Pola Groß / Hanna Hamel: Neue Nachbarschaften? STIL UND SOCIAL MEDIA IN DER GEGENWARTSLITERATUR

»Manchmal entstehen große Textteile auf Twitter. Ich kommentiere dort, woran ich gerade arbeite, und probiere aus«, beschreibt Buchpreis-Gewinner Saša Stanišić in einem Interview seinen Umgang mit Twitter, »aber ich würde nie versuchen, Twitter in meinen Texten zu imitieren.«[1] Der Autor weist auf eine intrikate Verbindung von Social Media mit dem Prozess des literarischen Schreibens hin. Denn wenn, wie Stanišić angibt, »große Textteile« auf Twitter entstehen, haben soziale Medien von Beginn an einen wesentlichen Anteil an der Textproduktion – unabhängig davon, ob der spätere Roman Tweets mimetisch abbildet oder nicht. Das Phänomen der so genannten »Twitteratur« ist zwar bereits seit einiger Zeit bekannt, vielleicht sogar schon wieder überholt.[2] Was allerdings geblieben ist, das ist Twitter als Notizbuch, als Bühne für die literarische Selbstinszenierung und als Ort der sozialen – und möglicherweise auch stilistischen – Kontrolle.

Bei einer ganzen Generation jüngerer Autor*innen lässt sich ein ähnlicher Umgang mit Facebook, Twitter, Instagram oder Blogs beobachten. Neu ist im Zusammenhang dieser Literaturproduktion die Rolle der mehr oder weniger anonymen Öffentlichkeit. Nicht nur die Autorenkolleg*innen, auch die Leser*innen können ihren Lieblingsschriftsteller*innen quasi schon während des Schreibprozesses auf die Finger schauen. Es steht ihnen frei, durch Likes, Kommentare und Retweets jedes einzelnen literarischen Postings dessen Erfolg mitzusteuern. Auch wenn es den Anschein hat, dass dadurch traditionelle Gatekeeper wie Verlage, Feuilleton und Literaturhäuser für den Veröffentlichungsprozess an Bedeutung verlieren, bringt die Internetöffentlichkeit doch auch Nachteile mit sich. Die Erstlektüre erfolgt dann nicht mehr im intimen Austausch von Autor*in und Lektor*in, sondern in aller Öffentlichkeit von potentiellen Fans und/oder Hass-Poster*innen. Es lässt sich also eine neue Nahbeziehung zwischen Leser*innen und Autor*innen beobachten, die sich im virtuellen Raum des Web 2.0 entwickelt – mit Auswirkungen auf die klassischen Publikationsorte von Literatur.

Der wohl bekannteste Fall einer im Netz aktiven Autorin, deren Facebook-Posts nachträglich in Buchform veröffentlicht wurden, ist Stefanie Sargnagel: »19.2.2016 Das wird nichts mit dem Bachmanntext heuer«, kann man in der leinengebundenen Rowohlt-Ausgabe ihrer Statusmeldungen nachlesen, und vier Posts später: »19.2.2016 Die Schreibschulenstreber haben ihre Texte sicher alle schon vor einem Monat abgeschickt.«[3] Es fiele schwer, hier auf den ersten Blick auszumachen, welche Anteile Medienschelte, Kritik am Literaturbetrieb, Selbstinszenierung oder bloße Befindlichkeitsäußerungen an den Posts haben. In weiteren Einträgen des gleichen Tages ist die Selbstironie allerdings kaum zu überhören: »19.2.2016 Schreiben ist eigentlich voll lustig, sollte ich öfter machen.« Ebenso in der netzneurotischen Frage: »Kann man an zu vielen E-Mails sterben?« Selbstinszenierung und Medienreflexion gehen hier ebenso Hand in Hand wie Selbstbeobachtung und kommunikative Kollektivpraxis – bei den Leser*innen hat sie damit Erfolg, im Netz wie auch in klassischen Formaten des Literaturbetriebs: Beim besagten Bachmannpreis 2016 gewann Stefanie Sargnagel den Publikumspreis.

Zur Beschreibung der Spannungen zwischen individueller Autorschaft und kollektiver Praxis, zwischen Selbstinszenierung und Selbstironie liegt es nahe, sich auf eine klassische Kategorie der Literaturbetrachtung zu besinnen: auf die des Stils. Denn die Stilfrage war stets verbunden mit der Spannung von Individual- und Kollektivstil, von Originalität und Regel, von Norm und Abweichung, von Authentizität und Inszenierung. Seit der Stilbegriff sich von der Rhetorik emanzipiert hat, ist sein Anwendungsbereich nicht mehr allein auf sprachliche Äußerungen oder künstlerische Artefakte beschränkt, sondern wird spätestens seit 1900 auch auf Handlungen und damit auf nahezu alle Lebensbereiche übertragen. Unter dem Gesichtspunkt des Stils lässt sich deshalb nicht nur die Frage nach möglichen kollektiven »Denkstilen« (Ludwik Fleck) stellen. Stilanalysen könnten auch dabei helfen, den Einfluss von kollektiven Wahrnehmungs- und Handlungsweisen der Social-Media-Kommunikation und deren charakteristischen Schreibweisen in der Literatur zu entdecken: Finden etwa gängige Anglizismen wie »nice« und auffällige Abbreviaturen wie »Was ist das für 1 Life« oder unidiomatische Übersetzungen wie »gönn dir« Eingang in die publizierten Texte? Und wie verhält sich die Literatur zu Eigenheiten der Social-Media-Kommunikation wie der Selbstkommentierung des Textes oder der mitunter vollständigen Ersetzung von Schrift durch Emojis oder Bilder? Zu fragen ist auch nach dem Verhältnis, in dem netzaffine Schreibweisen, die häufig auf Interpunktion gänzlich verzichten sowie umgangssprachliche Wendungen mit standardsprachlichen kombinieren, zu formal hochgradig durchkomponierten Textteilen stehen – wie etwa im Fall von Enis Macis 2018 uraufgeführtem Theaterstück Mitwisser, das von der Presse als »das erste wirkliche Internetdrama« gefeiert wurde. Es finde eine Sprache, in der die »Veränderungen der Wahrnehmung durch das Digitalzeitalter nicht nur wie üblich konstatiert werden, sondern in der sie sich stilistisch wirklich niederschlagen«.[4] Gendersensible Neuinterpretationen der griechischen Mythologie wie »nur wenige glauben an diejenige variation des mythos die also besagt / klytaimnestra habe agamemnon nicht getötet als wütende mutter / sie habe ihn getötet als frau« werden hier mit modernen Liebesgeschichten in Zeiten von »emojis« und »heimliche[n] selfie[s]« kombiniert. Ebenso treffen klassische, chorische Elemente auf umgangssprachliche und von der Interpunktion befreite Redensarten wie »und bei dir muss ne ja muss«.[5]

Wenn man sich allerdings an die Frage eines möglicherweise spezifischen Schreibstils der sozialen Medien und seiner Auswirkungen auf Literatur heranwagt, sollte man nicht nur das ›Endprodukt‹, also den fertigen (Buch-)Text untersuchen, sondern vor allem auch die Bedingungen seiner Hervorbringung. Denn für das Entstehen eines neuen Stils der sozialen Medien spielt die Funktion des Kollektivs eine zentrale Rolle. In Analogie zur soziologischen Beschreibung aktueller urbaner Entwicklungen lassen sich die Beziehungen im Social-Media-Kollektiv als eine Form neuer Nachbarschaft beschreiben: Über die beschleunigte und intensivierte Interaktion in sozialen Netzwerken entstehen neue Geflechte und (virtuelle) Orte, an denen sich dieselben Personengruppen wiedertreffen, lesen und rezensieren – auch wenn sie in völlig unterschiedlichen Stadt- oder Weltteilen leben. Entsprechend können selbstverstärkende und selbstreferentielle Effekte durch Social Media auch für die Literaturproduktion und -rezeption untersucht werden: Markieren Retweets, angeheftete Posts und Hashtags neue Interessen- oder ›Stilgemeinschaften‹[6], die eigene Formen, aber auch Regeln und Zwänge ausbilden?

Nun sind kollektive Produktions- und damit Kontrollmechanismen aus der Literaturproduktion der letzten Jahrzehnte durchaus bekannt – etwa aus den von Stefanie Sargnagel spöttisch erwähnten »Schreibschulen«, d.h. den Studiengängen Literarisches bzw. Szenisches Schreiben an den Hochschulen Leipzig, Hildesheim und Berlin oder Sprachkunst in Wien. Aber geht es in den sozialen Medien so viel freier zu? Welche Kontroll- und Sanktionsmechanismen greifen hier und welchen Gestaltungsspielraum haben die Individuen, sich und ihre Texte nach eigenem Ermessen zu präsentieren?

Die Praxis der sozialen Medien birgt nicht zuletzt das Risiko, Selbstreferentialität und Vorurteile zu verstärken. Das hat nicht nur Konsequenzen für den Schreibstil, sondern auch für den Umgangston. Darauf hat vor kurzem der Autor Thomas Melle in der FAZ aufmerksam gemacht:

»Twitter, das den Puls der Meinungsmache vorgibt, richtet die Inhalte einfach auf diese Weise zu, formatiert sie in toxische Fetzen und süffisante Häppchen. Analogien und Pointen ersetzen Argumente und schaffen mit zunehmender Unschärfe eine Atmosphäre der Intellektuellenfeindlichkeit. Durch Blockierfunktion und ewige Verlinkung ergibt sich immer wieder und fast wie von selbst ein abgezirkelter Konsens, der einen fatalen Hang zum Ausschluss, zur Identität und zur Aburteilung hat. Beleg, Beleg, Witz, Socke, Beleg, Urteil.«

Damit kritisiert er einen Twitter-Stil der Demontage, der nicht mehr den Gegenstand selbst – nämlich die Literatur – in den Vordergrund stellt, sondern vor allem auf Selbstprofilierung und Abgrenzung setzt.

Der Einfluss von Social Media auf den Literaturbetrieb ist damit zumindest ambivalent. Allerdings reflektieren das die aktiv postenden Autor*innen von Beginn an mit, häufig mit Gesten ironischer Selbstüberschätzung, etwa wenn Stefanie Sargnagel fragt: »Bin ich schuld am postfaktischen Zeitalter?«[7] Im Kontext von Social-Media-Literatur lassen sich so zwei gegenläufige Tendenzen erkennen, die die Funktion und Stellung von Autorschaft betreffen. Deutlich wird zunächst, dass die Person des Schriftstellers und der Schriftstellerin erneut im Fokus steht. Denn kaum eine Autorin, kaum ein Autor kommt heute umhin, soziale Medien in irgendeiner Form zu bespielen oder sich zu ihnen zu verhalten. So wird Autor*innen immer stärkere Selbst- und Informationskontrolle abverlangt; gerade auch, weil sie potentiellen Angriffen im Netz häufiger ausgesetzt sind. Andererseits verliert die Person des Autors, der Autorin aber auch an Bedeutung, weil die sozialen Medien kollaborative Schreibpraktiken begünstigen. Kommentare und die direkte Einflussnahme der Leser*innen könnten bereits als Ko-Autorschaft gedeutet werden – ein Umstand, der von Autor*innen gerne ausgeblendet wird, wenn sie mit der Publikation ihrer Literatur auf den Buchmarkt zurückkehren oder dort reüssieren wollen. Zur Frage der Autorschaft im Netz gehört deshalb wesentlich auch die Frage nach der Funktion der Rezipient*innen, die über Bewerten und Teilen der Posts oder Tweets den Erfolg – und den Stil – der Schriftsteller*innen mitsteuern.[8]

 

Die Literaturwissenschaftlerinnen Pola Groß und Hanna Hamel werden diese und weitere Fragen am 19. und 20. November 2020 gemeinsam mit Autor*innen und Wissenschaftler*innen auf der von ihnen organisierten Veranstaltung zum Thema »Neue Nachbarschaften: Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur« im Literaturforum im Brecht-Haus und im ZfL diskutieren.

 

 

[1] »Saša Stanišić über Erinnerungen. Gespräch mit Karin Janker«, in: Süddeutsche Zeitung, 15./16.6.2019, S. 56.

[2] Vgl. Elias Kreuzmair: »Was war Twitteratur?«, in: Merkur-Blog, 4.2.2016.

[3] Stefanie Sargnagel: Statusmeldungen. Mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Reinbek 2017, S. 132–133.

[4] Christine Wahl: »Dramatische Analysen«, in: Republik, 5.4.2019.

[5] Enis Maci: Mitwisser, Berlin 2018, S. 37, 62, 27.

[6] Nach Jochen Venus entstehen Stilgemeinschaften in der zeitgenössischen Kulturproduktion folgendermaßen: »Wann immer populäre Kulturen einen Aufmerksamkeitserfolg erzielen, kristallisiert sich an diesem Erfolg sofort ein Konvolut ähnlicher Produkte. Jedes Faszinosum geht unmittelbar in Serie, strahlt aus, metastasiert und bezieht immer mehr Rezipienten in die spezifische Form spektakulärer Selbstreferenz ein. Auf diese Weise emergieren Stilgemeinschaften normalisierten Spektakels.« Ihre Mitglieder finden sich nicht über soziale Rollen zusammen, sondern primär über ihren Status als ›Fans‹, »die vor allem ihre stilistische Vorliebe, darüber hinaus aber nichts Bestimmtes teilen«; vgl. Jochen Venus: »Die Erfahrung des Populären. Perspektiven einer kritischen Phänomenologie«, in: Marcus S. Kleiner/Tobias Wilke (Hg.): Performativität und Medialität Populärer Kulturen. Theorien, Ästhetiken, Praktiken, Wiesbaden 2013, S. 49–74, hier S. 67, 69.  

[7] Sargnagel: Statusmeldungen, S. 255.

[8] In der aktuellen Situation entfalten sich neue Formen von Nachbarschaft in den Social Media, etwa in Aufrufen zum Zuhausebleiben, digitalen Verabredungen oder Hilfsangeboten und übernehmen dabei wichtige soziale Funktionen. Auch die Auswirkungen auf die Literaturproduktion und den Literaturbetrieb sind in diesem Zusammenhang deutlich zu beobachten, wenn zum Beispiel das Literaturhaus Graz zu einem Corona-Tagebuchprojekt aufruft, an dem eine Reihe von Autorinnen und Autoren beteiligt sind oder Lesungen als Livestreams im Netz stattfinden.