Dirk Naguschewski: PARISER RAUBGUT. Zur Bedeutung von Widmungsexemplaren für die Provenienzforschung

Wenn von Provenienzforschung die Rede ist, denkt man zumeist entweder an von Nazis geraubte Kunstwerke, an wertvolle Gegenstände aus jüdischem Besitz oder an solche, die im Zuge des Kolonialismus auf problematische Weise aus aller Welt in europäische Museen und Archive gelangt sind. Bücher, deren materieller Wert in der Regel gering ist, spielen in den aktuellen Debatten nur eine untergeordnete Rolle, zumal es sich bei ihnen um Massenware handelt, deren individuelle Herkunft nur schwer zu bestimmen ist. Es sei denn, es gibt deutliche Provenienzmerkmale, die auf jene Vorbesitzer hinweisen, denen sie unrechtmäßig entzogen wurden: handschriftliche Besitzvermerke, Exlibris, Bibliotheksstempel – oder Widmungen.

Von Paris nach Berlin

Ihren Anfang nahm die Provenienzforschung am ZfL im Sommer 2023, als das Institut von Berlin-Mitte nach Wilmersdorf umzog und die Bibliothek sich gezwungen sah, ihren Bestand von damals etwa 60.000 Büchern zu verkleinern. Im Bereich der französischen Literatur kam nach einer ersten Durchsicht vor allem eine Vielzahl ungebundener Bücher zumeist unbekannter Autoren und Autorinnen aus den 1920er und 1930er Jahren für die Aussonderung infrage. Die meisten dieser Bücher waren nicht einmal aufgeschnitten, sie hatten also in den etwa 100 Jahren ihrer Existenz keinen einzigen Leser, keine Leserin gefunden – unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um künftig relevante Forschungsliteratur handeln würde.

Nun sortiert keine Bibliothek leichtfertig Bücher aus, und bei genauerer Durchsicht fiel auf, dass es sich bei vielen dieser Bände um persönliche Widmungsexemplare handelte; d.h., sie waren von den Autoren und Autorinnen signiert und mit einer persönlichen Nachricht an die Empfänger versehen worden. Unter den Widmungsempfängern kam ein Name besonders häufig vor: Henry Torrès. Kein Name, den man kennen muss, doch eine erste Internetrecherche zu seiner Person führte schnell zum ProvenienzWiki, einer Plattform für Provenienzforschung und Provenienzerschließung. Die dort zugänglichen biographischen Informationen, Beschreibungen und Bilder von Provenienzmerkmalen helfen, die Herkunft und die wechselnden Besitzverhältnisse einzelner Bücher und ganzer Sammlungen nachzuvollziehen. Der Eintrag zu Torrès offenbarte, dass es sich bei den ihm gewidmeten Büchern mit höchster Wahrscheinlichkeit um NS-Raubgut handelte. Diese Erkenntnis war erst mal ein Schock, löste aber auch weitere Nachforschungen aus. Seither wird am ZfL Provenienzforschung betrieben, mittlerweile in einem eigenen, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekt.

Anhand der vorhandenen Zugangsbücher der Bibliothek ließ sich zunächst feststellen, dass die fraglichen Bücher mit den Widmungen an Torrès wohl Ende 1979 in einem Konvolut von etwa 250 Büchern von der Ost-Berliner Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) an die Vorgängerinstitution des ZfL, das Zentralinstitut für Literaturgeschichte (ZIL) der Akademie der Wissenschaften der DDR, gelangt waren und dort Anfang 1980 in die Bestände eingearbeitet wurden.[1] Die ZwA, damals angesiedelt im Gebäude der Deutschen Staatsbibliothek Unter den Linden, war für die Weiterverteilung von wissenschaftlicher Literatur in der DDR zuständig. Dazu gehörten nicht nur ausgesonderte Bücher oder Dubletten, sondern auch Bestände ungeklärter Herkunft, die in den Bibliotheken lagerten, darunter von den Nazis in ganz Europa geraubte Bücher und solche, die bei Enteignungen in der SBZ und DDR ›anfielen‹.[2] In der Bibliothek des ZIL wurden die Angebotslisten der ZwA vermutlich dankbar entgegengenommen. An französischsprachige Bücher kam man ansonsten nicht ohne Weiteres heran und für möglicherweise problematische Herkünfte fehlte zu jener Zeit das Bewusstsein.

Dank der bei unseren Recherchen in den Büchern gefundenen Merkmale zeichneten sich die Provenienzen des französischen Konvoluts zumindest in Teilen recht schnell ab. Einige wenige Exemplare stammen nachweislich aus Bibliotheken der DDR, die in den 1960er Jahren aufgelöst wurden, ein voriger unrechtmäßiger Entzug durch die Nazis lässt sich an ihnen nicht ablesen (ist aber auch nicht a priori auszuschließen). Der größere Teil der Bücher aber dürfte von den deutschen Besatzern zwischen Juni 1940 und August 1944 in Paris geraubt worden sein. Schätzungen gehen davon aus, dass die Deutschen in ganz Frankreich insgesamt bis zu 10 Millionen Bücher geraubt haben.[3] Neben Henry Torrès, dessen Name in mehr als 90 Bänden der ZfL-Bibliothek auftaucht, gibt es allein in diesem Konvolut noch etwa 15 weitere Widmungsempfänger, unter ihnen der jüdische Pariser Galerist und Autor Jacques Darnetal, der Erfolgsschriftsteller Victor Margueritte, die gebürtige Amerikanerin Laura Dreyfus-Barney oder die deutsch-jüdischen Emigranten Erich Stern und Bruno Cassirer, die sich auf ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland vorübergehend in Paris aufgehalten hatten. Durch die unmittelbar im Anschluss an den Fund erfolgte Kontaktaufnahme mit den zuständigen Kolleginnen der Staatsbibliothek zu Berlin, Michaela Scheibe und Regine Dehnel, war es dem ZfL möglich, sich an der Restitution von insgesamt 221 Exemplaren – und es handelt sich ausschließlich um Widmungsexemplare! – an die Nachfahren von Henry Torrès zu beteiligen. Betreut von der Staatsbibliothek wurden die Bücher im Juni 2025 im Rahmen der Pariser Konferenz »Recovered Memories« der CIVS – Kommission für die Restitution von Kulturgütern und die Entschädigung der Opfer antisemitischer Enteignungen zurückgegeben.

Henry Torrès

Wer aber war Henry Torrès? Am 17. Oktober 1891 im französischen Jura in eine bürgerliche jüdische Familie geboren, war Torrès als Rechtsanwalt und Politiker, Journalist, Buch- und Theaterautor aktiv. Erst war er Kommunist, später Sozialist. Sein rednerisches Talent im Gerichtssaal war legendär.[4] Zwei Mal war er verheiratet: in erster Ehe mit Jeanne Levylier, die danach den dreimaligen französischen Premierminister Léon Blum heiratete, als dieser auf dem SS-Falkenhof im KZ Buchenwald als prominenter ›Ehrenhäftling‹ interniert war; in zweiter Ehe mit Suzanne Rosambert, die später den aus dem Algerienkrieg bekannten General Georges Massu heiraten und als eine der Rochambelles, d.h. als Angehörige einer weiblichen Ambulanz- und Sanitätseinheit im Zweiten Weltkrieg, selbst über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügen sollte.[5] Torrès war in der Pariser Gesellschaft gut bekannt und dürfte wohl gewesen sein, was man früher ›eine schillernde Persönlichkeit‹ nannte. Als die Nazis in Frankreich einmarschierten, floh er über Brasilien nach Nordamerika, wo er weiterhin politisch und journalistisch aktiv war und gegen jene Franzosen agitierte, die sich den Nazis andienten. Mit Kriegsende kehrte er als Parteigänger de Gaulles wieder nach Paris zurück. Als er dort am 4. Januar 1966 starb, hinterließ er zwei Söhne, die aus der Ehe mit Suzanne stammten.

Zwar erzählt Torrès in seinen Memoiren davon, dass die Wohnung der Torrès in der Avenue Hoche 38 im Jahr 1940 von den Deutschen geplündert wurde und dabei einige Kunstwerke gestohlen wurden, darunter Skulpturen von Auguste Rodin und Antoine Bourdelle.[6] Doch soweit bekannt ist, hat er nach Ende des Krieges keine Restitutionsforderungen gestellt. Von gestohlenen Büchern ist in seinen Erinnerungen keine Rede, nichts weist darauf hin, dass ihm seine Büchersammlung besonders am Herzen lag. Immerhin 2.000 seiner juristischen Dokumente, die die Nazis an die Pariser Nationalbibliothek gegeben hatten, erhielt er schon 1946 von dort zurück.[7]

Hat Torrès seine Bücher mit einem Besitzvermerk versehen? Die Widmungsexemplare geben keine verlässliche Antwort auf diese Frage, denn in ihnen ist sein Name in der Widmung enthalten, ein weiterer Vermerk wäre überflüssig gewesen. Bücher, die seinen eigenhändigen Namenszug enthalten, sind nicht bekannt, d.h. er dürfte in der Regel darauf verzichtet haben, sein Eigentum auf diese Weise zu kennzeichnen. Wenn aber ein Besitzvermerk oder andere Provenienzmerkmale im Buch fehlen, es kein Bestandsverzeichnis gibt, keine Akten der Täter überliefert sind, die belegen könnten, welche Güter wann und wo gestohlen wurden, dann lässt sich die Herkunft eines Buches nicht belegen. Wie viele andere Bücher aus Torrès’schem Besitz sich in deutschen Bibliotheken befinden, wird sich schwerlich klären lassen.

Umso bedeutender sind handschriftliche Widmungen in den Büchern. Sie geben Aufschluss über mögliche Provenienzen und lassen Rückschlüsse auf Besitzverhältnisse zu, darüber hinaus erlauben sie auch interessante Einblicke in soziale Netzwerke.[8] Viele der an Henry Torrès gerichteten Widmungen sind tatsächlich Ergebenheitsadressen. Sie klingen nicht, als seien die Autorinnen oder Autoren eng mit ihm verbunden gewesen, und vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass Torrès diese Bücher nicht einmal aufgeschnitten hat. Bei allein 30 Widmungsexemplaren handelt es sich beispielsweise um Presseexemplare des Verlags Les Editions de France. Dieser hatte 1928 Torrès’ Buch Le procès des pogromes veröffentlicht, das sein aufsehenerregendes Plädoyer für Samuel Schwartzbard dokumentiert.[9]

Persönliche Widmungen, die voller Anspielungen sein können und sich dem Uneingeweihten nicht immer sofort erschließen, sind demgegenüber in der Minderzahl. Darunter etwa die des bekannten Reiseschriftstellers und guten Freundes Joseph Kessel:

»Son cosaque Jef«,

die des Schriftstellers und Filmemachers Jean Cocteau, mit dem ihn künstlerische Interessen verbunden haben:

»mon très cher Torrès comment vous remercier – votre force est celle des fauves – une petite caresse et tout sʼécroule (dans le bon sens) merci, de fond de cœur, votre Jean«

oder die der deutsch-französischen Autorin Claire Goll, die ihn als jemanden adressiert, der das Unmögliche möglich macht:

»à Monsieur Henry Torrès ce crime passionnel, dans lʼespoir quʼil ferait acquitter Jupiter au cas que les blancs le poursuivraient, en grande admiration Claire Goll«.[10]

Während all diese Bücher im Juni 2025 restituiert worden sind, befinden sich wenigstens noch weitere 20 bis 30 im Besitz des ZfL, die zwar ganz dem Profil der zurückgegebenen Bücher entsprechen, aber keinerlei Provenienzmerkmale enthalten, die eindeutige Schlüsse in Hinblick auf einen Vorbesitz Torrès erlauben. Sie verhandeln ähnliche gesellschaftliche Themen und zum Teil handelt es sich auch bei ihnen um unaufgeschnittene Presseexemplare der Editions de France. Es ist davon auszugehen, dass der Verlag regelmäßig Neuerscheinungen an den einflussreichen Torrès geschickt hat, ob mit oder ohne Widmung. Zum jetzigen Zeitpunkt ist offen, ob sich ihre Herkunft zweifelsfrei wird klären lassen.

Jacques Darnetal

Selbstverständlich lässt sich von einer Widmung nicht immer auf den tatsächlich letzten Eigentümer oder die letzte Eigentümerin eines Buches schließen. Bücher werden vererbt oder weitergegeben, auch ohne dass sich jemand die Mühe macht, diesen Besitzwechsel mit einem Namenseintrag zu finalisieren, sei es handschriftlich, als Stempel oder in Form eines Exlibris. So gibt es weitere Bücher in dem französischsprachigen ZfL-Konvolut, bei denen die Vermutung naheliegt, dass sie ebenfalls aus der Bibliothek von Henry Torrès stammen könnten, obwohl sie einen anderen Widmungsempfänger hatten, und zwar Jacques Darnetal. Um die Zusammenhänge zu verstehen und diese Annahme zu plausibilisieren, bedurfte es weiterführender Tiefenrecherchen.

Jacques Darnetal hieß mit bürgerlichem Namen Jacques Bernheim. Er wurde am 20. Juni 1900 als Sohn des jüdischen Galeristen und Kunsthändlers Georges Bernheim in Paris geboren und starb bereits am 16. Mai 1938 im Alter von 37 Jahren in Marseille, d.h. noch vor dem Einmarsch der Nazis in Paris. Darnetal war sowohl für die seinem Vater gehörende »Galerie Georges Bernheim« als auch als freiberuflicher Schriftsteller und Journalist tätig. In den 1920er Jahren veröffentlichte er insgesamt neun Bücher, beinahe jährlich eines: Romane, Essay- und Gedichtbände. Nachhaltigen Eindruck haben seine Schriften allerdings nicht hinterlassen. Im Antiquariatsbuchhandel werden zwar immer wieder Exemplare angeboten, gelegentlich sogar mit eigenhändigen Widmungen, doch in die gängigen französischen Literaturgeschichten haben weder Name noch Werk Eingang gefunden. Nicht einmal einen Eintrag in der französischen Wikipedia gibt es zu ihm. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich in der ZfL-Bibliothek nicht nur fünf Exemplare befinden, die Jacques Darnetal persönlich gewidmet wurden, sondern zusätzlich drei seiner eigenen Bücher, von denen mit Ausnahme des Romans Patrice (1923) im Karlsruher Virtuellen Katalog (KVK), der das Gros der deutschen Bibliothekskataloge durchsucht, keines nachgewiesen ist.

Darnetal war von Mai 1925 bis Februar 1930 mit der oben schon erwähnten Suzanne Rosambert verheiratet gewesen, die nach der Scheidung von ihm noch im selben Jahr zur zweiten »Madame Henry Torrès« wurde, als die sie gelegentlich auch in anderen Widmungen adressiert wurde. Das ZfL-Exemplar von Darnetals Gedichtband Dissonances (1923) enthält eine doppelte Widmung an »Suzanne«, eine bereits ins Buch gedruckte und eine zusätzliche handschriftliche.[11] Gebunden in feines Leder und mit Goldschnitt versehen wird es sich um ihr persönliches Exemplar handeln und so lässt sich mutmaßen, dass diese ganze Gruppe von Büchern von Suzanne nach der Scheidung von Jacques in ihre Ehe mit Henry eingebracht wurde, bevor sie dann später mit der Bibliothek von Henry Torrès, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ja die Bibliothek des Ehepaares Torrès gewesen sein dürfte, von den Nazis geraubt wurde und ihren Weg nach Berlin fand.[12]

Zu dieser Gruppe von Büchern dürfte auch das Exemplar von Darnetals wohl erfolgreichstem Buch, dem in mehrfacher Auflage erschienenen Roman Patrice, zählen, das sich heute in der Berliner Staatsbibliothek befindet. Aufgrund des künstlerisch gestalteten Einbands der Buchgestalterin Marie Brisson befindet es sich in der dortigen Einbandsammlung. Der Katalog gibt zwar an, dass es sich laut Druckvermerk um das nummerierte Exemplar Nr. 15 auf Lafuma-Papier handelt, verzeichnet aber nicht, dass es dem Autor selbst gehörte – »no 15, exemplaire spécialement justifié pour M. Jacques Darnetal, auteur de Patrice«, wie dort ebenfalls zu lesen ist.[13] Somit haben wir es hier mit einem Exemplar zu tun, bei dem Verfasser und Besitzer (zumindest für einen gewissen Zeitraum) identisch sind, das dazugehörige Provenienzmerkmal selbst aber in eher ungewöhnlicher Form vorliegt: nicht in Form eines Stempels oder handschriftlichen Eintrags, sondern als bereits im Buch gedruckter Paratext.

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In der Bibliothek des ZfL befinden sich heute mehr als 5.000 Titel mit einem Erscheinungsdatum vor 1945. Diese werden jetzt im Forschungsprojekt »NS-Raubgut? Systematische Bestandsprüfung der ZfL-Bibliothek« von der Provenienzforscherin Anne Haeming auf Widmungen und andere Provenienzmerkmale hin geprüft. Zum Tag der Bibliotheken präsentieren wir erste Ergebnisse.

 

Dirk Naguschewski ist am ZfL zuständig für Wissenstransfer und Kommunikation und leitet das Forschungsprojekt »NS-Raubgut? Systematische Bestandsprüfung der ZfL-Bibliothek«.

 

[1] Zur Geschichte der ZfL-Bibliothek vgl. Jana Lubasch/Halina Hackert/Ruth Hübner: »›Umwuchtungen‹. Die wechselvolle Geschichte der Bibliothek des ZfL«, in: ZfL Blog, 24.10.2019.

[2] Zur Geschichte der ZwA vgl. Regine Dehnel: Übernommen, weiterverteilt, zerstreut. Die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände und NS-Raubgut nach 1945, Frankfurt am Main: Klostermann 2024.

[3] Vgl. grundlegend zum Bücherraub in Frankreich Martine Poulain: Livres pillés, lectures surveillées. Les bibliothèques françaises sous lʼoccupation, Paris: Gallimard, 2008, sowie die Webseite Cultural Plunder by the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (letztes Update 30.3.2022). Julien Acquatella (»NS-Raubforschung in Bibliotheken als Teil der deutsch-französischen Erinnerungskultur«, in: AKMB-news 30.1 (2024), S. 10–15) beschreibt eindringlich, dass auf diesem Forschungsfeld noch viel zu tun ist.

[4] In diesem Jahr ist die erste zu gleichen Teilen wissenschaftliche wie hagiographische Biographie zu Torrès erschienen: Julien Broch: Henry Torrès (1891–1966): Lʼavocat des »justes causes«, Paris: mare & martin 2026.

[5] Vgl. Suzanne Massu: Kommando Rochambelle, übers. von Siglinde Summerer und Helga Kurz, Esslingen: Bechtle Verlag 1969.

[6] »Hélas! en 1940, les Allemands, qui envahirent mon appartement dès leur entrée dans notre capitale, firent main basse sur tout ce qui leur apparaissait comme un objet de prix et s’emparèrent de mon Rodin comme de mes Bourdelle«, Henry Torrès: Souvenir, souvenir, que me veux-tu?, Paris: Éd. Mondiales/Del Duca 1964, S. 45.

[7] Poulain: Livres pillés (Anm. 3), S. 359.

[8] Umfassende Informationen zu den restituierten Büchern und den darin enthaltenen Widmungen bietet die Seite des GBV ProvenienzWikis zu Henry Torrès.

[9] Schwartzbard hatte im Mai 1926 in Paris den ukrainischen Nationalistenführer Symon Petljura erschossen, den er für die antijüdischen Pogrome in der Ukraine verantwortlich machte. Torrès machte aus dem Prozess gegen Schwartzbard ein Tribunal gegen die Pogrome selbst und erreichte damit einen Freispruch Schwartzbards durch die Geschworenen.

[10] Alle Widmungen sind dokumentiert im GBV ProvenienzWiki zu Henry Torrès.

[11] Die gedruckte Widmung verwendet ein Zitat des Dichters Tristan Derême: »Pour Suzanne/ Tu parais, lʼouragan suspend son large cri/ Tu parles, et ta voix douce et lente lʼapaise,/ Et la mer en chantant caresse la falaise,/ Et mon rêve au soleil est un vaisseau fleuri./ (Tristan Derême)«. Der handschriftliche Zusatz lautet »que puis-je tʼajouter –/ ma chérie –/ Ce livre est pour toi/ Comme mon bonheur est par toi;/ aidons-nous lʼun et lʼautre/ et rions? dʼêtre jeune et/ heureux./ Ton Jacques«. Jacques Darnetal: Désordres. Poèmes avec un dessin à la plume de Pierre Billou, Paris: Aux éditeurs associés. Les éditions du monde moderne 1926.

[12] Suzanne Massu berichtet in ihren Erinnerungen, in denen übrigens an keiner Stelle von Henry Torrès die Rede ist, ebenfalls von der Plünderung ihrer Wohnung: »Auf dem Rückweg mache ich kurz in der Avenue Hoche vor meiner eigenen Wohnung halt. Die Concierge – macht sie nicht einen etwas verlegenen Eindruck? – nimmt mich beiseite. Die Wohnung ist von den Deutschen vollständig ausgeräumt worden … wer weiß, ob ihnen nicht jemand ein bißchen dabei geholfen hat? Jedenfalls ist nichts mehr da, kein Möbelstück, kein Bild, kein Buch, kein einziges Kleidungsstück!« (Massu: Kommando Rochambelle, Anm. 5, S. 139). Auch sie hat, soweit bekannt, nach dem Krieg keine Restitutionsforderungen gestellt.

[13] Jacques Darnetal: Patrice. Préface de Maurice Rostand, Paris: Éditions du Monde Nouveau 1923, Signatur Staatsbibliothek zu Berlin: 4 W 138.

 

VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Dirk Naguschewski: Pariser Raubgut. Zur Bedeutung von Widmungsexemplaren für die Provenienzforschung, in: ZfL Blog, 12.10.2026, [https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2026/10/12/dirk-naguschewski-pariser-raubgut-zur-bedeutung-von-widmungsexemplaren-fuer-die-provenienzforschung/].
DOI: https://doi.org/10.13151/zfl-blog/20261012-01