Jutta Müller-Tamm: ORDNUNG DES DIVERSEN. Typeneinteilungen um 1900

Mit einiger Berechtigung könnte man das 19. Jahrhundert nicht nur als Jahrhundert nationaler Einheitstendenzen, sondern auch als Jahrhundert der Diversität beschreiben: einerseits der biologischen Diversität, insofern die Anzahl der bekannten Arten exponentiell zunimmt und die Evolutionslehre den Naturprozess selbst als Entstehung organischer Diversität bestimmt, andererseits aber auch als Jahrhundert der kulturellen und sozialen Diversifizierung: Unübersehbarkeit des empirischen Wissens, Differenzierung der Disziplinen, Vervielfältigung der kulturellen Tendenzen, Pluralisierung der Lebensformen und Weltanschauungen, die – mit Nietzsches Formulierung – »unkräftige Vielseitigkeit des modernen Lebens«,[1] all das gehört jedenfalls zu den gängigen Selbstbeschreibungen der Zeit. Dabei taucht Diversität in den Gegenwartsdiagnosen um 1900 weniger als Wert oder gar Forderung auf, sondern vor allem als krisenhaft oder ambivalent wahrgenommenes Phänomen:

»Die geistigen Verhältnisse sind unendlich viel reicher, mannigfaltiger, verwickelter geworden. Das geistige Erbe der Väter ist gewaltig gewachsen. Die Bevölkerung hat ungemein zugenommen, in relativ noch viel stärkerem Maße aber die Schicht höherer Bildung und die literarische Produktion. Die Kulturnationen stehen in enger Berührung miteinander. Telegraph und Presse überschütten von einem Ende der Welt bis zum andern die Menschheit tagtäglich mit dem Neuesten des Neuen.
Dadurch ist eine solche Vielheit und Verschiedenartigkeit gleichzeitiger Tendenzen, ein solches Neben- und Durcheinander diskrepantester Interessen entstanden, daß es künftigen philosophischen Systemen kaum mehr gelingen wird, ihrer Zeit in dem Maße den Stempel ihres Geistes aufzuprägen, wie etwa Kant und Hegel es vermochten.«[2]

Wo Diversität herrscht (bzw. als beherrschend wahrgenommen wird), wächst auch das Streben nach Übersicht und Ordnung. Der für die großräumig gefasste Zeit um 1900 charakteristische Umgang mit dem – wie man sagen könnte – Diversitätsdruck ist das Typisieren und Typologisieren. Um 1900 haben Typenbildungen aller Art Konjunktur. Typenlehren kursieren nicht nur in naturwissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch in Philosophie, Soziologie, Psychologie, Medizin, Anthropologie, Geschichte, Literatur- und Kunstwissenschaften sowie im populären kulturtheoretischen Schrifttum der Zeit. Dabei unterscheiden sich diese Typologien nicht nur nach ihrem Gegenstandsbereich, sondern auch nach dem zugrunde gelegten Typuskonzept und nach dem Verhältnis der Typologie zu Diversität und Differenz.

Grob gesprochen gibt es zwei Extreme: Typologien, die Diversität tendenziell aufheben, eliminieren, und solche, die Diversität eher arrangieren, perspektivieren und in diesem Sinn bewahren. Letzteres tritt dann in den Vordergrund, wenn der Gegensatz der Typologie zur Klassifikation hervorgehoben wird, wenn es also darum geht, dass der Typus Wandlungen, Abstufungen und Intensitätsgrade kennt und dass fließende Übergänge zwischen Typen existieren. Das andere Ende des Spektrums markieren solche Typologien, die Systematizität beanspruchen, die essentialistisch angelegt sind, deren Einteilungen alle logischen (psychologischen, anthropologischen oder auch künstlerischen) Möglichkeiten erschöpfend erfassen wollen. An zwei maßgeblichen Denkern des typologischen Booms um 1900, Nietzsche und Dilthey, lassen sich diese verschiedenen Richtungen des Umgangs mit Diversität bzw. Perspektiven auf das Verhältnis von Typologie und Diversität ablesen.

Nietzsche ist in der Tat ein großer Typisierer: Historische Personen werden ihm zu Typen, von Sokrates als »Typus des theoretischen Menschen«[3] oder Jesus als dem »psychologischen Typus des Erlösers«[4] bis zum »Verbrecher-Typus« als dem »Typus des starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen«.[5] Diese Typen sind, obwohl Nietzsche sie als bleibende bzw. wiederkehrende Möglichkeiten beschreibt, jeweils aus spezifischen historisch-kulturellen Konstellationen entstanden, ihr Miteinander bildet keine geschlossene Einteilung eines nach einem übergeordneten Kriterium klassifizierten Bestandes, die Typen selbst sind nicht unwandelbar. Man hat Nietzsches Denken in Typen plausibel als eine Alternative zur »verallgemeinernden Form des Philosophierens über den Menschen« gelesen; im Gegensatz zu anthropologischen Definitionen sollen diese Typenbildungen »die spontane und differenzierte Selbstgestaltung des Menschen offenhalten«.[6]

Eine der bekanntesten von Nietzsche entworfenen Typologien betrifft das Feld der Geschichtsbetrachtung. Ausgangspunkt ist die Kritik an der Verwissenschaftlichung der Historiographie, die dem modernen Menschen »eine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissenssteinen« beschert habe; Historismus und Positivismus haben demnach die Geschichte in ein »unüberschaubares Schauspiel« verwandelt.[7] Der durch wissenschaftliche ›Objektivität‹ erzeugten, gleich-gültigen und lebensfeindlichen Anhäufung historischer Daten setzt Nietzsche drei dem Leben dienliche Arten von Geschichtsbetrachtung entgegen, die er wiederum drei Menschentypen zuordnet und nach ihren unterschiedlichen Funktionen bestimmt: die monumentalische, die antiquarische und die kritische Historie.

Für die hier interessierende Frage nach dem Verhältnis von Diversität und Typologie ist entscheidend, dass Nietzsches Typologie zu einer Pluralisierung der Historie führt. Auf die Unüberschaubarkeit der Wissensbestände antwortet Nietzsche mit einer doppelten Beziehungsstiftung der Geschichtsbetrachtung in der Typologie: Deren eine Achse bildet »die Constellation von Leben und Historie«;[8] jede lebensdienliche Geschichtsbetrachtung, heißt das, ist perspektivisch auf eine Lebensform bezogen. Geschichte wird dadurch notwendig plural und steht – dies ist die zweite Achse – immer im Verhältnis zu anders perspektivierten Gestaltungen von Geschichte. Die Wahrheit der einen Geschichte löst sich auf in unterschiedliche Arten der Geschichtsbetrachtung.[9]

In diesem Sinn hat Gilles Deleuze Nietzsche als Typologen gewürdigt und die Typologie überhaupt als »Meisterstück der Philosophie Nietzsches« bezeichnet.[10] Mit Deleuze lassen sich Nietzsches Typologien als perspektivische Ordnungen begreifen, die Heterogenitäten gruppieren, statt Gegenstände nach einem übergeordneten Gesichtspunkt zu klassifizieren und sie dadurch zu homogenisieren. Festzuhalten bleibt auch, dass Nietzsches typologische Methode keine anthropologische Fixierung beinhaltet, sie zielt »auf das Aufspüren anderer Typen, die andere Kräfteverhältnisse ausdrücken, auf die Entdeckung einer anderen Qualität des Willens zu Macht, die imstande ist, deren allzumenschliche Nuancen umzuwandeln«.[11]

Nietzsches Denken der Vielfalt im Zeichen der Typologie lässt sich der morphologischen Typenlehre Diltheys und ihrer Rezeption durch die geistesgeschichtliche Schule des früheren 20. Jahrhunderts gegenüberstellen. Besonders folgenreich war Diltheys Abhandlung Die Typen der Weltanschauung aus dem Jahr 1911, in der seine typologischen Bemühungen gipfeln. Ausgangspunkt ist auch hier die Beobachtung von Diversität: Die chaotische »Mannigfaltigkeit der philosophischen Systeme«[12] und der kulturellen Erscheinungen aller Zeiten führt laut Dilthey zu einem Verlust allgemeiner Geltungsansprüche und zieht zwingend die Typologie als einzige Denkmöglichkeit nach sich. Alle vorgefundenen Religionen und Philosophien lassen sich demnach ausnahmslos drei unterschiedlichen Weltanschauungstypen oder »Lebensstimmungen«[13] zuordnen: dem Naturalismus, dem Idealismus der Freiheit oder dem objektiven Idealismus. In jeder dieser Grundhaltungen herrscht einer der drei fundamentalen Aspekte unseres Weltbezugs – Verstand, Wille oder Gefühl – vor.

Diltheys Weltanschauungslehre inspirierte typologische Bemühungen der Kunst- und Literaturwissenschaften im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, etwa bei Oskar Walzel, Wilhelm Worringer, Robert Unger, Hermann Nohl oder Fritz Strich. Deren stiltypologische Ordnungsversuche markieren einen vorgeschobenen Posten in der geisteswissenschaftlichen Beherrschung von Diversität: Sie zeugen von dem Bedürfnis, den beschleunigten Wechsel der Kunstrichtungen und die empirische Fülle der vorgefundenen künstlerischen Gestaltungen als gesetzmäßige Wiederkehr elementarer Formen bzw. anthropologischer Gegebenheiten erklären zu können. Die Anhäufung des historischen Materials wie die verwirrende Vielfalt und schnelle Folge gegenwärtiger Kultur- und Kunsttendenzen reduziert sich damit auf eine überschaubare Polarität: von Klassik und Romantik, Abstraktion und Einfühlung, Renaissance und Barock, klassischem und orientalischem Menschen; der historische Prozess erscheint als eine aus typologischen Bedingungen zu erklärende gesetzmäßige Folge, in deren Verlauf Kunstströmungen und ganze Kulturen aufkommen und untergehen.

Eine dritte Variante des Verhältnisses von Diversität und Typologie könnte man schließlich dort erkennen, wo sich Diversität gegen den Willen zur typologischen Ordnung behauptet, so etwa in der Studie zu Persönlichkeit und Weltanschauung des Philosophen und Psychologen Richard Müller-Freienfels. In seiner vor dem Krieg verfassten, aber erst 1919 publizierten Studie beabsichtigt er, »die Riesenmassen von Tatsachen, die insbesondere die historischen Wissenschaften aufgespeichert haben, unter psychologischen Gesichtspunkten zu ordnen und neue Synthesen zu schaffen«.[14] Unter den Typen, die Müller-Freienfels als Veranlagungen psychischer oder psychophysischer Art fasst, unterscheidet er Typen des Affektlebens und solche des Intellektlebens. Zu ersteren zählt er die Typen des herabgesetzten und des gesteigerten Ichgefühls, der negativen, aggressiven und der positiven, sympathischen sozialen Affekte, dann die Typen der erotischen Gefühle. Im Bereich des Intellektlebens unterscheidet er die Typen der Stellungnahme (Gefühls-, Willens- und Verstandesmenschen), Statiker und Dynamiker, abstrakten und konkreten Denktypus; den konkreten Denktypus gliedert er wiederum in Sinnesmenschen und Phantasiemenschen. Aus diesen typologischen Bedingungen heraus erklärt er künstlerische Stile, Religionen und philosophische Weltanschauungen, immer in der Überzeugung, »dass wir in solchen Typen ein Mittel haben, in die unübersehbar flutende Fülle des Geisteslebens eine Ordnung zu bringen«.[15] Konsequenterweise findet sich in diesen typologischen Zusammenhang nun auch die Wahrnehmung und Darstellung von Diversität und das typologische Denken selbst eingeordnet:

»Mit dem Vorwiegen des konkreten Denkens verbunden ist in der Regel ein ausgesprochener Sinn für die Besonderheit und Mannigfaltigkeit des Seins. Dagegen pflegt der Abstrakte mehr die Gemeinsamkeiten und die jenseits aller Verschiedenheiten bestehende Einheit des Gegebenen zu beachten. […] So unterscheiden wir zunächst den ›Spezielldenker‹ einerseits und den ›Typendenker‹ andrerseits. […] Mit der konkreten, speziellsehenden Eigenart hängt meist ein lebhafter Sinn für Vielheit und Mannigfaltigkeit zusammen, während umgekehrt der abstrakte, typisch denkende Kopf nach Möglichkeit vereinheitlicht. […] Ich führe für den ersteren Typus die Bezeichnung ›Pluralisten‹, für den zweiten die Bezeichnung ›Vereinheitlicher‹ ein. Der Zusammenhang mit den vorigen Typen ist offensichtlich.«[16]

Gerhart Hauptmann – und mit ihm den ganzen Naturalismus – ordnet Müller-Freienfels dem konkret-spezielldenkenden Mannigfaltigkeitstypus zu; Racine, Goethe und Schiller hingegen werden dem typisierenden Vereinheitlichungstypus zugeschlagen. Allerdings fragt man sich nicht nur, was mit dieser Kategorisierung gewonnen ist, sondern wundert sich – unter anderem – über die verworrene Vielgliedrigkeit dieser Typologie insgesamt (deren Kategorien hier nur unvollständig wiedergegeben wurden). Wollte man die psychologische Perspektive von Müller-Freienfels übernehmen, würde man sagen, es handelt sich um den typologischen Entwurf eines spezielldenkenden Mannigfaltigkeitsfanatikers. Die Leserin von heute ist eher geneigt, darin weniger einen Kampf zwischen den psychischen Dispositionen des Autors zu sehen als vielmehr den Widerstand des Materials gegen die typologische Zurichtung, sozusagen die Rache der Diversität gegen den Versuch ihrer typologischen Beherrschung.

[1] Friedrich Nietzsche: »Unzeitgemässe Betrachtungen IV«, in: ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden (= KSA), hg. von Giorgio Colli/Mazzino Montinari, Bd. 1: Nachgelassene Schriften, 1870–1873, Berlin/New York: De Gruyter 1988, S. 436.

[2] Erich Adickes: »Die Zukunft der Metaphysik. Ein Versuch, aus dem Wesen der Metaphysik und ihrer gegenwärtigen Lage die Richtlinien künftiger Entwicklung zu erschliessen«, in: Max Frischeisen-Köhler (Hg.): Weltanschauung. Philosophie und Religion, Berlin: Reichl & Co. 1911, S. 243.

[3] Friedrich Nietzsche: »Die Geburt der Tragödie«, in: KSA I, S. 98.

[4] Friedrich Nietzsche: »Der Antichrist«, in: KSA VI, S. 199.

[5] Friedrich Nietzsche: »Götzen-Dämmerung«, in: KSA VI, S. 146.

[6] Andrea Christian Bertino: »Vernatürlichung«. Ursprünge von Friedrich Nietzsches Entidealisierung des Menschen, seiner Sprache und seiner Geschichte bei Johann Gottfried Herder, Berlin/Boston: De Gruyter 2011, S. 208 f.

[7] Friedrich Nietzsche: »Unzeitgemässe Betrachtungen II«, in: KSA I, S. 272.

[8] Ebd., S. 271.

[9] Vgl. Kathrin Meyer: Ästhetik der Historie. Friedrich Nietzsches »Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben«, Würzburg: Königshausen & Neumann 1998, S. 155.

[10] Gilles Deleuze: Nietzsche und die Philosophie, aus dem Frz. von Bernd Schwibs, München: Rogner & Bernhard 1976, S. 40.

[11] Ebd., S. 87.

[12] Wilhelm Dilthey: »Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den Metaphysischen Systemen«, in: Max Frischeisen-Köhler (Hg.): Weltanschauung, Philosophie und Religion, Berlin: Reichl & Co. 1911, S. 4.

[13] Ebd., S. 11.

[14] Richard Müller-Freienfels: Persönlichkeit und Weltanschauung, Leipzig/Berlin: B. G. Teubner 1919, S. V f.

[15] Ebd., S. VI.

[16] Ebd., S. 183 f.

Jutta Müller-Tamm ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin.

Dieser Beitrag geht zurück auf ihren Vortrag bei der Jahrestagung des ZfL, »Diversität darstellen« (11./12.1.2018), die wir auf dem ZfL Blog in loser Folge dokumentieren. Bislang erschienen ist die »Einleitung« zu Tagung von Mona Körte, Georg Toepfer und Stefan Willer.