Albrecht Koschorke: AUF DER ANDEREN SEITE DES GRABENS

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Wer die öffentliche Debatte über populistische Bewegungen verfolgt, dem könnte leicht Karl Valentins Spruch in den Sinn kommen, es sei schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Seit Brexit und Trump laufen poli­tische Gegenwarts­analy­sen fast automatisch darauf hinaus, sich am Rätsel des Rechtspopulismus abzuarbeiten. Immerhin ist dabei eine anstei­gen­de Lernkurve zu verzeich­nen. Die ersten Reaktionen auf rechtspopulistische Abstim­mungserfolge waren von Schock und völligem Unverständnis gekennzeichnet. Kommen­tato­ren mit akademischem Hintergrund (den Ver­fasser dieser Zeilen ein­ge­schlos­sen) glaubten sich einer Spezies »verrückter An­de­rer« gegen­über, von denen sie bis dahin keine Notiz genommen und mit denen sie keiner­lei soziale Berührung hatten. Die auch in den etablier­ten Medien vor­herr­schen­de Meinung war, dass hier Menschen nicht wussten, was sie taten, und bald aus ihrem Irrglauben aufwachen müssten.  

Inzwischen wurden die Hin­ter­gründe für den Umbruch der politischen Landschaft breit aus­ge­leuchtet – wenngleich das Bild, das sich ergibt, noch keineswegs vollständig ist. Eine Reihe von bequemen Er­klä­run­gen haben sich als irrig erwiesen. Unter den Leave-Befür­wortern, Trump-Wählern, An­hängern von Pegida und AfD, so stellt sich her­aus, sind nicht nur und nicht einmal mehr­heitlich solche, die blindlings der Demagogie popu­listi­scher Führer ver­fal­len. Die meisten von ihnen stehen zu dem, was sie als bewusste Wahr­neh­mung ihrer demokratischen Rechte betrachten, und wollen ihre Parteinahme nicht als ein Versehen oder eine einmalige Affekt­handlung verstanden wis­sen. Überdies handelt es sich keines­wegs nur um Ab­ge­hängte oder von sozialem Ab­stieg bedrohte Kleinbürger, wie man angesichts von frem­den­feindlichen Parolen, Schmähreden und gewalttätigen Über­grif­fen in bürger­lich distinguierteren Kreisen gern glauben will. Vielmehr reichen neu­rechte, illiberal-neo­auto­ritäre Tendenzen tief in den alten, wohlhabenden Mittelstand hinein. Mit Blick auf diesen Befund ist viel Kluges (und Kontroverses) über die Frage geschrieben worden, ob dem Erfolg des Rechts­populismus nicht eher kulturelle als ökono­mische Ursachen zu­grunde­liegen. Ist er vorrangig durch die Erschütterungen bedingt, die von einer verstärkt transnational agierenden Wirtschaft aus­gehen – durch freien Welt­handel, Lohn­konkur­renz mit Schwel­len­ländern und Arbeits­migran­ten, Deindustria­li­sierung, Abbau nationalstaatlicher Schutz­maß­nahmen und verschärfte Ungleichheit? Oder manifestiert sich in ihm vor allem ein kulturelles Be­fremden, eine gerade in gutbürgerlichen Kreisen um sich greifende Sorge vor dem Verlust der ver­trauten Lebensumgebung, der sie veranlasst, gegen die ver­meintliche Dominanz kosmopolitisch-multi­kultureller Eliten aufzubegehren? – Kurz: Richten sich populistische Bewegungen mehr gegen einen ökonomischen oder gegen einen kulturellen Libera­lismus? Und worin besteht der Zu­sam­men­hang zwischen beiden Spiel­arten des Libe­ralismus, weshalb lassen sie sich so erfolg­reich zu einem einheitlichen Feind­bild ver­schmelzen?

Aus solchen Fragen erwächst die Erkenntnis, dass, wer vom Populismus sprechen will, über den Liberalismus nicht schweigen darf (dieser im weitesten, nicht partei­politisch gebundenen Sinn verstanden). Das ist vielleicht der wichtigste Lern­fort­schritt in den letzten zwei Jahren. Er macht die Analyse komplexer, weil diejenigen, die sie be­trei­ben, sich nicht mehr als unbeteiligte Beobachter ausgeben können. Allein schon der Begriff Populismus markiert ja eine Per­spektive von außen, denn heutige Populisten nennen sich gewöhnlich nicht so. Wer den Begriff verwendet, ist unter den Vorzeichen eines sich immer weiter polarisierenden poli­tischen Feldes also in der Regel dem Gegen­lager der ›Libe­ralen‹ zuzurechnen. Dessen Vertreter sind an einer beide Seiten umgreifenden Dynamik beteiligt. Insofern ist auch die Art, wie sie über den Populismus sprechen, Teil des politi­schen Spieles. Deshalb reicht es nicht, das ›Narrativ des Popu­lis­mus‹ mit seinen charakteristischen Merkmalen – Beru­fung auf das ›Volk‹ als eine an­geb­lich einheitliche ethnonationale Entität, dessen In­schutz­­nah­me gegen die ›Eliten‹ und, im Fall rechts­populistischer Strömungen, gegen Fremde – zu isolieren und, was ein leichtes Spiel ist, als trügerisch zu entlarven. Das Bild muss ergänzt werden um eine Ana­lyse auch des ›libe­ra­len Narrativs‹: der perspektivi­schen Verzerrungen, die es enthält, seiner Leer­stellen und Ambivalenzen, vor allem aber der Gründe für seine ge­schwundene Inte­gra­tions­kraft sowohl im nationalen als auch im Welt­maßstab.

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In der Konsequenz daraus hat eine breite Selbstproblematisierung des akademischen libe­ralen Main­streams (im Vokabular der in den USA geführten Debatte) eingesetzt. Es ist klarer ins Be­wusst­sein gerückt, dass der Diskurs über den Populismus in den meinungs­­bildenden Kreisen Züge einer alten, oft hinter einem paternalistischen Gestus versteckten Abscheu der Gebildeten gegenüber den Massen und ihren Artikulationsweisen trägt. Popu­lismuskritik erschöpft sich insoweit in »Stilkritik« (Philip Manow[1]), die sich zudem blind gegenüber der Tatsache verhält, dass auch und gerade die Privilegierten soziale Aus­gren­zung praktizieren. »Während in den vom Abstieg bedrohten Soziallagen Ressenti­ments gegen Unter­privi­le­gierte und Migran­ten offensiv vertreten werden«, bemerkt Cor­ne­lia Koppetsch dazu, »be­treibt die bürger­liche Mitte ihre Selbstabschließung eleganter, indem sie sich in exklu­si­ve Stadtviertel zu­rück­zieht. Dies erlaubt ihnen tolerant und liberal zu blei­ben, denn die tatsächlichen gesell­schaft­lichen Problemlagen bleiben draußen. Die Teil­habe an Privi­le­gien wird über den Preis pro Quadratmeter Wohnraum gesteuert.«[2]

Was bietet das liberale Narrativ, um in der aktuellen Situation die »tatsäch­lichen gesell­schaft­lichen Problemlagen« zu adressieren? Historisch ist der Liberalismus ein Kind der Auf­klärung und des aus ihr hervorgegangenen Bürgertums; er sah eine Sprecherposition vor, von der aus die durch Bildung Pri­vilegierten als Sachwalter des öffentlichen Interes­ses fungierten. Den noch unmündigen Teilen des Volkes wollte er den Weg zu höherer Einsicht wei­sen, um sie zu würdiger Teilnahme am öffentlichen Leben zu befähigen. Das Element von Distinktion, das in dieser Art von erzieherischer Vormundschaft der Weni­gen gegenüber den Vielen angelegt war, wurde so durch den Vorschein auf eine zu erwerbende Zugehörigkeit abgemildert. Auf dieser temporalen Struktur beruht der für die Weltsicht des Libera­lismus charakteristische ›Zug nach oben‹, wie er in den Leitideen individueller Ent­wicklung und gesellschaftlichen Fortschritts zum Ausdruck kam.

Wo jedoch der Zugang zu Bildungs- und Aufstiegschancen von den bereits Privilegierten monopolisiert wird, wo Wohlstands-Chauvinismus, Abstiegs­ängste und eine sich auf allen Ebenen ver­stär­ken­de Segregation das Bild bestimmen und wo sich überhaupt der kol­lek­tive Zukunftsprospekt schließt, verlieren die Versprechungen des Libera­lis­mus ihre Glaub­würdigkeit. In solchen Phasen wird sein Credo, so univer­sa­listisch es sich geben mag, leicht als die Besitz­stands­ideologie denunzierbar, die es immer auch war. Die gesamte linksliberale Agenda der zurückliegenden Jahrzehnte scheint dadurch in Miss­kredit zu geraten. Schon zu Beginn des neuen Jahrtausends hat die Phi­lo­sophin Nancy Fraser davor gewarnt, die »Grammatik« des politischen »claims-making« von der Verteilung hin zur Anerkennung, das heißt vom Ökonomischen zum Symbolischen hin zu verschieben.[3] In jüngster Zeit setzen sich vor allem Programme der identity politics und des diversity managements dem Vorwurf aus, die entscheidende Dimension sozialer Differenzbildung, nämlich materielle Ungleich­heit, zugunsten einer nur formellen Teilhabe aller mög­lichen Minderheiten aus dem Blickfeld zu drängen.

Dass eine weltoffene, globalisierungsfreundlich-kosmopolitische, sich in ihrer Toleranz gefallende Sicht der Dinge in häufig un­ein­gestan­dener Weise auf sozialer Privilegiertheit beruht, ist nicht die einzige Schwachstelle des liberalen Narrativs, in die polarisierende Gegenerzählungen eindringen können. Eine weitere besteht darin, dass es durch neoliberale Entgrenzung angreifbar geworden ist, und zwar ironischerweise mit seinen eigenen Waffen. Der Liberalismus klassischer Prägung gedieh in einem nationalstaatlichen Rahmen, durch den das freie Spiel der gesellschaftlichen Kräfte eingehegt war. Wie auch immer sich das Verhältnis zwi­schen Markt und Staat in der Praxis gestaltete – idealiter ist das libera­le Gesell­schaftsmodell ohne seine Rückbindung an überparteilichen Institu­tio­nen mit schieds­richter­­licher und Sanktionsgewalt nicht zu denken. Zu diesen zählen Justiz, freie Presse und Wissenschaft als objektivierende, normstiftende Instanzen, die – wiederum dem Ideal nach – nicht dem Hin und Her widerstreitender Interessen anheim­gestellt sind. Der Logik der Partikular­interessen steht so eine Logik der Norm, ein Appell an das öffentliche Interesse und die Allgemeinheit gegenüber.

Als eine praktisch wirksame Wirtschafts- und Gesellschaftsphilosophie arbeitet der Neoliberalismus, sehr verkürzt dargestellt, an einer Aushöhlung dieser Logik der Norm. Er delegitimiert die betreffenden, durch Globalisierung ohnehin unter Druck geratenen Staatsfunktionen und befördert auch auf anderen Feldern den Siegeszug marktlibera­ler Regulative. Damit unterminiert er aber den Anspruch auf Autorität, der in die Position des klassischen Liberalismus seit den Zeiten der Aufklärung einbeschrieben war. Im Bereich der Wissenschaft äußert sich dies in der Rede vom »Marktplatz der Ideen« – einem Paradigma, dem eine wichtige Rolle in der Post-Truth-Debatte zukommt.[4] Hier macht sich im Übrigen eine fatale Allianz zwischen neoliberalem und postmodernem Denken bemerkbar: Wenn jede Person, jede Gruppe ein Anrecht auf Anerkennung ihrer je eigenen Sichtweise hat, wenn folglich »die Funktion öffentlicher Institutionen – einschließlich Zeitungen und Univer­sitäten – einfach nur darin besteht, möglichst viele private Mei­nun­gen gegen­einander in Wettbewerb (›freier Austausch‹) treten zu lassen«[5], von welchem Standpunkt kann man populistische Lügen dann überhaupt noch als solche kenntlich machen und, ja, ver­urtei­len?

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Wie in der Machtpolitik setzen sich erfolgreiche Narrative dort fest, wo bis dahin vor­herrschende semantische Großformationen Schwächen zeigen. Der Geländegewinn popu­listischer Be­we­gungen rückt deshalb vor allem die aktuellen Verlegenheiten des politi­schen Liberalis­mus ins Licht. Sie hängen in zweifacher Hinsicht mit der sich vertiefenden sozialen Spal­tung in spätmodernen Gesellschaften zusammen. Sozio­ökono­misch, weil der Liberalismus den Nichtprivi­le­gier­ten offenbar keine glaubhafte Per­spektive auf (künftige) Zugehörigkeit mehr verschafft. Argumentativ, weil der liberale Diskurs nicht ohne Berufung auf ein besseres Wissen – faktenbasierte Politik, neutrale Be­richt­­erstattung, auf Objek­tivität abzielende Wissenschaft –, ohne Bildung entsprechen­der professioneller Eliten­ und damit ohne ein Element von Hierarchie auskommt, während er sich zugleich damit aus­einander­zusetzen hat, dieses Wissen als das andere Wissen einer elitären Kaste desavouiert zu finden. Er tappt so in die Falle des Pluralismus, an deren Verfertigung er selbst beteiligt war. Das aktuelle Stichwort heißt: tribal epistemology.[6] Solange er aus dieser Falle nicht herauskommt, wird das, was er vom Populismus und von sich selbst zu erzählen weiß, auf der anderen Seite des Gra­bens keine Resonanz finden.

 

[1] Philip Manow, ›Dann wählen wir uns ein anderes Volk‹… Populisten vs. Elite, Manuskript, Bremen/Konstanz 2017, S. 3.

[2] Cornelia Koppetsch, Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte, Frankfurt / New York 2013, S. 9.

[3] Nancy Fraser, »Rethinking Recognition«, in: New Left Review 3 (2000), S. 107–120. Den Hinweis verdanke ich Albert Dikovich.

[4] Erik Baker und Naomi Oreskes, »It’s No Game: Post-Truth and the Obligations of Science Studies«, in: Social Epistemology Review and Reply Collective 6, no. 8 (2017), S. 1–10.

[5] Ebd., S. 1.

[6] David Roberts, »Donald Trump and the rise of tribal epistemology. Journalism cannot be neutral toward a threat to the conditions that make it possible«, in: Vox, 19. Mai 2017.

 

Albrecht Koschorke ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Der Text geht zurück auf seinen Vortrag bei der Jahrestagung des ZfL, »Diversität darstellen« (11./12.1.2018), und ist erschienen in dem vom Exzellenzcluster »Kulturelle Grundlage von Integration« herausgegebenen Heft »Themen Thesen Texte« 07/18, S. 9-11. Die ›feindliche Übernahme‹ von Positionen der Postmoderne durch die neue
Rechte und das Dilemma, in das eine sich als linksemanzipatorisch
verstehende Wahrheitskritik dadurch gerät, wird Gegenstand einer von
Albrecht Koschorke mitveranstalteten Tagung am Berliner Haus der Kulturen
der Welt sein: »Concerning Matters and Truths. Postmodernism’s Shift
and the Left-Right-Divide«, 4. bis 6. Oktober 2018.

Auf dem ZfL BLOG dokumentieren wir in loser Folge die Beiträge der Jahrestagung. Bislang erschienen sind die »Einleitung« zur Tagung von Mona Körte, Georg Toepfer und Stefan Willer, »Ordnung des Diversen. Typeneinteilungen um 1900« von Jutta Müller-Tamm und David Kaldeweys »›In the Name of Diversity.‹ Zur Neuformierung studentischen Protests an amerikanischen Universitäten«.