Claude Haas: FRÖHLICHE WISSENSCHAFT – TRAURIGE THEORIE? Lose Bemerkungen zu einem spannungsreichen Verhältnis

Ohne Theorie? Poetik und Hermeneutik

Im Rückblick auf seine langjährige Teilnahme an den Kolloquien von Poetik und Hermeneutik, der institutionell wie theoretisch in Deutschland sicher erfolgreichsten geisteswissenschaftlichsten Gruppierung nach 1945, kam der bekannte Romanist Karlheinz Stierle jüngst auf die gemeinsamen Wurzeln der ehemaligen Mitglieder zu sprechen. Gegenteiligen Bekundungen zum Trotz dürften solche nicht etwa in einer eigenständigen »Theorie«, sie müssten vielmehr in einem bestimmten Gebrauch des Deutschen als Wissenschaftssprache gesucht werden:

Was die Gruppe zusammenhielt, war nicht eine gemeinsame Theorie, sondern eher ein Stil: eine fast sinnliche Lust am Neuen und Riskanten, eine Urbanität der Auseinandersetzung bei aller Divergenz der Positionen sowie Einfallsreichtum auf der Grundlage fachlicher Kompetenz. Und schließlich, ganz besonders wichtig: das Vergnügen, sich der deutschen Sprache als einer bildmächtigen, überaus gelenkigen Wissenschaftssprache zu bedienen […].
Jeder in der Gruppe war in besonderer Weise sprachmächtig, hatte Sprachphantasie und Lust am Deutschen als Wissenschaftssprache. Keiner von ihnen schrieb dürre Gelehrtenprosa, vieles hatte Pep und Feuer, es war eine Prosa von eigenem Rhythmus, eigener Anschaulichkeit und eigenem Stil. Bloße Fachgelehrte, sie mochten in ihrem Fach noch so sehr eine Kapazität sein, hatten im Kreis von Poetik und Hermeneutik keinen Stand.[1]

Stierles Beobachtungen stehen in ihrer prononcierten Ausrichtung auf Darstellungsfragen und Sprachgebrauch in einer langen wissenschafts- wie theoriegeschichtlichen Tradition. Wenn Stierle der Poetik und Hermeneutik-Gruppe eine »gemeinsame Theorie« abspricht und er ihren »Pep« und ihren Zusammenhalt allein in ihrer Sprache verortet, dürfte dies zunächst von dem schlechten Leumund zeugen, den die ›Theorie‹ derzeit in weiten Teilen der geisteswissenschaftlichen Debatte besitzt. Seine Bemerkungen sind für das heutige Verständnis der Beziehung von Theorie und Wissenschaft vor allem in den Philologien symptomatisch. Die Zeit eines »Pep« gerade der Theorie selbst scheint längst verflogen, ihr – in den Worten Philipp Felschs – »langer Sommer« endgültig vorbei.[2]

Die Gefechte, die sich von den 1960er bis in die 1990er Jahre hinein Sozialhistoriker und Diskurshistoriker, Ideologiekritiker und Systemtheoretiker, Hermeneutiker und Poststrukturalisten oder dekonstruktive und emanzipierte Feministinnen geliefert hatten, sind verklungen. Hätten die Poeten und Hermeneuten ihrerseits ›nur‹ eine Theorie hervorgebracht, so der Unterton von Stierles Rückblick, ließen sich ihre legendären Kolloquien nunmehr wohl definitiv ad acta legen.

Welche Sprache spricht die deutsche Wissenschaft?

Nun muss man weder mit Poetik und Hermeneutik intim vertraut sein, noch ein ausgeprägtes Sprachgespür besitzen, um Stierles Überzeugungen kurios zu finden. Wie immer man sich zum angeblichen »Pep« der Sprache etwa eines Wolfgang Iser positionieren mag: Die stilistischen Unterschiede der Wissenschaftsprosa von Hans Robert Jauß, Hans Blumenberg, Rainer Warning und Renate Lachmann sind so offensichtlich, dass sie bei aller von Stierle ausdrücklich konzedierten Individualität im Detail doch kaum eine innere Basis der Gruppe zu beglaubigen vermögen.

Dass Stierle selbst entgegen seiner Beteuerung bis heute eminent theorieaffin ist, verrät ein genauerer Blick auf seine Argumentation. Denn bezeichnenderweise setzt er Poetik und Hermeneutik nicht nur von der Theorie ab, er weist der Gruppe mit dem »dürre Gelehrtenprosa« schreibenden »bloße[n] Fachgelehrte[n]« einen weiteren mächtigen Gegner zu. Schon aufgrund der Betonung besonderer sprachlicher Eigentümlichkeiten, die jenseits eines herkömmlichen wissenschaftlichen Stils liegen, können Stierles Beobachtungen nicht mehr dem gepflegt umzäunten Bereich einer fachinternen wissenschaftlichen Metareflexion zugeordnet werden. Sie gehören auch nicht der Domäne der wissenschaftlichen Methodologie oder einer disziplinär abgesicherten ›Wissenschaftstheorie‹ an. Trotz und mit seiner Absage an die Theorie präsentiert Stierle in seinem Rückblick unter der Hand einen Gegenentwurf zur etablierten wissenschaftlichen Disziplinbildung und Sprachpraxis, den man eigentlich nicht anders nennen kann als – ›Theorie‹.

»Brotgelehrter« oder »philosophischer Kopf«?

Als Widersacher, v.a. aber als permanentes Selbstkorrektiv der Wissenschaft dürfte Theorie in der deutschen Tradition ihren Ursprung in der Zeit um 1800 haben, da hier die neu gegründete Universität auf den Bildungsgedanken geeicht und gegen die ›bloße‹ Berufsausbildung und die wissenschaftliche Selbstbeschränkung in Stellung gebracht wurde. Zwar verläuft die Geschichte der Theorie keineswegs im Einklang mit dem Gebrauch des Theoriebegriffs. Dass aber insbesondere Wilhelm von Humboldt sowohl bei der Neuausrichtung der Universität als auch in der Bildungs- und Sprachphilosophie eine zentrale Rolle spielte und dass der Zusammenhang zwischen sprachlicher Darstellung und disziplinärer Spezialisierungsskepsis in der deutschen Wissenschaftsreflexion bis heute nicht ganz aufgelöst ist, spricht Bände.

Ein früher Kronzeuge dieser Gemengelage war Friedrich Schiller, der bereits in seiner berühmten Antrittsvorlesung Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? von 1789 den »Brotgelehrten« radikal vom »philosophischen Kopf« unterschieden hatte.[3] In Über naive und sentimentalische Dichtung kehrt diese Gegenüberstellung als eine solche von »Schulverstand« und »Genie« zurück, und sie wird von Schiller ausdrücklich sprachlich perspektiviert:

Wenn der Schulverstand, immer von Irrtum bange, seine Worte wie seine Begriffe an das Kreuz der Grammatik und Logik schlägt, hart und steif ist, um ja nicht unbestimmt zu sein, viele Worte macht, um ja nicht zu viel zu sagen, und dem Gedanken, damit er ja den Unvorsichtigen nicht schneide, lieber die Kraft und die Schärfe nimmt, so gibt das Genie dem seinigen mit einem einzigen glücklichen Pinselstrich einen ewig bestimmten, festen und dennoch ganz freien Umriß.[4]

Solche Überzeugungen klingen bei Stierle deutlich nach. »Hart« und »steif« heißen bei ihm »dürr«; aus »Kraft«, »Schärfe« und »glückliche[m] Pinselstrich« werden »Rhythmus« und »Pep«. Das »Genie« bändigt und entpersonalisiert Stierle zur »Sprachphantasie« und zum »Einfallsreichtum auf der Grundlage fachlicher Kompetenz«, während Schiller seinerseits nicht das »Genie«, sondern den »Schulverstand« unpersönlich gehalten hatte. Zwischen Schiller und Stierle besticht demnach nicht eine Kontinuität im Ergebnis, sondern ein gemeinsamer Horizont des Fragens und Zuordnens, auch wenn ihre jeweiligen Setzungen dabei argumentativ durchaus unterschiedlich arrangiert werden.

Stehen sich der Gelehrte und das Genie bei Schiller noch gänzlich unversöhnlich gegenüber, so kann Stierle einem Teilnehmer von Poetik und Hermeneutik, der eben mehr als ein ›bloßer Fachgelehrter‹ ist, zumindest Rudimente des Geniegedankens (»Lust am Neuen und Riskanten«, »Phantasie«) zusprechen. Und stellt der Sprachgebrauch bei Schiller die unhintergehbare Differenz und Diskrepanz zwischen »Genie« und »Schulverstand« auf Dauer, so wird die Sprache bei Stierle umgekehrt zu einem Schauplatz, auf dem sich eine zurückhaltende und wissenschaftlich noch einigermaßen tragbare Affinität zwischen Genie und Wissenschaftler überhaupt ausweisen lässt. Das heißt nicht zuletzt, dass mit weiten Teilen der gesamten derzeitigen Debatte über Deutsch als Wissenschaftssprache unterschwellig oft nichts Geringeres verhandelt wird als eine Vorstellung des (deutschen) Wissenschaftlers als einer Schwundstufe des Genies. Und den spekulativen Umschlagplatz derartiger Überlegungen und Zuschreibungen bildet unweigerlich die Theorie.

Schiller als ›Theorie‹?

Denn als charakteristisch erweist sich auch schon bei Schiller weniger der Gegenstand als vielmehr der – mit diesem freilich eng verbundene – Ort der eigenen Überlegungen. Sprach Schiller selbst gelegentlich von seiner ›philosophischen Bude‹ und ist insbesondere die Nationalausgabe ihm hierin bis heute gefolgt, indem sie zumindest seine Darlegungen zu ästhetischen Fragen als »philosophische Schriften« labelte, so haben andere Herausgeber wie Gerhard Fricke, Herbert G. Göpfert oder später Rolf-Peter Janz die entsprechende Prosa konsequent als »theoretische Schriften« apostrophiert und ediert.

Diese Klassifizierung mag bestimmten Theoriebedürfnissen der Jahrzehnte zwischen 1960 und 2000 entsprochen haben, und man kann es bedauerlich finden, dass die jeweiligen Herausgeber ihren Begriffsgebrauch nicht weiter reflektierten. Zugleich aber tut man gut daran, diesen nicht einfach als ahistorisch zurückzuweisen. Schiller entwickelte seine Kategorien zu einer Zeit, als sich die Ausdifferenzierung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie auch der Philosophie bestenfalls vage abzuzeichnen begann. Was Schiller einen »philosophischen Kopf« nannte, kann im Verständnis späterer und heutiger Fachphilosophen ein ›Philosoph‹ also gar nicht (mehr) sein. Dort, wo sich Schiller selbst dem »philosophischen Kopf« über seine Opposition zum »Brotgelehrten« und zum »Schulverstand« offensiv anschmiegt, wird seine eigene Prosa tatsächlich zur Theorie. Und wie so oft in der Geschichte diskursiver Entwicklungen kehren ganz frühe Setzungen, Positionen und Probleme in Spät- oder Krisenzeiten unweigerlich zurück und behaupten das, was man verkürzt ihre ›Aktualität‹ nennen kann.

Wissenschaft im Mantel der Theorie: Paul de Man

Da Theorie in der deutschen Tradition koextensiv mit einer wissenschaftlichen Selbstreflexion und Selbstkritik ist, die eben nicht in einer Reflexion der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft aufgeht, wird ihr »lange[r] Sommer« vielen Unkenrufen zum Trotz so rasch vermutlich auch nicht enden. So wie sich Theorie auf der einen Seite als ausgesprochen vital erweisen kann, wenn die Wissenschaft ihr begrifflich offiziell abschwört (siehe Stierle), so ist freilich auch umgekehrt denkbar, dass sie dort zu versiegen droht, wo man ihr formell huldigt.

Mit Blick auf die letzten Jahrzehnte dürften es in erster Linie zwei Phänomene sein, die einem (neuen) Schwung der Theorie entgegenstehen: zum einen die oft unbewusste Identifikation von Theorie mit Wissenschaftstheorie und die daraus auf ›praktischer‹ Ebene beinahe zwangsläufig folgende Absorption der Theorie als wissenschaftlicher ›Methode‹, zum anderen die Verpuppung eines die Theorie in der Tat oft begleitenden paragenialischen Stils oder Habitus zur snobistischen Attitüde.

1987 erschien die deutsche Übersetzung eines für eine gesamte Studentengeneration kanonischen Textes von Paul de Man unter dem Titel Der Widerstand gegen die Theorie (Resistance to Theory).[5] Dem Mitbegründer der Dekonstruktion war hier vornehmlich daran gelegen, sämtliche vorherigen literaturwissenschaftlichen Schulen der fehlenden Sensibilität für rhetorische Figuren und deren Produktion oder besser gesagt Simulation von Sinn und Bedeutung zu überführen. Im gleichen Atemzug präsentierte de Man ein Lektüreverfahren, das der Literarizität der Literatur erstmalig gerecht zu werden versprach, das aufgrund seiner vermeintlichen metaphysischen Schonungslosigkeit aber zwangsläufig auf ›Widerstand‹ stoßen musste. Streng genommen dürfte dieser Aufsatz auf Deutsch nun aber gar nicht »Der Widerstand gegen die Theorie« heißen. Der Titel hätte vielmehr mit »Der Widerstand gegen die Wissenschaft« übersetzt werden müssen.

De Man selbst kann man dies zwar nicht vorwerfen, denn schließlich hat das Englische die Philologien und die Geisteswissenschaften nie als ›Wissenschaft‹ tituliert. Mit Blick auf die deutsche Tradition scheint aber genau dies de Mans Anliegen: die Entwicklung einer ›Theorie‹ genannten Methode, die das Sprachverständnis der Dekonstruktion systematisch auf die Analyse literarischer Texte appliziert und den Nachweis von trügerischen Sinneffekten als alleinigen Ausweis einer stramm ›wissenschaftlichen‹ Beschäftigung mit Literatur durchzusetzen versucht. Der gesamte Text zeichnet sich durch einen zutiefst szientistischen und autoritären Gestus aus. Er baut einen »Widerstand gegen die Theorie« demnach vielleicht weniger ab, als ihn vielmehr mit genuin ›wissenschaftlichen‹ Mitteln  zu stärken.

Theorie und Methode

Selbstverständlich entgeht kaum eine theoretische Schulbildung diesem Problem. Denn schon aufgrund der Tatsache, dass sich jede Wissenschaft auf Innovation verpflichtet sieht, muss sie oft Anleihen im Theoretischen machen und Theorie zur Methode domestizieren. Der französische Literaturwissenschaftler Antoine Compagnon hat sehr schön gezeigt, dass der akademische Betrieb die Aufmüpfigkeit der Theorie – er definiert sie sagenhaft präzise als »Protest gegen alles Implizite«[6] – in der Regel nicht durch bloße Ablehnung, sondern durch die konsequente Verwandlung der Theorie in Methodenbildung einkassiert. Dies gelte, auch hierin ist Compagnon uneingeschränkt zuzustimmen, v.a. für die Narratologie:

Ein Prüfungskandidat, der nicht zu sagen wüsste, ob das Textstück, das man ihm vorgelegt hat, ›homo-‹ oder ›heterodiegetisch‹, ›singulativ‹ oder ›iterativ‹ erzählt ist und ob es sich durch eine ›interne‹ oder ›externe Fokalisierung‹ auszeichnet, wird scheitern, genauso wie man früher den Anakoluth von der Hypallage unterscheiden können oder das Geburtsdatum Montesquieus kennen musste.[7]

Es dürfte demnach die akademische und die wissenschaftliche Vereinnahmung der Theorie sein, die ihren Elan oft bedrohlich bremst. Das hieße indes, dass die Hochphase der Theorie in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine veritable Hochphase möglicherweise gar nicht war. Denn bei aller antiakademischen und antiwissenschaftlichen Stoßrichtung wurden die entsprechenden Debatten in der Regel in akademischen und wissenschaftlichen Milieus geführt.

Theorie auf dem Lehrstuhl: Karl Heinz Bohrer

Dass Theorie in der Universität selbst dann schlecht aufgehoben scheint, wenn der bekennende Theoretiker es auf einen renommierten Lehrstuhl geschafft hat, verrät v.a. Karl Heinz Bohrer im zweiten Teil seiner 2017 erschienenen Memoiren. Diese erweisen sich für die derzeitige Aufladung des Theoriebegriffs als ebenso aufschlussreich wie Stierles Rückblick auf Poetik und Hermeneutik, auch wenn Bohrer aus dem vermeintlich altbackenen Grundzug der Theorie für seine eigene Selbstpositionierung ganz anderes Kapital zu schlagen weiß. Während Stierle Theorie offenbar etwas peinlich (geworden) ist, bekennt sich Bohrer emphatisch zu einem Verständnis von Theorie, das er durchgehend in Opposition zur Wissenschaft wie zu kurrenten gesellschaftlichen Diskursen bringt und das er parallel dazu in die Nähe der künstlerischen Produktion rückt. Sachlich sind Bohrer und Stierle in ihrer Einschätzung der Notwendigkeit, wissenschaftliche Gepflogenheiten aufzubrechen, folglich nicht weit voneinander entfernt. Allerdings geben beide dieser Einschätzung unterschiedliche Namen und legen sich beide einen jeweils ganz unterschiedlichen Habitus zu. Die derzeit verblasste Attraktivität der Theorie wird Bohrer jedenfalls zum Mittel, seiner lebenslangen Selbststilisierung als heroischem Solitär zu einem krönenden Abschluss zu verhelfen, während sich der Pensionär Stierle am liebsten an seine Zeit als akademisches Herdentier zu erinnern scheint.

So kommt Bohrer gleich zu Beginn seines Buches auf die Differenz zu sprechen, die er bereits 1968 zwischen seinem eigenen Konzept von Theorie und dem seinerzeit gängigen der »linken Intelligenz« erblickt hatte: »Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Hier aber zeigte es sich als Zwangsjacke.«[8] Interessant ist nicht allein, dass Bohrer den Anspruch erhebt, der Wissenschaft qua Theorie das ›Denken‹ (zurück) zu geben, das insbesondere Heidegger ihr abgesprochen hatte. Bezeichnend ist auch, dass Bohrer ›Theorie‹ mit Begleitbegriffen belegt, die Stierle benutzt hatte, um zu zeigen, dass Poetik und Hermeneutik gerade keine eigenständige Theorie hervorgebracht haben soll:

Theoretisches Interesse ist aus der Unmittelbarkeit zu gewinnen. […] Es geht um eine dem wissenschaftlichen Denken fremde Lust, in der Theorie, im Begrifflichen, im Spekulieren das praktische Sprechen zu verlassen und eine besondere Form der Phantasie zu entwickeln. Auf diese Weise wendet man nicht nur die literarische Phantasie gegen Realitätszumutungen, sondern entdeckt die Phantasie als innere Quelle der Theorie.[9]

»Lust«, »Phantasie« und ein leicht ausgenüchterter Geniegedanke stellen demnach für Bohrer eine Art Leitfaden dar, der die Theorie von der Wissenschaft trennt, und wie bei Stierle knüpfen sich solche Hoffnungen an einen die Alltags- wie die herkömmliche Wissenschaftssprache transzendierenden Stil.

Nun kann eine solche Form der Theorie im Gegensatz zu Poetik und Hermeneutik zumindest ihrem Selbstverständnis nach akademisch (und auch anderenorts) nie heimisch werden. Nicht ›Einsamkeit und Freiheit‹, auf die Humboldt die Universität gegründet hatte, sondern ›Einsamkeit und Fremdheit‹ sind Bohrers Prädikate. Wenn er die »Widersprüchlichkeit« als die »Finesse des Theoretikers« bezeichnet,[10] dann bilden sein Lehrstuhl und sein akademischer Unterricht den wichtigsten Ausdruck und den wichtigsten Ort dieser Widersprüchlichkeit. Das ist Bohrer nur zu bewusst, muss er seinen Studenten doch eine »literaturwissenschaftliche Methodik« antrainieren und sie zugleich in jenem »antiwissenschaftlichen« und »antiphilosophischen« Affekt unterweisen, der seine eigene theoretische Produktion überhaupt erst in Gang setzt.[11] Die Darstellung genau dieses Spagats halten seine Memoiren alles in allem aus. Sie mögen Bohrer über die Fremdheits- und Originalitätsapotheosen seiner Theorie mitunter als Wichtigtuer oder Poser demaskieren, aber als »Wichtigtuer« hatte bereits Antoine Compagnon den Theoretiker ganz zu Recht definiert.[12] Dass Bohrers Lebensleistung aus dem – wie er selbst schreibt – »Paradox« resultiert, eine Theorie voranbringen zu müssen, die gegen die Selbstgenügsamkeit einer Wissenschaft opponiert, derer sie epistemologisch wie institutionell zugleich in höchstem Maße bedürftig ist, führt sein Buch in immer neuen Anläufen suggestiv und überzeugend aus. Man wird seiner Produktion einen tiefen existentiellen Ernst nicht absprechen können, und selbstverständlich setzt ihn allein das bereits glaubhaft von jedem Durchschnittswissenschaftler ab. Dieser dürfte jedoch unweigerlich sein wichtigster Adressat und Leser sein.

Für Hannah Arendt waren »Paradoxe« ein Beleg dafür, »dass ein Denken in ernste Schwierigkeiten geraten ist«,[13] und tatsächlich führen Bohrers Memoiren das Verhältnis von Wissenschaft und Theorie in der deutschen Tradition einmal mehr als ein ausgesprochen schwieriges, unversöhnliches, verkrampftes und paradoxes vor. Entgegen (wiederum v.a. in Deutschland) weit verbreiteten Vorurteilen sind Krisen und Schwierigkeiten in der Regel keineswegs, wie man leichtfertig sagt, ›produktiv‹. Jene von Wissenschaft und Theorie aber sind es, und sie sollten es zwecks der Vermeidung einer zu großen Geschmeidigkeit beider auch unbedingt bleiben.

 

[1] Karlheinz Stierle: »Komm! Ins Offene, Freund!«. In: Petra Boden/Rüdiger Zill (Hg.): Poetik und Hermeneutik im Rückblick. Interviews mit Beteiligten, München 2017, S. 23–39, hier S. 31, 38.

[2] Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, München 2015. Nicht zufällig stellt Felsch diese Diagnose in einem Buch, das ohne jeden theoretischen Aufwand auskommt.

[3] Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, in: ders.: Sämtliche Werke, Bd. 4: Historische Schriften, hg. v. Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, 6. Aufl. München 1980, S. 749–767, hier S. 750.

[4] Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung, in: ders.: Sämtliche Werke, Bd. 5: Erzählungen. Theoretische Schriften, hg. v. Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, 9. Aufl. München 1993, S. 694–780, hier S. 706.

[5] Paul de Man: Der Widerstand gegen die Theorie, in: Volker Bohn (Hg.): Romantik. Literatur und Philosophie. Internationale Beiträge zur Poetik, Frankfurt a.M. 1987, S. 80–106.

[6] »La théorie proteste toujours contre l’implicite: c’est la mouche du coche, le protervus (le protestant) de la vieille scholastique.« Antoine Compagnon: Le démon de la théorie. Littérature et sens commun, Paris 1998, S. 21.

[7] Ebd., S. 10 (Übersetzung von mir).

[8] Karl Heinz Bohrer: Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, Berlin 2017, S. 17.

[9] Ebd., S. 134.

[10] Ebd., S. 41.

[11] Ebd., S. 260.

[12] Vgl. Anm. 7.

[13] Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, 14. Aufl. München 2014, S. 291.

Der Germanist Claude Haas leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik. Sein Beitrag erschien erstmal im GWZ-Bericht über das Forschungsjahr 2016.