Hanna Hamel: ENTUNTERWERFUNG. Zum Verhältnis von Literatur und Kritik in Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« anlässlich einer »Krise der Germanistik«

Die kürzlich entflammte Diskussion über eine »Krise der Germanistik« hat einen ihrer Funken aus Michel Houellebecqs jüngstem Roman Unterwerfung (Soumission, 2015) geschlagen.[1] Roman und Autor sind als Auslöser kontroverser und polemischer Diskussionen bekannt, wenn auch bislang nicht unbedingt über gesellschaftliche Funktion und Strahlkraft der Deutschen Philologie. Aber tatsächlich geht es schon auf Seite 13 der deutschen Übersetzung um die Literaturwissenschaft:

»Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier mit einem sehr ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalten; die über 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf.«[2]

Die Textstelle, die Martin Doerry als Aufhänger für seinen Artikel ausgewählt hat, ist bemerkenswert, weil sie – deutlich geradliniger als in die vieldiskutierte Auseinandersetzung mit einem vordergründig islamisierten Frankreich – zur zentralen Voraussetzung der fiktionalen Welt des Romans führt: dem Ende der Kritik. Der Blick durch die Augen des Protagonisten und Erzählers François, Professor für französische Literatur und Huysmans-Experte an der Universität Paris III, ist ein unkritischer. »[B]erufliche Eingliederung« (Houellebecq, S. 12), Convenience-Food und pornographische Stereotype bestimmen sein Leben. Der politische und gesellschaftliche Umschwung im Roman (u.a. illustriert durch Legalisierung der Polygamie für Männer und radikale Beschneidung der beruflichen Möglichkeiten für Frauen) erscheint lediglich als äußere Manifestation eines bereits lange korrumpierten aufklärerischen Potentials von Kritik und Widerstand. Verfolgt wird die in der nahen Zukunft angesiedelte politische und soziale Entwicklung am Beispiel der opportunistischen Figur François’ und dessen zwangloser Unterwerfung unter die herrschenden Verhältnisse.

Das ist einer der Eindrücke, die man sich in den letzten Wochen – vor Erscheinen des Artikels im Spiegel – in den Sitzungen der Lektüregruppe des ZfL von dem Roman verschaffen konnte. Unterwerfung bedarf der literaturwissenschaftlichen Diskussion, fordert sie geradezu ein – und zwar über eine doppelte, widersprüchlich anmutende Setzung: Der Roman macht zum einen die reale Literatur der französischen Literaturgeschichte zum Teil seiner fiktionalen Welt und wählt andererseits einen fiktionalen literaturwissenschaftlichen Blick auf diese Literatur (und die fiktionale Welt) als Erzählperspektive. Damit eignet er sich die Literaturwissenschaft doppelt an: über ihren Gegenstand wie über ihre Perspektive.

Unterwerfung ist aber keine Literaturwissenschaft, und das Verfahren des Romans kein literaturgeschichtliches Novum. Auch Joris-Karl Huysmans, dessen Literatur in Houellebecqs Roman zum Thema wird, nimmt historische Literatur und ihre Analysen, vermittelt durch die Perspektiven der Figuren, in seine Romane auf. Was Huysmans dabei in erster Linie vorführt, ist das Versagen der produktiven Bezugnahme einer individuellen Lebensform auf Entwürfe der Literatur: Exemplarisch geschieht das in seinem berühmtesten Roman Gegen den Strich (A rebours, 1884), dessen Protagonist Des Esseintes über die Literatur unterschiedlicher Epochen eine Ausflucht aus »der Existenzform seiner Zeit«[3] sucht. Diese Bezugnahme ist auf simple und distanzlose Weise reproduktiv: Die literarische Erfahrung der historischen Texte wird kritiklos zum Vorbild für die Wirklichkeitswahrnehmung und -gestaltung der Protagonisten bei Huysmans wie auch bei Houellebecq. Während die literarisch imaginierte Gegenwelt in Gegen den Strich Des Esseintes letztlich nicht vor dem Pariser Alltag der Zeit retten kann, gelingt Houellebecqs François die reuefreie und kritiklose Beschäftigung mit der französischen Dekadenz: Sie führt ihn zu finanziellem und sozialem Erfolg. Offensichtlich hat er die richtigen Texte ausgewählt – oder sie schlecht gelesen.

Houellebecqs Roman ist kein Text, auf den man sich als Literaturwissenschaftler in einer solchen reproduktiven Weise mit Erfolg beziehen könnte. Er antizipiert die Möglichkeiten einer schlechten, weil kritiklosen Lektüre, indem er sie vorführt. Man kann das als essayistischen Zug des Romans deuten: Die Beschäftigung mit Literatur, nach Lukács und Adorno der bevorzugte Gegenstand der Gattung der Kritik, des Essays,[4] führt im Roman gerade nicht dorthin, wohin sie führen könnte: Anstatt eine streitbare, kritische Lektüre der Texte von Huysmans zu entwickeln, wird François selbst zur fantasielosen Kopie einer Huysmans-Figur. Damit bricht der fiktionale Literaturwissenschaftler mit der Tradition seines Faches, dessen historische Wurzeln Michel Foucault in »Was ist Kritik?« im »Spiel zwischen der Regierungsintensivierung und der Kritik«[5], genauer: der alternativen Bibelexegese ausgräbt. In seinem Vortrag definiert Foucault die Funktion von Kritik als »Entunterwerfung« (»désassujettissement«) (Foucault, S. 15). Damit stellt sich der Romantitel – zumindest in der deutschen Übersetzung – einer ursprünglichen Definition der Aufgabe von Literaturwissenschaft diametral entgegen und fordert sie negativ heraus. Im Französischen wird die Tragweite der Darstellung eines Endes der Kritik über die Literaturwissenschaften hinaus umso deutlicher: Unterworfen ist nicht nur der Literaturwissenschaftler, die »soumission« ist definitorisch Teil jeder Subjektwerdung, denn das »sujet« ist laut Petit Robert zumeist »soumis«, welcher Autorität auch immer.

Subjektwerdung ist stets Unterwerfung: »Keine Selbst-Bildung« findet, wie Judith Butler in Auseinandersetzung mit Foucaults Vortrag darlegt, »außerhalb einer Weise der Unterwerfung/Subjektwerdung« statt.[6] Entsprechend kann sich eine Praxis der kritischen Subjektbildung auch nicht radikal von bestimmenden Normen und Praktiken abheben, sondern nur »eine Selbst-Transformation in Beziehung auf die Verhaltensregeln« sein (ebd.). Das Selbst entgeht dabei nie dem »Zwang«, »sich in Praktiken zu formen, die mehr oder weniger schon da sind« (ebd.). Ausgehend von herrschenden, regelhaften oder normativen Praktiken verstehen sowohl Foucault als auch Butler die kritische Praxis als eine »Kunst«, die sich im »Ungehorsam gegenüber den Prinzipien, von denen man geformt ist«, äußert (ebd.). Eine solche kritische Praxis läuft dem Mechanismus des universitären Systems zuwider, von dem Houellebecqs Protagonist sagt, es habe »kein anderes Ziel, als sich selbst zu erhalten« (Houellebecq, S. 13). Ausschließlicher Selbsterhalt des Systems und Selbst-Bildung des Subjekts geraten in der kritischen Praxis in Widerspruch zueinander. Die anerkennbare Subjektposition, die nur innerhalb bereits bestehender Praktiken ausgebildet werden kann, setzt sich in der Kritik selbst aufs Spiel.

Ein solches existentielles Risiko geht François nicht ein. Er perpetuiert stattdessen kritiklos die Praxis einer Wissenschaft, die sich gerade nicht erhält, indem sie institutionell überlebt. Der Roman stellt dies dar und nimmt dabei selbst ein formales Risiko auf sich: Unterwerfung verzichtet auf ein emanzipatives und moralisierendes Narrativ, dem man neue Normen des Handelns und Kritisierens bereits entnehmen könnte. Viel mehr als zur Reinszenierung seiner fiktionalen Welt mithilfe von Realität verbürgenden Statistiken und Statisten fordert der Roman also zu Entunterwerfung auf, in der das wissenschaftliche System und seine Rollenbilder, seien es die des männlichen Großordinarius, der begabten Studentin oder des anonymen Ausschuss-Mobs im Massenstudium nicht nur reproduziert werden. Als ein geeigneter Gegenstand und konkreter Anlass eines Streits gibt Unterwerfung ein misslungenes Verhältnis von Literatur und Literaturwissenschaft der (literaturwissenschaftlichen) Kritik preis: Der Roman behauptet jedoch weder für die Situation der Literaturwissenschaft noch für das neopatriarchale Frankreich den Anspruch auf Abbildrealismus. Abzutun ist das Szenario deshalb nicht; in der Möglichkeit des Endes der Kritik ist der Roman realistisch.

Hanna Hamel arbeitet im Rahmen des Doktorandenprogramms am ZfL an ihrer Dissertation zu »Klimatologien der beginnenden Moderne«.

[1] Losgetreten hat die Diskussion Martin Doerry: »Schiller war Komponist«, in: Spiegel 6 (2017), S. 104-109.

[2] Michel Houellebecq: Unterwerfung. Übers. v. Norma Cassau u. Bernd Wilczek, Köln 2015, S. 13.

[3] Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich, übers. v. Brigitta Restorff, München 2015, S. 68.

[4] Vgl. Theodor W. Adorno: »Der Essay als Form«, in: Ders.: Gesammelte Schriften Bd. 11, Noten zur Literatur., hg. v. Rolf Tiedemann u.a., Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003, 9–33; Georg Lukács: »Über Wesen und Form des Essays. Ein Brief an Leo Popper«, in: Ders.: Die Seele und die Formen. Essays, Neuwied/Berlin: Luchterhand 1971, S. 7–31.

[5] Michel Foucault: Was ist Kritik?, übers. v. Walter Seitter, Berlin 1992, S. 14.

[6] Judith Butler: »Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend«, übers. v. Jürgen Brenner, 2001, http://eipcp.net/transversal/0806/butler/de, aufgerufen am 23.02.17.

 

Der Beitrag von Hanna Hamel gehört zu einer Gruppe von Texten, die unter dem Titel »Germanistik in der Kontroverse« auf dem ZfL Blog erschienen sind. Hier geht es zu den anderen Beiträgen:

Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK

Insa Braun: DIE UNFÜGSAMKEIT, ICH ZU SAGEN