Georg Dickmann: »Zu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss­verständnis«. ZU ARMEN AVA­NESSIANS UND ANKE HENNIGS KOLLABORATIVER POETIK

»Schreiben im Werden«, wie es Gilles Deleuze im Dialog mit Claire Parnet definiert hat, ist eine Form radikaler Entgrenzung und Öffnung auf ein neues Schreiben hin, das sich gegen die Einschränkungen linearer Narrative und eines mit sich selbst identischen Schriftsteller*innenbegriffs richtet.[1] Wie wir wissen, haben Deleuze & Guattari lange Jahre versucht, dieses gemeinsame Schreiben im Werden zu praktizieren. Das große Versprechen eines solchen Schreibens zu zweit lag darin, ein flexibles, nomadisches Subjekt hervortreten lassen, das nicht an Gattungs- und Genregrenzen gebunden ist. Die Hoffnungen, damit ein neues Schreiben zu verwirklichen, haben sich jedoch nicht erfüllt, da das Werden und die Vielstimmigkeit in den gemeinsam geschriebenen Büchern letztlich hinter einem souveränen und mit sich selbst identischen Autorensubjekt verschwanden. Insbesondere die postmodernen Erwartungen an subversive Praktiken wie Wandlungsfähigkeit und Flexibilität sind heute von der neoliberalen Maschine verstanden und absorbiert worden. An den Universitäten sind Kreativität und Flexibilität schon längst zu gefragten Soft Skills avanciert.

Diesen Umständen versuchen der Philosoph Armen Avanessian und die Literaturwissenschaftlerin Anke Hennig in der gemeinsam geschriebenen Doppelpublikation ONE + ONE und I – I, die 2019 beim Berliner Merve Verlag erschienen ist, Rechnung zu tragen. Die beiden Bücher bilden den Abschluss ihrer Arbeit am Spekulativen, die 2012 an der FU Berlin begonnen wurde und maßgeblich zum Import des spekulativen Realismus in Deutschland beitrug. ONE + ONE besteht einerseits aus sprachphilosophischen Untersuchungen zu Kathy Acker, Chris Kraus, Quentin Meillassoux u.a., und andererseits aus kulturtheoretischen Auseinandersetzungen mit Technologie, Ökonomie und Geopoetik. Das parallel entstandene I – I entfaltet anhand einiger SciFi-Szenarien (von John Carpenters The Thing bis Denis Villeneuves Arrival) die zentralen Theoreme bei Étienne Balibar, Donna Haraway und Luciana Parisi. Hennig und Avanessian diskutieren diese Positionen insbesondere vor dem Hintergrund zeitgenössischer Phänomene wie Brexit, neuer Reproduktionstechnologien und Xeno-Architektur. Das Spannende an den Büchern ist jedoch nicht ihre kultur-, literatur- und sprachtheoretische Beschäftigung mit der Gegenwart, sondern die textperformative Ebene, auf der die Autor*innen unentwegt den Prozess des »Zu-zweit-Schreibens« mitthematisieren, um so dem Kreativitätsdispositiv und dem solipsistischen Schreiben an der Universität eine ›echte‹ kooperative Schreibweise entgegenzusetzen:

»Es bedarf in der Tat keines universalen oder neutralen Subjekts, um eine Ethik oder Politik zu entwickeln. Wessen es auf dem Weg über ein einzelnes egoistisches und solipsistisches Selbst hinaus bedarf, ist lediglich die Begegnung mit einem Anderen.« (I – I, S. 62)

Ihr Vorhaben amalgamiert auf diese Weise Theorie, Biographie und Fiktion, wobei das kooperative Schreiben nicht nur als Beiwerk für den Transport der Inhalte fungiert, sondern auch zu einem stilistisch-performativen Leitprinzip wird.

Die beiden Bücher stellen einen experimentellen Versuch dar, sich aus Sicht der »spekulativen Poetik« Fragestellungen zu Feminismus, Big Data, Kontrolle und Algorithmen in Form eines großangelegten Begriffsglossars der Gegenwart zu widmen. Spekulative Poetik bedeutet so viel wie »schöpferisches Handeln« und unterscheidet sich nach Hennig und Avanessian von Formen reflexiver Kritik der »(an)ästhetisierten Uni-Bohème« (ONE + ONE, S. 29). Der Begriff der Poetik wird nicht deskriptiv als Lehre der Dichtkunst verstanden, sondern als Kampfbegriff gegen die Ästhetik in Stellung gebracht. Ästhetik wird wiederum als Erfahrung und Wahrnehmung begriffen und im gleichen Zuge kritisiert, dass es in der Gegenwart ein ästhetisches Regime gebe, das die Welt immer nur vom wahrnehmenden Subjekt aus zu denken vermag und damit die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt allein vom Subjekt aus trifft.

Die spekulative Poetik ist der Versuch, das passive Subjekt und den subjektzentrischen Ansatz mittels einer herstellenden, tricksterartigen Praxis aufzubrechen, die die eigene Position, aber auch die Position der*des Anderen immer wieder auf die Probe stellt, sie neu austariert, Abkürzungen oder auch Umwege nimmt, um zu neuen Perspektiven zu gelangen. Methodisch ließe sich die Programmatik der spekulativen Poetik in aller Kürze am besten als eine Hybridisierung unterschiedlicher Wissensformen und Disziplinen beschreiben. In der Programmatik der spekulativen Poetik heißt es dazu: »Philosophie denkt Literatur, Literatur macht Theorie und die Sprache ist selbst eine Form des Wissens«. Wenn also die Literatur anfängt zu argumentieren und sich literarische Formen in der Philosophie einnisten, dann treten neue und unerwartete Wissensformen zu Tage, die sich weder der Literatur noch der Philosophie zurechnen lassen. Diese Interferenz birgt ein Potential, das die spekulative Poetik freizulegen versucht.

So sind die beiden Bücher von Avanessian und Hennig nicht nur ein theoretisches Unterfangen, sondern selbst eine Theoriefiktion, die textperformativ zeigt, wie das Vertauschen der Karten der spekulativen Poetik in der Praxis immer schon funktioniert hat. Dafür entwickelt das Autorenduo die Praxis eines Miteinander-gegeneinander-Schreibens, das Denken und Sein zu vermitteln versucht, ohne das eine im anderen aufgehen zu lassen oder in die Symbiose eines friedlichen Dialogs zu verfallen. Es ist ein konflikthaftes Schreiben, das das gegenseitige Missverstehen zum Ausgangspunkt des Denkens nimmt:

»Endlich schreiben wir wieder gemeinsam an einem Buch, sagst du. Aber natürlich wissen wir wieder einmal nicht, was dieses Gemeinsame ist oder wie es funktionieren soll. Die alte und von dir oft von Roberto Esposito zitierte Geschichte der munus-communitas – eines Zusammenschreibens im Wissen um eine fundamentale Differenz, ein Fehlen, eine unüberbrückbare Distanz – kommt mir in den Sinn.« (ONE + ONE, S. 45)

Avanessian und Hennig versuchen diese Distanz produktiv zu machen, sie auszustellen und sich in ein Gespräch begeben, das es erlaubt, trotz Missverständnissen weiterzumachen. Bei allen Differenzen teilen sie die Grundannahme, dass der universitäre Individualismus nicht die fruchtbarste Form von Schreibpraxis ist. An der universitären Schreibpraxis kritisieren sie, dass sich diese in selbstreflexive Schleifen verirrt und ein Anderes nicht zulassen kann. Man begegnet dem Anderen im akademischen Diskurs nur durch seine Objektivierung. Der oder die Andere bleibt so ästhetisch auf Distanz und bekommt im Text nie das Wort.

Die beiden werden von der Frage umgetrieben, wie es erstens wieder möglich werden kann, die*den Andere*n in den Schreibprozess so einzubringen, dass sie*er nicht sofort vom Selben assimiliert wird, und wie zweitens tatsächliche Verschiebungen und Veränderungen im Denken ausgelöst werden können. Dafür braucht es ein experimentelles Textsetting: Die Bücher wechseln zwischen der Du-, der Ich- und einer Wir-Form, die weder verallgemeinerbar noch akademisch ist. Dieses »Wir« stellt nicht zwei Personen im Text dar, die einander abwechselnd zu Wort kommen lassen, sondern bezeichnet eine Begriffsperson oder auch einen konfliktbeladenen Ort, an dem sich die Sprecher*inneninstanzen erst in einem denkenden Schreiben zusammensetzen und auch wieder zerfallen. Der Text organisiert sich auf diese Weise durch ein gegenseitig adressierendes »Du weißt es«:

»›DU WEISST ES!‹ ist der erste Satz, auf den wir zurückkommen. Der einzige, den wir je gemeinsam und gleichzeitig ausgesprochen haben, obwohl wir kaum dasselbe damit gemeint haben werden.« (ONE + ONE, S. 44)

»Du weißt es!« fungiert einerseits als Operator bzw. als neuralgischer Punkt im Navigationssystem des Textes. Andererseits ist diese aggressive Anrufung des eigenen Superegos dazu gedacht, die Position der*des Anderen herauszufordern und ihn*sie dazu zu motivieren, das jeweils gegenseitige Denken noch mal zu prüfen. Unhintergehbare Prämisse des »Du weißt es!« ist, dass man bei sich allein immer falsch liegt. Die Form des Schreibens, das Hennig und Avanessian exerzieren, ist somit weit entfernt von einem Dialog. Es bildet ein asymmetrisches Gefüge, in dem beide Stimmen zugleich anwesend sind, sich ständig unterbrechen, monologisieren und sich auch widersprechen können. Passagenweise weiß der*die Leser*in dadurch nicht, wer gerade spricht – stellenweise frustrierend, dennoch positiv herausfordernd, wenn man das Theorie-Design verstanden hat.

Durch die Mehrstimmigkeit und die Subversion eines im Zentrum der Deixis sitzenden und mit sich selbst identischen Sprecher*innensubjekts wird das Zu-zweit-Schreiben zu einem spekulativen Unterfangen insofern, als es in beiden Positionen im Text eine Verschiebung hervorruft. Die Selbstvertiefung einer ästhetischen Erfahrung, die nach Avanessian und Hennig immer nur sich selbst vor Augen hat, öffnet sich durch das Miteinander-gegeneinander-Schreiben so dem Anderen. Und tatsächlich ermöglicht ein solches Schreiben, dass Theorie und Lebenspraxis einen Raum miteinander teilen können. Die Wendung »Du weißt es!« und die damit verbundenen Verschiebungen der Sprecher*innenposition lassen eine Schreibweise hervortreten, die die bekannten Gattungen und Genres überschreitet. Dagegen verblassen die ›inhaltlichen‹ Gegenwartsanalysen ein wenig und wollen sich nicht recht in das textperformative Setting einfügen. Inhalt und Form, Theorie und Praxis gleiten deswegen doch stellenweise auseinander. Nichtsdestotrotz erweitern die Bücher von Avanessian und Hennig das Feld der Theoriefiktionen auf bemerkenswerte Weise und entwickeln eine ästhetische Praxis der Theorie, die Literaturtheoretiker*innen sich unbedingt anschauen sollten.

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Georg Dickmann ist Mitarbeiter im ZfL-Schwerpunktprojekt »Stil. Geschichte und Gegenwart«.

[1] Vgl. Gilles Deleuze / Claire Parnet: Dialoge, Frankfurt a.M. 1980, S. 81.