Hanna Hamel: HOUELLEBECQS SCIENCE-FICTION. »Unterwerfung« und »Die zweite Invasion der Marsianer« der Strugatzkis

Am 6. Juni 2018 wurde die deutsche Fernsehverfilmung von Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung«[1] in der ARD gesendet. Auf die Erstausstrahlung folgte eine Gesprächsrunde zum Thema »Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?« An der Programmzusammenstellung wird das Missverständnis deutlich, das sich in der öffentlichen Diskussion von »Unterwerfung« etabliert hat. Dieses Missverständnis besteht darin, die »Islamdebatte« als Thema des Romans zu begreifen und deshalb dessen Szenario zum Gegenstand einer politischen Debatte zu machen. Dabei hat sich die Verfilmung zumindest bemüht, die Romanhandlung über Verfremdungseffekte als fiktionale Perspektivierung zu markieren. Der Film rahmt die Erzählung des Romans, indem er den Darsteller Edgar Selge als Hauptfigur einsetzt, der am Deutschen Schauspielhaus den Protagonisten der Romanhandlung spielt. Es handelt sich also um eine gerahmte Verfilmung der Hamburger Romandramatisierung. Damit wird dem Missverständnis aber nur auf doppelte Weise Vorschub geleistet. Zum einen sagt das Framing: Wir haben es hier mit einem Kunstwerk zu tun, um dessen explosive Erzählung herum wir erst eine differenzierte gesellschaftliche Diskussion entfalten müssen. Zum anderen erweckt die vielfache Verschachtelung – die im Film reinszenierte Dramatisierung des Romans, deren Darsteller am Abend in die wirkliche Welt jenseits der Künste heimkehrt – erst recht den Anschein, als könnte man sich am Ende in der Realität des eigenen Wohnzimmers einfinden und zur Diskussion der dargestellten Inhalte schreiten. Auf diese Weise verdeckt die Abgrenzungsarbeit des Films auch das Perspektivenspiel und die Erzählform des Romans. Nur über die Auseinandersetzung mit dessen literarischem Verfahren ist es aber möglich, den Beitrag nachzuvollziehen, den der Roman zur gegenwärtigen Diskussion leisten kann.

»Unterwerfung« (2015) ist kein Roman über die Auseinandersetzung mit dem Fremden, sondern über das Verhältnis zur eigenen Geschichte. Der exemplarische Fall materialisierter Geschichte ist in »Unterwerfung« die Literatur. Dass der Protagonist und Erzähler François ein Literaturwissenschaftler ist, der sich vorwiegend mit Texten von Joris-Karl Huysmans befasst, ist dem Roman dabei Mittel zum Zweck, die Literatur thematisch ins Zentrum zu rücken. Dabei wird bald deutlich, dass sich aus François’ Huysmans-Lektüren außer einem ungezügelten Hedonismus nichts ableiten lässt. François’ parodistisch dargestelltes Reenactment einer dekadenten Lebensform erlaubt es dem Roman, sich von der Perspektive seines eigenen Erzählers zu distanzieren. An François’ überzeichnetem Opportunismus wird deutlich, dass ein gelungener Lektürevollzug nicht über Identifikation verläuft. In Houellebecqs Frankreich des Jahres 2022 haben das sogar die Literaturprofessoren vergessen. Bei der Beschäftigung des Protagonisten mit Huysmans handelt es sich aber nur um eine erste, vordergründige Auseinandersetzung mit Literatur in »Unterwerfung«. Im Hintergrund steht die Bezugnahme auf einen Hypotext, an dem sich »Unterwerfung« auch formal orientiert.

Im Jahr 2001 gab Michel Houellebecq in seinem Essay »Dem 20. Jahrhundert entwachsen« die überspitzte Einschätzung ab,

»dass von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geistig kaum etwas übrig bliebe, hätte es nicht die Science-Fiction gegeben. Will man eines Tages eine Literaturgeschichte jenes Jahrhunderts schreiben, will man sich darauf einlassen, es rückblickend zu betrachten – damit voraussetzend, dass wir ihm entwachsen sind –, so ist das etwas, das berücksichtigt werden muss. Ich schreibe diese Zeilen im Dezember 2001. Ich glaube, es ist bald so weit.«[2]

Der neuere literaturgeschichtliche Hintergrund für Houellebecqs Arbeit ist demnach die Science-Fiction. Und tatsächlich lässt sich »Unterwerfung« als Hypertext eines Science-Fiction-Romans lesen. Dieser trägt im Deutschen den Titel »Die zweite Invasion der Marsianer«, wurde von Arkadi und Boris Strugatzki erstmals im Jahr 1967 auf Russisch veröffentlicht und liegt in einer trashigen französischen Taschenbuchausgabe von 1983 als »La seconde invasion des Martiens« in der Reihe »Science-fiction soviétique« vor. (Man kann sich lebhaft den rauchenden Michel Houllebecq vorstellen, wie er die vergilbten Seiten der »satire« umblättert, die auf dem Umschlag als »très drôle et très réussie« angepriesen wird.) Erzählstil, Szenario und Personal ähneln denjenigen von »Unterwerfung«. Der Astronom Apollon steht kurz vor seiner Pensionierung und hält in Form von Tagebucheinträgen zwei Wochen lang seine Eindrücke der Invasion der »Marsianer« fest. Die Protagonisten François und Apollon haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Sie sind beide Opportunisten und potentielle Experten in einem Bereich, der in direktem Zusammenhang mit der jeweiligen Machtübernahme steht. Beide bleiben trotz ihrer Expertise ignorant. François reflektiert literaturwissenschaftlich über die Décadence, tritt aber nicht in ein kritisches Verhältnis zur Dekadenz seiner eigenen Lebensführung. Er beschäftigt sich mit dem überspannten Katholizismus in Huysmans’ Romanen und bemerkt nicht das religiöse Vakuum seiner eigenen Konsumgesellschaft. Ähnliches gilt für Apollon: Obwohl er Astronom ist, fällt ihm zur Nachricht einer Mars-Invasion nichts ein, außer sie als Gerücht abzutun:

»Wann werden wir uns endlich abgewöhnen, Gerüchte ernst zu nehmen? Jedes Kind weiß doch, daß es auf dem Mars kein Leben gibt: Die Atmosphäre ist viel zu dünn, das Klima über alle Maßen rauh; es fehlt außerdem das Wasser, das ja die Grundlage jeglichen Lebens bildet.«[3]

Belanglosigkeit und Opportunismus greifen in den Beobachtungen beider Protagonisten ineinander. Während sich Apollon über Ekzeme beklagt, wird François von Hämorrhoiden geplagt. Banal lesen sich deshalb auch die jeweiligen Tagebucheintragungen der gleichermaßen fragwürdigen Erzähler. Aus dem Kontext gelöst, ist nicht auszumachen, welchem der beiden Romane sie entnommen sind: »Zugegeben – ich verstehe sehr wenig von Aufständen und Revolutionen, daher kann ich mir auch schwerlich erklären, was da vonstatten geht«; »Dass Politik in meinem Leben eine Rolle spielen könnte, verwirrte und ekelte mich ein bisschen«; »Aber im Nu landete unser Gespräch bei der Außenpolitik unseres damaligen Präsidenten, und ging dann auf das Thema des allgemeinen Wahlrechts über. Dabei ist bemerkenswert, daß ich mich nie – damals wie heute – weder für die Außenpolitik noch für die Panspermie interessiert habe«; »Heute war ein zauberhafter Morgen. (Temperatur plus neunzehn, Bewölkungsgrad eins, Südwind 0,5 pro Sekunde.)«; »Die Temperaturen waren […] milder geworden […], über der Stadt ging ein feiner und kalter Regen nieder«.[4] Die Beispiele für den gemeinsamen Grundton sind zahllos.

Beide Protagonisten fühlen sich vom Leben und der Gesellschaft benachteiligt. François ergeht sich in Selbstmitleid, und Apollon konstatiert neidisch, dass er »immer – aus unbegreiflichen Gründen – […] nicht dabei« sei, »wenn es um Vorteile geht.«[5] Das ändert sich mit dem Wechsel des Regimes. In beiden Fällen erweisen sich die Hauptfiguren als Profiteure. Während François an der neu geordneten Sorbonne als Professor installiert wird, lässt sich der pensionierte Apollon von den Marsianern Magensaft abzapfen. Beide werden für ihren Opportunismus unverhältnismäßig gut entlohnt und können sich ein »zweites Leben« leisten.[6] Frauen werden in beiden Szenarien zu Dienerinnen – als Ehefrauen in polygamen Beziehungen oder als Objekte der Unterhaltung, die ausgezogen und »nackt herum[ge]hetzt[]« werden.[7] Die Romane enden mit dem Ausblick auf die potentiell glanzvolle Zukunft ihrer Protagonisten. Apollon will eine regimekonforme Rede schreiben, die in der Zeitung veröffentlicht werden soll, und François antizipiert eine Zeit, in der er als Professor und Herausgeber der renommierten Pléiade-Ausgabe von Huysmans’ Werken »nichts zu bereuen« haben würde.[8]

Neben einem einigermaßen analogen Figurenarsenal (Dorfgemeinschaft bzw. Universitätspersonal; Kollaborateure und ungreifbar bleibende ›Andere‹, die die Macht übernehmen) verläuft auch die Erzählung des jeweiligen Umsturzes ähnlich. In beiden Romanen wird er durch einen zentralen, symbolischen Gewaltakt illustriert, von dem der Erzähler auf einer Autofahrt überrascht, aber nicht weiter tangiert wird. Der Untergang der bestehenden Gesellschaft wird nach anfänglicher Skepsis von beiden Erzählern als Fortschritt präsentiert. Die neuen Mächte artikulieren Respekt vor »der Elite der Gesellschaft«,[9] die sie selbst erst als solche einsetzen und zu der Apollon und François nun gezählt werden. Die Protagonisten beruhigen sich schließlich auch ob der gewahrten Kontinuität:

»Sie sprachen eben von Untergang der Kultur und Zivilisation. Nichts ist unrichtiger als das! Es ist mir einfach unbegreiflich, worauf Sie eigentlich hinauswollen. Die Zeitungen erscheinen täglich wie eh und je, es kommen neue Bücher heraus, es werden neue Fernsehsendungen aufgezeichnet, die Industrie arbeitet wie zuvor …«[10]

Der entscheidende Unterschied zwischen den Situationen vor und nach der jeweiligen Machtübernahme ist die nun auch äußerlich verlorene Unabhängigkeit der Franzosen bzw. der Menschheit. In beiden Fällen wird etwas zuvor angeblich Unveräußerliches und Integres (die aufgeklärte, universitäre Bildung bzw. der eigene Magensaft) käuflich. Die Menschen sind kritiklos ruhiggestellt in einer »geruhsamen, gesättigten Stille«.[11] Dabei kehrt die Machtübernahme in beiden Fällen nur nach außen, was sich innerlich bereits etabliert hat; hier das herdenartige, willensschwache Dahinleben einer Spezies, die sich für die Krone der Schöpfung hält (Strugatzki), dort die Kritiklosigkeit einer Gesellschaft, die sich selbst als höchst aufgeklärt begreift (Houellebecq).

In der Parallellektüre von Houellebecq und den Strugatzkis wird »Unterwerfung« zur Parodie. Damit wiederholt »Unterwerfung« auch die Struktur der Bezugnahme auf einen Hypotext. Denn schon der Roman der Strugatzkis ist als Parodie auf H. G. Wells’ »Krieg der Welten« (1898) angelegt. Die Reihe, in die sich »Unterwerfung« damit einschreibt, impliziert eine fatalistische Prognose hinsichtlich der eigenen Rezeption. Das Szenario von »Krieg der Welten« hatte nämlich in der Hörspielfassung von Orson Welles für Verwirrung gesorgt, als bei der Ausstrahlung im Radio 1938 offenbar manche Zuhörer und Zuhörerinnen glaubten, es finde tatsächlich eine Invasion der Marsianer statt.

Die Provokation von Houellebecqs Roman liegt damit am ehesten noch in der »Falle«, die er seinen Rezipienten und Rezipientinnen gestellt hat. Diese Falle schnappt zu, wenn man über »Unterwerfung« diskutiert, als ob das entworfene Szenario glaubwürdig oder gar real sein soll, und man den Roman so der Vereinnahmung von rechts preisgibt. Dann kann der Autor pessimistisch oder sogar misanthropisch behaupten: »Die Literatur führt zu nichts.«[12] Denn wenn nicht ihre Geschichte – ihre eigene, implizite Literaturgeschichte – herangezogen wird, auf die sie sich beruft, führt sie tatsächlich nirgendwohin, außer in die Wiederholung vorurteilsbehafteter Debatten. Sie ist nicht immer nur in Prachtausgaben epochemachender, kanonisierter Werke zu finden, sondern vor allem im Flohmarkt-Trash der Science-Fiction des 20. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund lässt sich »Unterwerfung« als Parodie und Erinnerung lesen, als Aufforderung, dem möglichen Ende der Kritik etwas entgegenzuhalten. Während der Roman in seiner Erzählung das misslingende Verhältnis von François zu Huysmans ausstellt, liegt in seiner Form die gelingende, selbstkritische Bezugnahme auf Literatur als Aktualisierung und Parodie. Der Roman ist so auch Aufforderung zu einer Lektüre, die sich seinem Verfahren widmet – und nicht zuletzt zu einer Literaturgeschichtsschreibung jenseits von Kanon und Vorurteil.

[1] Michel Houellebecq: Unterwerfung, übers. v. Norma Cassau u. Bernd Wilczek, Köln: Dumont, 2015.

[2] Michel Houellebecq: »Dem 20. Jahrhundert entwachsen«, in: Ders.: Interventionen, Essays, übers. v. Hella Faust, Köln: Dumont 2010, 168-173, hier 173.

[3] Arkadi und Boris Strugatzki: Die zweite Invasion der Marsianer, übers. von Giuseppina Morbioli, Frankfurt a. M.: Insel 1973, 40.

[4] Strugatzki, Die zweite Invasion der Marsianer, 47; Houellebecq, Unterwerfung, 101; Strugatzki, Die zweite Invasion der Marsianer, 26; Strugatzki, Die zweite Invasion der Marsianer, 15; Houellebecq, Unterwerfung, 203.

[5] Strugatzki, Die zweite Invasion der Marsianer, 96.

[6] Houellebecq, Unterwerfung, 271.

[7] Strugatzki, Die zweite Invasion der Marsianer, 126.

[8] Houellebecq, Unterwerfung, 271.

[9] Strugatzki, Die zweite Invasion der Marsianer, 115.

[10] Strugatzki, Die zweite Invasion der Marsianer, 114.

[11] Ebd., 111.

[12] Houellebecq, »Dem 20. Jahrhundert entwachsen«, 168.

Hanna Hamel ist Stipendiatin des ZfL-Doktorandenprogramms mit dem Projekt Klimatologien der beginnenden Moderne.