffel von Babylon Berlin an der Figur Adolf Hitlers verhoben hat. Ein öffentlich gewordener Hysteriebefund hätte Hitler nicht aufgehalten, aber tragödientauglich war er schon mal gar nicht.

Ein Grund mehr, es heute mit den Omas gegen Rechts zu halten.

Der Literaturwissenschaftler Claude Haas ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur und arbeitet gegenwärtig an seinem Projekt »Der Neue Historismus in Literatur und Medienkultur der Gegenwart«. Auf dem ZfL BLOG erschien von ihm zuletzt »Ein Fach von Welt. Zu einem Plädoyer für die Welthaltigkeit der Philologie«.

[1] Hier erlaubt sich die Serie eine filmästhetisch geglückte historische Freiheit. Der Rosenmontag 1933 fiel nicht auf den Tag nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler (wie in der vierten Folge der fünften Staffel), sondern auf den Tag, an dem der Reichstag brannte.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Claude Haas: Omas gegen Rechts. Zur finalen Staffel von »Babylon Berlin«, in: ZfL Blog, 29.10.2026, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2026/10/29/claude-haas-omas-gegen-rechts-zur-finalen-staffel-von-babylon-berlin].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20261029-01