Claude Haas: DONALD TRUMP ALIAS MACBETH? Zu Stephen Greenblatts neuem Shakespeare-Buch

Nicht dass der Name Donald Trump in Stephen Greenblatts neuem und immerhin bereits fünften Buch über Shakespeare auch nur ein einziges Mal fallen würde.[i] Es trägt den Untertitel »Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert« und gefällt sich in seitenlangen Anspielungen wie dieser:

»Er [Richard III.] ist ein pathologischer Narzisst und in höchstem Maße arrogant. Er verfügt über eine groteske Anspruchshaltung und hat nie einen Zweifel daran, dass er tun kann, was er will. Er brüllt gern Befehle und sieht, wie seine Untergebenen sie hastig ausführen. Er erwartet unbedingte Loyalität, ist aber unfähig zur Dankbarkeit. Die Gefühle anderer bedeuten ihm nichts. Er hat keinen natürlichen Anstand, keine Vorstellung von Mitmenschlichkeit, kein Schamgefühl.

[…] Er teilt die Welt in Sieger und Verlierer ein. Die Sieger erwecken seine Anerkennung, sofern er sie für seine Zwecke nutzen kann; die Verlierer erregen nur seinen Spott. Das Gemeinwohl ist etwas, von dem nur Verlierer reden. Er redet lieber vom Gewinnen. Er war immer von Reichtum umgeben, er wurde in ihn hineingeboren und macht ausgiebig von seinem Vermögen Gebrauch.« (65f.)

Natürlich »begrapscht« der ›Tyrann‹ auch Frauen (66). Er ist »skrupellos« (45), »verlogen« (10), »hasst« das Gesetz (66) und hat »kein echtes Interesse daran, das Los der Armen zu verbessern« (45).

Wer stets mitgemeint ist, wenn Greenblatt über Richard III., König Lear, Macbeth oder Coriolan schreibt, versteht sich vielleicht ein bisschen zu sehr von selbst. Zwar mögen viele der erwähnten Eigenschaften die notorischen Shakespeare’schen Bösewichte mit dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika verbinden. Aufgrund des historischen Abstands und aufgrund ganz unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen müssen solche Gemeinsamkeiten jedoch akzidentell bleiben. Und tatsächlich liegt der Reiz von Greenblatts Buch wesentlich darin, dass es auf gleich mehreren Ebenen das exakte Gegenteil seiner eigentlichen Intention einlöst. Nach der Lektüre kann man sich jedenfalls kaum des Eindrucks erwehren, dass von William Shakespeare gerade kein Weg zu Donald Trump führt. Und das scheint einmal mehr nicht das Schlechteste, was sich über den elisabethanischen Dramatiker sagen lässt.

Neben einer Reihe von Charakterzügen ist es Greenblatt zufolge das titelgebende Modell des Tyrannen und der Tyrannei, das eine Brücke von Shakespeares Theater zu Trump, mithin aber auch zu ein paar weiteren Despoten schlagen soll, die eine aufgeklärte Welt derzeit in Atem halten. Dass Greenblatt um den Begriff des ›Tyrannen‹ keinerlei theoretisches Aufheben macht, ist insofern verständlich, als dieser schon in der Frühen Neuzeit eher eine unscharfe Zuschreibung als ein strenges Konzept gebildet hatte. Shakespeares Zeitgenosse Thomas Hobbes etwa hält 1651 in seinem Leviathan fest, ›Tyrannei‹ und ›Monarchie‹ seien nicht die Namen spezifischer oder auch nur unterschiedlicher Regierungsformen, »sondern derselben, wenn man sie für schlecht hält.« Hobbes fährt fort:

»Denn alle, die mit einer Monarchie unzufrieden sind, nennen sie Tyrannis, und diejenigen, welche eine Aristokratie nicht schätzen, nennen sie Oligarchie, und diejenigen, welche in einer Demokratie Ärger haben, sprechen von Anarchie, was das Fehlen einer Regierung bedeutet.«[ii]

Trotz des tendenziell unterbestimmten Gebrauchs der Begriffe folgt hieraus, dass man Donald Trump mit Blick auf die demokratische Regierung, an deren Spitze er nun einmal steht, nach Hobbes’ Logik strenggenommen einen Anarchisten nennen müsste. Angesichts von Trumps unermüdlichen Angriffen auf staatliche Institutionen wäre dieser Titel in der Tat nicht minder gerechtfertigt als der des Tyrannen.

Um solche Erwägungen zeigt sich Greenblatt nun aber gänzlich unbekümmert, und damit offenbart selbst die flüchtigste Konfrontation seines Buches mit der politischen Theorie der Frühen Neuzeit dessen größte Schwäche. Staatsformen spielen bei Greenblatt nämlich nicht den Hauch einer Rolle.

Der ›Tyrann‹ muss für alles einstehen, was Greenblatt politisch oder auch nur moralisch irgendwie »für schlecht hält«. War der Begriff bei Hobbes trotz aller eingestandenen Vagheit wenigstens noch auf die Monarchie bezogen geblieben, so büßt er bei Greenblatt den letzten Rest an Prägnanz ein. Auf diese Art mögen einem Vergleiche zwischen Shakespeares verdorbensten Herrscherfiguren und Donald Trump leicht von der Hand gehen, sie drohen aber ebenso leicht zu verpuffen, weil sie sich letztlich im Charakterlichen verlieren.

Politisch ist dies bedenklich, weil es einer Vergrößerung wie einer Verkleinerung des Phänomens Trump Vorschub leistet. Shakespeares Richard III. kam bereits mit Zähnen zur Welt und Macbeth ergeht sich nach seiner Ermordung von König Duncan in langen Monologen über den Unsinn des Lebens. Ob man eine solche Mixtur aus Dämonie und Selbstreflexion, die die Suggestivität Shakespeare’scher Helden wesentlich ausmacht, allen Ernstes für einen wie Donald Trump veranschlagen will, mag noch eine Geschmacksfrage darstellen. Anders verhält es sich mit Blick auf die Erlangung wie auf den Zuschnitt des staatlichen Amts. Wo Greenblatt den ›Tyrannen‹ im Bösen überhöht, verharmlost er ihn politisch. Trump hat schließlich keinen vorigen Herrscher erdolcht, er wurde zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Über den eigentlichen Skandal seiner Regierung, der nicht darin besteht, dass er illegitim wäre, sondern dass er legitim ist, täuscht Greenblatt mit seinen Analogien zu Shakespeare fortwährend hinweg. Dies mag er im Übrigen selbst ahnen, wenn er darauf insistiert, dass Richard III. sich in dem gleichnamigen Stück selbst wählen lässt (vgl. 89f.). Die Wahl Richards weist zur Wahlpraxis heutiger Massendemokratien allerdings genauso wenige Berührungspunkte auf wie die Ermordung angestammter Könige.

Greenblatts Buch führt unterschwellig vor, dass der ›Westen‹ sich nach wie vor überaus schwertut, in den Abgrund jener beklemmenden Plattitüde zu blicken, die am Ursprung seines demokratischen Selbstverständnisses steht. Während ›Demokratie‹ Volkssouveränität meint, zeigt das Volk seit einigen Jahren verstärkt, dass dies mitnichten auch im Umkehrschluss gilt, dass es also selbst nicht unbedingt, geschweige denn bedingungslos demokratisch ist. Dieses Grundproblem hat mit Trump ein zwar widerwärtiges, aber kein ›tyrannisches‹ Gesicht bekommen. Indem Greenblatt Trump systematisch mit solchen Herrscherfiguren konfrontiert, die sich gewaltsam an die Macht gebracht haben, verschafft er dem sehr berechtigten Horror angesichts von dessen Präsidentschaft das falsche Ventil.

Das betrifft seine Schreibweise und seinen Stil mehr noch als seine Argumentation im engeren Sinn. Greenblatt weist gleich zu Beginn darauf hin, dass Shakespeare seine Stücke oft in vergangene Zeiten und ferne Räume verlegen musste, um genuin zeitgenössische politische Fragen auf der Theaterbühne überhaupt verhandeln zu können. Schließlich habe es im elisabethanischen England »keine freie Meinungsäußerung« gegeben (11). Indem Greenblatt selbst der Name Donald Trumps nun partout nicht über die Lippen gehen will und er auch sonst kaum direkt auf gegenwärtige Zustände zu sprechen kommt, entsteht zwangsläufig der Eindruck, er wolle – und müsse (!) – Shakespeare mit genau dieser Strategie nacheifern. Die »Techniken der verschlüsselten Rede«, deren Beherrschung Shakespeare mit Autoren »totalitärer Regime« (10) verbunden haben mag, macht sich Greenblatt auf diese Weise selbst zu eigen. Damit verortet er sein Schreiben aber in einem repressiven politischen Umfeld, in dem es weder entsteht noch publiziert wird. Das verleiht seinen Ausführungen nicht nur einen autoheroischen und anmaßenden Gestus, es beraubt sie auch jeder tieferen politischen Einsicht.

Ärgerlich ist das nicht zuletzt aus dem Grund, dass Greenblatt bereits auf der ersten Seite eine Frage aufwirft, der man mithilfe Shakespeares vielleicht tatsächlich eingehender hätte nachspüren können, nämlich die, »warum sich so viele Menschen in die Irre führen lassen, obwohl sie wissen, dass man sie belügt« (9). Hierfür wäre aber der Blick auf jene Mechanismen zu richten gewesen, mit deren Analyse Greenblatt seinen eigenen wissenschaftlichen Ruhm einst begründet hatte: auf die Interaktionen und Verschiebungen zwischen kulturellen Gruppierungen oder Institutionen und den jeweiligen gesellschaftlichen Leitmedien einer bestimmten Epoche.[iii] Und freilich fiele hier sogleich eine gewichtige historische Differenz auf. Denn für das, was zu Shakespeares Zeiten fraglos die Theaterbühne war, gibt es heute weder das eine mediale Pendant, noch und schon gar nicht spielen unsere heutigen Theater die Rolle des damaligen Theaters.

Dass man Stephen Greenblatt solche Trivialitäten vorrechnen muss, lässt tief blicken. Der italienische Mikrohistoriker Carlo Ginzburg hat die Geschichtswissenschaft einmal emphatisch vor »exzessiven Identifikationen« gewarnt: »Oft wendet man sich der Vergangenheit mit einer rein retrospektiven Projektion zu, die keine Rückkehr kennt und nicht das Unterschiedliche sucht und sieht – exzessive Identifikation.«[iv] Greenblatts Buch ist über weite Strecken ein besonders abschreckendes Beispiel für eine derartige »Projektion« und »Identifikation«. Er sieht keine historischen Unterschiede mehr, sondern macht sich alles gleich. Dabei hatte die von ihm maßgeblich mitbegründete Disziplin des New Historicism anhand literarischer Texte solche Identifikationen einst nicht weniger vehement aufzukündigen versucht als die Mikrogeschichten von Carlo Ginzburg. Im Verbund mit Shakespeare war es Greenblatt um die Freilegung der ›sozialen Energien‹ zu tun gewesen, die den Autor wie den Theatermacher tief in seiner eigenen Zeit verankerten und parallel gegen ein Genie-Denken anzukämpfen, das Shakespeare auf die Formulierung ewiger Wahrheiten verpflichten wollte. Sein neues Buch kehrt diese Perspektive förmlich um. Wenn Richard III. und Macbeth bereits Trump enthalten, verwandelt Greenblatt Shakespeare unter der Hand in einen vulgären Visionär.

Wie konnte das passieren? Vielleicht sind die gegenwärtigen politischen Entwicklungen so unvorhersehbar und so irritierend, dass einer der bedeutendsten Historiker wie Literaturwissenschaftler der Gegenwart die Prämissen und die Subtilitäten einer von ihm mitbegründeten Disziplin regelrecht vergessen muss, um sich in seiner Zeit noch orientieren zu können.

Vielleicht ist das Problem aber auch spezifischer. In seiner höchst originellen Shakespeare-Biographie Will in der Welt hält Greenblatt einmal programmatisch fest: »[D]amit wir verstehen, wie Shakespeare seine Phantasie gebrauchte, um sein Leben in seine Kunst zu verwandeln, ist es wichtig, daß wir von unserer eigenen Phantasie Gebrauch machen.«[v] Nun hat das ›postfaktische‹ Zeitalter die von Greenblatt 2004 noch gepriesene wissenschaftliche »Phantasie« ihrer Unschuld möglicherweise gründlich beraubt. Denn tatsächlich ist sein Tyrann bei allem, was man sonst noch dagegen sagen kann, ein geradezu grotesk phantasieloses Buch. Mit Blick auf gegenwärtige Entwicklungen mag dies verständlich und gut gemeint sein, aber es ist der falsche Weg.

Greenblatts Tyrann berührt hier aktuelle und vor allem auch wissenschaftliche Debatten, die über Shakespeare (und vielleicht sogar über Trump) hinausweisen. Denn die sogenannten Fake News lassen derzeit selbst Literaturwissenschaftler scharenweise Fiktion oder Phantasie aus ihrem eigenen wissenschaftlichen Selbstverständnis aussortieren. Ex negativo zeigt Greenblatt allerdings, dass Phantasie und wissenschaftliche Praxis niemals eine Opposition bilden dürfen, sondern dass der Mut zur Phantasie eine Bedingung für die Wahrnehmung historischer Differenzen darzustellen scheint. Gerade in den deutschen Geisteswissenschaften, in denen das Adjektiv ›historisch‹ oft geradezu als Synonym für ›wissenschaftlich‹ firmiert, sollte dies nicht vergessen oder gar bekämpft werden. Man droht sich sonst schnell in einer ewigen Gegenwart wiederzufinden, die außer sich selbst nichts mehr kennt. Statt Trump die Stirn zu bieten, landet man dann unweigerlich auf seinem Schoß.

 

[i] Stephen Greenblatt: Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert, übersetzt von Martin Richter, München 2018. Im Folgenden mit Seitenzahlen im laufenden Text zitiert.

[ii] Thomas Hobbes: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen oder bürgerlichen Staates, hg. und eingeleitet von Iring Fetscher, übersetzt von Walter Euchner, Frankfurt a.M. 81998, S. 145.

[iii] Vgl. hierzu das programmatische erste Kapitel von Stephen Greenblatt: Shakespearean Negotiations. The Circulation of Social Energy in Renaissance England, Berkeley 1988, S. 1–20, v.a. S. 13.

[iv] Carlo Ginzburg zitiert nach Marian Füssel: »Historisierung«. In: Aenne Gottschalk/Susanne Kersten/Felix Krämer (Hg.): Doing Space while Doing Gender. Vernetzungen von Raum und Geschlecht in Forschung und Politik, Bielefeld 2018, S. 51–61, hier S. 54.

[v] Stephen Greenblatt: Will in der Welt. Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde, übersetzt von Martin Pfeiffer, Berlin 2004, S. 12.

 

Der Literaturwissenschaftler Claude Haas leitet am ZfL gemeinsam mit Daniel Weidner den Forschungsschwerpunkt Weltliteratur.