Insa Braun: DIE UNFÜGSAMKEIT, ICH ZU SAGEN

Nachdem Martin Doerry im Spiegel die Krise der Germanistik wiederbelebt hat,[1] bleibt unklar, ob es diese jemals gegeben hat, immer schon gab oder ob wir es hier mit einem Zombie des Feuilletons zu tun haben. Der Artikel zeugt zunächst einmal von einer enttäuschten Erwartung an die Germanistik, die dem Fach eine merkwürdige Potenz zuschreibt. Nur gut, dass die Historiker dieser Erwartung nachkommen, denn bei ihnen werden noch »die großen Fragen der Zeit diskutiert«.[2] Doerry hat sich offensichtlich mehr von den Literaturwissenschaftlern erwartet.

Eva Geulen mag recht haben, dass weltpolitische Krisen kein Grund sind, sich nicht auch mit dem Stand der Germanistik zu beschäftigen. Aber man hätte sich von Doerrys Artikel doch gewünscht, dass der Begriff der Krise etwas differenzierter behandelt worden wäre: hinsichtlich des kritischen Potentials der Krise und der echten Krise aller Humanities in den USA. Dort müssen sich schließlich seit Donald Trumps Amtsantritt ganze Departments Sorgen um ihre Abschaffung und Einschmelzung machen. Die von Doerry angeführte Forderung von Richard David Precht, nach der die »durchfiktionalisierte Welt« (Doerry, S. 109) von heute doch Erklärungen bedürfe, zeugt indes von einer ebenso merkwürdigen Erwartung an die Germanistik. Wir sollen Politikberater spielen, für moralische Werte einstehen und uns mit dem »Jargon der Populisten« (ebd.) beschäftigen? Dann könnte es ja im Angesicht einer immer stärker werdenden AfD, eines Front National und eines Donald Trump gar nicht genug Germanisten geben. Aber: Germanisten sind keine Welterklärer und die Methoden des Fachs sind nicht unmittelbar auf die Welt anwendbar, wie Precht es sich wünscht.

Was Literaturwissenschaftler wirklich gut können, ist, Darstellungsformen zu analysieren und Texte kritisch zu hinterfragen. Die Reaktionen auf Doerrys Artikel zeigen, dass die Germanistik noch kein angepasster, kritikloser Zirkel im Houellebecq’schen Sinne ist. Erfreulich ist an dieser Debatte, dass nicht geschwiegen, sondern Position bezogen wird. Gegeneinander, miteinander, aneinander. Kontroversen setzen immerhin die Freiheit zur Positionierung voraus. Die Textgattungen, die uns in solchen Debatten zur Verfügung stehen, sind zuvorderst der Kommentar und der Essay. Im Rahmen eines literaturwissenschaftlichen Studiums kommt man mit diesen Textsorten vielfach in Berührung, in Form des philologischen Stellenkommentars in kritischen Werkausgaben, in der Beschäftigung mit Denkern wie Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Georg Lukács und nicht zuletzt beim Schreiben einer Hausarbeit. Die soll allerdings, bitte schön, nicht wie der Essay oder der Kommentar aussehen, und so versuchen Studierende artig, das »Ich«, das einem seit Schulzeiten doch als Marker des Essays gilt, in der wissenschaftlichen Arbeit zu tilgen.

Mit dem studentischen Ich hat es eine eigenartige Bewandtnis: Während des Studiums reift es idealiter zu einem kritischen Geist heran und lernt, wissenschaftliche Texte zu verfassen, deren Anspruch es sein muss, immer präzise am Gegenstand zu arbeiten und eigene Erkenntnisse an selbigem festzumachen. Auf dem Weg zu diesem Ziel macht es zwangsweise einige Krisen durch. Es erfährt, dass das »Ich« aus dem Deutschunterricht nun eher verspottet wird und wirft dieses »Ich« deshalb mitsamt alten Lektüreschlüsseln aus der Oberstufe weg. Gegenwind spürt es auch aus anwendungsbezogenen Fächern, die die Legitimität der Germanistik generell infrage stellen. Aus der Masse hervorheben kann sich das »Ich« schließlich in einer Form der Selbstverleugnung. Denn wer als Germanistikstudent in höherem Semester in einer Hausarbeit noch »Ich« sagt und sich – noch schlimmer – sogar zu einem Geschmacksurteil hinreißen lässt, gilt eher als Mitglied einer tumben Masse, die sich laut Doerry in den Hörsälen der Germanistik tummelt, denn als reflektiertes »Ich«. Ob es hilfreich ist, sich zu profilieren, indem man sich einer elitären Gruppe zugehörig zeigt und sich öffentlich über desinteressierte Studierende ausspricht, sei dahingestellt.

Vielleicht hat uns das die amerikanische Germanistik letztlich voraus: Dort wird öfter Meinung und Methodik miteinander verhandelt, ohne dass dies in Unwissenschaftlichkeit münden würde. In Anbetracht der politischen Lage und des grundsätzlichen Drucks, der auf den Humanities in den USA lastet, ist das nicht nur ein Vorzug der amerikanischen Germanistik, sondern auch eine Notwendigkeit.

Nicht zufällig ist der Essay eine Form, die an amerikanischen Universitäten häufiger als an deutschen gefragt ist. Beim Schreiben eines Essays darf experimentiert, darf die eigene Perspektive ausprobiert werden. Der Essay darf in medias res beginnen und ist nicht verpflichtet, einen Forschungsüberblick oder einen historischen Rückblick zu liefern. Die Form des Essays zwingt den Autor, eine Entscheidung zu treffen für das eine und gegen das andere. Studierende der Germanistik aus Deutschland, die eine Zeit lang im amerikanischen System studiert haben, tauschen sich gern darüber aus, dass es amerikanischen Studierenden viel leichter falle, am Ende des Semesters innerhalb einer Woche zehn bis fünfzehn Seiten aufs Papier zu bringen. Aus Gründen der Selbstaffirmation tröstet man sich, dass die Arbeit dann ja aber nicht so gründlich und durchdacht, stilistisch bis auf die Spitze getrieben sein könne wie eine Hausarbeit an einer deutschen Universität. Das mag in einzelnen Fällen stimmen, aber eines lehrt die Aufforderung zum Schreiben von Essays jedenfalls: Mut zur Lücke und Mut zur eigenen Meinung.

Max Bense schreibt über den Essay, dass »[e]ssayistisch schreibt, wer experimentierend verfaßt, wer also seinen Gegenstand hin und her wälzt, befragt, betastet, prüft, durchreflektiert, wer von verschiedenen Seiten auf ihn losgeht und in seinem Geistesblick sammelt, was er sieht, und verantwortet, was der Gegenstand unter den im Schreiben geschaffenen Bedingungen sehen läßt.«[3] Für Adorno ist der Essay gar »die kritische Form par excellence«[4], die eine Tendenz »zur Liquidation der Meinung« hat, »auch der, mit der er selbst anhebt« (Adorno, S. 27). Darin konvergieren Kritik und die Form des Essays. Michel Foucault definiert in einem Vortrag, dessen Titel bereits eine Frage ist, »Was ist Kritik?«, die Kritik als »Kunst der freiwilligen Unknechtschaft, der reflektierten Unfügsamkeit.«[5]

Ich erwarte von einem Germanistikstudium ebendies: dass das Fach anhand der ihm eigenen Gegenstände zu reflektierter Unfügsamkeit ermutigt. Das kritische Potential des Germanistikstudiums liegt nicht darin, die Welt zu erklären, sondern neue Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu hinterfragen, Fragen neu zu formulieren, in der Hoffnung, »Erleuchtetes zu sehen, nicht das Licht.«[6]

Insa Braun arbeitet als Elsa-Neumann-Stipendiatin des Landes Berlin an einer Dissertation mit dem Titel Reden über Lyrik.

[1] Vgl. Ulrich Greiner: »Die Krise der Germanistik – vorbei«, in: Die Zeit 14 (1997), http://www.zeit.de/1997/14/Die_Krise_der_Germanistik_-_vorbei/komplettansicht (zuletzt aufgerufen am 22.02.2017).

[2] Martin Doerry: »Schiller war Komponist«, in: Der Spiegel 6 (2017), S. 104–109, hier S. 104.

[3] Max Bense: »Über den Essay und seine Prosa«, in: Merkur 1 (1947), hier S. 418.

[4] Theodor W. Adorno: »Der Essay als Form«, in: Ders.: Noten zur Literatur, GS 11, hg. v. Rolf Tiedemann et al., Frankfurt am Main 1974, S. 27.

[5] Michel Foucault: Was ist Kritik?, übersetzt v. Walter Seitter, Berlin 1992, S. 15.

[6] Adorno zitiert zu Beginn seines Essays aus Goethes Pandora; Adorno: »Der Essay als Form«, S. 9.

 

Der Beitrag von Insa Braun gehört zu einer Gruppe von Texten, die unter dem Titel »Germanistik in der Kontroverse« auf dem ZfL Blog erschienen sind. Hier geht es zu den anderen Beiträgen:

Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK

Hanna Hamel: ENTUNTERWERFUNG. Zum Verhältnis von Literatur und Kritik in Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« anlässlich einer »Krise der Germanistik«