Patrick Hohlweck: Casus und Wirklichkeit – »LEBENS=BESCHREIBUNG« UM 1730

Einer gängigen Periodisierung zufolge stellt das Leben, dem Bereich der Repräsentation entzogen und als Unbestimmtheit, Pluralität oder Vermögen verstanden, die Wissenschaften und die Ästhetik um 1800 vor ähnliche Probleme. Zugleich rückt der arbeitende, sprechende und lebende Mensch, das Subjekt und bevorzugte Objekt der sich etablierenden modernen Wissensordnung, in eine aushandlungsbedürftige Doppelexistenz als Einzel- und Gattungswesen. Diese Doppelexistenz wird von den geschichtsphilosophischen, pädagogischen, anthropologischen, psychologischen und ästhetischen Formen reflektiert, die an der Verfertigung des Wissensobjekts ›Mensch‹ beteiligt sind: Nicht zuletzt etabliert sich ein Roman, der sich am »Seyn des Menschen«[1] anhand einer einzelnen, »innere[n] Geschichte«[2] orientieren soll, dabei aber immer darauf abzuzielen hat, »das Ganze des menschlichen Lebens«[3] zur Darstellung zu bringen.

Die sukzessive Ablösung eines naturhistorischen Zugriffs auf den Menschen durch einen experimentalwissenschaftlichen sowie die Aufkündigung von dessen Fundierung in einem göttlichen Heilsplan im Verlauf des 18. Jahrhunderts lassen sich als Vorgeschichte dieses modernen Lebenswissens erzählen. Ein eklektisches Textaufkommen, das sich seit dem späten 17. Jahrhundert aus diätetischer, medizinischer, philosophischer oder literarischer Perspektive mit dem Leben des Menschen beschäftigt, erlaubt jedoch auch den Schluss, dass sich hier in der Überkreuzung unterschiedlicher formaler Traditionen und Entwicklungen Spuren eines anderen Wissens vom Leben beobachten lassen: eines Wissens, dessen Fluchtlinie nicht zwingend jenes unförmige, anonyme Leben ist, dessen Karriere ›um 1800‹ beginnt, sondern dessen Gegenstand und Horizont ein irreduzibel konkretes Leben ist.

An einer solchen Kreuzung unterschiedlicher Formen des Wissens vom Menschen steht 1738 ein merkwürdiger Text, den der ehemalige Breslauer Prediger Adam Bernd (1676–1748) veröffentlicht. »Da hast du nun also, geliebter Leser, einen Abriß von meiner ganzen Person, und von meinem ganzen Leben«,[4] heißt es am Ende von Bernds Eigener Lebens=Beschreibung. Gegenstand dieses über hunderte Seiten geführten Selbstprotokolls ist eine, so der Titel weiter, großen Theils noch unbekannte Leibes= und Gemüths=Plage. Bernd geht es darum, »den leiblichen, und geistlichen Ärzten Materie an die Hand zu geben« (S. 5), die er der besseren Vermittelbarkeit halber »mit andern erfreulichen, und geringen Dingen« (S. 6) seines Lebens verknüpft habe. So verbindet er Schilderungen seiner Gefäß- und sonstigen Verstopfungen, Tagesabläufe, beruflichen Veränderungen und Affekteskalationen unterschiedlichen Grades, um schließlich immer wieder auf das Kernthema der Lebens=Beschreibung zu sprechen zu kommen: die ›Autochirie‹ bzw. den Suizid.

In ihrer Fokussierung auf die Beobachtung alltäglicher Begebenheiten steht Bernds Lebens=Beschreibung im Kontext einer weit verbreiteten pietistischen Bekenntnisliteratur. In pietistischen Gemeinden hatte sich ein verbindliches Bekehrungsnarrativ mit obligatorischen Stationen etabliert, deren Höhepunkt stets ein kurzer, intensiver Bußkampf mit anschließendem Durchbruch darstellt. Medium dieser Bekehrungen ist eine schriftlich niederzulegende, minutiöse Selbstbeobachtung. Eine kategorische Trennung der Heilwirkung göttlicher Gnade von der Gnadenwirkung der Natur hatte die Auffassung einer Autonomie der Natur gestärkt, was, verbunden mit der Annahme der menschlichen Besserungsfähigkeit, zu einer besonderen Aufmerksamkeit auf die Lebensführung führte. Auch der medizinische Amateur Bernd ist überzeugt, auf keine Weise mehr über seine Beschwerden erfahren zu können »als durch eine genaue Attention auf sich selbst«[5] und die eigene »Diæt« (S. 165). Doch mit einer Krise ist es für Bernd nicht getan: Bereits der erste Band der Lebens=Beschreibung identifiziert sechs exponierte ›Krisenphasen‹, die den Stationen seines Lebens bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung entsprechen.

In der Annahme, dass seine Gemütsnöte mit einer noch unbekannten »Connexion« (S. 164) zwischen Leib und Seele zusammenhängen, entschließt sich Bernd, einen Arzt zu konsultieren, dessen synergetisches Leib-Seele-Modell der Lebensführung entscheidende Bedeutung zuweist: Georg Ernst Stahl (1659–1734). Der in Halle tätige Mediziner rückt in seinen Schriften die Seele in den Mittelpunkt aller physiologischen Vorgänge; ein Modell der Seele allerdings, das sich scharf von den zeitgenössischen Leib-Seele-Dualismen absetzt. Laut Stahl bestimmt die Seele nicht nur alles, »was den menschlichen Körper physisch berührt«,[6] sondern formt diesen gemäß ihren Bedürfnissen. Die Seele steuert und verwaltet die physiologischen Vorgänge der Zirkulation und Ernährung; dabei wirkt sie nicht nur in deren Bewegungen, sondern ist wesentlich Bewegung. Der Körper wird damit als das belebte Instrument einer sich selbsterhaltenden und selbstregulierenden Wirkeinheit von Leib und Seele gefasst, für die die Bewegungen sinnlicher Wahrnehmung und innerseelischer Prozesse von besonderer Wichtigkeit sind. Das »Leben des Menschen« ist, so auch Christian Thomasius in seiner Einleitung zur Sitten=Lehre 1692, damit zweifach bestimmt: Es ist

»nichts anders als die Dauerung des menschlichen Wesens / und begreifft zugleich die Bewegung des Geblüts / und der Bewegungs=Geister wie nicht weniger der Seelen und die Gantzheit derer Theile des Menschlichen Cörpers / darinnen diese Bewegungen vorgehen / in sich.«[7]

Damit deuten sich die neuen Schwierigkeiten an, mit denen es Versuche zu tun bekommen, die das ›ganze Leben‹ unter dem Eindruck eines empirisch-experimentellen Wissensideals bestimmen wollen. Denn eine Beobachtung der Natur, die nicht mehr von der Gültigkeit des Endlichkeit setzenden »Sichtbarkeitspostulats« (Blumenberg) des traditionellen Naturbegriffs ausgehen kann, ist nun einerseits zeitlich, als vorläufig, markiert, und andererseits in eine unsichtbare Tiefendimension ausgerichtet, die neuer Formen der Beobachtung bedarf. Bernds »großen Theils noch unbekanntes« Leiden verweist in diesem zweiten Sinne auf eine spekulative, unverfügbare Ganzheit:

»Ich muß zum Beschluß eilen, so viel ich auch noch zu dieser Geschichte meines Lebens hinzu tun könnte. Denn je länger ich damit umgehe, je mehr fällt mir ein von dem, was ich da und dort vergessen« (S. 399).

Das Problem der Ganzheit stellt sich dem Chronisten Bernd allerdings vor allem im Hinblick auf die »Dauerung« und deren Dokumentation. Die nach der Abfolge der beruflichen Stationen organisierte Struktur der Eigenen Lebens=Beschreibung entspricht noch ganz der Tradition des chronikalischen Rückblicks, wie ihn etwa die zeitgenössisch geläufige Berufsautobiographie betreibt. Die in diesen meist nur für den Hausgebrauch bestimmten Schriften wiedergegebene Laufbahn wird nach einer Schilderung prägender Lebensereignisse um Neuigkeiten ergänzt und orientiert sich ausschließlich am geschichtlichen Lauf der Welt; die sich so sukzessiv dem Lebensende annähernde Ereignisparataxe bedarf weder des Ichs noch Gottes als die Niederschrift legitimierender Instanz.

Die zur Veröffentlichung bestimmte Variante der personalen Chronik gehört dagegen als »Exempel« bzw. »Beyspiel« in eine Tradition der historia magistra vitae, und auch Bernd hatte seine Lebens=Beschreibung noch als das »Exempel eines Menschen« (S. 16) gerahmt. Ihm geht es jedoch, wie in seiner 1742 im Anhang seiner Abhandlung von Gott und der Menschlichen Seele gegebenen Fortsetzung seiner eigenen Lebens=Beschreibung deutlich wird, nicht um Exemplarität. Vielmehr wird sein Projekt als Arbeit an einer Umschrift exemplarischer Darstellung erkennbar, die bei aller Berufung auf theologische und medizinische Begründungszusammenhänge nicht in diesen aufgeht. Das überpersönliche Schema des Exemplum wird gerade da überwunden, wo Bernd nur mehr das bereits von ihm Niedergelegte zu »bekräfftigen«[8] sucht: sein, wie es eingangs hieß, ›ganzes Leben‹.

Dieses ›ganze Leben‹ verläuft in ihm zustoßenden Begebenheiten, ›Zufällen‹ oder »Casus« (S. 43, 130, 150, 234 u.ö.). Was Bernd darunter versteht, hat allerdings nur strukturell mit der Textsorte der Fallgeschichte zu tun, und zwar insofern es von einem grundsätzlichen Bezug des Dargestellten auf konkrete Einzelereignisse bestimmt ist. Die Darstellung gilt der Wirklichkeit einer Welt, die nicht als allgemeine zu denken ist und die sich in ihrer textlich abgesicherten Konkretion dem Bezug auf eine verbindliche Ganzheit widersetzt. Nicht auf einen nosologischen Horizont, wie die medizinischen Falldarstellungen des 18. Jahrhunderts, oder auf eine bekannte Regel, wie das Exempel, verweist Bernds Casus: Die Einheit, deren Undarstellbarkeit der Casus Bernds und die »Casus«[9] Stahls formal reflektieren, ist die Wirklichkeit des Lebens selbst.

[1] Christian Friedrich von Blanckenburg: Versuch über den Roman [1774], hg. v. Eberhard Lämmert, Stuttgart 1965, S. 18.

[2] Ebd., S. 392.

[3] Karl Philipp Moritz, Anton Reiser. Ein psychologischer Roman [1795–1790], in: ders., Werke, Bd. I: Dichtungen und Schriften zur Erfahrungsseelenkunde, hg. v. Heide Hollmer und Albert Meier, Frankfurt a.M. 1999, S. 85–518, hier S. 312.

[4] Adam Bernd: Eigene Lebens=Beschreibung […], hg. v. Volker Hoffmann, München 1973, S. 397. Im Folgenden im Text belegt mit Seitenzahlen.

[5] Christianus Melodius, Ph. Th. u. JC. [= Adam Bernd]: Einfluß der Göttlichen Wahrheiten in den Willen/ und in das gantze Leben des Menschen […], Helmstädt und Leipzig 1728, S. 666.

[6] Georg Ernst Stahl: Über den mannigfaltigen Einfluß von Gemütsbewegungen auf den menschlichen Körper [1695], Leipzig 1961, S. 25.

[7] Christian Thomasius: Von Der Kunst Vernünftig und Tugendhaft zu lieben […]; Oder: Einleitung Der Sitten Lehre […], Halle 1692, S. 66.

[8] Adam Bernd: Abhandlung von GOTT und der Menschlichen Seele […] samt angehängter Fortsetzung seiner eigenen Lebens=Beschreibung, Leipzig 1742, S. 4.

[9] Georg Ernst Stahl: Praxis Stahliana, Das ist Herrn Georg Ernst Stahls […] Collegium Practicum, Leipzig 1728, S. 66.

Der Literaturwissenschaftler Patrick Hohlweck arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem ZfL-Projekt Lebenslehre – Lebensweisheit – Lebenskunst. Dieser Beitrag erschien erstmals auf dem Faltplakat zum Jahresthema des ZfL 2018/19, »Formen des Ganzen«.