Matthias Schwartz: PROSA DER VERSTÖRUNG. Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem

I.

Als Stanisław Lem am 27. März 2006 im Alter von 85 Jahren in Krakau starb, schien sein Stern bereits im Sinken zu sein. Seine Bücher hatten Millionenauflagen erzielt und er war neben Ryszard Kapuściński der weltweit erfolgreichste polnische Autor, mit Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen. Aber angesichts des Zusammenbruchs des Realsozialismus, einer krisenhaften neuen Weltordnung sowie der sich abzeichnenden Klimakatastrophe wirkten seine Spekulationen über die fantastischen Irrungen der Menschheit seltsam anachronistisch. Konnte er noch in den 1970er Jahren als erster Science-Fiction-Autor auf den Literaturnobelpreis hoffen, hatte der selbsterklärte Prophet der ›Phantomologie‹ in Zeiten der digitalen Revolution und virtuellen Realität einem Publikum, das in erster Linie mit der neoliberalen Sorge um das emanzipierte Selbst und der radikalen Infragestellung aller tradierten Identitäts- und Geschlechterordnungen beschäftigt war, anscheinend nichts mehr zu sagen. Der alte weiße Mann aus Polen hatte den Anschluss an die Gegenwart verloren.

Die unzähligen Veranstaltungen, Publikationen und Projekte zu seinem 100. Geburtstag am 12. September dieses Jahres wollen seinen Stern noch einmal zum Strahlen, wenn nicht zum Explodieren bringen. In Polen hat das Parlament gleich das ganze Jahr 2021 zum Lem-Jahr ausgerufen, in Krakau wird ihm zu Ehren vom 10. bis 14. September das »Festival der Zukunft« Megabitbombe gefeiert, das neben unzähligen Kulturveranstaltungen auch eine wissenschaftliche Konferenz zur Philosophie in Lems Werk und einen »futurologischen Kongress« beherbergt. Seine Geburtsstadt richtet ein »Festival audiovisueller Meisterschaft« aus, bei dem unter dem Titel Tetramatika eine Woche lang Konzerte, Installationen und Performances aufgeführt werden. In Russland feiert man mit Konferenzen, Schreibwettbewerben und Ausstellungen den Jahrestag des Fantasten und Futurologen und das von Lem für seine natur- und ingenieurwissenschaftliche Pionierforschung vielfach gepriesene Massachusetts Institute of Technology (MIT) präsentiert mehrere Neuauflagen und Erstveröffentlichungen in englischer Sprache. Selbst der Suhrkamp Verlag, der sich um seinen einstigen Bestsellerautor in den letzten Jahren nicht mehr gekümmert hatte, veröffentlicht ein Best of Lem-Buch sowie immerhin drei Nachdrucke.

Im Fokus all dieser Aktivitäten steht Lem »als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche Technologien Jahrzehnte vor ihrer Entwicklung erdachte«, der als ein »Prophet in einem peripheren Land« ein »Leben in der Zukunft«[1] führte und sein Werk »der komplexen – und überaus fruchtbaren – Beziehung zwischen der Fantastik als literarischer Gattung und der Futurologie als systematischem Versuch, die Zukunft zu erforschen«, widmete.

Abseits aller tagespolitischen Konflikte und globalen Krisen bietet das Jubiläum Anlass, noch einmal grundsätzlich über das Verhältnis von Mensch und Maschine, Geist und Materie, Wissenschaft und Kultur, Technologie und Gesellschaft, Zufall und Fortschritt nachzudenken. Ähnlich wie die bemannte Raumfahrt zu einem eskapistischen Vehikel für diejenigen geworden ist, die zu viel Geld haben und es auf der von ihnen selbst zerstörten Erde nicht mehr aushalten, scheinen Lems Schriften dazu geeignet, das Anthropozän mit Neuem Realismus und neuester Hightech wieder in grünere Zeiten zu lenken. Gerade dank seiner Skepsis gegenüber allem Fortschritt, die er vielfach in Schreckensvisionen als Folge atomarer und kriegerischer Zerstörung dargestellt hat, kann er zum Mahner und Motivator des Climate Engineerings gemacht werden.

II.

Stanisław Lem wurde am 12. September 1921 als einziger Sohn polnisch-jüdischer Eltern im polnischen Lwów (Lemberg) geboren. In der wechselhaften Zwischenkriegszeit in der nach eineinhalb Jahrhunderten wieder unabhängig gewordenen Republik Polen verbrachte er in seiner noch vom Habsburger Erbe geprägten Heimatstadt wohl eine glückliche Kindheit. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erlebte er nach der Aufteilung Polens infolge des Hitler-Stalin-Pakts 1939 zuerst die sowjetische Besatzung, während der er ein Medizinstudium begann, dann mit dem Einschluss Lembergs ins Generalgouvernement 1941 die deutsche Herrschaft. Dort konnten seine Eltern und er mit gefälschten Papieren überleben, zahlreiche jüdische Verwandte und Bekannte – wie die jüdische Bevölkerung Lembergs insgesamt – wurden jedoch von Deutschen und ihren ukrainischen Unterstützern ermordet, ehe die Stadt im Juli 1944 von der Roten Armee befreit wurde. Ein Jahr später musste Lems Familie aufgrund erneuter Grenzverschiebungen aus dem inzwischen sowjetischen Lwow in die Volksrepublik Polen nach Krakau umsiedeln.

Nachdem der junge Lem in der späten Stalinzeit mit autobiografisch geprägten realistischen Romanen an der rigiden Zensurpraxis scheiterte, wandte er sich – zunächst lediglich zum Broterwerb – der Science-Fiction zu. Naturwissenschaftliche und wissenstheoretische Fragen hatten ihn schon von klein auf interessiert. Nach dem weitgehend unbeachtet gebliebenen frühen Werk Der Mensch vom Mars (1946) gelang ihm bereits mit seinem zweiten Science-Fiction-Roman Die Astronauten (1951, auch unter dem Titel Der Planet des Todes veröffentlicht) der Durchbruch. Nachdem in der Sowjetunion nach Stalins Tod eine vorsichtige kulturpolitische Liberalisierung eingesetzt hatte, die in Polen als Kleine Stabilisierung in die Geschichtsbücher einging, und nach dem ersten Sputnikflug 1957 und Juri Gagarins Kosmosflug 1961 brach im Osten Europas eine regelrechte Weltraumbegeisterung aus. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die sogenannte ›Wissenschaftliche Fantastik‹ zu einer der erfolgreichsten Genreliteraturen der sozialistischen Welt. Und Lem wurde einer ihrer Starautoren: Die Astronauten und die Nachfolgewerke Die Magellansche Wolke (1955, dt. Gast im Weltraum), Die Sterntagebücher des Weltraumfahrers Ijon Tichy (1957) und Eden (1960) wurden innerhalb kurzer Zeit in fast allen osteuropäischen ›Bruderstaaten‹ übersetzt und erreichten bald Millionenauflagen.

Die 1960er Jahre wurden dann Lems produktivste Schaffensperiode. Allein 1961 veröffentlicht er drei Romane, darunter im Verlag des Polnischen Verteidigungsministeriums Solaris, jenes enigmatische Schlüsselwerk über die Beschränkt- und Gestörtheit alles menschlichen Denkens und Fühlens angesichts des Schweigens des kosmischen Ozeans.[2] Es folgten unter anderem die beiden Prosabände Robotermärchen (1964) und Kyberiade (1965), die Geschichten des Piloten Pirx (1968), die Romane Stimme des Herrn (1968) und Der futurologische Kongress (1971) sowie die großen Abhandlungen Philosophie des Zufalls (1968) und Fantastik und Futurologie (1970). Handelte es sich zunächst um spannende Expeditionsromane, die die vereinte Menschheit der Zukunft mit unerklärlichen Phänomenen im All und somit mit ihrer eigenen defizitären Verfasstheit konfrontierten, bediente sich Lem bald auch vermehrt grotesk-ironischer und satirischer Prosaformen sowie didaktisch-polemischer Erzählverfahren, die alle konventionellen Gattungsgrenzen sprengen und ein enormes Spektrum an möglichen Weltraumszenarien und wissenschaftlich-theoretischen Problemen umfassen.

Vor allem in der Sowjetunion wurde diese Prosa begeistert aufgenommen. Lem hat sich später daran erinnert, wie enthusiastisch er bei seinen mehrmaligen Reisen in das Land empfangen wurde. Denn es war nicht nur die Ära des Wettlaufs zum Mond, als viele in der Sowjetunion noch Chruschtschows Worten glaubten, der Sozialismus könne den Kapitalismus nicht nur ein-, sondern auch überholen. Es war die Zeit der ›Wissenschaftlich-technischen Revolution‹ und eines ungeheuren Fortschrittsoptimismus. In diese Periode fällt auch die Publikation von Lems wissenschaftsphilosophischem Hauptwerk Summa technologiae (1964), das bereits vier Jahre später auch auf Russisch erschien. Allerdings waren es fast ausschließlich Wissenschaftler und jugendliche Leserinnen, die ihn schätzten. Der seriösen Literaturkritik galt er bestenfalls als Verfasser kurzweiliger Trivialromane und populärwissenschaftlicher Publizistik. Rezensionen in relevanten Publikationsorganen gab es in der Sowjetunion kaum und in seinem Heimatland Polen schon gar nicht.

Beispielhaft zeigt sich das bereits an der Resonanz auf sein erstes veröffentlichtes Traktat. In Dialoge (1957) entwickelt er den subjektiven und objektiven Idealismus seiner philosophischen Vorbilder Platon und George Berkeley gewissermaßen zu einem ›kybernetischen‹ Idealismus weiter, in dem die ideengeschichtlichen Verortungen und philosophischen Implikationen der Kybernetik sowie ihr praktischer Nutzen für eine fundamentale Reform der gegenwärtigen, nicht nur sozialistischen Gesellschaftssysteme systematisch diskutiert werden.[3] Nach eigenen Worten sah sich Lem damals als »Künder und Prophet« der Kybernetik, den aber als einsamen Rufer in der polnischen Wüste kaum jemand hörte, wie er im Nachwort zur Neuauflage 1979 resigniert feststellte. Aufgrund des »Dünkels« der »intoleranten Intellektuellen« und der praktischen Inkompetenz der herrschenden Eliten sei das Buch in Polen gänzlich unbeachtet geblieben.[4] Ein Schicksal, das auch seine späteren Traktate und Abhandlungen teilten.

Doch auch im Westen dauerte es lange, ehe Lem einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Während er in der DDR seit 1954 regelmäßig übersetzt wurde, konnte sich das Science-Fiction-Genre in der Bundesrepublik nur allmählich vom Ruf US-amerikanischer Schundliteratur absetzen. Erste Übersetzungen der Werke Lems erschienen noch in Groschenheften und Nischenverlagen für Unterhaltungsliteratur, Solaris wurde mehr als zehn Jahre nach der polnischen Erstausgabe 1972 beim Marion von Schröder Verlag veröffentlicht. Erst in den 1970er Jahren gelang Lem der Durchbruch, als er zunächst im Insel Verlag, kurze Zeit später auch bei Suhrkamp in der von Franz Rottensteiner betreuten Taschenbuchreihe »Phantastische Bibliothek« zu einem Hausautor wurde. Doch ungeachtet seines kommerziellen Erfolgs bei Liebhabern des Genres und in wissenschaftstheoretisch interessierten Kreisen wurde Lem vom westdeutschen Bildungsbürgertum nie ernst genommen, was unter anderem zu einer zunehmenden Entfremdung von seinem Verleger Siegfried Unseld führte.[5] Er blieb eine kuriose Ausnahmeerscheinung am Rande des Literaturbetriebs.

Im englischsprachigen Raum hatte Lem einen noch schwereren Stand. Obwohl Andrei Tarkowskis Verfilmung von Solaris (1972) in Cannes den Spezialpreis der Jury erhielt und Lems Roman auch im Westen zusätzliches Renommee verschaffte, lag auf Englisch bis 2011 nur eine mangelhafte Übersetzung aus dem Französischen von 1970 vor. Eigentlich blieb Lems Karriere in den USA ein großes Missverständnis im Zeichen des Kalten Krieges. So ernannte ihn die Vereinigung Science Fiction Writers of America (SFWA) 1973 zum Ehrenmitglied, doch nur drei Jahre später kam es zum Zerwürfnis. Lem polemisierte vor allem gegen die ungemeine Trivialität der kommerziellen Genreliteratur in Amerika, während der von ihm hochgeschätzte Philip K. Dick ihn beim FBI als eine Erfindung des KGB verunglimpfte, hinter der sich ein Autorenkollektiv zur Verbreitung kommunistischer Propaganda verberge. So blieb Lem jenseits des Atlantiks lange ein kurioser Geheimtipp für Spezialisten und Fans, was sich erst seit den 1980er Jahren langsam änderte.

Wenn Lems Schaffen heute also als die prophetische Sternstunde moderner und postmoderner Science-Fiction gefeiert wird, dann ist das eher eine retrospektive Projektion, die zwar zu weiten Teilen auch seiner damaligen Selbstinszenierung als einsames Genie unter lauter Ignoranten entspricht, aber das Unverständnis und die Vorbehalte verwischt, mit denen er zeit seines Lebens konfrontiert war.

III.

Doch wie kam es zu diesen vielfachen Verstörungen zwischen Lem und seinen Zeitgenossinnen? Will man die gegenseitigen Missverständnisse und enttäuschten Erwartungen nicht einzig auf die Arroganz und Inkompetenz des Kultur- und Wissenschaftsbetriebs zurückführen, wäre auch danach zu fragen, ob die Verkennungen nicht Symptom eines tieferliegenden Unbehagens Lems an der Kultur der Nachkriegszeit sein könnten.

Zwar ist Lems Werk spätestens seit den 1980er Jahren von einer ständig wachsenden internationalen Sekundärliteratur begleitet worden.[6] Zunächst standen neben literaturwissenschaftlichen vor allem philosophische und wissenschaftstheoretische Aspekte im Vordergrund des Interesses. Erst in letzter Zeit widmet man sich vermehrt auch dem kulturgeschichtlichen Kontext seines Schreibens und insbesondere dem Holocaust als einer zentralen biografischen Erfahrung Lems.[7] Agnieszka Gajewska hat mithilfe bislang unbekannter Dokumente seine ersten Lebensjahrzehnte erstmals detailliert rekonstruiert und anhand seiner Science-Fiction-Werke gezeigt, wie hier das Thema des Holocaust in Gestalt außerirdischer Wiedergänger, destruktiver Roboterzivilisationen und lückenhafter Biografien in fiktionaler Form verhandelt wird.[8]

Lem selber hat über diese Zusammenhänge ungern gesprochen, was wohl sowohl biografische als auch gesellschaftliche Gründe hatte. Eine entscheidende Rolle spielte sicherlich der anhaltende Antisemitismus der polnischen Gesellschaft, die sich bis in die Gegenwart mit dem Umgang mit ihrer jüdischen Vergangenheit schwertut.[9] Lem wollte zudem immer als Autor jenseits von nationalen, kulturellen oder religiösen identitären Zuschreibungen wahrgenommen werden. Die Unmöglichkeit, über seine Erfahrungen in der Volksrepublik Polen offen zu sprechen, habe Lem, so Gajewska, mit einer ganz eigenen literarischen Schreibstrategie beantwortet.[10] Vor allem habe er dieses für ihn schmerzhafte ›Schweigen‹ dadurch literarisch verarbeitet, dass er sich in fantastisch-verfremdeter Form immer wieder mit der eigenen Gewalterfahrung der Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen und ihre willigen Helfer im Osten Europas auseinandersetzte.

Am deutlichsten äußerte sich Lem diesbezüglich einmal im Mai 1981, ein halbes Jahr vor der Ausrufung des Kriegsrechts in der Volksrepublik Polen und seiner zeitweiligen Emigration zunächst nach West-Berlin, danach nach Wien. In einem Gespräch mit dem experimentellen Schriftsteller Raymond Federman (1928–2009), der als Jude in Frankreich der Gestapo entkommen war, versucht dieser wiederholt, Lem auf die Gemeinsamkeiten ihrer Prosaexperimente festzulegen, wogegen Lem sich milde verwahrt, indem er darauf hinweist, dass es ihm keineswegs um selbstreferentielle Sprachspiele gehe.[11] Erst als Federman auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu sprechen kommt, stellen die beiden Interviewpartner Gemeinsamkeiten fest:

»Federman. As a survivor of the Holocaust myself, I have been less concerned and less obsessed with telling the story of what happened than with what it means to be living in what I call the post Holocaust era. I suppose that is also your concern and your obsession?

Lem. Yes, indeed. I believe that this Holocaust has not yet ended. That is to say, yes, in a sense it ended with World War II; but it keeps reappearing in various forms and versions here and there.«[12]

Aus dieser Erfahrung des fortlebenden Holocaust, so erläutert Lem, habe er auch seine 1981 erschienene »lange Erzählung« (long story) Provokation geschrieben,[13] die in Form einer fiktiven Rezension des fiktiven Werkes eines fiktiven Autors – das 1980 von dem deutschen Historiker und Anthropologen Horst Asprenicus verfasste zweibändige Standardwerk Der Völkermord – den Holocaust als Zivilisationsbruch ausdrücklich thematisierte.

»My opinion is that the whole matter of what the Germans call Bewältigung der Vergangenheit – that is to say, the overcoming of the past – is a crucial question today. I think that no one – and this is the opening argument of this nonexistent book – no one can forgive the Germans for what they did, for no one has the right to do so. Those who died are the only ones who could do so, but of course they are not here anymore, and so they cannot speak. I am convinced that it is basically impossible to overcome such a past, and I think it is not the right way for Germany, for its culture, for history, and for humanity as a whole.«[14]

Die prinzipielle Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu bewältigen, habe die Science-Fiction insgesamt geprägt: »I would even go further and say that the boom in SF since World War II may have something to do with this post Holocaust era in which we live … in which we survive.«[15]

Science-Fiction als eine Form des Überlebens nach der Erfahrung des Holocaust – kaum einmal hat Lem einen so weitreichenden Schluss gezogen. Nicht nur seine eigene Science-Fiction, sondern der Boom des Genres nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und Europa generell gilt ihm als Reaktion auf den Holocaust. Und zwar nicht nur für die unmittelbare Nachkriegszeit, sondern bis in die Gegenwart, in der Leben immer noch Überleben bedeute.

All das, was Lems Œuvre ausmacht – die beständige Konfrontation der Weltraumreisenden mit ihnen unverständlichen Welten und intelligenten Lebensformen, die Summa technologiae und deren prospektive Rekonstruktionen des Menschen, das poetische Ausloten der Grenzen des Denkbaren und Vorstellbaren, von Genres und Schreibverfahren –, erscheint aus einer solchen Perspektive in einem ganz anderen Licht und ermöglicht einen anderen Blick auf die verstörende Prosa von Lem selbst.

Doch blieb diese Dimension seines Werkes zu seinen Lebzeiten weitgehend unverstanden, Provokation blieb eine nennenswerte Rezeption verwehrt. Schon lange bevor die deutsche Nachkriegsgesellschaft begann, sich den eigenen Verbrechen zu stellen, hatte Lem hier viele Aspekte benannt, die in einer breiten Öffentlichkeit erst später als Zivilisationsbruch (Dan Diner) und Vernichtungskrieg der Wehrmacht diskutiert wurden: der Holocaust als eine im Herzen der europäischen Zivilisation von Menschen – von Deutschen – bewusst und lustvoll begangene Tat, die eben keine »Ausnahme von der Regel«, keinen »alptraumhaften Exzess« darstelle, sondern in der Abgründigkeit des kollektiven Wahns eine anthropologische Zäsur, eine neue Kultur des Todes offenbare.[16] Doch in Polen absorbierte die Solidarność alle Aufmerksamkeit, und in West-Deutschland – wo das Buch 1981 immerhin in der »Bibliothek Suhrkamp« erschien – blieb es abgesehen von einer recht lustlosen Sammelrezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung weitgehend unbeachtet.[17]

Es ließe sich einwenden, eine solche historisierende Perspektive auf Lems Prosa, die das Abgründige und Grauenhafte, Experimentelle und Absurde seiner literarischen und philosophischen Grenzgänge zwischen Wissenschaft und Fantastik aufs Biografische zurückführt, sei nicht ganz neu und bestätige zudem gängige Lesarten von Lems Œuvre als »Spirale des Pessimismus« oder düstere »Prognose des Epochenendes«.[18] So kann man es natürlich lesen. Man kann diese kulturhistorische Rekontextualisierung aber auch dazu nutzen, seine verstörende Prosa neu zu entdecken: als eine poetische Kritik an einem naturwissenschaftlich-positivistischen Zeitgeist, der seinerzeit in der Kybernetik ebenso wie in Linguistik, Strukturalismus oder Systemtheorie Ausdruck fand und heute in den biowissenschaftlichen Versprechungen einer Perfektionierung des Menschen wiederkehrt oder in den neoromantischen Visionen eines nachhaltigen Klimaschutzes durch intelligente Modernisierung aller Produktionsmittel. Lems Prosa, die unangemessenen Analogien und logischen Sprünge, das Groteske und Gespenstische, Provokative und Polemische, die ganzen fantastischen Maskierungen seines nichtlinearen Denkens und Schreibens eines gänzlich Anderen setzen dem eine posthumane Poetik der Verstörung entgegen.[19] Demnach wäre der Vorstellung einer Optimierung von Mensch und Umwelt immer schon der Wille zur Vernichtung eingeschrieben. Ob in Rückkehr von den Sternen (1961, auch unter dem Titel Transfer veröffentlicht) oder Der Unbesiegbare (1964), in Also sprach Golem (1981) oder Lokaltermin (1982): All die fiktionalen Szenarien, die Lem in verschiedenen Varianten, Mythen und Erzählmustern durchspielt, so ließe sich verallgemeinern, dienten dann dazu, die gefährliche Begrenztheit des menschlichen Verstandes und die Gestörtheit seiner Gefühlswelt in der Begegnung mit anderen intelligenten Welten und Wesen bloßzulegen.[20] Indem er die sadistische Mordlust der deutschen Besatzungsmacht sowie die eigenen Ohnmachtserfahrungen in die Fernen des Weltalls oder kybernetische Märchen übersetzt und sie mit dem defekten Innenleben des Lebewesens Mensch konfrontiert, artikuliert er ein Unbehagen an der Spätmoderne im Zeichen des Kalten Krieges, die hiervon lieber nichts wissen wollte. Dieses Unbehagen an der wissenschaftlich-technischen Kultur einer auf individuelle Freiheiten, humanitäre Interventionen und zivilgesellschaftlichen Fortschritt fixierten Menschheit verfremdet Lem zum Bild eines abgründigen, grauenhaften und zugleich bemitleidenswerten, beschränkten Menschen, das nichts an Aktualität verloren hat.

Der Slawist Matthias Schwartz arbeitet am ZfL an seinem Projekt »Weltfiktionen post/sozialistisch. Literaturen und Kulturen aus Osteuropa« und ist Ko-Leiter des Programmbereichs »Weltliteratur«.

[1] So der Untertitel von Alfred Galls äußerst instruktiver Jubiläumsbiografie, der auch alle biografischen Angaben entnommen sind, vgl. Alfred Gall: Stanisław Lem. Leben in der Zukunft, Darmstadt 2021.

[2] Vgl. Franz Rottensteiner: »Solaris. Ein Roman und seine Verfilmungen«, in: ders.: Im Labor der Visionen. Anmerkungen zur phantastischen Literatur, Lüneburg 2013, S. 174–188.

[3] Vgl. Stanisław Lem: Dialoge, Frankfurt a.M. 1980, insb. S. 179–257.

[4] Ders.: »Nachwort« (1979), in: ebd., S. 307–319.

[5] Siehe zu Lems Beziehung zum Suhrkamp Verlag genauer Matthias Schwartz: »›Eine Vision anderer Zeiten und Welten‹. Der Osten Europas und die ›Phantastische Bibliothek‹«, in: Dirk Kemper/Pawel Zajas/Natalia Bakshi (Hg.): Kulturtransfer und Verlagsarbeit. Suhrkamp und Osteuropa, Paderborn 2019, S. 85–112.

[6] Vgl. bspw. Werner Berthel (Hg.): Über Stanislaw Lem, Frankfurt a.M. 1981; Peter Swirski/Waclaw M. Osadnik (Hg.): Lemography. Stanislaw Lem in the Eyes of the World, Liverpool 2014.

[7] Vgl. Richard Middleton-Kaplan: »Refractions of Holocaust Memory in Stanisław Lem’s Science Fiction«, in: Victoria Aarons/Phyllis Lassner (Hg.): The Palgrave Handbook of Holocaust Literature and Culture, Cham 2020, S. 287–304.

[8] Vgl. Agnieszka Gajewska: Zagłada i gwiazdy. Przeszłość w prozie Stanisława Lema, Poznań 2016; auf Deutsch wurden Auszüge aus dem Werk im Quarber Merkur in Fortsetzungen veröffentlicht, vgl. dies.: »Aufspaltung« (Teil 1), in: Quarber Merkur 118 (2017), S. 73–99; »Aufspaltung« (Teil 2), in: Quarber Merkur 119 (2018), S. 53–74.

[9] Vgl. Barbara Engelking/Helga Hirsch (Hg.): Unbequeme Wahrheiten. Polen und sein Verhältnis zu den Juden, Frankfurt a.M. 2008.

[10] Gajewska: Zagłada i gwiazdy (Anm. 7)., S. 218.

[11] Vgl. Raymond Federman: »An Interview with Stanislaw Lem«, in: Science Fiction Studies 10.1 (1983).

[12] Ebd.

[13] Vgl. Stanisław Lem: Provokation. Essay, Berlin 1985.

[14] Federman: »An Interview with Stanislaw Lem« (Anm. 11).

[15] Vgl. auch Gajewska: Zagłada i gwiazdy (Anm. 7), S. 28f.

[16] Vgl. Lem: Provokation (Anm. 11), S. 62.

[17] Vgl. hierzu ausführlich Matthias Schwartz: »›The World as Holocaust‹. Wissenschaftliche Phantastik als Kunst des Überlebens in Stanisław Lems experimenteller Poetik«, in: Jurij Murašov/Sylwia Werner (Hg.): Science oder Fiction? Stanisławs Lems Philosophie der Wissenschaft und Technik, München 2017, S. 145–167.

[18] Przemysław Czapliński: »Stanisław Lem – Die Spirale des Pessimismus«, in: Michael Düring/Ulrike Jekutsch (Hg.): Stanisław Lem – Mensch, Denker, Schriftsteller, Wiesbaden 2005, S. 31–52; Holger Arndt: Stanisław Lems Prognose des Epochenendes. Die Bedrohung der menschlichen Kultur durch Wissenschaft, Technologie und Dogmatismus, Darmstadt 2000.

[19] Vgl. Elana Gomel: »Stanislaw Lem and the Holocaust of Humanism«, in: dies.: Science Fiction, Alien Encounters, and the Ethics of Posthumanism. Beyond the Golden Rule, New York 2014, S. 187–210.

[20] Vgl. hierzu Matthias Schwartz: »Die Traurigkeit des Golems. Stanisław Lems Figuration posthumaner Intelligenz als Poetik der Erinnerung«, in: Alexander Friedrich/Alfred Gall/Petra Gehring/Peter Oliver Loew/Yvonne Pörzgen (Hg.): Kosmos Stanisław Lem. Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie, Wiesbaden 2021, S. 43–72; ders.: »Silberlöffel und andere Aborte. Marginalien zu Stanisław Lems Lokaltermin«, in: Jacek Rzeszotnik (Hg.): Ein Jahrhundert Lem. 19212021, Dresden 2021, S. 121–140.